Auf fremden Plätzen

14.10.2014

Könnte ein feiner Tag werden. Wetter schön, Frühstück gut, Menschen freundlich und wohlgesinnt. Die Übernachtung bei M. war zwar etwas stechmückengeplagt, mit lauter kleinen roten Einstichen am rechten Handgelenk, aber es juckt nicht – kommt vielleicht später noch, wenn man schwitzt. Und schwitzen werden wir beide heute noch, denn trotz Frühherbst ist die Sonne herausgekommen, trocknet den Tau auf den Fairways und Greens und man ahnt bereits jetzt gegen 10:00 Uhr, dass es heute heiß werden wird.

Der Golfplatz ist schon vierzig Jahre alt. Ein Banner mit einem entsprechenden Hinweis ist über dem fulminanten Clubhaus aufgespannt. Noch ist nicht viel los. Das Clubsekretariat ist noch gar nicht besetzt, stattdessen gibt der Marshall, ein älterer Herr, der sich, wie wir später erfahren, einer Krebsoperation am Kiefer unterziehen musste, nuschelnd Auskunft, wir möchten bitte nach der Golfrunde das Greenfee bezahlen und jetzt aber sehen, dass wir in die Sonne kämen. Dabei grinst er im Rahmen seiner Möglichkeiten und tätschelt M. den Rücken.

M. und ich spielen im Jahr drei bis fünf Mal miteinander Golf. Wir haben beide ein Handicap von 18, was aussagt, dass wir dann, wenn wir uns im Rahmen unserer normalen Spielstärke bewegen, im Durchschnitt an jedem Loch einen Schlag mehr benötigen, als vorgeschrieben. Das ist nicht überragend gut, aber auch nicht schlecht. Damit können wir uns auf jedem Golfplatz dieser Welt blicken lassen, ohne dass es peinlich würde.

Wir gehen zum Abschlag, beglückwünschen uns dazu, heute einen richtig guten Golftag erwischt zu haben, machen ein paar Verrenkungen und Probeschwünge, beobachten einen Spieler, der sich mit einem gelungenen Schlag dem neunten Grün nähert, wünschen uns ein schönes Spiel und schlagen ab. Beide Mitte Fairway. Beide um die 190 Meter. Beide sind wir zufrieden.

Nachdem wir das erste Loch geteilt haben – beide eine Fünf an einem Par 4 – mache ich an den nächsten drei Löchern nicht ein lächerliches Pünktchen, während M. wie ein Uhrwerk spielt und punktet. An Loch 9 liegt er uneinholbar vorn. Mir bleibt nur, einen schönen Schlag auf dem Grün zu platzieren, damit die Gäste auf der Sonnenterrasse des Clubhauses, die das schöne Wetter und die herrliche Parklandschaft dieses gediegenen Fleckchens Erde genießen, etwas zu sehen bekommen. Es gelingt mir leidlich. Der Ball landet auf dem Grün, aber der Weg zur Fahne ist noch weit. Immerhin teilen wir dieses letzte Loch der ersten Halbrunde.

Das merkwürdige an unserem jetzt schon seit einigen Jahren währenden Wettkampf ist, dass abwechselnd einer von uns beiden das Spiel dominiert, während der andere extrem schlecht spielt. Heute bin ich der Verlierer, das steht jetzt schon fest.

Der Weg zum 10. Abschlag führt vorbei an dem goldkettchenbehängten Volk auf der Sonnenterrasse und einer verspielten Teich- und Springbrünnchen-Installation. Meine Hoffnung, das Spiel noch einmal zu drehen, schwindet, als ich auch dieses Loch verliere. Dann ein langer Weg zum 11. Abschlag durch ein Wäldchen entlang eines verträumten Privatgrundstücks, auf dem aus einer verfallenen Hütte ein Klinkerhäuschen mit ansehnlichem Garten entstand, wie mir M. erzählt.
Wir träumen und witzeln ein wenig darüber, wie schön es wohl sein muss, ein Haus direkt am Golfplatz zu haben. Raus aus der Haustür und zwei Minuten später schon am Abschlag stehen.

M. hat den Platz bereits einige Male gespielt und verrät, dass die Golfbahnen 10 bis 18 schöner seien, als die ersten neun. Das stimmt einerseits, andererseits ist die Bahn 13 so eng und von hohen Bäumen gesäumt, dass man kaum einen vernünftigen Golfschlag machen kann, es sei denn, man trifft genau die Mitte des Fairways. Der Ball von M. liegt genau in der Mitte des Fairways. Meiner natürlich nicht. Ich spiele die zweiten neun Löcher ebenso schlecht, wie die ersten neun. Ich versaue sämtliche Par 3, meine Fairway-Schläge sind zu ungenau, meine Putts wollen nicht fallen. Es ist zum Auswachsen.

Zum Schluss überholen uns noch der Herr Golflehrer mit einem Golfschüler. Sie bieten uns zwar an, das letzte Loch miteinander zu gehen, aber weil es die beiden eilig haben, lassen wir sie durchspielen. Der Pro schlägt mit einem 6er Eisen weiter als ich mit meinem Driver.
Mir gelingt zum Abschluss noch ein recht passabler Schlag über ein Wasserhindernis aufs Grün. Dann noch zwei Putts und nach gut vier Stunden ist die Runde beendet. Handschlag, freundschaftliche Umarmung, Score notieren. Das wichtigste am Golfspiel ist Statistik.

Ich habe jedenfalls grandios verloren. M. macht ein paar Witze, weil ich mich gar nicht beruhigen mag. Mein Handgelenk, das in der Nacht Opfer der Stechmücken geworden war, juckt jetzt ordentlich. Ich zähle 14 Mückenstiche und 108 Golfschläge. Viel zu viel für ein Handgelenk – viel zu viel für mein Handicap.

Wir lassen uns auf ein Bier auf der Sonnenterrasse nieder. Um uns herum reichlich versnobte Menschen. M. spielt mit dem Gedanken, in diesen Club einzutreten, weil er seit neuestem hier gleich in der Nähe wohnt. Ich weiß nicht, ob er sich damit einen Gefallen tut, verkneife mir aber, dies allzu deutlich auszudrücken.

Dann verabschieden wir uns von dem freundlichen Marshall, bezahlen das üppige Greenfee bei der Sekretärin, die erst als Schreckschraube auftreten möchte, dann aber unter unseren Scherzen und Neckereien zusammenbricht und sich als Frohnatur entpuppt, dankbar dafür, dass sich jemand die Mühe macht, mit ihr herumzualbern.

Wir treffen noch einen ehemaligen Lehrer von M., der in diesem Jahr erst mit dem Golfen begonnen hat. Der hebt sich etwas von dem reichen und schönen Volk ab, das hier allenthalben herumschwirrt und in dessen Gesellschaft ich meine Freizeit nicht unbedingt verbringen möchte. Vielleicht gibt es ja mehr solche ehemaligen Lehrer und M. sollte doch in diesen Club eintreten.

Den Rest des Tages und den Abend verbringen wir auf der Terrasse bei M. zu Hause mit anderen guten Freunden, ein paar Bieren und gutem Essen. Morgen spielen wir einen anderen Platz. Morgen ist ein neues Spiel. Morgen werde ich gewinnen, soviel ist sicher.


Der fiese Sandmann

12.09.2014

Dieses Lied habe ich für meine Mutter geschrieben. Wer mehr darüber wissen möchte, kann das hier nachlesen.


Tresenhocker Blues

01.09.2014

Element of Time – Playlist Nr. 1

26.08.2014

Es wird langsam Zeit

25.08.2014

Die Andern

20.08.2014

Kleinstadt Webcam

18.08.2014

 


Wir hatten Krawatten

24.07.2014

Wolfgang zieht den Stecker – BAP im Serenadenhof in Nürnberg

22.07.2014

So schwarz und bedrohlich wie die Wolken sich am vergangenen Sonntag über dem Serenadenhof in Nürnberg türmten, musste man mit dem schlimmsten rechnen und auch Wolfgang Niedecken, der, als er die Bühne betrat, skeptisch in den Gewitterhimmel blickte, hatte ein wenig Angst um sich, seine Band und die herrlichen Akustik-Instrumente, die sie mitgebracht hatte. Ein Starkregen, so wie er in letzter Zeit ein ums andere Mal aufgetreten ist, hätten die luftigen Sonnensegel, die über der Bühne und ab der zehnten Reihe auch über den Zuschauern aufgespannt waren, wohl eher nicht standgehalten.
Nachdem die Band sofort und ohne große Ansage loslegte und sich das Aussehen von Herrn Niedecken in letzter Zeit bedenklich in Richtung Bob Dylan entwickelt hatte, war meine zweite Befürchtung, das Konzert würde ähnlich misanthropisch ablaufen, wie das eines Robert Zimmermann.

BAP

BAP im Serenadenhof in Nürnberg

Aber alles kam ganz anders. Das Gewitter hat sich verzogen. Nur die ersten Zuschauerreihen wurden vom leicht einsetzenden Sommerregen ein wenig nass und Wolfgang Niedecken, neben Lukas Podolski der zweite Vorzeige-Kölner der Republik, entpuppte sich als äußerst launiger Conférencier. Zwar bemühte er zu Beginn seiner Moderation ein wenig zu oft „Lieschen Müller“, die wahrscheinlich oder ganz sicher viel zu naive Vorstellungen davon hätte, welchen Aufwand es bedeutet, ein UNPLUGGED-Konzert zu arrangieren. Es sei nämlich viel einfacher, mit E-Gitarren und fetten Marshall-Verstärkern nostalgisch gestimmtes Rock’n Roll Publikum zu beschallen, als dies mit Geigen, Westerngitarren und Kontrabass zu tun.

Ich gestehe, für mich war das der einzige Grund, zu diesem Konzert zu gehen, denn die Brachial-Arrangements unter der Federführung des damaligen Leadgitarristen Klaus „Major“ Heuser, waren mir schon zu Zeiten der goldenen BAP-Jahre zu sehr mit der Keule.
Da konnten mich die Töne der liebreizenden Geigerin Anne de Wolff, ihrem Gitarristen-Gatten Ulrich Rode, des großartigen Percussionisten Rhani Krija, und des Schifferklavier und Hammondorgel spielenden und ob seines Honecker-Hütchens so genannten Staatsratsvorsitzenden Michael Nass schon mehr begeistern, zumal der Sound im restlos ausverkauften Serenadenhof ganz brillant war und man zu jeder Zeit die einzelnen Instrumente heraushören und orten konnte.

Apropos Instrumente: Das musikalische Ehepaar de Wolff/Rode ließ es sich nicht nehmen, tief im Fundus seiner Instrumentensammlung zu wühlen und der Einsatz eines indischen Harmoniums, einer türkischen Saz, eines Banjos, einer Steel Guitar oder eines Xylophons hat die aufwändigen und teilweise völlig neu arrangierten alten und jüngeren BAP-Songs auf jeden Fall bereichert.
Überhaupt war das eine ganz hervorragend eingespielte Band, der ich auch als nicht so eingefleischter BAP-Fan sehr gerne zugehört habe.
Die Texte: nun ja. Ich verstehe kein Wort und habe auch keine große Lust, mich ins Kölner Platt einzuarbeiten, insofern könnte Niedecken auch englisch oder serbokroatisch singen.

Was man ihm auf jeden Fall attestieren muss: er ist und bleibt ein Gutmensch, der diesen Namen im positivsten Sinne auch verdient. Sein soziales und gesellschaftliches Engagement unter anderem beim Hilfsprogramm Rebound, das frühere Kindersoldaten in Uganda unterstützt, ist vorbildlich, wirkt zu keinem Zeitpunkt aufgesetzt und geht weit über das hinaus, was Musiker und andere Künstler für gewöhnlich tun.

Zum Schluss des Konzerts natürlich das unvermeidliche Verdamp lang her, das allerdings, wie ich fand, als einziges Lied am fehlenden Schalldruck litt, ist man doch gewohnt, dass es einem beim erstmaligen Einsetzen des Refrains so richtig, also ich meine so richtig vom Hocker reißt und nach hinten wegbläst. Dieser Effekt bleibt bei akustischer Instrumentierung natürlich aus. Immerhin hatten die vielzitierten Lieschen Müller im Publikum endlich ihren Auftritt, sprangen von den Sitzen auf und patschten fröhlich in die Hände. Die meisten natürlich im falschen Takt.

P.S.
Für die letzten beiden Sätze bringt mich die Liebste, die in den 80er Jahren großer BAP-Fan war, sicherlich um.
Ich habe Euch immer geliebt!


Das Wunder von Salzburg

07.07.2014

Was lag näher, als auf den Tag genau 60 Jahre nach dem Wunder von Bern das Viertelfinale der deutschen Nationalmannschaft in einer ehemaligen k.u.k.-Stadt im Fernsehen anzusehen. Nein, Ungarn war mir zu weit weg. Nachdem allerdings Österreich bei uns gleich um die Ecke liegt und es sich fügte, dass die Liebste beruflich derzeit in Salzburg weilt, das Wetter herrlich und die weiteren Aussichten am Wochenende nicht minder herrlich waren, fuhr ich am Freitag gegen Mittag mit dem Motorrad in die Mozartstadt.

Bis Straubing auf der Autobahn, dann die zugegeben wenig malerische B 20 bis Braunau. Kurz vor der Grenze musste ich tanken und auf meine Frage, ob es denn die Deutschen heute Abend schaffen würden, antwortete mir die fröhlich-sympathische Tankwartin in breitestem Niederbayrisch, dass dies wohl eine schwierige, aber durchaus lösbare Aufgabe sei.

In Braunau schweiften meine Gedanken kurz in Richtung eines nicht von Mercedes Benz legitimierten Werbespots einer schwarzhumorigen Filmhochschule ab, und ich verfuhr mich. Manchmal sollte man einfach nicht an der falschen Stelle rechts abbiegen.

Aber ich lag gut in der Zeit, und weil die Sonne brannte und die Wolken quollen, genehmigte ich mir an einer Tankstelle eine Trinkpause. Vier kernige Bierdimpfl saßen dort um einen ebenso kernigen Holztisch, prosteten mir zu und versprachen mir, dass der Traum vom Halbfinale heute Abend wohl ausgeträumt sein dürfte. Ich prostete mit meiner Wasserflasche zurück, beglückwünschte die Herren zur erfolgreichen WM-Qualifikation und fuhr die Yamaha bei der anschließenden Flucht in den roten Bereich.

Die Liebste bewohnt während ihres Aufenthaltes in Salzburg eine nicht sehr noble, aber äußerst zentral gelegene Ferienwohnung. Sogar einen Tiefgaragenplatz hatte sie mir organisiert. Aus lauter Freude darüber, aber hauptsächlich, weil ich beim Absteigen an den ungewohnten Seitenkoffern hängengeblieben war, warf ich die Maschine erst einmal um, besser, ich lehnte sie an die Wand und versah Spiegel und Koffer mit malerisch blauen Streifen der Tiefgaragenwandfarbe. Ein Omen: Wir würden die Franzosen niederwalzen!

Der Anstoß rückte immer näher, die Liebste hatte bereits gekocht, aber vorher musste noch ein echtes Männerprojekt angegangen werden: Die Haltestange des Duschvorhangs, ein billiges Alu-Teleskop, war in der Nacht zerbrochen und samt blauem Duschvorhang mit lautem Gepolter in die Badewanne gestürzt. Ein weiteres Omen?

Jedenfalls dengelte ich unter Zuhilfenahme einer Schöpfkelle und eines Messers eine Kerbe in den einen Teil der zerbrochenen Stange, schob diesen dann in den anderen Teil, suchte und fand die in die hintersten Ecken des Badezimmers gerollten Gummistöpsel und klemmte Teleskop und Vorhang wieder an die vorgesehene Stelle in die Stöpsel. Jetzt konnte es endlich losgehen.

Axel-und-Schürrle

Beine hoch, Schnaps auf’n Tisch, Fernseher an – Viertelfinale

Nach zwölf Minuten allerdings war alles schon wieder vorbei. Mats Hummels traf. Klose traf nicht. Müller nicht. Schürrle nicht. Auch kein anderer. In der Pause beömmelten sich Mehmet Scholl und Matthias Opdenhövel in gewohnter Weise, und in einer Schalte nach Berlin unterhielten sich eine handwerklich einwandfrei geschminkte Franzi van Almsick mit einem gewohnt smarten Arne Friedrich und dem Trikotzerreißer Robert Harting, der seinem Image als Bundeshüne mit Fremdwörtern entgegenzuwirken suchte, die nie ein Mensch jemals zuvor gehört hatte.

Mir schmeckte ein Stiegl-Paracelsus-Zwickl-Bier. Es könnten auch zwei gewesen sein. Die Liebste hatte einen Wachauer Marillenbrand erstanden, der dafür vorgesehen war, jedes deutsche Tor mit einem Stamperl zu begießen. Es blieb bei einem Schnaps. War auch gut so, ich musste ja auf der Hut vor den Bierdimpfln sein. Zum Glück stand mein Moped gut versteckt in der Tiefgarage.

Dieser Artikel erschien am 07. Juli 2014 auch im Argentinischen WM-Tagebuch


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