It’s in the Game

28.09.2009

Weil im Fernsehen nichts weiter lief, als diese ermüdende Bundestagswahl, deren Ausgang in schwarz-gelb ich mir verkneife zu kommentieren, blieb nicht viel anderes übrig, als Computergolf zu spielen.

Als nach ausgeführtem Schlag die Kamera schwenkt und ich dort plötzlich als Zuschauer auftauche, kommt mir kurz der Gedanke, ob es nicht tatsächlich eine feine Idee wäre, den Rest meiner Tage in einem Computerspiel auf einem Golfplatz in Florida zu verbringen.

Its in the Game

It's in the Game


Roll over Bellhofen 2009

20.09.2009
Roll over Bellhofen

Roll over Bellhofen

Es gibt nicht viele Musikfestivals, bei denen man so oft mit Handschlag begrüßt wird und mit der Frage „Hallo, wie geht’s“.
Eins dieser Festivals ist Roll over Bellhofen, das gestern zum dritten mal auf dem Sportplatz von Großbellhofen stattgefunden hat.

Veranstalter dieses außergewöhnlichen Events sind die Dr. Loew’schen Einrichtungen, die unter anderem ein Heim für geistig behinderte Menschen in meinem Heimatdorf betreiben und tatsächlich ist es so, dass neben der hervorragenden Auswahl der Bands vor allem die behinderten Menschen das besondere Flair und den Reiz dieses Festivals ausmachen.

2007, als das Festival zum ersten Mal stattgefunden hat, habe ich bereits hier darüber berichtet und geschrieben, dass man schon über seinen eigenen Schatten springen und sich darauf einlassen muss, auf die Offenheit, auf die Direktheit, aber auch auf die unbändige Freude, die behinderte Menschen an den Tag legen, vor allem dann, wenn sie laute und gute Rockmusik hören.

Um 13:00 Uhr ging’s los, allerdings bin ich erst gegen 15:00 Uhr eingetroffen und hatte somit die erste Band The Shed bereits versäumt. Als ich das Festivalgelände betrat und schon mehrfach Hände geschüttelt und die Frage beantwortet hatte, wie es mir geht, legten gerade The Truffauts los. Legendärer Indierock hieß es auf dem Plakat und tatsächlich boten die vier Herren mit Bass, zwei Gitarren und Schlagzeug gediegen Melodiöses, das hie und da auch etwas schmissiger daher kam, sehr zur Freude des vor der Bühne agierenden Dirigenten, der ab und zu im Stechschritt und mit militärischem Gruß den Bereich vor der Bühne abschritt und peinlich darauf achtete, dass keiner seiner Kollegen, die vorher von ihm abgesteckten Grenzen seines Terrains übertrat.

The Truffauts

The Truffauts

In der darauf folgenden Pause wurde Qigong und Tai Chi geboten. Die meisten Teilnehmer trugen dazu Stirnbänder mit chinesischen Schriftzeichen und folgten konzentriert und begeistert den Anweisungen des in traditionellem Gewand auftretenden Instruktors.

Qigong in der Umbaupause

Qigong in der Umbaupause

Faszinierend, wie inbrünstig und mit welcher Hingabe jeder Einzelne darauf bedacht war, die Übungen möglichst genau so zu machen, wie sie vom Qigong-Lehrer gezeigt wurden.
Dass diese Performance etwas besonderes war, bewiesen auch die Musiker der nachfolgenden Band, die, nachdem sie aufgebaut hatten, sehr interessiert und sichtlich beeindruckt das Treiben vor der Bühne beobachteten.

Dann folgte ein Gig, der in mehrerlei Hinsicht einzigartig war. The Pickles spielen nämlich seit über zehn Jahren nicht mehr zusammen und haben sich nur auf Wunsch der Festivalveranstalter, deren Leiter ein großer Fan und persönlicher Bekannter der Bandmitglieder ist, für diesen Auftritt noch einmal zusammengetan.

The Pickles

The Pickles

Ein altes Keyboard, ein VOX AC30 Verstärker, eine Les Paul Gitarre, ein entfesselter Schlagzeuger und ein Mann am Mikrofon, der, wenn es sein musste, auch einmal mitten ins Publikum sprang, oder sich singend vor’m Schlagzeug wälzte, das waren die Zutaten zu einer Performance, die mitreißender und abwechslungsreicher nicht hätte sein können. Welche Art von Musik die vier gespielt haben, kann ich gar nicht rechtschaffen sagen. Rock & Roll war es auf jeden Fall und very bloody good sowieso.

Very bloody good, mein Herr

Very bloody good, mein Herr !

Schade, dass The Pickles relativ pünktlich Schluss machen mussten, denn die nachfolgende Band, The Rockin’ Lafayettes, hatten an diesem Abend um 21:00 Uhr noch einen Gig in Nürnberg und drängten auf die Bühne.
Und die vier Jungs in ihren Anzügen, mit ihren uralten Verstärkern, Gitarren und Mikrofonen heizten mit Rockabilly und Rock & Roll aus den 50er und 60er Jahren dem Publikum auf dem Sportplatz von Großbellhofen noch mal so richtig ein.

The Rockin Lafayettes

Männer mit Hüten und alten Gitarren - The Rockin' Lafayettes

Selbst Rollstuhlfahrer und Gehbehinderte wurden mitgerissen und als eine junge Dame die Bühne eroberte und die Band nach Kräften unterstützte, sorgte sie damit für einen weiteren jener magischen Momente dieses Festivals, derer es an diesem sonnigen Samstag Nachmittag schon einige gegeben hatte.

The Rocking Lafayettes mit Unterstützung

Integration durch Rock & Roll

Roll over Bellhofen ist und bleibt für mich deshalb eine echte Perle unter den Festivals und ich hoffe, diese Konzertreihe wird noch viele Jahre fortgesetzt. Die Auswahl der Bands, der lauschige Veranstaltungsort mitten im Wald, und nicht zuletzt der integrative Gedanke, behinderte und gesunde Menschen durch Musik zusammenzubringen, passen als Kontrast ganz hervorragend in eine Veranstaltungslandschaft, die inzwischen allzu sehr auf Kommerz und Masse setzt.

Also, Ihr Nichtbehinderten da draußen im Nürnberger Land, gebt Euch einen Ruck, lasst einen Samstag Nachmittag im Jahr mal Euren Rasen wachsen, Euer Auto ungewaschen und den Club ohne Euch gegen Bayern verlieren und besucht Roll over Bellhofen. Ihr werdet es nicht bereuen, nicht nur der guten Musik wegen – versprochen!


Das große Lügen beginnt wieder

17.09.2009

In dem kleinen Städtchen im Nürnberger Land,  in dem ich seit Jahren arbeite, hat jemand seiner Wut auf die Politiker, die sich am Sonntag in einer Woche zur Wahl stellen, nicht, wie sonst üblich am Stammtisch oder gegenüber seinem Nachbarn beim Rausbringen des Mülls Ausdruck verliehen, sondern sich die Mühe gemacht, seine, also Volkes Stimme in einem Pamphlet zusammenzufassen und es den Politikern, vor allem den Gelben, auf’s Maul zu pappen. Nette Idee.

Das große Lügen

Das große Lügen


Häufung

16.09.2009

Es ist schon beinahe gespenstisch. Am letzten Donnerstag entkomme ich nur knapp einer Katastrophe, als ein, wie sich inzwischen herausgestellt hat, stark angetrunkener Autofahrer zwei Meter neben mir eine Steinsäule rammt. Seither häufen sich derartige Ereignisse. Heute gleich drei von der Sorte Beinahe- und sonstige Unfälle.

Ich hatte einen Geschäftstermin in Ludwigshafen, fuhr entsprechend bald zu Hause los, als an der ersten Kreuzung der Fahrer eines Kieslasters beim Abbiegen einen Radfahrer übersah und diesen beinahe platt gewalzt hat. Drei Kilometer weiter zwang ein vorfahrtmissachtendes Auto von rechts kommend den vor mir fahrenden Wagen zu einer Vollbremsung. Ich hatte zum Glück genug Abstand.
Und auf der Heimfahrt ist, kaum dass ich auf der Autobahn war, auf der Gegenfahrbahn ein ziemlich schwerer Unfall passiert. Mehrere Autos waren ineinander gefahren. Verletzte wurden notdürftig versorgt. Glassplitter von zerborstenen Scheiben und Scheinwerfern waren auf die Gegenfahrbahn geschleudert worden. Es knirschte ordentlich unter den Reifen und in meinem Kopf.


Zwetschgenjahr

13.09.2009

Die Zwetschgenbäume hängen in diesem Jahr übervoll. Schon gestern hat die Liebste davon geschwärmt, einen Zwetschgendatschi Super De Luxe zu backen, will heißen, einen mit Marmelade und Streuseln.
Eigentlich wollte ich irgendwo ein paar Zwetschgen stehlen, aber die Nachbarin hat mich vor diesem Mundraub bewahrt und stand heute morgen mit einer großen Schüssel herrlicher Zwetschgen vor der Tür.
Hier das Ergebnis:

Zwetschendatschi de Luxe

Zwetschendatschi Super de Luxe

In dem Zusammenhang darf ich auf einen sehr schönen Text von Don Alphonso aus seinem FAZ-Blog Stützen der Gesellschaft verweisen, der zwar schon ein paar Tage alt ist, aber wunderbar zum Thema passt. Hier der LINK.


Die grauen Tauben sind hungrig

12.09.2009

Erinnert sich noch jemand an das unsägliche Lied Die weißen Tauben sind müde von Hans Hartz?
Eine odessitische Entsprechung zu diesem Schmachtfetzen gab es an einem verregneten Nachmittag nach einer Hochzeit, als graue, durchnässte Tauben vor den Stufen des Rathauses zwischen Blütenblättern die über den Köpfen des Brautpaars ausgestreuten Getreidekörner aufgepickt haben.

Die grauen Tauben sind hungrig

Die grauen Tauben sind hungrig


DIN-A-5 Tourismus

11.09.2009

Erst dachte ich ja, mindestens eine Woche, oder zehn Tage, vielleicht sogar vierzehn. Dann sagte mir die Liebste, Anfang September habe sie höchstens vier, fünf Tage Zeit. Mehr geht nicht – wirklich nicht: neues Projekt, neues Team, neue Aufgaben, neue Zeitpläne, da springen höchstens fünf Tage heraus.
Also gut, fünf Tage. Fünf Tage Ukraine. Fünf Tage Odessa. Fünf Tage DIN-A-Fünf Tourismus.
Letzteres muss ich erklären: Unsere Gastgeber, Familie Wesemann, stammt aus Deutschland, lebt aber aus beruflichen Gründen seit über einem Jahr in Odessa und im Vorfeld hatten wir besprochen, dass die Liebste an einem Tag unseres fünftägigen Besuchs einmal für uns alle kochen würde. Daraufhin gab Christoph Wesemann – Journalist, Kolumnist und Betreiber des berühmten Odessa-Blogs – zu bedenken, dass es im Wesemannschen Haushalt keine großen Teller gebe, also keine Essteller, sondern nur so kleine, so DIN-A-5-Teller eben. Kuchenteller meinte Herr Wesemann, aber das machte der Liebsten nichts aus. Sie zauberte an unserem ersten gemeinsamen Abend ein Abendessen mit zahlreichen Vorspeisen und diversen Hauptgerichten, nachdem wir den halben Tag auf dem Priwos-Markt die Zutaten dafür eingekauft hatten.
Und um die angeschnittene Quinten-Thematik gleich am Anfang abschließend zu behandeln: fünf Tage Odessa reichen vollkommen aus. Vollkommen!

Gold, das glänzt

Aber alles schön der Reihe nach.
Auf den Tag genau vor einem Jahr hatte mir Christoph Wesemann die erste E-Mail geschrieben, nachdem ich mich per Kommentar an ihn herangeschmissen hatte. Bei dieser einen E-Mail ist es schließlich nicht geblieben. Es sind im Laufe des Jahres mehrere hundert geworden. Und weil Christoph und ich es leid waren, uns ständig nur via E-Mail zu unterhalten und wir uns vor ein paar Monaten schon einmal persönlich kennengelernt und nicht unsympathisch gefunden hatten, reifte der Gedanke, ihn, nebst Familie in Odessa, der Weißen Perle am Schwarzen Meer zu besuchen.

Mit zehn Stunden Verspätung kamen wir am vergangenen Freitag nachts um 2:00 Uhr in Odessa an, weil wir aufgrund einer Flugplanänderung nicht, wie ursprünglich geplant via Budapest früh um 10:30 Uhr, sondern abends um 20:00 Uhr via Wien fliegen mussten.

Gold

Lufthansa Gold

Ein Tag am Flughafen Frankfurt muss sich allerdings nicht zwangsläufig langweilig gestalten, vor allem dann nicht, wenn der Tag damit beginnt, dass die Polizei aufgrund eines herrenlosen Koffers ein ganzes Restaurant-Stockwerk räumen lässt.

Außerdem haben wir die Zeit sinnvoll genutzt und der Liebsten einen neuen Sportwagen gekauft, nachdem die Lufthansa uns mit reichlich Goldmünzen versorgt hatte, um uns für die Verspätung zu entschädigen.

Der Liebsten neues Fahrzeug

Der Liebsten neues Fahrzeug

Nachts sind alle Katzen grau

Endlich in Odessa angekommen und die nervige Einreise-Prozedur eines Bananenstaates mit finster und halbschlau dreinblickenden Uniformträgern hinter uns gebracht, holte uns Christoph am Flughafen ab und kutschierte uns durchs nächtliche Odessa zu der Ferienwohnung mitten in der Stadt, die er im Vorfeld für uns gemietet hatte.
Nachts sind alle Katzen grau, doch ansatzweise war auch bei Dunkelheit zu erkennen, wie es um Bausubstanz und Straßenzustand hier bestellt sein würde und die zahlreich in den Hinterhöfen lebenden Katzen sind auch bei Dunkelheit wahrnehmbar, sie pissen nämlich überall hin, auch in die unverschlossenen Hausflure. Ein Geruchscocktail, der einem tagelang nicht mehr aus der Nase geht.
Half also nur, sich nach der missratenen Anreise und der Beleidigung der Nase, ein paar Bier auf die Lampe zu gießen und sich dem Schlaf des Gerechten hinzugeben.

Scherm der Maulwurf und Wese die Nase gießen sich einen auf die Lampe

Axel der Maulwurf und Wese die Nase gießen sich einen auf die Lampe

Land des Lächelns

Am nächsten Morgen, Odessa bei Tageslicht. Die sich nächtlich abzeichnenden Silhouetten, vor allem in den Hinterhöfen, von denen wir zwei durchqueren mussten, um zu unserer Wohnung zu kommen, entpuppten sich als das, was wir geahnt, um nicht zu sagen befürchtet hatten: kaputt, dreckig, marode, verschlissen. Ebenso die Bürgersteige, die Bordsteine, die Straßen, die Häuserfronten, die Abwasserkanäle, die Stromleitungen, die Dachrinnen, die Fenster, einfach alles. Hinzu kommt noch etwas, auf das uns Christoph gleich nachdem er uns früh abgeholt hatte, hingewiesen hatte: man grüßt sich hier nicht, weder im Hausflur, noch auf der Straße, noch sonst irgendwo und überhaupt ist man im Umgang miteinander, vor allem Fremden gegenüber äußerst reserviert, im Grunde genommen unfreundlich. Außerdem ist der gemeine Odessit nicht gerade zimperlich und es kann durchaus sein, dass es aufgrund einer strittigen Situation im Straßenverkehr zu Handgreiflichkeiten und Schlägereien kommen kann. Er, Christoph habe das schon das eine ums andere Mal erlebt.

Hubraum und Titten

Derart konditioniert, verließen wir unsere beiden Hinterhöfe und begaben uns auf unsere erste Sight-Seeing-Tour durch Odessa.
Zu den wirklich schönen Gebäuden dieser Stadt gehört die Oper. Meine und Christophs Liebste haben sich deshalb auch am letzten Abend einen Opernbesuch gegönnt und waren sowohl vom Inneren des Gebäudes, als auch von der Inszinierung der Oper ganz angetan.

Die Oper von Odessa

Die Oper von Odessa

Vor der Oper und im anschließenden Park lassen sich die Hochzeitspaare ablichten und filmen. Laut Christoph entstehen wahre Video-Spielfilme mit Drehbuch und Regieanweisungen und tatsächlich haben wir ein solches Paar beobachtet, als wir im Park-Cafe eine kleine Pause eingelegt haben. Mehrfach mussten die beiden aufeinander zuschreiten, sich herzen und küssen und wehe, den Anweisungen des Regisseurs wurde nicht peinlich genau Folge geleistet, dann wurde die Szene gnadenlos so lange wiederholt, bis Regisseur, Kameramann und Regieassistentin zufrieden waren.
Ja, und was das Selbstverständnis einer funktionierenden Mann-Frau-Beziehung in der Ukraine betrifft, zeigt sich am besten im folgenden Bild:

Hubraum und Titten

Hubraum und Titten

Panzerkreuzer Potemkin

Das Wahrzeichen der Stadt ist sicherlich die große Treppe, bekannt aus dem Stummfilm Panzerkreuzer Potemkin des berühmten Regisseurs Sergei Eisenstein.
Insgesamt drei Mal bin ich diese Treppe hinab und hinauf gestiegen. Drei Mal sind mir ein Mann mit einem dressierten Affen, ein Mann mit einem Chamäleon, das meistens eine grüne Farbe angenommen hatte, ein Husar, der ein Schwert und einen Schirm als Sonnenschutz trug und ein Postkartenverkäufer begegnet. Drei Mal habe ich mich darüber gewundert, dass am Ende der Treppe ein riesiges Autohaus gebaut wurde, was dem visuellen Eindruck, zumindest von oben betrachtet, ordentlich trübt und ein Mal hat mir Christoph erklärt, dass das Besondere an dieser Treppe sei, dass man von oben nur die großen Absätze und von unten nur die Stufen der Treppe sehen würde.

Die Treppe

Die Treppe

Die Unterbrechung der Kühlkette

Am Nachmittag haben wir einen riesigen Wochenmarkt besucht, den sogenannten Priwos-Markt. Hier gibt es alles, was in Haushalt und Küche benötigt wird und Christoph hatte die Anweisung von seiner Frau bekommen, alles, was die Liebste für ein mehrgängiges Menü benötigte, zu bezahlen, wenn notwendig, Übersetzungshilfe bei den Marktweibern zu leisten und ansonsten keine dummen Fragen zu stellen.
Das ließ sich die Liebste natürlich nicht zwei Mal sagen und hat Unmengen Gemüse, Salat, Gewürze und Fleisch eingekauft. Meine Bedenken bezüglich der Unterbrechung der Kühlkette wurden von ihr ebenso in den Wind geschlagen, wie Christophs Einwand, eine solche Menge Essen könne man doch unmöglich von DIN-A-5-Tellern verspeisen.

Hier gibts alles

Priwos-Markt - hier gibt's alles

Der Wochenmarkt als Messlatte der Demokratie

Interessant fand ich Christophs These, dass derart unkontrollierte Wochenmärkte, mit mehrfacher Kühlkettenunterbrechung, fehlender Auszeichnung von Mindesthaltbarkeitsdaten und ohne Ausgabe von Kassenbons mit zunehmender Demokratisierung eines Landes zurückgehen und schließlich ganz verschwinden würden. Als Beispiel nannte er die sogenannten Polenmärkte, die nach dem Beitritt Polens zur EU und der im Lande fortschreitenden Demokratisierung eines Tages völlig von der Bildfläche verschwunden waren.

Politische Diskussion am Rande eines Wochenmarktes

Der Internationale Frühschoppen mit einem Journalisten aus zwei Ländern

Mahlzeit

Mahlzeit

Abendmahl

Der Tag klang aus mit einem gemeinsamen Koch-Event.

Die Küche wurde verwüstet, die Kinder wurden gebadet.

Der Wein war trocken, das Bier süffig, ein Plastikhocker allzu nachgiebig und das neue Wese-Töchterchen noch nicht alleine sitzfähig.

Von den Kuchentellern zu essen, war übrigens kein Problem. Allen hat’s geschmeckt.

Matrosen und Hunde

Am nächsten Morgen wollten wir alle zusammen, sprich die Liebste und ich, sowie die inzwischen vierköpfige Familie Wesemann mit einem Schiff eine kleine Hafenrundfahrt machen. Das Wetter war nicht allzu schön und als wir bei einem der im Hafen liegenden Ausflugsboote anfragten, wann denn damit zu rechnen sei, dass es in See steche, bekamen wir als Antwort, vielleicht in einer Stunde, oder in zwei, es könnte aber auch sein, dass überhaupt nicht, weil das Wetter so schlecht sei und wenn keine weiteren Passagier kämen, würde es sich ja gar nicht lohnen. Mit anderen Worten man wisse nicht, ob und wann und überhaupt.

Hafenidyll

Wartende Kolumnisten am Hafen

Also machten wir uns auf, wieder zurück in die Stadt zu gehen, um dort eine Kleinigkeit zu essen. Die Kinder mussten ja auch bald zum Mittagsschlaf hingelegt werden und weil wir diesmal nicht wieder die mühsame Treppe hochgehen wollten, entschieden wir uns, durch einen etwas verhauten, nicht gerade vertrauenserweckenden Park zu laufen, was sich nach ein paar Metern als fatal herausstellen sollte, denn eine Meute bedrohlich bellender, zähnefletschender Hunde, wie sie in Odessa zahlreich anzutreffen sind, kam im strammen Galopp auf uns zugerannt. Ein Herr in Uniform, der offensichtlich die Oberaufsicht über die Bestien hatte, trottete langsam und ohne erkennbare Einsicht, die durchaus bedrohliche Situation zu entschärfen, hinterher.
Christoph nahm seinen Sohn auf den Arm, Frau Wesemann machte mit dem Kinderwagen auf dem Absatz kehrt, ich wusste nicht genau, was ich tun sollte und die Liebste trat vor und schrie so laut sie konnte die Hunde an.
Die blieben sofort stehen, zogen die Schwänze ein, tänzelten dann bellend und jaulend um uns herum und der Hundestaffelführer, der es sichtlich genoss, wie sehr wir uns fürchteten, eröffnete uns, dass das Betreten dieses Parks nicht gestattet sei.
Selten habe ich jemandem so viel Pest und Cholera an den Hals gewünscht, wie diesem uniformierten Blödmann, selten habe ich die Liebste so bewundert, wie an diesem Tag und selten hat die Liebste so gezittert, wie nach dieser Aktion.

Platzkonzert

Tanz ins Wochenende

Tanz ins Wochenende

Nach dem Mittagsschlaf, dem nicht nur die Kinder, sondern auch wir Erwachsenen frönten, gingen wir in den Stadtpark, wo am Wochenende immer Platzkonzerte stattfinden. Hier hatte ich zum ersten Mal in diesem Land den Eindruck, dass es auch Menschen gibt, die in der Lage sind, fröhlich und ausgelassen zu sein.
Wie weggeblasen war alles Mürrische und Verbiesterte. Man saß auf Parkbänken und lauschte dem ganz hervorragenden Orchester, das in einem Pavillon Walzer, Märsche und Swing spielte. Vor dem Pavillon tanzten meist ältere Herrschaften, dazwischen wuselten Kinder und die Stofffahnen des Pavillons wiegten sich malerisch im Wind. So stellt man sich einen gediegenen Samstag Nachmittag vor.

Platzkonzert

Platzkonzert

Den Abend verbrachten wir in einem ukrainischen Restaurant. Das Essen war gut, die Bedienung mürrisch. Christoph zeigte uns den ersten Tennisclub am Platz und ging mit uns zum Strand, wo wir wieder von Hunden umzingelt wurden. Die verstanden diesmal allerdings nur russisch, denn auf die Liebste hörten sie nicht, als Christoph aber „still“ oder etwas ähnliches auf russisch schrie, waren sie ruhig und verschwanden.

Floh- und Tiermarkt

Am nächsten Tag besuchten wir den größten Flohmarkt der Stadt, der zusammen mit dem berühmten Tiermarkt immer Sonntags stattfindet. Vor letzterem hatte es mir, ehrlich gesagt, etwas gegraust, aber tatsächlich gab es nur jede Menge Welpen unterschiedlichster Hunderassen, ein paar Katzenkinder und Geflügel aller Art. Als ich dann Christoph und die Liebste damit verrückt gemacht hatte, meine Kamera wäre geklaut worden, ich sie aber dann doch zum Glück nur im Auto vergessen hatte und es noch zusätzlich zu regnen begann, haben wir die Flöhe links und die anderen Tiere rechts liegen lassen, sind in ein Cafe und haben den Rest des Tages damit verbracht, die Überland-Kanalisation der Stadt zu bewundern, bzw. zu verfluchen, weil sie bewirkt, dass man garantiert nassen Fußes durch ein verregnetes Odessa stapft.

Am Abend sind die Damen in die Oper. Christoph und ich haben die Kinder zu Bett gebracht, ein paar Bier getrunken und uns gegenseitig Kolumnenstoff zugeschustert.

Prome-was? Ah ja, Promenade

Den letzten Tag unserer Odessa-Reise leitete Christoph mit den Worten ein: Los, jetzt noch das Denkmal des unbekannten Matrosen, die Strandpromenade und die Schwiegermutterbrücke und dann habt ihr wirklich alles gesehen. Alles!

Das Denkmal des unbekannten Matrosen, vor allem die Bewachung desselben durch weibliche Kadetten aus der in unmittelbarer Nähe ansässigen Kadettenschule, muss man sich vorstellen, wie das Cover eines Pornofilms aus den siebziger Jahren: Mädchen mit blonden Zöpfen, blauen Uniformen und weißen Kniebundstrümpfen stehen links und rechts neben einem meterhohen Phallussymbol und warten darauf, von den hinter ihnen stehenden, mit Kalaschnikows bewaffneten Jungs, entjungfert zu werden. Meine Fantasie, die offensichtlich nachhaltig von einschlägigen Kulturbeiträgen aus jener Zeit geprägt ist, geht mit mir durch, aber das Bild passt, deshalb verkneife ich mir an dieser Stelle ein Foto.

Die an den Denkmalsplatz anschließende Strandpromenade verdient diesen Namen nicht wirklich. Man geht auf verwilderten Wegen, vorbei an diversen Verkaufsständen, die aufgrund der kühlen Witterung an diesem Tag alle verwaist waren, über Stufen, die für Kinderwagenfahrer äußerst schwer zu bewältigen sind und kommt dann am Strand an, der riecht, wie der Hinterhof unserer gemieteten Stadtwohnung und mindestens ebenso aussieht.
Nachhaltig beeindruckt hat mich auf dieser Promenade das verwilderte Areal eines ehemaligen Abenteuerspielplatzes, das bei entsprechender Pflege sicher ein Paradies für Kinder wäre, in dem Zustand aber eher lebensgefährlich sein dürfte.

We all live in a Yellow Submarine

We all live in a Yellow Submarine

Schloss und Riegel

Danach gingen die Liebste und ich noch über die sogenannte Schwiegermutterbrücke, die ihren Namen von einem Stadtoberhaupt aus grauer Vorzeit hat, der täglich bei seiner Schwiegermutter essen und sich den umständlichen Weg über die Potemkin-Treppe sparen wollte und deshalb kurzerhand diese Brücke erbauen ließ.
Über diese Brücke schreiten die Frischvermählten von Odessa und bringen als Symbol für ewige Treue, die in vielen Fällen nur ein paar Jahre währt, ein Vorhängeschloss am Geländer der Brücke an.

Ein Vorhängeschloss als Symbol für ewige Treue

Ein Vorhängeschloss als Symbol für ewige Treue

Gold, das glänzt – reloaded

Als wir am Montag Mittag am Flughafen Odessa eingecheckt haben und ich die Goldmünze der Lufthansa zusammen mit den Griwna-Münzen in eine Schale geworfen habe, damit der Metalldetektor nicht anschlägt, hat sich der zuständige Zollbeamte eingehend mit dieser Riesenmünze beschäftigt. Er hat die Brille abgenommen, sie wieder aufgesetzt. Er hat mich von oben bis unten gemustert und mich auf russisch etwas gefragt, das ich nicht verstanden habe.
Ich habe versucht, ihm zu erklären, dass ich mit dieser Münze den gesamten Flughafen Odessa nebst Landebahn kaufen könnte und kurz mit dem Gedanken gespielt, sie ihm zu schenken.
Dann sagte er das Wort Souvenir und ich nickte. Mit einem Augenzwinkern gab er mir die Münze zurück und wir konnten die Heimreise antreten. Diesmal ohne Verzögerung.

Lenin lebt

Graffiti in Odessa - Lenin lebt


Amok

10.09.2009

An welch seidenem Faden das eigene, kleine Leben so hängt, durfte ich vor einer guten Stunde erfahren.
Nachdem ich auf dem heimatlichen Golfplatz die Golfrunde meines Lebens gespielt hatte, wollte ich noch ein paar Besorgungen in der Stadt machen, als plötzlich an einer roten Ampel drei dort wartende Autos von einem Peugot-Mini-Van mit quietschenden Reifen und aufheulendem Motor mit mindestens 80 km/h überholt wurden, der Fahrer aufgrund einer kleinen Baustelle, die sich gut abgesichert mitten in der Kreuzung befand, die Kontrolle über sein Fahrzeug verlor und zwei Meter neben mir ungebremst gegen die abgebildete Säule fuhr.
Neben mir stand ein älteres Ehepaar und links neben der Säule konnte eine junge Mutter mit einem Kinderwagen gerade noch zur Seite springen. Kein Mensch weiß, was in diesen jungen Mann gefahren war.

Ende einer Amokfahrt

Ende einer Amokfahrt

Das ältere Ehepaar, die junge Mutter und ich sind jedenfalls sehr, sehr froh, dass der junge Mann sich für die Säule entschieden hat und ich denke, am Montag, wenn ich zur Arbeit gehe, werde ich ein paar Blumen dort ablegen.
Ein Stockwerk höher ist meine Arbeitsstelle. Die Kollegen berichteten, dass die Erschütterung des Aufpralls so heftig war, dass sie befürchteten, das Haus würde einstürzen.


Geduld

09.09.2009

Ich darf alle, die hier schon lange auf ein neues Posting warten, noch um etwas Geduld bitten. Ich schreibe gerade an einem längeren Bericht über eine zwar kurze, aber äußerst spannende Reise nach Odessa.
Heute abend, spätestens morgen ist es soweit.

Hier schon mal ein Bildchen:

Kolumnisten am Schwarzen Meer

Kolumnisten am Schwarzen Meer