Elternzeit

16.03.2013

Man sollte eigentlich eine Selbsthilfegruppe gründen. Wobei, in gewisser Weise haben wir das schon getan. Es vergeht keine Woche, in der wir uns nicht darüber austauschen, was sie schon wieder angestellt haben, wie unvernünftig sie dauernd sind, was wir an ihrer Stelle anders und besser gemacht hätten oder machen würden. Wir wundern uns darüber, was in ihren Köpfen vorgehen mag, warum sie sich, einst übermütterlich und überväterlich besorgt und um unser Wohlergehen bedacht, so nach und nach wieder zu Kindern zurückzuentwickeln scheinen. Wir, Menschen um die fünfzig, die derzeit alle das gleiche “Problem” haben: alte Eltern.

Ich telefoniere mit einer Freundin. Ihr Vater kam dieser Tage nach einer schweren Operation aus dem Krankenhaus nach Hause und sie musste feststellen, dass der bisher peinlich auf sein Äußeres bedachte Mann sich plötzlich gehen lässt, sich nicht mehr waschen und rasieren will und die Kommunikation mit seiner Umwelt, egal ob mit Tochter, Frau oder Schwiegersohn, darauf beschränkt, sich entweder zu beschweren oder abzuwinken oder alles besser wissen zu wollen.
Ich mache derzeit die gleiche Erfahrung mit meinem Vater, allerdings mit dem Unterschied, dass ich ihn nicht täglich sehe, sondern nur zwei, drei Mal in der Woche mit ihm telefoniere. Telefonieren muss, weil meine Mutter, die seit mehreren Krankenhausaufenthalten jetzt in einem Pflegebett liegt, keine Lust mehr zum Telefonieren hat und alles an ihn delegiert. Er fühlt sich missverstanden, beklagt sich bei jedem Telefonat, dass die über fünfzig Jahre währende Ehe jetzt plötzlich so den Bach runter geht. “Fünfzig Jahre ist alles gut gegangen und jetzt kann ich ihr nichts mehr recht machen”, jammert er jedes Mal. Ich kann diesen Satz nicht mehr hören, schon deshalb, weil er so gar nicht stimmt. Meine Eltern haben nie eine besonders harmonische Ehe geführt. Fünfzig Jahre ist alles mal so gerade noch gut gegangen. Aber mein Vater hat natürlich recht, dass es in den letzten Monaten und Jahren immer schlimmer geworden ist. Ich weiß natürlich auch, an was genau das liegt. Ich, der studierte Sohn sehe hinter die Kulissen und sehe den nervenaufreibenden Altersstarrsinn meines Vaters. Er, der sich Jahre und Jahrzehnte immer schön aus allem herausgehalten hat und sich plötzlich um alles kümmern soll, spürt die Überforderung, kann oder will sie sich aber nicht eingestehen. Immer wieder beteuert er sich und seinem Umfeld, dass er das schon schaffen, dass er es schon richten, dass er es schon irgendwie hinbiegen werde.
Ich sitze dann entweder in der Küche bei ihm oder in meinem ehemaligen Jugendzimmer bei ihr, dort, wo das Pflegebett jetzt steht und höre mir an, wie beide sich über den jeweils anderen beschweren. Ich frage meine Mutter, wie sie es bloß mit der grausam enervierenden Art meines Vaters aushält. Ich gebe meinem Vater gute Ratschläge, es doch mal mit ein wenig mehr Einfühlungsvermögen oder Verständnis zu versuchen. Er versteht nicht, was ich mit damit meine. Je mehr ich versuche, ihm die Welt zu erklären, desto weiter entferne ich ihn von ihr und mich von ihm. “Fünfzig Jahre ist alles gut gegangen …”
“Nichts ist gut gegangen, Du baust Dir da Deine eigene Wahrheit”, möchte ich ihn anschreien, aber ich lass’ es bleiben – vorerst zumindest.

Und abends telefoniert wieder die Selbsthilfegruppe:
“Er ist auf die Leiter gestiegen?” -  “Ja, er musste unbedingt eine Glühbirne auswechseln.”
“Sie hat den Katheterbeutel einfach abgeklemmt? Ihre Blase wird platzen.” – “Das ist ihr glaub’ ich egal”.
“Wäscht sie sich eigentlich ordentlich?” -  “Das macht jetzt der Pflegedienst.”
“Mit 87 fährt er noch Auto?” – “Das Auto solltest Du mal sehen, eine Beule an der anderen”.
“Wovon ernähren die beiden sich eigentlich?” – “Tütensuppe und Knäckebrot.”

Ein Freund berichtet, dass sich seine Mutter im Alter ausschließlich von Weißwürsten und Grießbrei ernährt hat. Am Anfang jeder Woche hat sie den Wochenbedarf dieser, ihrer “Grundnahrungsmittel” eingekauft und ihn dann während der Woche verzehrt. Monatelang, jahrelang. Mittags Weißwürste, danach Grießbrei. Am Morgen und am Abend vielleicht mal ein Honig- oder ein Käsebrot. Kein Salat, kein Obst, kein Fleisch, kein Gemüse. Sie wurde 86 Jahre alt.

Eine Freundin erzählt mir, das Wichtigste sei eine Betreuungsverfügung. Ohne Betreuungsverfügung sei Vater Staat oft ganz schnell damit, einen gesetzlichen Betreuer zu bestellen. Ihr sei das mit ihrem alten Vater passiert, der in einem Heim lebte und dessen Betreuung an eben jenes Heim übertragen werden sollte oder gar schon übertragen worden war und damit das Pflegeheim auch an sein gesamtes Erspartes gekommen wäre und sie, die Freundin, ihren Vater nur mit dessen Entführung und der Nachreichung eben jener Betreuungsverfügung aus den “Klauen der Heimleitung” befreien konnte. Welch eine Räuberpistole.

Es ist eine merkwürdige Zeit. Sie haut einem Aphorismen und Zeitgeist-Plattitüden nur so um die Ohren. Die Menschen spielen nicht mehr, weil sie alt werden, sondern sie werden alt, weil sie nicht mehr spielen.  Ja, wann habt ihr denn zum letzten Mal Mensch ärgere Dich nicht gespielt? Gott bewahre mich davor, dass mir jemals jemand anbietet, mit ihm Mensch ärgere Dich nicht zu spielen.

Beim richtigen Partner kann man nichts falsch machen, beim falschen nichts richtig. Au ja, das sage ich nächstes Mal zu meinem Vater, wenn er mir wieder vorjammert, dass fünfzig Jahre alles gut gegangen sei. Damit weiß er bestimmt etwas anzufangen. Dann kennt er sich aus. Dann schlägt er vielleicht einmal die Tür hinter sich zu und rennt schreiend auf die Straße. Ehrlich, ich würde es ihm gönnen.

“Er ist schreiend auf die Straße gerannt?” – “Ja, ich fand das gut.” – “Du spinnst.”


AxeAgeRetro

29.01.2013

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AxeAgeRetro – die 00er Jahre

18.01.2013

Ich saß im Büro. Ein unsäglich nervtötender Unternehmensberater, der vom Chef engagiert worden war und der schon ein paar Tage Marketing- und Kampagnen-Sprech ohne Sinn absonderte, hatte gerade eine Pause anberaumt. Die Raucher verzogen sich in die Küche, ich wollte mich im Internet bei einem der Online-Dienste darüber schlau machen, was der Tag bisher weltpolitisch und überhaupt so gebracht hatte. Aber auf allen Kanälen Sanduhr. Kein Durchkommen. Nichts. Nirgends.
Das Telefon klingelte. Die Liebste fragte, ob ich mitbekommen hätte, was geschehen sei. Ich sagte ihr, wir wären in einer unsäglich nervtötenden Unternehmensberater-Sitzung gewesen. Sie erzählte etwas von Flugzeugen, das ich nicht verstand und das sie mir aber auch nicht genauer erklären konnte. Drei, vier Flugzeuge, vielleicht noch mehr. Sie wusste nichts Genaues. Niemand wusste etwas Genaues. Sanduhr im Internet.
Als ich aufgelegt hatte, bereitete eine Kollegin, die einer Freikirche angehörte und die an diesem Tag ein T-Shirt mit der Aufschrift Jesus Inside trug, mit salbadernden Thesen die Firma auf den Weltuntergang vor. Der unsäglich nervtötende Unternehmensberater verstieg sich in der These, der Mossad stecke dahinter.
Wir trafen uns in der Küche. Fast wäre ich nach gut zwei Jahren Abstinenz wieder zum Raucher geworden. Die Kaffeemaschine stand nicht mehr still, bis einer der älteren Kollegen auf die Idee kam, ein Bier aufzumachen und wir beschlossen, den Weltuntergang schön zu saufen. Draußen schien die Sonne, in New York verfinsterte sie sich gerade.
Berichte vom Unvorstellbaren auf der Heimfahrt im Radio, zu Hause im Fernsehen und  im Internet, immer noch mit viel Sanduhr. Wir waren entsetzt, Claus Kleber war entsetzt, Jan Hofer war entsetzt. Ob Harald Schmidt auch entsetzt war, weiß ich nicht. Seine Show fiel aus. Die Magnum-Fotografen, die wie auf Bestellung zuhauf in New York versammelt waren, hielten drauf und lieferten Bilder von ausgesuchter Qualität. Überhaupt wirkte alles wie auf Bestellung: herrliches Herbstwetter, großspurige Pyrotechnik, spektakuläre Einstürze. Ja, ja die Amis, die verstanden ihr Handwerk.
Später, ein paar Jahre später, zehn Jahre später reduzierte sich alles auf die Frage, wo warst Du an diesem Tag und was hast Du an diesem Tag gemacht.
Jeder wusste es und weiß es heute noch.

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Einer meiner Lieblingsfilme ist Quadrophenia. Ein Film aus den 70er Jahren, bei dem es vordergründig um die Jugendunruhen zwischen Mods und Rockern im englischen Seebad Brighton geht, eigentlich aber um die in den 60er Jahren massiv aufbrechenden Generationskonflikte. Großartige Musik, meist von The Who und Sting in einer grandiosen Rolle als Ober-Mod und Hotelpage. Wer den Film kennt, weiß wovon ich spreche, wer ihn nicht kennt, interessiert sich nicht dafür, also erspare ich mir eine Inhaltsangabe.
Im Jahr 2001 hatte ich noch keinen Motorradführerschein, durfte aber aufgrund meines fortgeschrittenen Alters Leichtkrafträder mit maximal 15 PS bzw. 125 Kubikzentimetern fahren. Ich hatte eine Suzuki Marauder. Freund Frank, der der Fraktion der Mods zugetan war, fuhr eine schneeweiße 200er Vespa, PX natürlich, mit Handschaltung und Weißwandreifen. Nachdem auch er ein großer Quadrophenia-Fan war, reifte der Gedanke, beizeiten eine Quadrophenia-Gedächtnisfahrt nach England ins schöne Seebad Brighton zu unternehmen.

Der erste Versuch im Jahr 2000 endete allerdings kläglich nach ein paar hundert Kilometern. Der Motor meiner Marauder war nicht auf Dauervollgas ausgelegt und zerplatzte buchstäblich in der Nähe von Koblenz. Frank hat zwar versucht, alleine weiterzureisen, während ich auf die Reparatur meines Mopeds wartete, doch sintflutartige Regenfälle zwangen ihn zur Umkehr und so haben wir 2001 einen erneuten Versuch gestartet. The Run – Second Try. Diesmal sind wir nach dreitägiger Anreise tatsächlich auf der Insel angekommen.
Die See war rau, unsere Gesichtsfarbe grün und unsere Ärsche blau. Doch als wir nach stundenlangem Gegurke auf der falschen – sprich linken Straßenseite endlich in Brighton einfuhren  und die beiden Piers vor uns lagen, das knallbunte, gut besuchte Palace Pier und das verfallene West Pier, waren alle Strapazen und The Run – First Try schlagartig vergessen. Wir parkten unsere Höllenmaschinen auf der Promenade und legten uns in voller Mopedmontur mit einem Bier in der Hand an den Strand.

Wir haben uns ein typisch englisches Hotel in Strandnähe gesucht. Die Besitzerin, eine typisch englische Lady hat uns liebevoll The Gentle Giants genannt, wir haben Fish und Chips gegessen, tagsüber mit unseren Mopeds Ausflüge ins Hinterland gemacht und die Nächte auf dem Palace Pier oder in Pubs verbracht und der englischen Jugend dabei zugesehen, wie sie sich am Wochenende amüsiert, meist nämlich bis zum Anschlag besoffen und ab und zu sich gegenseitig ordentlich verprügelnd. Massenschlägereien allerdings, so wie zu Quadrophenia-Zeiten, gab es nicht, dafür war zu viel Security auf den Piers stationiert.
Mods und Rocker waren quasi ausgestorben. Nur zwei Mal sind schöne Lambretta-Roller durch die Stadt gebrettert. Frank bekam feuchte Hände und hat verzückt ein paar tiefe Lungenzüge vom blauen Viertaktdunst inhaliert. Derart gestärkt sind wir nach gut einer Woche wie aus einem Spielfilm mit Überlänge wieder nach Hause gefahren. Vollgas versteht sich.

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Im Jahr 2002 war ich ein paar Monate arbeitslos – ich stand auf der Straße, wie man so schön sagt. Nicht, dass ich kein Dach über dem Kopf gehabt hätte, wir hatten ja unser Häuschen. Es war nur so, dass ich dafür, von morgens acht bis abends neunzehn Uhr in meinem Arbeitszimmer zu sitzen (früher Büro), oder in der Gegend herumzufahren (früher Geschäftsreise), oder mit Liebsten beziehungsweise meinen Kumpels einen Kaffee oder ein Bier zu trinken (früher Meeting oder Konferenz) nur etwa sechzig Prozent meines letzten Nettogehaltes bekommen habe und den Strom, den ich verbrauchte, das Heizöl, das ich verbrannte, den Kaffee, den ich trank und das Benzin, das ich verfuhr auch noch selbst bezahlen musste (früher mein Arbeitgeber). Einer wie ich, ist also doppelt gestraft, wenn er arbeitslos wird.

Trotzdem malte ich mir in meiner unendlichen Naivität die Tagesabläufe meiner wohlverdienten Arbeitslosigkeit folgendermaßen aus:
Die Liebste, die, wenngleich nur halbtags, aber immerhin einen Minijob hatte, verlässt um 7:30 Uhr das Haus. Wenn sie gegen 13:00 Uhr nach Hause käme, läge ich noch im Bett. Bis dahin hätte ich mir überlegt, ob ich verhasste ehemalige Kollegen respektive Kunden per E-Mail beleidige (natürlich anonym) oder bei dem schönen Wetter doch lieber eine Runde auf dem Golfplatz drehe. Wenn ich mir für beides zu schade wäre, tränke ich mit der Liebsten Kaffee und verfolgte danach einen Prozess mit Richterin Barbara Salesch im Fernsehen. Ein Nickerchen bis zum Abendessen brächte meine verbrauchte Energie sofort wieder zurück und versetzte mich in die Lage, eine ausführliche After-Work-Party mit nicht verhassten ehemaligen Kollegen schadlos zu überstehen – selbstverständlich bis in die frühen Morgenstunden!
So viel zur Theorie.

Die Praxis sah so aus: Das erwähnte Häuschen, das gerade mal der Liebsten und mir, einer Katze und ab und zu einigen Gästen ausreichend Unterkunft bietet, ist ein sehr altes Häuschen, das wir über die Jahre zahlreichen Renovierungs- und Umbauarbeiten unterzogen haben.
Entsprechend lang war die Liste der Restarbeiten, die nach solch baulichen Eingriffen zwar geplant, aber nie zu Ende geführt wurden.
Also stand seit dem ersten Tag meiner sogenannten Arbeitslosigkeit auf dem Plan, täglich eine jener Arbeiten doch endlich ihrem lange überfälligen Abschluss zuzuführen. Als da waren: Randleisten verlegen, Fenster streichen, Malerflecken ausbessern, einen Klappbalkon basteln, einen Verschlag für die immer zahlreicher werdenden Mülltonnen zimmern, hier ein Loch in der Wand ausbessern, da eine Unebenheit glätten, und so weiter und so weiter.

Dann gibt es da noch einen alten Schuppen, der zum Anwesen gehört und jahrzehntelang dazu missbraucht wurde, vorübergehend nicht benötigten Hausrat darin zu deponieren. Einem genetisch bedingten Sammlertrieb folgend, haben die Liebste und ich mehr als zehn Jahre lang immer nur in diesen Schuppen hinein geräumt, aber ihm niemals auch nur die kleinste Kleinigkeit entnommen.
Niemand kann sich vorstellen, wieviel vorübergehend nicht benötigter Hausrat sich in zehn Jahren ansammelt.
Ich bin drei Mal mit einem bis unter die Decke beladenen VW-Bus zur Müllkippe gefahren, habe jedes Mal brav fünf Euro bezahlt, um dann die einzelnen Sammelplätze für Karton und Pappe, Glas, Elektro, Metall, Sperr-, Rest- und Sondermüll anzusteuern und mir jedes Mal die Geschichte eines völlig unterbezahlten Ferienjob-Schülers oder Studenten anzuhören, der in der Hitze des damaligen Jahrhundertsommers und entsprechendem Gestank zu leiden hatte und sich gemüßigt sah, mir eingehend sein Leid zu klagen. Lieber keine Arbeit, als so eine, dachte ich dann immer, als ich den Müllplatz wieder verlassen durfte.
Natürlich hatte ich auch das eine ums andere Vorstellungsgespräch. In bester Erinnerung blieb mir das bei der Bundesagentur für Arbeit, die einen Projektleiter im Bereich Qualitätsmanagement suchte. Da interviewte mich ein junger Mann, der offensichtlich das Büchlein Bewerbungsgespräch leicht gemacht sehr intensiv gelesen hatte. Meine Antworten wurden immer dann sofort von ihm unterbrochen, wenn ich ein von ihm erwartetes Stichwort ausgesprochen hatte. Der gute Mann quittierte meine richtige Antwort dann mit den Worten »Danke, das genügt mir« und kritzelte daraufhin einen überdimensionalen Haken in seine Aufzeichnungen. Aber wehe, ich kam nicht auf das Stichwort. Dann quälte mich dieser Mensch mit Nachfragen und obskuren Umschreibungen des Wortes so lange, bis ich es endlich »erraten« hatte. Ich kam mir vor wie bei Wer wird Millionär. Allerdings erhielt ich pro richtiger Antwort keine Geldprämie und die ausgeschriebene Stelle schon gar nicht.

Wer weiß, wofür es gut war, um diesen Allgemeinplatz einmal zu bemühen. Ich bin mir ziemlich sicher, bei der Bundesagentur wäre ich nicht glücklich geworden, zumal die Agentur damals nomen est omen noch Anstalt hieß.

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Als Schüler habe ich mit neun oder zehn Jahren Gitarrenunterricht bekommen. Die Lehrmethode des alten Musiklehrers, der mich die Melodien deutscher Wander- und Volkslieder und ausnahmsweise auch einmal einen Westernsong hat zupfen lassen, während er auf dem Klavier zu klimpern geruhte, war allerdings wenig Ansporn für mich, weiter zu machen. Ich bin deshalb, wie Millionen anderer, die in ihrer Jugend ein Instrument erlernt haben, nicht dabei geblieben, wie man so schön sagt.
Meine alte Höfner Wandergitarre ist zwar in alle Studentenbuden und Wohnungen, die wir später hatten, mit umgezogen, aber gespielt habe ich sie eigentlich nie. Eine Wende brachte erst der vierzigste Geburtstag der Liebsten. Die hat sich nämlich zu ihrer Geburtstagsfete von allen Gästen, die je in ihrem Leben einmal ein Musikinstrument erlernt haben, ein Ständchen gewünscht und ich habe dieses Spektakel organisiert.
Zur Melodie von Yellow Submarine wurden sämtliche Helden- und Missetaten der Liebsten in Versform offenbart und mehr schlecht als recht von drei Gitarren, einem Saxophon, einer Geige, einer Triangel und gefühlten siebenhundert Blockflöten begleitet. Nicht gerade ein Ohrenschmaus, aber doch Initialzündung dafür, mich von Stund an intensiv mit selbst gemachter Musik und meiner alten Wandergitarre zu beschäftigen.
Kaum vier Jahre später besaß ich neun Gitarren, drei Verstärker, diverse soundveredelnde Elektronikkästchen, ein Mikrofon und eine eigene Band.

Unser erster Auftritt fand in einer Kneipe statt, war deshalb, weil wir jede Menge Claqueure organisiert hatten, ziemlich gut besucht, insgesamt aber so grottenschlecht, dass ich sofort nach dem Gig beschloss, den Schlagzeuger zu feuern und die umgehende Suche nach einem neuen einzuleiten. Ein solcher war zwar schnell gefunden und er war auch um Klassen besser, als der alte, hatte aber auch fast zehn Lebensjahre mehr auf dem Buckel und wollte immerzu nur Chuck Berry, Elvis Presley und anderen Uralt-Rockenrohl-Käse spielen. Außerdem waren wir uns, was die Ausrichtung der Band betraf, nicht so richtig einig. Er und der zweite Gitarrist hätten gerne jede Woche auf einer Kirchweih oder einer anderen Fete gespielt, inklusive Marmor, Stein und Eisen bricht, während mir aufgrund mannigfaltiger sonstiger Interessen fünf bis sechs Blueskneipen- oder Irish-Pub-Gigs im Jahr vollkommen genügt hätten.
Immerhin kamen wir in den folgenden drei Jahren auf circa dreißig Auftritte, von denen einige unvergessen bleiben werden, weil sie wirklich gut waren, andere aber mehr im Sinne von Fleisch ist mein Gemüse – eine Landjugend mit Musik, falls jemand diesen köstlichen Roman kennt.

Insgesamt möchte ich die Jahre mit der Band keinesfalls missen, vor allem, weil auch einige Straßenmusik-Auftritte dabei waren. Ich habe in meinem Leben kaum etwas Aufregenderes erlebt, als auf der Straße zu musizieren. Auf einem der größten Umsonst- und Draußenfestivals Deutschlands, beim Bardentreffen in Nürnberg, haben wir einfach so mit ein paar Batterieverstärkern und einem Cocktail-Schlagzeug an einer Straßenecke gespielt und die Leute haben uns zugehört. Einige haben sogar getanzt. Viele haben Klimbergeld in unseren Gitarrenkoffer geworfen. Alle haben applaudiert.
Das Klimbergeld, immerhin fast hundert Euro, habe ich heute noch, gut verstaut in einem Lederbeutel in meinem Nachtkästchen. Mein Notgroschen.

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Ich habe schon immer gerne und viel geschrieben. Seit der Jahrtausendwende führe ich ein Tagebuch. Seit 2005 schreibe ich sozusagen öffentlich. Zunächst sporadisch den einen oder anderen Text für kolumne.de, später dann mehr oder weniger regelmäßig in meinem Weblog AxeAge. Zugegeben, der Prozess des Schreibens ist für mich ziemlich anstrengend, weil ich mich sehr gerne ablenken lasse oder Denk- und Formulierschleifen oft ein Eigenleben führen und zum Schluss etwas komplett anderes entsteht, als ursprünglich erdacht. Einerseits.
Andererseits gibt es kaum eine kreativere Beschäftigung, als Schreiben. Auch wenn das Ende oft anders ist, als geplant, ist es doch dann in Ordnung, wenn es sich gut liest und keine logischen Brüche oder Fehler enthält.
Schreibstil ist für mich besonders wichtig. Wenn ich es mir recht überlege, wichtiger, als Inhalt. Wer mir literarisch anspruchsvoll das Balz- und Sexualverhalten der rotlippigen Miesmuschelparasiten Parasitus Mytilus Lupia Rubentis nahebringt, erlangt wesentlich eher meine ungeteilte Aufmerksamkeit, als jemand, der die spannendste Geschichte der Welt in sprachlich holpriger Mitteilungsprosa herleitet. Auch Befindlichkeiten interessieren mich nur dann, wenn sie nicht Selbstzweck sind, sondern im Kontext eines oder mehrerer Ereignisse stehen.
So wie Musik Groove haben muss, sollte ein Text Esprit und Timing haben. Er sollte nicht ausschließlich aus Hauptsätzen bestehen und Informationen dürfen sich ruhig auch einmal zwischen den Zeilen befinden, meinetwegen auch verstecken. Blöderweise findet man in den meisten Weblogs nur Texte, die bestenfalls als Predigtvorlage für einen Pfarrer taugen. Ich hoffe, nicht in meinem.

Aber natürlich gibt es auch das eine ums andere Weblog mit Texten, wie ich sie gerne lese und leutselig, wie ich bin, habe ich bei einigen Blog-Betreibern den persönlichen Kontakt gesucht und gefunden. Ein derartiges  Zusammentreffen und eine daraus resultierende Freundschaft ist insofern etwas besonderes, als man nicht, wie im “richtigen Leben” erst den Menschen kennt und dann feststellt, dass er auch gut schreiben kann, sondern zu allererst dessen Texte liest und schätzt und dann den Menschen dahinter entdeckt. Faszinierend, zumal man im “richtigen Leben” ja kaum noch jemanden trifft, der schreibt. Im Gegenteil, schreiben ist den meisten ein Greuel und als Freizeitbeschäftigung mindestens merkwürdig.
Ich habe jedenfalls kein einziges Zusammentreffen bereut und weiß seither, Wellenlängen über Texte auszusenden und einzufangen ist nicht die schlechteste Methode, interessante und gleichgesinnte Menschen zu besuchen, gerne auch in Ländern, wie beispielsweise der Ukraine, die man sonst höchstwahrscheinlich niemals bereist hätte.
Eine Blogger-Freundin hat dies einmal in einem Kommentar wunderbar zusammengefasst:
… nur ein oder zwei mit ähnlicher Wellenlänge oder Tsunamierlebensgleichheit oder unergründlich auftauchender Herzenswärmlichkeiten oder dieses kleine, erstaunliche Gefühl des Menschen-de-javue- … kann vorkommen in der Bloggerwelt …

Fortsetzung demnächst in der Kategorie AxeAgeRetro.

Initiation

23.11.2012

Unseren ersten Auftritt mit Drummer hatten wir im Other End, in der Nähe meiner Wohnung auf der MacDougal Street … Dieser Abend wurde, wie man so sagt, zum Juwel in unserer Krone. Wir spielten als kompakte Einheit, und die Vitalität und Punktgenauigkeit der Band katapultierten uns in eine neue Dimension. Doch trotz des Tumults um mich herum nahm ich ebenso untrüglich, wie der Hase den Hund wittert, noch jemanden im Raum wahr. Er war da. Plötzlich begriff ich, was knisternde Spannung bedeutet. Bob Dylan hatte den Club betreten. Diese Gewissheit hatte eine seltsame Wirkung auf mich: Statt mich klein und unbedeutend zu fühlen, durchpulste mich ungeahnte Kraft.

Möglicherweise ging sie von ihm aus, aber ich spürte auch deutlich, was ich und meine Band wert waren. Ich empfand diese Nacht wie eine Initiation, in der ich in Gegenwart des Menschen, nach dessen Vorbild ich mich erschaffen hatte, endgültig ich selbst wurde.

Patti Smith – Just Kids


Element of Times they are a-Changin’

09.11.2012

Große Ereignisse werfen ihre Plakate voraus


AxeAgeRetro – die 90er Jahre

04.11.2012

Was man als Mann in den besten Jahren so alles zu tun hätte: Haus bauen, Sohn zeugen, Baum pflanzen. Ich habe weder noch. Das Haus, das wir besitzen, ist ziemlich alt. Es wurde in den 20er Jahren aus Bruchstein er- und in den 70er Jahren mit Ziegelstein teilweise neu aufgebaut. Der Sohn blieb ungezeugt und der einzige Baum, der in unserem Garten steht – wir nennen ihn ja nicht Garten, sondern Freisitz – ist nicht gepflanzt, sondern irgendwann vom Nachbargrundstück angeflogen. Es ist eine Art wilde Pflaume, die jedes Jahr Früchte für ein paar Gläser Marmelade abwirft.

Der Hauskauf ging ungefähr so vonstatten: bei einem Betriebsfest fragte ich in bierseliger Runde eine Arbeitskollegin, nachdem ich erfahren hatte, dass sie und ihr Mann vor hatten zu bauen, was denn mit dem alten Häuschen geschehen solle, das sie damals bewohnten. Sie sagte, es stünde zum Verkauf, nannte den Preis und per Handschlag sind wir überein gekommen, die Hütte zu kaufen. Ein paar Wochen später gabs einen Besichtigungstermin und wieder ein paar Wochen später bin ich zu meiner Hausbank gegangen, um Geld aufzutreiben.
Als gebürtiger Franke war es ein ungeschriebenes Gesetz, bei der Schmidt-Bank, einer kleinen Privatbank, sein Gehaltskonto zu führen und wenn ich mir überlege, wie schnell und unkompliziert die Kreditvergabe gelaufen ist – tatsächlich habe ich im Zusammenhang mit der Anschaffung einer Schweineschulter schon längere Verkaufsgespräche beim örtlichen Metzger beobachtet – wundert es mich heute nicht mehr, dass besagte Schmidt-Bank ein paar Jahre später pleite gegangen ist, weil zahllose Kredite geplatzt sind.

So wie wir unser Haus gekauft haben, haben wir es übrigens mit allen größeren Anschaffungen gehalten. Ein neues Auto gabs immer erst dann, wenn das alte partout nicht mehr fahren wollte und der Autohändler erst nach zähesten Verhandlungen mit einem grimmig gequälten Lächeln im Gesicht bereit war, unser altes, heruntergekommenes Gefährt in Zahlung zu nehmen. Wir haben auch noch niemals in unserem Leben eine Couch gekauft. Diejenige, die bei uns im Wohnzimmer steht, haben wir von einer Tante geerbt, stammt aus den 50er Jahren, besteht aus massivem Holz, das ich mit einer Farbsprühdose schwarz lackiert habe und deren Polster wir mit lindgrünem Leder haben beziehen lassen, das wiederum von einer Fabrikauflösung stammte. Den Polsterer, ein Ein-Mann-Betrieb mit außergewöhnlich humanen Preisen, hat uns meine Mutter empfohlen und so hat die gesamte Restaurierung der alten Couch, die wir jetzt seit 25 Jahre besitzen und die bestimmt noch einmal 25 Jahre hält, keine 200 Mark gekostet.

Das genaue Gegenteil derart improvisierter Investitions- und Lebenskunst habe ich bei einer ehemaligen Schulfreundin erlebt, deren Eltern Obst- und Beerenweine produzierten und die ihr kurz nach der Geburt ein eigenes Haus hingestellt haben. Dieses Haus wurde später vollständig möbliert und die Möbel schließlich allesamt mit Plastikfolien abgedeckt, so dass die Schulfreundin dann, wenn sie volljährig und verheiratet einzuziehen gedachte, nur noch besagte Folien entfernen musste, um fortan ein sorgenfreies Leben zu führen. Kein Witz, bei einem Klassentreffen, das auf dem elterlichen Obst- und Beerenbauernhof stattfand, hat sie uns stolz dieses Geisterhaus gezeigt. Soviel Beerenwein hätte ich gar nicht trinken können, um mich halbwegs mit derart einengenden Lebensumständen anzufreunden.

Unser Haus war anfänglich gar kein vollständiges Haus. Es handelte sich um ein sogenanntes Stockwerkseigentum, denn lediglich die Stockwerke eins und zwei, die über eine Außentreppe zu erreichen waren, gehörten uns. Erst in den 70er Jahren wurde diese Form des Immobilieneigentums abgeschafft und durch das Wohnungseigentum ersetzt. Als wir vor gut zehn Jahren das Erdgeschoss dazu gekauft haben, hat uns der Notar eröffnet, dass wir seit langer Zeit der einzige und somit letzte Fall von Stockwerkseigentum in seinem Notariatsgebiet waren. Im Grundbuch waren obskure Wohnrechte eingetragen von Leuten, die längst gestorben oder nach Amerika ausgewandert waren. Eine dieser Grundbucheintragungen bescheinigte dem Eingetragenen beispielsweise einen Schlafplatz neben dem Schlot.
Wir waren echt erleichtert, als nach Erwerb des gesamten Hauses diese Eintragungen endlich gelöscht wurden und wir nicht jeden Tag damit rechnen mussten, dass plötzlich jemand aus Massachusetts oder Arizona bei uns auftaucht, um neben dem Schlot sein Nachtlager aufzuschlagen.

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In den 90er Jahren war das Leben in Sachen Beruf und Karriere noch überschaubar. Von Homeoffice und Digital Boheme noch keine Spur. Es gab diejenigen, die jahre- und jahrzentelang bei einer Firma blieben und es gab die Nomaden, die in Rudolf Scheer Maßschuhen von Firma zu Firma zogen und nach jedem Vorstellungsgespräch einen besser dotierten Vertrag in der Innentasche ihrer Boss-Anzugtasche trugen. Ich gehörte zu den Treuen, was nicht zuletzt daran lag, dass ich Schuhe von Deichmann und Anzüge von K&L Ruppert trug.
Dennoch hatten die Liebste und ich in den 90er Jahren genug Geld, um ab und zu in die weite Welt zu reisen. Besonders angetan hatte uns, nicht nur der schönen Golfplätze wegen, die ganze Welt in einem Land: Südafrika. Hier gab es Wüste, Meer, Berge, Sonne, Strand, Urwald, Wildtiere und als wir 1994 zum ersten Mal dort waren, die ersten freien Wahlen nach der Apartheid.

Tatsächlich war die Apartheid noch nicht vollständig überwunden. Es gab noch immer Supermärkte, in denen hauptsächlich – man muss eigentlich sagen ausschließlich – Schwarze einkauften und solche, in denen überwiegend die Weißen ihr Geld ausgaben. Natürlich sind wir erst einmal in einen „schwarzen“ Supermarkt gegangen, allerdings hatten wir ein äußerst unangenehmes Gefühl dabei. Nicht etwa, weil wir Angst vor all den vielen schwarzen Menschen gehabt hätten, sondern weil wir uns des Eindrucks nicht erwehren konnten, hier überhaupt nicht willkommen zu sein. In überwiegend von Weißen frequentierten Läden war das übrigens anders. Hier sah man durchaus den ein oder anderen Schwarzen, aber damit hatte niemand ein Problem. Eigentlich hatten wir uns das genau anders herum vorgestellt, und so bestätigte dieser kleine, unscheinbare Einblick in das Inneste eines Landes wieder einmal eindrucksvoll die alte Binsenweisheit: Vorurteile über andere Länder baut man besten dadurch ab, indem man sie bereist.

Auf jeden Fall merkte man dem Land an, dass sich etwas Grundlegendes veränderte. Wahlhelfer aus allen Teilen Südafrikas bevölkerten die öffentlichen Plätze, Hotels und Shopping-Malls, boten Beratung und Informationsmaterial und leisteten Basis- und Aufklärungsarbeit in Sachen Demokratie. Niemand war so recht mit der neuen Situation vertraut, aber man spürte die Mühe, die sich alle Beteiligten gaben, diese einmalige Chance nicht dauerhaft zu verspielen und das Land nicht, wie viele unkend vorausgesehen haben wollten, im Chaos versinken zu lassen. Im Nachhinein weiß man, dass dieser Versuch halbwegs geglückt ist. Wir waren vor fünf Jahren zum letzten Mal in Südafrika und inzwischen sind viele Arbeitsplätze, die mit Service und Publikumskontakt im engeren und weiteren Sinn zu tun haben, will heißen von der Empfangsdame bis hinauf zum Hotelmanagement, mit Schwarzen besetzt, ein Umstand, der bei unserem ersten Besuch 1994 noch undenkbar war.

Was uns bereits bei unserem ersten Besuch in Südafrika so richtig umgehauen hat und seither immer wieder aufs Neue verzückt, war ein Besuch im Krüger Nationalpark und die unmittelbare Begegnung mit wilden Tieren. Für alle, die das noch nicht erlebt haben: Man fährt mit dem eigenen Auto, als europäischer Tourist natürlich mit einem Mietwagen, durch ein Gebiet, das so groß ist wie Rheinland Pfalz und trifft dort auf Giraffe, Löwe, Elefant und Co., die aber nicht wie derzeit inflationär im Fernsehen zu sehen, von sympathischen Tierpflegern gefüttert und deren Gehege täglich gereinigt werden, sondern tatsächlich in freier Wildbahn, nur von dünnem Autoblech und ein paar Verbundglasscheiben getrennt.

Ich kann das gar nicht so rechtschaffen beschreiben, aber es gibt kaum etwas spannenderes und gleichzeitig erhabeneres auf dieser Erde, als diese nahezu sprichwörtlichen Begegnungen der anderen Art, beispielsweise dann, wenn man nach einigen Stunden Autofahrt durch urwüchsigste Landschaft, in denen man kein einziges wildes Tier zu sehen bekommen hat, nicht einmal die kleinste Feldmaus, durch ein Stück Wald fährt und man sich plötzlich inmitten einer riesigen Elefantenherde wiederfindet, oder um eine Ecke biegt und sich einem ein Rhinozeros in den Weg stellt oder man nachts im Camp nicht schlafen kann, gar nicht schlafen mag, weil die Löwen brüllen oder man vom Abendessen zurückkommend einen fast zwei Meter langen Waran im Reetdach der Nachbarhütte verschwinden sieht oder ein wildgewordener Affe das Buch, das man gerade lesen möchte und für einen Augenblick unbeaufsichtigt auf dem Tisch hat liegen lassen, klaut und herzhaft hinein beißt, weil er glaubte, es handle sich um etwas zu fressen … WOW trifft’s nicht einmal annähernd.

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An einem regnerischen Wochenende im Frühjahr, Anfang der 90er Jahre habe ich mit einem cirka zwanzig Zentimeter langen Steinbohrer neben der Tür zu meinem Arbeitszimmer ein Loch durch die Wand gebohrt, um für mein neu erworbenes V90-Modem das Kabel durchzuführen, das ich aus dem Erdgeschoss von der Telefondose in mehreren, abenteuerlich verlegten Kabelschächten nach oben gezogen hatte. Als ich in den nächsten drei Stunden via t-online meinen ersten Internet-Zugang konfigurierte, fiel mir der Eröffnungssatz meiner Lieblings-Science-Fiction Serie Raumpatrouille – die fantastischen Abenteuer des Raumschiffs Orion aus meiner Jugend ein: “Was heute noch wie ein Märchen klingt, kann morgen Wirklichkeit sein. Hier ist ein Märchen von übermorgen.”

Aber wie das so ist, mit Märchen von übermorgen. Verglichen mit den Geschwindigkeiten, mit denen heutzutage Daten durch eine fette DSL-Leitung übers Netz jagen, war ein V90-Modem lediglich ein Bügeleisen auf der Steuerkonsole eines schnellen Raumkreuzers am Rande der Unendlichkeit.
Rücksturz zur Erde!

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Die Liebste war in ihrer Kindheit immer von Katzen umgeben und ihr sehnlichster Wunsch war es, dann, wenn wir einmal ein eigenes Haus besäßen, eine eigene Katze zu haben. Und weil eine Katze allein sich bestimmt fürchterlich gelangweilt hätte, schleppte im Winter 1994 eine Arbeitskollegin eine kleine Katze und einen kleinen Kater von einem schwäbischen Bauernhof an, die beide so menschenscheu waren, dass die Katze, nachdem sie geduckt die Transportbox verlassen hatte sofort in die nächste Ecke des Wohnzimmers rannte und dort versuchte, die Wand hochzuklettern. Ihr Bruder, der kleine Kater, hatte sich gar nicht erst aus der Box heraus getraut, also fingen wir die Katze wieder ein, steckten sie zurück in die Box, verarzteten unsere zerkratzten Arme und Hände mit Jod und Pflaster und sperrten die beiden Viecher erst einmal ins Arbeitszimmer, wo wir zwei Katzenklos und ausreichend Futter deponiert hatten.
Immer wenn wir ins Katzenzimmer kamen, waren die Fressnäpfe leer und die Katzenklos voll. Katze und Kater hatten sich hinter den Schränken verkrochen und ließen sich nicht ein einziges Mal blicken. In den Nächten veranstalteten sie wüste Verfolgungsjagden und weil wir es leid waren, die beiden immer nur zu hören, postierten wir auf einem Stativ unsere JVC-Videokamera – ja, so ein Monstrum, wie aus dem Film Back to the Future – und filmten die beiden dabei, wie sie fraßen und sich gegenzeitig jagten.
Am Abend betrachteten wir sie dann im Fernseher und waren hin- und hergerissen.

Nach ein paar Tagen hatten Katze und Kater, die übrigens namenlos geblieben sind und immer nur Katze und Kater hießen, so viel Vertrauen zu uns und unserer alten Hütte aufgebaut, dass wir sie aus dem Katzenzimmer entlassen konnten.
Bis Weihnachten strolchten die beiden schon im ganzen Haus herum und am Weihnachtsabend stolzierte Kater, im Maul ein Steak, das vom Abendessen übrig geblieben und nur unwesentlich kleiner war, als er selbst, ins Wohnzimmer, im Schlepptau seine Schwester, die laut maunzend zu sagen schien schaut mal, was wir in der Küche gefunden haben.
Uns blieb nichts anderes übrig, als das Steak in kleine Stücke zu zerteilen und an die Raubtiere zu verfüttern.

Später haben wir eine Katzenklappe in die Haustür gebaut und die beiden konnten entweder im Haus oder draußen zusammen mit zahlreichen Katzen aus der Nachbarschaft ein angemessenes Katzenleben führen. Abgesehen von ein paar Mäusen, Vögeln und sonstigem Getier, das die beiden ab und zu anschleppten, um zu bezeugen, wie lieb sie uns hatten, ein großer Spaß, auch natürlich für die Liebste und mich.
Leider ist nach ein paar Jahren der Kater von einem Auto angefahren worden. Er wurde vom Tierarzt zwar wieder notdürftig zusammengeflickt, ist dann aber ein paar Jahre später an den Folgen dieses Unfalls gestorben. Die Katze lebt noch heute. Sie schläft viel, verlässt kaum noch das Haus und manchmal haben wir den Eindruck, sie weiß nicht mehr so genau, wo sie sich befindet, wer sie ist und wenn ja, wie viele. Dann setzt sie sich in den Flur und schreit erbärmlich. Aber wenn man sie dann streichelt, wird sie wieder ruhig, fängt an zu schnurren und schläft weiter.

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Es geht um mein Leben. Es geht um mein Leben. Es geht um mein Leben. Es geht um mein Leben
Ich habe meinem Bruder ein ganzes Schulheft mit diesem Satz vollgeschrieben und ihm dieses Heft mit der Post geschickt. In jeder Zeile zwei Mal dieser Satz, immer und immer wieder, ein ganzes Schulheft voll. In einem Begleitbrief habe ich ihm empfohlen, ebenfalls ein Schulheft mit diesem Satz voll zu schreiben. Wenn ich das geschafft hatte, sollte er wohl auch dazu in der Lage sein. Ich war Mitte dreißig und zutiefst davon überzeugt, mit dieser schulmeisterlichen Maßnahme meine Schuldigkeit getan und meinen Bruder auf den richtigen Weg gebracht zu haben.
Im Vorfeld hatte mir seine Freundin die Ohren vollgejammert, mein Bruder sei nicht nur seit über zehn Jahren HIV positiv, sondern hätte auch noch eine ärztlich attestierte Gedächtnisschwäche und müsste immerzu daran erinnert werden, lebenserhaltende Medikamente zu nehmen und dies würde wohl dann am besten funktionieren, wenn mein vergesslicher Bruder ständig ein eingeschaltetes Handy bei sich trüge und sie, die Freundin, ihn immer dann, wenn er seine Pillen nehmen solle, anrief. Leider könnten weder sie noch er sich ein Handy leisten und ob ich nicht welche besorgen könnte.
Natürlich habe ich welche besorgt. Was konnte denn mein armer Bruder dafür, dass er so vergesslich war. Er hatte ja sogar vergessen, sich in seinem ebenfalls über dreißig Jahre währenden Leben einen Brotjob zu suchen.
In den nächsten Monaten hat also die Freundin meines Bruders drei Mal täglich meinen meist vor dem Fernseher sitzenden oder auf der Couch liegenden und Musik hörenden Bruder mit dem Handy angerufen, um ihn daran zu erinnern, seine Tabletten zu nehmen. Trotzig redete ich mir ein, er hätte bestimmt auch ohne Handy-Erinnerung daran gedacht, hätte er mal brav ein Schulheft mit meinen Merksatz vollgeschrieben.

Im August 1998 ist mein Bruder an den Folgen einer besonders aggressiven Form von Lymphdrüsenkrebs mit 35 Jahren gestorben. Leider war es uns beiden zu Lebzeiten nicht vergönnt, halbwegs zueinander zu finden. Inzwischen bedauere ich diesen Umstand, weil es doch zahlreiche, funktionierende Geschwisterbeziehungen in meinem sozialen Umfeld gibt und ich sehe, wie bereichernd diese sein können. Andererseits hätte entweder ich mich oder mein Bruder sich als Persönlichkeit wesentlich verändern müssen oder wir uns beide vielleicht nur ein Stück weit. Ich könnte mir sogar vorstellen, dass wir uns heute, im gesetzteren Alter besser verstünden, als damals in „unseren besten Jahren“. Aber das bleibt natürlich reine Spekulation.

Fortsetzung demnächst in der Kategorie AxeAgeRetro.

AxeAgeRetro – die 80er Jahre

02.10.2012

Wenn mich in den wilden Sechzigern, die mir nicht nur wegen der Fernsehbilder in relativ tumber Schwarz-Weiß-Erinnerung sind, jemand gefragt hat, ob ich denn einmal studieren wolle, habe ich geantwortet Nein! Als Student muss man ständig demonstrieren. Dabei war mir damals weniger der Umstand ein Greuel, dass demonstrierende Studenten von Polizisten mit Tränengas und aus Wasserwerfern traktiert wurden, als die Tatsache, dass dieses arbeitsscheue, langhaarige Gesindel nix besseres zu tun hatte, als sich auf den Straßen herumzutreiben, um gegen den von der Yellow- und Springerpresse, sowie meinen Eltern hoch geachteten Schah von Persien aufzumarschieren. Meine Eltern haben sich damals furchtbar darüber aufgeregt – wohlgemerkt über die Studenten, nicht über den Schah – dass ich der Meinung war, Student sein sei mindestens so schlimm wie Einbrecher, wenn nicht schlimmer.

Im Herbst 1980 war ich dann aber doch Student. Langhaarig sowieso und ein wenig arbeitsscheu auch.
Als ich meinen Studentenausweis im Sekretariat abholen wollte, traf ich erst einmal auf Walter. Walter sollte mir im Laufe meines Lebens noch öfter über den Weg laufen und hatte, ohne dass mir dies zu diesem Zeitpunkt klar war, bereits in meiner Vergangenheit eine gewisse Rolle gespielt, aber das gehört nicht hier her. Walter ist inzwischen der Nachbar von guten Freunden von uns und Walter war damals wie ich Erstsemestler. Er hatte im Sekretariat gerade seinen Studentenausweis abgeholt und sprach mit den Leuten im Büro auf so präsente und eloquente Weise, dass ich einerseits tief beeindruckt und andererseits sofort und nachhaltig sicher war, hier, an dieser Hochschule richtig zu sein. Hier trat einer auf, der es gewohnt war, vor Leuten zu sprechen und der das gefälligst auch in den nächsten Jahren seines Studiums und bestimmt auch darüber hinaus tun würde. Walter studierte Sozialpädagogik und noch wusste ich nicht, dass ich während meines Studiums mit Menschen aus diesem Dunstkreis mehr und intensiveren Kontakt pflegen würde, als mit meinen Mitstudenten aus dem Fachbereich Betriebswirtschaft. Außerdem war mir nach dieser kleinen Sekretariatsszene klar, dass sich hier Studenten, Hochschulangestellte und Dozenten auf Augenhöhe begegneten und nicht, wie in der Schule, in einer Art Vorgesetzten-Untergebenen-Verhältnis. Sehr wohltuend!

Ich verließ das Sekretariat, verstaute den Studentenausweis in meinem Geldbeutel, kaufte mir in der Cafeteria einen Kaffee, steckte mir eine Zigarette an – ja das ging damals noch: in der Hochschule rauchen – und hatte plötzlich ein Freiheitsgefühl, wie ich es vorher nie und nachher kaum in meinem Leben hatte. Ich besaß ein eigenes Auto, ich hatte eine eigene Studentenbude, einen gültigen Studentenausweis und ich bekam ein paar Mark Bafög. Ich war jung, ich war frei und ich hatte Zigaretten. Ich war an diesem Tag der glücklichste Mensch der Welt.

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Ein Telegramm hat mein Leben verändert. Das klingt pathetisch und die Jüngeren werden gar nicht mehr wissen, was ein Telegramm ist. Aber tatsächlich flatterte eines Nachmittags in die neubezogene Studentenbude einer Mitstudentin aus dem sozialpädagogischen Umfeld ein Telegramm mit folgendem Text:
Heute abend Foundue +++ STOP +++ Ruf doch mal an +++STOP +++
Ein Mitstudent aus dem betriebswirtschaftlichen Umfeld hatte ihr dieses Telegramm geschickt, weil es in der neubezogenen Studentenbude noch kein Telefon gab. Die Mitstudentin rief also brav an, sagte, dass sie nicht kommen könne, weil ihr Freund, ein anderer Mitstudent aus dem betriebswirtschaftlichen Umfeld mit dem sie in die Studentenbude neu eingezogen war, wegen eines Fußballspiels verhindert sei. Daraufhin bot ihr der einladende Mitstudent an, mich(!) – quasi als Ersatzmann – einzuladen und schon war die Mitstudentin überredet. Denn ich(!) hatte seit der Einweihungsfeier besagter Studentenbude, die ein paar Tage vorher stattgefunden hatte, eine Postkarte in meiner Brusttasche, auf der stand: Axel, ich mag Dich!. Und diese Postkarte hatte ich nicht von irgendwem, sondern von ebenjener Mitstudentin bekommen.

Der Fondue-Abend verlief kurios. Die Mitstudentin und ich kamen uns immer näher. Die Blicke der Gastgeber und der anderen Gäste wurden immer skeptischer. Die Frage, ob ich bei den Gastgebern übernachten sollte, wurde immer dringlicher und ich beantwortete sie mir nach einer zwanglosen Schnapsrunde selbst mit “Ja”. Die Frage der Gastgeberin, ob wir, die Mitstudentin und ich, moralische Bedenken hätten, gemeinsam in einem Zimmer zu übernachten mit “Nein”.

Das Sofa und das Gästebett, das uns die Gastgeber brav getrennt voneinander bereitet hatten, haben die Mitstudentin und ich nicht benutzt. Wir haben uns die ganze Nacht gegenseitig unser bisheriges Leben erzählt und uns unser gemeinsames, zukünftiges Leben bis in alle Einzelheiten ausgemalt. Im Morgengrauen sind wir dann Hand in Hand dem Sonnenaufgang entgegen spaziert und die Zeit bis zum Frühstück haben wir küssend auf einer Parkbank überbrückt.
Beim Frühstück haben wir die Gastgeber und die anderen Übernachtungsgäste über die “neue Situation” informiert. Ja, das habe man sich gestern beim Fondue schon gedacht, dass da was im Busch sei und auch der Umstand, dass wir uns die ganze Nacht unterhalten hätten, was offensichtlich im ganzen Haus zu hören war, sorgte dafür, sich einen Reim auf den Ausgang dieser Geschichte machen zu können.

Dann sind wir zur neu bezogenen Studentenbude gefahren und die Mitstudentin hat ihrem Freund gesagt, dass sie heute bei ihm aus- und bei mir einziehen würde. Ich hatte ein wenig Angst, denn ihr Freund war nicht nur Student der Betriebswirtschaft, sondern auch ein bei der Bundeswehr ausgebildeter Einzelkämpfer. Ich glaube, er musste sehr an sich halten, mich nicht auf der Stelle zu Brei zu schlagen. Aber er hat mich am Leben gelassen.

Die Mitstudentin aus dem sozialpädagogischen Umfeld und ich haben Ende der 80er Jahre geheiratet.
Es ist nicht gut, daß der Mensch allein sei; ich will ihm eine Gehilfin machen, die um ihn sei.
Beim Traugespräch hat die Liebste diese Zeilen beim zuständigen Pfarrer moniert und gefordert, dass wenn dieser unsägliche Spruch schon sein müsse, er, der Herr Pfarrer doch bitteschön “Mann” und nicht “Mensch” sagen möge. Der Pfarrer hat sich herausgeredet, irgend etwas von festgelegter Formel, Tradition und dergleichen gefaselt und um das Unternehmen Hochzeit nicht zu gefährden, hat die Liebste nachgegeben. Ich, der Mensch, blieb also nicht allein und sie, die Liebste, wurde meine Gehilfin und ist seither um mich.

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Die Liebste und ich bewohnten eine kleine Studentenbude mit einem Hochbett. Unter dem Hochbett befand sich unsere Küche. Als Tisch diente eine billige Baumarkttür, die wir mit Eisenwinkeln an zwei der Hochbettbalken und an der Wand befestigt hatten. An die Wände hatten wir Obstkisten geschraubt und unsere Klamotten wohnten nicht in einem Schrank, sondern in einer Truhe.
Die Hochschule war über eine lange Treppe in ca. zehn Minuten zu Fuß erreichbar. Wir waren keine eifrigen Vorlesungsbesucher. Wir lagen lieber mehr oder weniger beschäftigt bis in den späten Vormittag in unserem Hochbett.
Eines Morgens hatte die Liebste einen Termin, quälte sich aus dem Bett, trank eine schnelle Tasse Kaffee, rauchte eine schnelle Zigarette und verschwand. Natürlich nahm ich an, dass sie zu Fuß zur Hochschule ging und war erstaunt, als sie nach gut einer viertel Stunde wieder im Zimmer stand.
“Was ist los”, wollte ich wissen.
“Es war kein Parkplatz frei”, antwortete sie und kam zurück ins Bett gekrochen.

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Informationstechnologie hieß in den 80er Jahren noch Datenverarbeitung. Plattenlaufwerke mit 25 Megabyte Speicherkapazität hatten das Gewicht und die Größe einer Waschmaschine, Disketten die Konsistenz und Größe von Schellack-Platten. Laser- oder Tintenstrahldrucker gab es noch nicht, gedruckt wurde auf nervig ratternden Nadeldruckern, in denen grün-weiß-liniertes Endlospapier eingespannt war. Damit wurden kilometerlange Listen erzeugt, auf denen entweder Lagerbestände mittelständischer Firmen oder der in COBOL oder PASCAL geschriebene Programmcode dokumentiert war. Bildschirme hießen Datensichtgeräte und quälten das Auge mit bernsteinfarbener – oder giftgrüner Schrift auf schwarzem Hintergrund.
Grafik erinnerte entfernt an Legofiguren und mit dem stündlichen Stromverbrauch eines Computers mittlerer Datentechnik könnte man heutzutage mehrere hundert Laptops drei Jahre lang betreiben. Das einzige, was nicht so war, wie in amerikanischen Filmen gerne dargestellt, war die sich zeichenweise aufbauende Schrift auf dem Bildschirm und das dazu gehörige Knispelgeräusch. Bildschirme bauten sich damals schon seitenweise auf.

In dieser halbdigitalen Übergangszeit machten Studienkollege Waldemar und ich ein Praktikum bei einer kleinen Brauerei am Rande der Stadt. Und weil wir beide damals schon der neuen Technik zugetan waren – heutzutage würde man uns wahrscheinlich Nerds nennen – und die Brauerei gerade ein neues Pilsbier auf den Markt gebracht hatte, kam uns die Idee, als Praktikumsarbeit eine Marktbefragung über den Erfolg des neuen Bieres durchzuführen und die Ergebnisse dieser Befragung von der Datenverarbeitungsanlage unserer Hochschule auswerten zu lassen.
Unser DV-Dozent verstand zwar kein Wort, weil ihm das alles zu praxisnah war, genehmigte aber trotzdem freudestrahlend unser Vorhaben und Waldemar und ich waren Feuer und Flamme, diese Arbeit zu einem bahnbrechenden und richtungsweisenden Betriebswirtschafts-Projekt an unserer Hochschule werden zu lassen.

Die Fragebögen tippten wir auf einer Schreibmaschine auf sogenannte Matrizen, die dann über eine berauschend nach Alkohol riechende Apparatur auf Papier von ausgesucht schlechter Qualität vervielfältigt wurden. Die notwendigen Software-Installationen hatten wir im Vorfeld der Befragung in mehreren Sitzungen, ohne groß zu fragen, im Rechenzentrum vorgenommen. Dann sind wir, ausgestattet mit mehreren hundert, nach Alkohol riechenden Fragebögen in die Fußgängerzone unserer kleinen Hochschulstadt gezogen und haben der Fußgängerzonenbevölkerung Löcher zum Thema Bier im Allgemeinen und Prinz-Albert-Pils im Besonderen in den Bauch gefragt.

Wenn sich Passanten störrisch zeigten und mir nachhaltig Auskunft verweigerten, habe ich auch schon einmal ausnahmsweise den einen oder anderen Bogen selbst beantwortet. Es kam ja weniger auf das Ergebnis, denn auf die ausgeklügelten EDV-Methode an, dieses Ergebnis auszuwerten und vor der Geschäftsführung der kleinen Brauerei am Rande der Stadt zu präsentieren.
Als wir also nach gut einer Woche intensivster Marktbefragung mit einem Stapel ausgefüllter Fragebögen im Rechenzentrum erschienen und uns einloggen wollten, erschien dort die Meldung: Zugriff verweigert. Ich fragte einen neben mir sitzenden Studenten aus dem technischen Umfeld, was es denn mit der Verweigerungshaltung des Rechners auf sich hätte. Daraufhin antwortete dieser verächtlich. “Irgendwelche Betriebswirtschaftler wollten über das Rechenzentrum ihre Bierdosen auswerten, deshalb wurde das Passwort geändert”.

Also mussten Waldemar und ich beim Leiter des Rechenzentrums vorsprechen und schriftlich unser Ansinnen formulieren. Die drohenden Rechnerkosten für die maschinelle Auswertung, die ja nun keine wissenschaftliche mehr war, sondern eine kommerzielle, ließen uns schwindeln, so als hätten wir all die vielen Biere selbst getrunken, die uns die Marktbefragten im Vorfeld genannt hatten.
Zum Glück hat unser praxisferner EDV-Dozent interveniert und wir wurden von den Rechnerkosten befreit. Unsere Auswertung und die anschließende Präsentation der Daten wurden ein voller Erfolg und für ein paar Wochen fühlten wir uns wie Bill Gates und Steve Jobs, ach was: wir waren Bill Gates und Steve Jobs!

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“Wir Deutschen sind jetzt das glücklichste Volk auf der Welt” sagte Berlins regierender Bürgermeister Walter Momper am 10. November 1989 in der Tagesschau. Ich saß an diesem Abend zusammen mit der Liebsten und einem befreundeten Ehepaar irgendwo im Mainfränkischen in einem gut bürgerlichen Landgasthof, ließ mir Entenbraten, Knödel und Landbier schmecken und gehörte damit durchaus ebenfalls zu den glücklichen Deutschen. Übrigens nicht nur wegen des Entenbratens und der Maueröffnung, sondern vor allem, weil ich an diesem Tag zum ersten Mal in meinem Leben einen Golfschläger geschwungen hatte, während dreihundert Kilometer weiter meine Mutter im grenznahen Bayreuth wildfremde Menschen mit ungewöhnlichen Dialekten, die an diesem Tag zahlreich die Oberfrankenmetropole bevölkerten, mit Bananen und Süßigkeiten beschenkt hatte.
“Du hast ihnen Bananen geschenkt?”, fragte ich meine Mutter später ungläubig und wusste nicht, ob ich lachen oder weinen sollte.
“Ja”, antwortete sie treuherzig, “… und die haben sich sehr darüber gefreut.”
Ich war froh, an diesem Tag nicht an einem der zahlreichen Ossi-Begrüßungsorte gewesen zu sein, sondern stattdessen dem aus DDR-Sicht bourgeoisesten aller Sportarten gefrönt zu haben.

Man kann jemandem, der noch niemals Golf gespielt hat und der mit dem Vorurteil lebt, dies sei ein Altherrensport, nicht erklären, welche Faszination von diesem Sport ausgeht. Und diejenigen, die sich schon einmal daran versucht haben, werden bestätigen, es gibt nur zwei Möglichkeiten: entweder man kann damit überhaupt nichts anfangen oder man kann es nicht mehr lassen und wird süchtig danach. Dazwischen gibt es nichts. Man kann Golf nicht halbherzig oder nur ab und zu spielen. Ich jedenfalls wurde süchtig. Zwar hatte das, was ich am Tag der Maueröffnung im November 1989 mit meinen Golfschlägern anstellte, nur entfernt etwas mit Golfspiel zu tun, aber ich ahnte damals schon, dass ein perfekter Golfschwung eine Art religiöse Erfahrung sein konnte. Es hat nicht lange gedauert, bis sich diese Ahnung bei einem USA-Urlaub bestätigte. Später waren es nicht mehr nur einzelne Schläge, sondern ganze Golfrunden. Und wenn ich heute nach vier oder fünf Stunden auf dem Golfplatz den Weg zum Parkplatz, der über dem 16. Grün untergehenden Sonne entgegen gehe, dann …

… bevor ich noch weiter ins Schwelgen gerate, Fortsetzung demnächst in der Kategorie AxeAgeRetro.


Vom Glück, ein Franke zu sein

12.09.2012

Heute in der örtlichen Presse:

Es braucht so wenig, um glücklich zu sein: häufig nur den richtigen Wohnort


Schlechter Scherz?

07.09.2012

Wenn ich mit dem Motorrad unterwegs bin, nehme ich selten den direkten Weg von A nach B, also zum Beispiel vom Büro nach Hause, sondern es verschlägt mich, wie letzte Woche beispielsweise geschehen, ins liebliche Eckental, wo ich um eine Kurve biegend meinen Augen nicht traute, denn es stand da ein in Schwarz/Rot/Gold gehülltes Haus.

Nach der EM ist vor der WM

Vor ein paar Wochen, da Heerschaaren patriotisch gesonnener Landsleute sich genötigt sahen, Autos, Motorräder und Häuser solchermaßen zu beflaggen, hätte mich eine derartige Hausverhüllung kaum verwundert und ich wäre wahrscheinlich einfach weiter gefahren. Aber jetzt, da die Fußball-EM doch längst Geschichte und für die anstehende WM doch heute erst die Qualifikation gegen den Angstgegner von den Färöer-Inseln beginnt, war mein erster Gedanke: dieses Haus gehört dem Direktor des ansässigen Gymnasiums, der sich gerade im wohlverdienten Urlaub befindet und seine Schüler beliebten, einen nachträglichen Abiturscherz zu veranstalten.

Nichts dergleichen. Gernstl-gleich bin ich zu den neben dem Haus stehenden Hausbesitzern gegangen und habe gefragt, was es mit der Verkleidung auf sich hätte.
Der gemeine Hausbock sei schuld, sagte der Mann, während seine Frau süßsauer lächelnd am hoffentlich hausbockfreien Jägerzaun lehnte. Ein Schädling, der, hat er sich einmal im Gebälk festgesetzt, zum baldigen Einsturz des Hauses führen kann, und deshalb mit Sulfuryldifluorid begast werden muss.

Meine Theorie, dass man dem Käfer mit der Farbwahl der Umhüllung zeigen wolle, dass er sich in Deutschland keine Chancen einräumen solle, sich hier auszubreiten, habe ich lieber für mich behalten.


Überwiegend Par

03.09.2012

8 mal Par, 7 mal Double Bogey, 3 mal Bogey

Spiele ich auch nicht jeden Tag: acht mal Par. Fast hätte es am letzten Loch noch ein neuntes gegeben. Ja und ein paar weniger Double Bogeys hätten es auch sein dürfen. Aber insgesamt keine ganz schlechte Samstagsrunde.


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