Henrik Freischlader im Nürnberger Hirsch

13.03.2014

Es gibt ja die Legende, dass gute Bluesmusiker an der berühmten Crossroad ihre Seele dem Teufel verkauft haben sollen, damit der ihnen beibringt, wie man den Blues spielt.
Bei Henrik Freischlader war das glaube ich nicht so. Wenn es jemanden gibt, der Empathie und Sympathie in einer Person vereint, dann ist es dieser grandiose Musiker aus Wuppertal. Beim gestrigen Konzert im Nürnberger Hirsch hat er das alleine schon wieder einmal damit bewiesen, dass er höchstpersönlich als „Ersatzmann“ für den ausgefallenen Gitarristen der Vorband um die charismatische Sängerin Layla Zoe eingesprungen ist.

Auch die Geste, nach einem herrlichen Keyboardsolo von Mr. Mo, Moritz Fuhrhop, doch einen längeren Break zu machen, damit die Zuschauer dieses Solo länger beklatschen können und er seine etwas verblüfft dreinblickende Band nach dem Song aufforderte, diesen Break doch bitte jetzt, quasi just in time, mit ihm zu üben und uns, die Zuschauer, aufforderte, die entstehende Pause bitteschön ausgiebigst mit Applaus zu bedenken, auch diese Geste lässt kaum darauf schließen, Herr Freischlader hätte sich in irgendeiner Weise mit dem Teufel eingelassen.

Einzig der Song mit dem Refrain What’s my motherfucking Name wirkt ein wenig verirrt. Man nimmt dem smarten Herrn Freischlader derartigen Gossenslang einfach nicht ab und auch das durch die Bank etwas betagtere Publikum im ordentlich gefüllten Hirsch schließt sich nur vereinzelt der Aufforderung an, diesen Refrain, der jeweils auf einen schrägen Gitarrenriff folgt, mitzusingen. Ich sehe schon, ihr habt keinen Bock auf Singen, resümiert Freischlader grinsend und greift daraufhin umso beherzter in die Saiten.

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Henrik Freischlader und Band

Das wirklich großartige an seiner Musik ist, dass er sowohl die leisen und leisesten Töne, als auch das volle Brett wie kaum ein anderer beherrscht. Eine seiner Balladen leitet er mit dermaßen wohl aufeinander abgestimmten Arpeggios ein. Man kann nur staunen, über so viel Beseeltheit, über sein Timing, über seine Anschlagstechnik. Umso ärgerlicher, wenn irgend so ein Spacko aus dem Publikum meint, grölen zu müssen: Jetzt geht’s loooos.
What’s your motherfucking Name, hatte ich auf der Zunge, habe es mir dann aber dann doch verkniffen.

Richtig was auf die Ohren gibt es, wenn Freischlader die Röhren seiner eigens für ihn konzipierten Realtone-Verstärker in die Sättigung fährt und sich jeder Anschlag mit einem lauten Schmatzen in einen langen, stehenden Ton wandelt. Und ein solcher Ton steht und steht und steht und steht. Manchmal etwas zu lange und die Figuren – vor allem bei den Balladen – sind dann doch auf die Dauer etwas redundant. Ich glaube, das Publikum hätte sich zum Schluss lieber ein paar Wachmacher-Shuffle als noch eine getragene Ballade im Ultralangsamtempo gewünscht.

Sei’s drum. Es war ein großartiger Abend mit Bluesrock, wie man ihn amtlicher nicht darbieten kann. Layla Zoe als Vorgruppe mit dem Meister persönlich an der Gitarre, war sowohl was fürs Auge, als auch fürs Ohr, als auch fürs Herz. Freischladers empathische Einstellung hat sich übrigens zum dritten Mal gezeigt, als er erzählte, dass für eine Vorgruppe bei einer Tour oft nur die Kosten hereingespielt würden und er uns deshalb vorschlagen würde, am Merchandising-Stand doch lieber etwas von Layla Zoe, als von seiner Band zu kaufen.
Also gut, ich war so frei und habe mir die neueste CD der Dame gekauft: The Lily – sehr hörenswert!


… und, wer gewinnt?

24.02.2014

Mein Vater ist 88 Jahre alt. Er hat den zweiten Weltkrieg hauptsächlich in englischer und amerikanischer Gefangenschaft verbracht. Erst Jahre nach dem Krieg kam er wieder nach Hause. Keiner seiner Freunde und Verwandten hatte damit gerechnet, dass er wieder zurückkehrt, man hatte ihn für tot gehalten.
Er hat einen Streifschuss an der linken Hand und einen Steckschuss in der rechten Schulter. Er hat Magen- und Darmkrebs überlebt, seine Gallenblase und zwei Drittel des Magens  mussten entfernt werden. Ich bin sein einziger “überlebender” Sohn. Mein großer Bruder hat das Licht der Welt gar nicht erst erblickt, er ist tot geboren. Mein kleiner Bruder ist Ende der 90er Jahre an Krebs gestorben.

Seit ein paar Monaten lebt Vater zusammen mit Mutter in einem Seniorenheim. Es war ein grausamer nervenaufreibender Prozess, bis sich endlich alle Beteiligten mit dieser Situation abgefunden hatten.
So oft, wie seitdem die beiden im Seniorenheim leben, haben wir uns die Jahre vorher zusammengenommen nicht gesehen. Früher drei Mal im Jahr, jeweils zu den Geburtstagen und an Weihnachten. Jetzt fast jedes Wochenende.

Mein Vater und ich spielen dann Schach. Mutter fragt immer: “… und, wer gewinnt?”
Ich verliere meistens.

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Verdammter Krieg

02.10.2013

Bombennächte kündigten sich durch Sirenen an. Wenn Heike vom Geheul der Sirenen und der panischen Stimme ihrer Mutter aus dem Schlaf gerissen wurde, nahm sie ihren Stoffhasen, ein Buch und eine Wolldecke und ging mit Mutter, Schwester und Bruder in den Keller. Wenn sie im Hausflur auf Nachbarn trafen, überholten sie diese nicht, sondern gingen gemeinsam mit ihnen nach unten, tauschten sich darüber aus, wie furchtbar das alles sei und fragten immer wieder, wie lange denn das noch gehen solle, mit diesem verdammten Krieg. „Verdammt“ allerdings dachten sie nur. Sie sprachen es nicht aus, denn, so war ihnen beigebracht worden, der Krieg sei zwar einerseits ganz furchtbar, andererseits aber auch notwendig, weil es da draußen nur so von Feinden wimmele, die zu besiegen und in die Knie zu zwingen sich das deutsche Volk vorgenommen hatte, koste es, was es wolle. Ein paar schlaflose Nächte mussten für den Endsieg in Kauf genommen werden. „Verstehst Du?“ Heike verstand das nicht und dachte in Endlosschleifen „verdammter Krieg, verdammter Krieg, verdammter Krieg …“

Im Keller roch es modrig, es brannte ein schwaches Licht, das die Dunkelheit eher noch verstärkte und ein höchst unangenehmes Gefühl der Enge, der Beklemmung und des Ausgeliefertseins verursachte. Manche Kinder weinten. Auch Heike und ihr Bruder Franz weinten oft. Nur Ihre Schwester Astrid weinte nie. Die war immer sehr tapfer und überzeugt davon, mit eiserner Miene zum bösen Kellerspiel die Situation besser und unbeschadeter überstehen zu können.
„Astrid weint doch auch nicht“, mussten sich Franz und Heike oft anhören, von der eigenen Mutter und den Müttern der anderen Kinder.
Beispiel nehmen, den Stoffhasen an sich drücken, versuchen im mitgebrachten Buch zu lesen, die Ohren zuhalten, wenn es besonders laut und unerträglich dröhnte. Einmal ging der Stoffhase auf dem Weg in den Keller verloren. Heike wollte es nicht wahrhaben und suchte den Hasen im diffusen Licht des Kellers. Sie wollte nicht weinen, aber die Vorstellung, das Haus würde eine Bombe treffen und der Stoffhase würde dabei verbrennen, war für sie unerträglich. Je angestrengter sie tapfer sein wollte, desto weniger konnte sie die Tränen zurückhalten. Ihre Mutter merkte sofort, dass es diesmal ein anderes, ein besonderes Weinen war, zog Heike nahe zu sich heran, sah ihr in die Augen und fragte, was denn los sei. Als Heike mit der Sprache herausrückte, erwartete sie, ihre Mutter würde sagen, es sei doch nur ein Stoffhase, doch stattdessen strich sie ihr liebevoll über den Kopf und sagte: „Ich hole ihn Dir, warte hier, ich bin gleich wieder zurück“.
Gerade, als ihre Mutter aufgestanden war und den Keller verlassen hatte, gab es eine laute Explosion und Heike hatte plötzlich nicht mehr nur Angst um ihren Stoffhasen, sondern auch um ihre Mutter. Sie schrie so laut sie konnte nach ihrer Mutter. Ihre Geschwister waren so entsetzt, dass sie gar nicht wussten, was sie tun sollten. Eine Nachbarin versuchte sie in den Arm zu nehmen, doch Heike ließ sich nicht anfassen. Sie kauerte in einer Ecke. Das Licht ging aus. Kerzen wurden angezündet. Dann gab es erneut eine heftige Explosion. Die Menschen im Keller packte jetzt das blanke Entsetzen, zumal eine Druckwelle den Raum erfasste, so dass sich fast alle sicher waren, jetzt war das Haus tatsächlich von einer Bombe getroffen worden und Heikes Mutter war entweder tot oder zumindest schwer verletzt. Frau Burger, die zwei Töchter im gleichen Alter hatte, malte sich bereits aus, Heike, Astrid und Franz zu sich zu nehmen. In Gedanken nahm sie ihre Töchter zu sich ins Bett und die anderen drei sollten im Kinderzimmer in einem zwar viel zu kleinen, aber immerhin in einem Bett schlafen. In Gedanken ging sie die restlichen Nachbarn durch, die hier saßen und  kam zu der Erkenntnis, dass niemand in der Lage sei, die drei aufzunehmen. Nicht der alte Graser, der ein jähzorniger Nazi war, nicht das Ehepaar Gloss, von dem bekannt war, dass es schon zahlreiche Juden denunziert hatte, nicht Frau Oldenburg, die selbst fünf Kinder hatte, nicht Emmi Landmann, die ein Alkoholproblem hatte und nicht die Geschwister Stark, die mit ihren Schwarzmarktgeschäften zu sehr beschäftigt waren. Nein, Frau Berger war sicher, sie und ihre zwei Kinder waren die richtige Pflegefamilie, zumindest so lange, bis sich nähere Verwandte von Heike und ihren Geschwistern fanden. Während sich in ihrem Inneren Herz, Beschützerinstinkt und Verstand darüber in einer kurzen, aber konstruktiven Diskussion darauf einigten, gab es eine dritte Explosion, die noch stärker war, als die letzte und damit den Schlusspunkt unter das Leben von Heikes Mutter gesetzt zu haben schien. Aber stattdessen ging die Tür auf und Heikes Mutter trat ein, den Stoffhasen triumphierend in die Höhe haltend. Fast gleichzeitig ging das Licht wieder an. Heike sprang auf, umarmte ihre Mutter und war so außer sich vor Freude und Glück, dass alle im Keller weinen mussten. Selbst Graser, der alte Nazi rieb sich die Augen.

Der Stoffhase war heil. Dreckig und abgeschmiert zwar, aber heil. Das Haus war nur mäßig beschädigt, aber das Nachbarhaus war mehr oder weniger vollständig eingestürzt. Gedanken, die sich noch vor kurzem nur Frau Burger gemacht hatte, musste sich jetzt auch Heikes Mutter machen, denn im Nachbarhaus wohnten vier Familien mit Kindern, die jetzt kein Zuhause mehr hatten. Als der Luftangriff vorbei war, musste eine Entscheidung getroffen werden. Die Kinder wurden ins Bett gebracht, die Mütter trafen sich auf den brennenden Straßen und steckten die Köpfe zusammen. In allen Müttern kroch der Hass hoch und alle schimpften. Niemand nahm mehr Rücksicht auf eventuell mithörende Denunzianten, die am nächsten Morgen bei einschlägigen Behörden vorstellig werden würden, um zu berichten, dass es am Vorabend eine subversive Versammlung wütender Frauen und Mütter gegeben hatte, bei der der Krieg verdammt und der Führer beschimpft worden war. Heikes Mutter hätte eine der in dieser Nacht obdachlos gewordenen Nachbarsfamilien aufgenommen, hätte sich nicht Frau Burger vorgedrängt und sich bereit erklärt, Frau Zierlig mit Tochter und Großvater aufzunehmen. Die anderen drei Familien hatten Verwandte in der Nähe, wo sie unterkommen konnten. Bei Tageslicht wollte man sich dann die Schäden ansehen und darüber befinden, was an Hab und Gut noch zu retten war.

Heikes Mutter aber hatte in dieser Nacht einen anderen Entschluss gefasst: Landflucht. Raus aus der Stadt. Raus aus den Kellern. Weg von den Bomben. Weg von den brennenden Straßen. Wiesen, Felder, Landluft, Durchschlafen in der Nacht. Den Stoffhasen endlich einmal waschen.
Ein Bruder von ihr besaß auf dem Lande ein Haus, in dem eine kleine Wohnung frei war. Zwar nicht unbedingt mit ausreichend Platz für drei Kinder, aber es würde schon irgendwie gehen. Gleich am nächsten Tag schickte sie einen Brief zu ihrem Mann ins Feld in dem sie ihm mitteilte, dass sie ihren Bruder bitten würde, sie und die Kinder in der kleinen Einliegerwohnung aufzunehmen. Ihre beiden Schwestern, die als Dienstmädchen in der Großstadt in Stellung gegangen waren, und denen die allnächtlichen Bombenangriffe ebenfalls  viel zu sehr zusetzten, sollten auch mit. Wo Platz für vier war, war auch Platz für sechs.

Ihr Bruder sagte zu. Ihr Mann antwortete nicht. Er antwortete nicht, als nach Tagen der Möbelwagen gepackt war. Er antwortete nicht, als am nächsten Tag Heike mit Mutter und Geschwistern mit der Reichsbahn die Großstadt verließen und aufs Land in ihr neues Domizil fuhren. Er antwortete nicht, als sie sich bereits notdürftig eingerichtet hatten und die ersten Streitereien mit den Schwestern der Mutter und den Hausbesitzern ausgebrochen waren, weil die Kinder zu laut waren oder man sich auf keine für alle Seiten befriedigende Nutzung des einzigen Badezimmers im Haus einigen konnte. Er antwortete immer noch nicht, als der Sommer vorbei war und Heike, Astrid und Franz nicht mehr im Dorfweiher baden durften.
Heikes Mutter schrieb noch zwei weitere Briefe mit der dringenden Bitte um Antwort an ihren Mann, weil es immer sein konnte, dass der Feldpostbeamte umgekommen oder die Briefe auf ihrem komplizierten Weg an die Front oder von der Front abgefangen wurden oder sonst irgendwie verloren gehen konnten.  Doch auch die blieben unbeantwortet.
Als der erste Schnee fiel, Heikes Mutter dem Stoffhasen ein abgerissenes Ohr wieder angenäht hatte und Heike daraufhin beschloss, Schneiderin zu werden, als die Badezimmerordnung endlich verabschiedet und zur Zufriedenheit aller auch halbwegs eingehalten wurde, als die Kinder sich daran gewöhnt hatten, nach 18:00 Uhr nicht mehr schreiend durch die Wohnung zu rennen, weil sich die Schwestern und der Bruder von Heikes Mutter ihre Ruhe haben wollten, erreichte die Familie ohne Mann und Vater ein Brief vom Heerespersonalamt. Heikes Mutter öffnete ihn erst, als die Kinder im Bett waren. Sie musste bereits weinen, als sie mit dem Brieföffner das Kuvert aufschnitt. Sie hielt sich die Hand vor den Mund, als sie die ersten Zeilen las, damit ihr Schluchzen die Kinder nicht aufweckte. Sie überflog den Brief, legte ihn beiseite, ging ins Wohnzimmer, weinte so lange, bis ihr gesamter Körper schmerzte, nahm den Brief erneut und las ihn wieder und wieder.
„Vermisst“ stand da. Ihr Mann war vermisst. Vielleicht war er tot. Vielleicht war er gefangen genommen worden. Ein Standardbrief mit Bedauern darüber, nicht mehr über seinen Verbleib sagen zu können und darüber, mit ihm einen tapferen Soldaten verloren zu haben, mit einem abschließenden Appell an das Durchhaltevermögen, die Stärke und die Tapferkeit einer deutschen Ehefrau und Mutter und mit ideologisch verbrämten Aussichten auf bessere Zeiten, wenn denn der Feind endlich besiegt sein würde.
Endlosschleife: „verdammter Krieg, verdammter Krieg, verdammter Krieg …“

Heike war wochenlang, monatelang am Boden zerstört. Sie konnte und wollte nicht wahrhaben, dass sie ihren Vater nicht mehr wiedersehen würde. Es bestand zwar noch der Schimmer einer Hoffnung, dass er nicht tot, sondern gefangen genommen worden war und nach dem Krieg irgendwann wieder nach Hause kommen würde, aber sie wollte sich gar nicht  erst an diesen Strohhalm klammern. Sie verkroch sich in ihrem Bett, umklammerte den Stoffhasen, dachte an die Stunden, die sie mit ihrem Vater verbracht hatte, an sein handwerkliches Geschick, das ihn befähigte, jedes Jahr etwas Selbstgebasteltes unter den Weihnachtsbaum zu legen, an seine Geduld, mit der er in der Lage war, selbst im schlimmsten Fragealter der Kinder noch Herr der Lage zu bleiben, ohne die sonst übliche Totschlags-Erwachsenenantwort „weil das eben so ist“, an seine stattliche Erscheinung und seine geschliffenen Umgangsformen, die er sich als Handelsvertreter einer großen Kaffeemarke angeeignet hatte, an sein liebevolles Wesen, an alles was für Heike einen perfekten Vater ausmachte.
Weil sie aber nicht nur traurig, sondern auch ein wenig wütend sein wollte, dachte sie auch daran, dass er wegen seines Berufs kaum zu Hause gewesen war. Selbst die Wochenenden waren verkürzt, weil er fast jeden Freitag spät heim kam und am Sonntag Nachmittag schon wieder abreisen musste. Als ihr Vater noch nicht an der Front war, sondern jede Woche seine Vertretertour durch Deutschland antrat, fieberte Heike die ganze Woche darauf, ihn wenn möglich noch am Freitagabend wieder zu sehen. Wenn es zu spät zu werden drohte und ihre Mutter sie ins Bett geschickt hatte, konnte sie so lange nicht einschlafen, bis sie endlich die aufgeregten Geräusche im Flur und dann im Wohnzimmer hörte, wenn ihre Mutter und ihr Vater sich leise unterhielten und Heike meinte, einen dezenten Kaffeegeruch, der ihrem Vater anhaftete, durch den Türschlitz und das Schlüsselloch riechen zu können. Sie fühlte sich dann rundum geborgen. Kein Glück war vollkommener, als die Gewissheit darüber, dass jetzt die Familie vollständig war. Alle waren zu Hause. Alle waren dort, wo sie hingehörten. Astrid und Franz lagen in ihren Betten neben ihr. Ihre Mutter saß bei ihrem Mann, sah ihm dabei zu, wie er das von ihr gekochte und warmgehaltene Abendbrot verspeiste und hörte ihm zu, wie er die Ereignisse der Woche auf die ihm ganz eigene Weise kommentierte: einerseits ruhig und sachlich, andererseits davon beseelt, endlich mit jemandem zu reden, der nicht König Kunde war.
Als Heike noch kleiner war, ist sie immer aus ihrem Zimmer gerannt, um ihren Vater überschwänglich zu begrüßen, aber nachdem es in den letzten Monaten immer später geworden war und es ihre Mutter nicht so gerne sah, wenn Heike so spät noch nicht schlief, ermahnte sie Heike wiederholt, dies zu unterlassen und schickte sie mit strafendem Blick wieder ins Bett. Also beließ es Heike dabei, das wohlige Geborgenheitsgefühl zu genießen, indem sie die Stimmen ihrer Eltern, das Klappern des Bestecks aus der Ferne hörte und den Kaffeeduft, den Geborgenheitsduft, den Vaterduft roch, bis sie darüber einschlief.

Das alles war jetzt vorbei. „Nie mehr“ dachte Heike und diese Erkenntnis war ob ihrer Endgültigkeit so niederschmetternd, dass sie nächtelang weinte. Sie wusste, dass ihre Geschwister ihr Schluchzen hörten, aber sie taten keinen Mucks in ihren Betten, obwohl auch sie weinten. Aber sie wollten ihrer kleinen Schwester ein Vorbild sein, wenngleich es Heike viel besser gefallen hätte, die beiden wären zu ihr ins Bett gekrochen und hätten sie und damit sich alle getröstet. Aber solche Verhaltensweisen waren nicht üblich in jener Zeit. Jeder war für sein eigenes Unglück zuständig. Jeder litt für sich alleine.

In den frühen Morgenstunden des 17. April 1945 wurden Heike, Astrid und Franz von dem gespenstischen Geräusch geweckt, das Panzerketten auf Asphalt verursachen. Zwei schwere amerikanische Kampfpanzer waren bedrohlich scheppernd über die alte Bundesstraße auf den oberen Markt des Dorfes gekommen und positionierten sich mit den Geschützrohren in westliche und östliche Richtung zeigend auf dem Marktplatz. Überall in den Häusern gingen die Lichter an, doch kaum jemand traute sich auf die Straße. Die Motoren der Panzer liefen noch eine ganze Weile, bis sich nach endlosen Minuten endlich eine Luke öffnete, aus der ein mächtiger, stahlbehelmter schwarzer Soldat stieg.
„Ein Neger“, sagte Astrid und rief sich aus dem rassekundlichen Unterricht sofort die Karikatur des faulen, stinkenden und triebhaften Menschen ins Gedächtnis, mit dem in Kontakt zu treten, gar sich mit ihm zu vereinigen, sämtlichen Mitgliedern der arischen Herrenrasse bei Strafe verboten war.
Doch die normative Kraft des Faktischen bewirkte, dass nach ein paar Tagen kein Mensch mehr etwas von derartigen Rassengesetzen wissen wollte, schon weil sich Bob  – so hieß der Soldat – in den nächsten Tagen als Gemütsmensch erster Klasse entpuppte, der sich mit Kaugummis, Schokolade und jeder Menge Empathie die Zuneigung nicht nur der Kinder sondern nahezu sämtlicher Dorfbewohner – einschließlich Astrid – erwarb.
Die Panzer und die Soldaten blieben fast drei Monate. Die Panzer wurden in dieser Zeit keinen Meter bewegt, nur die Geschützrohre in nördliche Richtung parallel ausgerichtet, so als sollte es kein Ost oder West mehr geben. Die Soldaten integrierten sich in dieser kurzen Zeit ganz hervorragend in die Dorfgemeinschaft. Vor allem Bob, „der Neger“, war der Liebling aller Bewohner und wurde ein ums andere Mal von diversen Familien zum Essen eingeladen.

Eines Tages stand Bob zusammen mit einem weißen Kameraden, den er in äußerst gebrochenem Deutsch als seinen Freund Frank – er sagte natürlich Fränk – vorstellte, in der Tür vor Heike und Astrid und sagte zu den ebenso erschrocken, wie ehrfürchtig dreinblickenden Mädchen, dass er neulich hier im Hause ein Klavier gehört hätte und ob sein Freund und Kamerad Frank, der ein begnadeter Pianist sei, nicht einmal auf diesem Klavier spielen dürfe.
„A genius – believe me – Frank is a genius,“ beteuerte er und Astrid und Heike waren Feuer und Flamme, Fränk The Genius Klavier spielen zu sehen und zu hören. Sie liefen sofort zu ihrer Mutter, die bat die beiden Soldaten herein, klappte am Klavier die Abdeckung der Tasten hoch und Frank begann zu spielen.
Er spielte so wunderschön, so abwechslungsreich, so fehlerfrei , dass die Mädchen und ihre Mutter auf der Stelle zu weinen begannen, weil dieser verdammte Krieg, der ihnen ihr Zuhause, ihren Vater und Ehemann weggenommen hatte, wenigstens jetzt, am Ende, eine kleine Entschädigung dafür bot, indem er ihnen einen begnadeten Pianisten ins Dorf geschickt hatte, der sie mit wundervoller Musik verzauberte. Nur Heikes Bruder Franz war nicht begeistert. Der stand eifersüchtig, mit verschränkten Armen in der Ecke und wünschte, die Deutschen hätten den Krieg gewonnen.

Frank kam ab dato fast jeden Tag, um Klavier zu spielen. Inzwischen war es Mai, die Kapitulation war ausgesprochen, die Entnazifizierung nahm ihren Lauf. First Lieutenant Scott, der die Truppe mit den beiden Panzern am Obermarkt und den vier Panzern am Untermarkt befehligte, hatte sich dazu ein Büro im Gemeindesaal eingerichtet und ließ die Honoratioren des Dorfes nacheinander antreten, um sie hochnotpeinlich zu befragen. „Mitläufer“ sollte am Schluss dieser Aktion in den meisten Akten stehen.
Die Temperaturen im Mai des Jahres 1945 ließen es zu, die Fenster geöffnet zu lassen und wenn Frank auf dem Klavier spielte, versammelte sich unter dem Fenster stets eine kleine Gruppe Kulturhungriger , die Fränk The Genius dabei zuhörte, wie er Chopin, Dvořák, Tschaikowski, Gershwin und Miller interpretierte. Astrid und Heike bekamen eine Ahnung davon, was es bringt, fleißig Klavier zu üben und stritten sich in der Zeit, in der Frank nicht spielte, um einen Platz am Instrument. Ihre Mutter musste deshalb einen Belegungsplan aufstellen und Frank wurde ein ums andere Mal als Musiklehrer engagiert.

Am Vorabend, als die Soldaten wieder abrückten, schenkte Frank den Mädchen handgeschriebene Noten, ermahnte sie liebevoll, immer fleißig zu üben, küsste beide auf die Stirn und spielte noch einmal auf besonderen Wunsch von Heike das Frühlingsrauschen von Christian Sinding.

Als Frank und seine Kameraden abgerückt waren, wollte Heike nicht mehr Klavier spielen. Sie wusste, dass sie nie so wie Frank würde spielen können und hasste die kläglichen Übungsversuche ihrer Schwester. Obwohl der Frühling mit Macht ausgebrochen war und alle Kinder draußen spielten, verkroch sich Heike in ihrem Zimmer.


Ein großer Spaß, dieses Sterben. Nur das Warten nervt.

05.07.2013

Ich sitze in der Kirche neben meinem Onkel in der ersten Reihe. Mein Onkel weint. Er blickt etwas hilflos um sich, weil er keine Taschentücher mehr hat. Wie immer, wenn ich zu einer Beerdigung gehe, hatte ich mir vorgenommen, genügend Taschentücher einzustecken. Wie immer hatte ich zu wenig dabei. Die Liebste eilt zu Hilfe und gibt ihm eins.

Vor uns steht der Sarg seines Sohnes, meines Cousins, daneben eine Staffelei mit einem Bild von ihm. Meine Tante sitzt in einem Rollstuhl direkt neben diesem Bild. Auch sie weint. 56 Jahre alt ist mein Cousin geworden. Seine drei Söhne und seine Frau sitzen in der ersten Reihe über dem Gang. Schwarzer Hautkrebs mit Metastasen im Gehirn. Die teuersten Bestrahlungs- und Chemotherapien haben nichts geholfen. In der Todesanzeige stand: Gekämpft, gehofft und doch verloren.

Mein Cousin war ein sehr umtriebiger und engagierter Bürger in seiner Heimatstadt. Er hat sich für Heimatkunde und Heimatgeschichte interessiert, zu diesen Themen mehrere Bücher veröffentlicht, er war Gemeinderatsmitglied und zum Schluss Vorsitzender eines ortsansässigen und von ihm mitgegründeten Industriemuseums. Entsprechend voll ist die Kirche. Nachdem die Pfarrerin ihren Dienst getan hat, mein Onkel das neue Taschentuch durchgeweint und die Tante die Worte „Mein Gott, warum hast Du mich verlassen“ verzweifelt und händeringend wiederholt hat, gibt es diverse Nachrufe und Trauerreden. Der Oberbürgermeister, der Vorsitzende des CSU Ortsverbands, ein guter Freund und der Pfarrer der anderen Fraktion, ein Inder, der in gebrochenem Deutsch eine sympathisch-persönliche Geschichte erzählt, davon, wie er meinen Cousin zum ersten Mal getroffen hat, mit Büchern unter dem Arm und er, der Herr Pfarrer dachte, mein Cousin sei ein Hausierer, sich dann aber herausstellte, dass er mit dem Herrn Pfarrer nur über seine Heimat und seine Projekte sprechen wollte.

Es ist ein kalter, ungemütlicher Tag. Ein Tag, wie für eine Beerdigung gemacht. Der Friedhof liegt gleich neben der Kirche. Als der Sarg in die Grube gelassen wird, beginnt es leicht zu regnen. Die Schleifen des Blumenbuketts, das meine Eltern, die Liebste und ich mitgebracht haben, werden vom Wind erfasst. Letzter Gruß steht auf einer Schleife. Mir ist kein besserer Text eingefallen. Ich beobachte, wie sich die Trauergäste paar- und familienweise von meinem Cousin verabschieden. Meine Eltern sind nicht mitgekommen. Sie warten alt und gebrechlich zu Hause auf den Tod, der sich Zeit mit ihnen lässt, weil er offensichtlich damit beschäftigt ist, junge Burschen, wie meinen Cousin zu holen. Irgendwie ungerecht, denke ich, als die Liebste und ich am Grab stehen und Erde und Blumen hinein werfen. 

Mir fallen Szenen aus unserer Kindheit und Jugend ein: im Jugendzimmer meines Cousins, in dem er detailgenau die Mondlandefähre und die Trägerrakete Apollo 11 aus Pappmaché nachgebaut hatte. Im Kirchgarten des Wohnorts unserer gemeinsamen Oma, wo auf der Kirchenmauer der Name unseres Opas als Weltkriegs-Gefallener neben hunderten anderer Namen eingraviert war und wir immer ganz andächtig wurden, wenn wir ihn nach längerer Suche endlich gefunden hatten. Im Garten seiner Eltern, in dem ein kleiner Teich mit in der Erde steckenden Gansfedern eingefasst war, weil mein Cousin Angst vor diesen Federn hatte und damit kaum Gefahr bestand, dass er in den Teich fallen würde. Im Schwimmbad, wo er und seine erste Freundin so geknutscht haben, dass ich ernsthaft befürchtete, die beiden fressen sich gegenseitig auf. An ein Frühstück, zu dem er zu uns nach Hause gekommen war und bei dem uns auffiel, dass er aus den Semmeln nicht, wie wir, das Innere heraus pulte, sondern es mit dem Messer platt drückte und Margarine und Honig drauf strich. An seine Hochzeit, bei der er kurz vor dem Kirchgang plötzlich verschwunden war, weil er sich unbedingt noch die Füße waschen musste, eine klassische Übersprungshandlung, wie ich später im Studium gelernt habe …

Der Leichenschmaus findet in einem Traditionsgasthaus statt. Nach den vielen Tränen vor und in der Kirche und später am Grab macht sich dann, als jeder seinen Platz gefunden hat und alle mit Kaffee und Kuchen versorgt sind, eine seltsame Entspanntheit breit. Endlich kann man reden. Endlich kann man sich wieder den wirklich unwichtigen Dingen des Lebens zuwenden. Nahrungsaufnahme, Zuckeraufnahme. Vielleicht einen Schnaps. Auf jeden Fall ein Bier. Der Tod, der ebenso machtvoll, wie unangekündigt, wie ungebeten alle Aufmerksamkeit an sich gerissen hat, bleibt – zumindest für die nächsten zwei Stunden – außen vor. Er bleibt auf dem Friedhof. Dort, wo es regnet und für die Jahreszeit zu kühl ist. Dort, wo der Wind die Schleifen der Blumenbuketts und der Kränze durcheinanderbringt und zerfleddert.

Mein Blick fällt auf zwei sich gegenüber sitzende Bierdimpfl am Stammtisch des Schankraums. Sie gehören nicht zur Trauergemeinde. Sie saßen schon hier, als wir eingetroffen sind. Beide um die sechzig Jahre alt, der eine trägt eine Baseballkappe, der andere einen Tiroler Hut. Die Baseballkappe redet wie ein Wasserfall auf den Tiroler Hut ein, doch der scheint sich überhaupt nicht dafür zu interessieren. Sein Blick wandert in einem fort von den Wirtsleuten hinter dem Tresen zur Trauergemeinde im Saal, dann aus dem Fenster, kurz zu seinem Baseballkappen-Gegenüber, zu seinem Weizenbierglas, aus dem er ab und zu nippt, wieder zurück zu den Wirtsleuten. Die Baseballkappe brennt ein Feuerwerk an Bildzeitungs- und Stammtischplattitüden ab. Die Szene ist so grotesk, dass ich am liebsten aufstehen, mich zu den beiden an den Tisch setzen, den Kappenträger schütteln, ihn anbrüllen und die Frage stellen möchte, ob er noch alle Tassen im Schrank habe. Ob er nicht merke, dass sein Gegenüber gar nicht zuhöre. Ob er nicht wisse, was für einen Unsinn er da rede. Ob er sich nicht denken könne, dass wir, die Trauergemeinde, die Wirtsleute und der Tiroler Hut nicht scharf darauf sind, zu hören, was für eine gequirlte Scheiße er da von sich gebe. Ich lasse es natürlich bleiben.

Draußen scheint inzwischen die Sonne. Meine Tante isst ihr zweites Stück Kuchen. Mein Onkel erzählt mir, wie hundsgemein die Ärzte ihm seinen Führerschein „gestohlen“ hätten, indem sie ihm epileptische Anfälle attestierten. Epileptische Anfälle, echauffiert er sich, ich hatte in meinem Leben noch keinen epileptischen Anfall.
Meine Tante, die diese Geschichte bestimmt schon hundert Mal gehört hat, schimpft und sagt, dass das doch wohl keinen Menschen mehr interessiere. Er habe doch zum Schluss gar nicht mehr gewusst, wie man einen Gang einlegt. Mein Onkel schüttelt den Kopf und ist beleidigt.

Ich lächle gequält und meine Übersprungshandlung ist nicht eine Fußwaschung, sondern etwas zeitgemäßer, ein Blick ins Smartphone. Facebook-, E-Mail-, Blog-Postings. Der Schriftsteller Wolfgang Herrndorf, der an einem unheilbaren Gehirntumor leidet und seit über zwei Jahren sein Sterben in einem Weblog dokumentiert, schreibt: Ein großer Spaß, dieses Sterben. Nur das Warten nervt. Ich warte darauf, dass die Baseballkappe sagt: Genieße das Leben beständig, Du bist länger tot als lebendig. Aber er tut mir diesen Gefallen nicht.


Elternzeit

16.03.2013

Man sollte eigentlich eine Selbsthilfegruppe gründen. Wobei, in gewisser Weise haben wir das schon getan. Es vergeht keine Woche, in der wir uns nicht darüber austauschen, was sie schon wieder angestellt haben, wie unvernünftig sie dauernd sind, was wir an ihrer Stelle anders und besser gemacht hätten oder machen würden. Wir wundern uns darüber, was in ihren Köpfen vorgehen mag, warum sie sich, einst übermütterlich und überväterlich besorgt und um unser Wohlergehen bedacht, so nach und nach wieder zu Kindern zurückzuentwickeln scheinen. Wir, Menschen um die fünfzig, die derzeit alle das gleiche “Problem” haben: alte Eltern.

Ich telefoniere mit einer Freundin. Ihr Vater kam dieser Tage nach einer schweren Operation aus dem Krankenhaus nach Hause und sie musste feststellen, dass der bisher peinlich auf sein Äußeres bedachte Mann sich plötzlich gehen lässt, sich nicht mehr waschen und rasieren will und die Kommunikation mit seiner Umwelt, egal ob mit Tochter, Frau oder Schwiegersohn, darauf beschränkt, sich entweder zu beschweren oder abzuwinken oder alles besser wissen zu wollen.
Ich mache derzeit die gleiche Erfahrung mit meinem Vater, allerdings mit dem Unterschied, dass ich ihn nicht täglich sehe, sondern nur zwei, drei Mal in der Woche mit ihm telefoniere. Telefonieren muss, weil meine Mutter, die seit mehreren Krankenhausaufenthalten jetzt in einem Pflegebett liegt, keine Lust mehr zum Telefonieren hat und alles an ihn delegiert. Er fühlt sich missverstanden, beklagt sich bei jedem Telefonat, dass die über fünfzig Jahre währende Ehe jetzt plötzlich so den Bach runter geht. “Fünfzig Jahre ist alles gut gegangen und jetzt kann ich ihr nichts mehr recht machen”, jammert er jedes Mal. Ich kann diesen Satz nicht mehr hören, schon deshalb, weil er so gar nicht stimmt. Meine Eltern haben nie eine besonders harmonische Ehe geführt. Fünfzig Jahre ist alles mal so gerade noch gut gegangen. Aber mein Vater hat natürlich recht, dass es in den letzten Monaten und Jahren immer schlimmer geworden ist. Ich weiß natürlich auch, an was genau das liegt. Ich, der studierte Sohn sehe hinter die Kulissen und sehe den nervenaufreibenden Altersstarrsinn meines Vaters. Er, der sich Jahre und Jahrzehnte immer schön aus allem herausgehalten hat und sich plötzlich um alles kümmern soll, spürt die Überforderung, kann oder will sie sich aber nicht eingestehen. Immer wieder beteuert er sich und seinem Umfeld, dass er das schon schaffen, dass er es schon richten, dass er es schon irgendwie hinbiegen werde.
Ich sitze dann entweder in der Küche bei ihm oder in meinem ehemaligen Jugendzimmer bei ihr, dort, wo das Pflegebett jetzt steht und höre mir an, wie beide sich über den jeweils anderen beschweren. Ich frage meine Mutter, wie sie es bloß mit der grausam enervierenden Art meines Vaters aushält. Ich gebe meinem Vater gute Ratschläge, es doch mal mit ein wenig mehr Einfühlungsvermögen oder Verständnis zu versuchen. Er versteht nicht, was ich mit damit meine. Je mehr ich versuche, ihm die Welt zu erklären, desto weiter entferne ich ihn von ihr und mich von ihm. “Fünfzig Jahre ist alles gut gegangen …”
“Nichts ist gut gegangen, Du baust Dir da Deine eigene Wahrheit”, möchte ich ihn anschreien, aber ich lass’ es bleiben – vorerst zumindest.

Und abends telefoniert wieder die Selbsthilfegruppe:
“Er ist auf die Leiter gestiegen?” -  “Ja, er musste unbedingt eine Glühbirne auswechseln.”
“Sie hat den Katheterbeutel einfach abgeklemmt? Ihre Blase wird platzen.” – “Das ist ihr glaub’ ich egal”.
“Wäscht sie sich eigentlich ordentlich?” -  “Das macht jetzt der Pflegedienst.”
“Mit 87 fährt er noch Auto?” – “Das Auto solltest Du mal sehen, eine Beule an der anderen”.
“Wovon ernähren die beiden sich eigentlich?” – “Tütensuppe und Knäckebrot.”

Ein Freund berichtet, dass sich seine Mutter im Alter ausschließlich von Weißwürsten und Grießbrei ernährt hat. Am Anfang jeder Woche hat sie den Wochenbedarf dieser, ihrer “Grundnahrungsmittel” eingekauft und ihn dann während der Woche verzehrt. Monatelang, jahrelang. Mittags Weißwürste, danach Grießbrei. Am Morgen und am Abend vielleicht mal ein Honig- oder ein Käsebrot. Kein Salat, kein Obst, kein Fleisch, kein Gemüse. Sie wurde 86 Jahre alt.

Eine Freundin erzählt mir, das Wichtigste sei eine Betreuungsverfügung. Ohne Betreuungsverfügung sei Vater Staat oft ganz schnell damit, einen gesetzlichen Betreuer zu bestellen. Ihr sei das mit ihrem alten Vater passiert, der in einem Heim lebte und dessen Betreuung an eben jenes Heim übertragen werden sollte oder gar schon übertragen worden war und damit das Pflegeheim auch an sein gesamtes Erspartes gekommen wäre und sie, die Freundin, ihren Vater nur mit dessen Entführung und der Nachreichung eben jener Betreuungsverfügung aus den “Klauen der Heimleitung” befreien konnte. Welch eine Räuberpistole.

Es ist eine merkwürdige Zeit. Sie haut einem Aphorismen und Zeitgeist-Plattitüden nur so um die Ohren. Die Menschen spielen nicht mehr, weil sie alt werden, sondern sie werden alt, weil sie nicht mehr spielen.  Ja, wann habt ihr denn zum letzten Mal Mensch ärgere Dich nicht gespielt? Gott bewahre mich davor, dass mir jemals jemand anbietet, mit ihm Mensch ärgere Dich nicht zu spielen.

Beim richtigen Partner kann man nichts falsch machen, beim falschen nichts richtig. Au ja, das sage ich nächstes Mal zu meinem Vater, wenn er mir wieder vorjammert, dass fünfzig Jahre alles gut gegangen sei. Damit weiß er bestimmt etwas anzufangen. Dann kennt er sich aus. Dann schlägt er vielleicht einmal die Tür hinter sich zu und rennt schreiend auf die Straße. Ehrlich, ich würde es ihm gönnen.

“Er ist schreiend auf die Straße gerannt?” – “Ja, ich fand das gut.” – “Du spinnst.”


AxeAgeRetro

29.01.2013

… und für alle E-Reader-, Tablet- und Papier-Leser:

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AxeAgeRetro – die 00er Jahre

18.01.2013

Ich saß im Büro. Ein unsäglich nervtötender Unternehmensberater, der vom Chef engagiert worden war und der schon ein paar Tage Marketing- und Kampagnen-Sprech ohne Sinn absonderte, hatte gerade eine Pause anberaumt. Die Raucher verzogen sich in die Küche, ich wollte mich im Internet bei einem der Online-Dienste darüber schlau machen, was der Tag bisher weltpolitisch und überhaupt so gebracht hatte. Aber auf allen Kanälen Sanduhr. Kein Durchkommen. Nichts. Nirgends.
Das Telefon klingelte. Die Liebste fragte, ob ich mitbekommen hätte, was geschehen sei. Ich sagte ihr, wir wären in einer unsäglich nervtötenden Unternehmensberater-Sitzung gewesen. Sie erzählte etwas von Flugzeugen, das ich nicht verstand und das sie mir aber auch nicht genauer erklären konnte. Drei, vier Flugzeuge, vielleicht noch mehr. Sie wusste nichts Genaues. Niemand wusste etwas Genaues. Sanduhr im Internet.
Als ich aufgelegt hatte, bereitete eine Kollegin, die einer Freikirche angehörte und die an diesem Tag ein T-Shirt mit der Aufschrift Jesus Inside trug, mit salbadernden Thesen die Firma auf den Weltuntergang vor. Der unsäglich nervtötende Unternehmensberater verstieg sich in der These, der Mossad stecke dahinter.
Wir trafen uns in der Küche. Fast wäre ich nach gut zwei Jahren Abstinenz wieder zum Raucher geworden. Die Kaffeemaschine stand nicht mehr still, bis einer der älteren Kollegen auf die Idee kam, ein Bier aufzumachen und wir beschlossen, den Weltuntergang schön zu saufen. Draußen schien die Sonne, in New York verfinsterte sie sich gerade.
Berichte vom Unvorstellbaren auf der Heimfahrt im Radio, zu Hause im Fernsehen und  im Internet, immer noch mit viel Sanduhr. Wir waren entsetzt, Claus Kleber war entsetzt, Jan Hofer war entsetzt. Ob Harald Schmidt auch entsetzt war, weiß ich nicht. Seine Show fiel aus. Die Magnum-Fotografen, die wie auf Bestellung zuhauf in New York versammelt waren, hielten drauf und lieferten Bilder von ausgesuchter Qualität. Überhaupt wirkte alles wie auf Bestellung: herrliches Herbstwetter, großspurige Pyrotechnik, spektakuläre Einstürze. Ja, ja die Amis, die verstanden ihr Handwerk.
Später, ein paar Jahre später, zehn Jahre später reduzierte sich alles auf die Frage, wo warst Du an diesem Tag und was hast Du an diesem Tag gemacht.
Jeder wusste es und weiß es heute noch.

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Einer meiner Lieblingsfilme ist Quadrophenia. Ein Film aus den 70er Jahren, bei dem es vordergründig um die Jugendunruhen zwischen Mods und Rockern im englischen Seebad Brighton geht, eigentlich aber um die in den 60er Jahren massiv aufbrechenden Generationskonflikte. Großartige Musik, meist von The Who und Sting in einer grandiosen Rolle als Ober-Mod und Hotelpage. Wer den Film kennt, weiß wovon ich spreche, wer ihn nicht kennt, interessiert sich nicht dafür, also erspare ich mir eine Inhaltsangabe.
Im Jahr 2001 hatte ich noch keinen Motorradführerschein, durfte aber aufgrund meines fortgeschrittenen Alters Leichtkrafträder mit maximal 15 PS bzw. 125 Kubikzentimetern fahren. Ich hatte eine Suzuki Marauder. Freund Frank, der der Fraktion der Mods zugetan war, fuhr eine schneeweiße 200er Vespa, PX natürlich, mit Handschaltung und Weißwandreifen. Nachdem auch er ein großer Quadrophenia-Fan war, reifte der Gedanke, beizeiten eine Quadrophenia-Gedächtnisfahrt nach England ins schöne Seebad Brighton zu unternehmen.

Der erste Versuch im Jahr 2000 endete allerdings kläglich nach ein paar hundert Kilometern. Der Motor meiner Marauder war nicht auf Dauervollgas ausgelegt und zerplatzte buchstäblich in der Nähe von Koblenz. Frank hat zwar versucht, alleine weiterzureisen, während ich auf die Reparatur meines Mopeds wartete, doch sintflutartige Regenfälle zwangen ihn zur Umkehr und so haben wir 2001 einen erneuten Versuch gestartet. The Run – Second Try. Diesmal sind wir nach dreitägiger Anreise tatsächlich auf der Insel angekommen.
Die See war rau, unsere Gesichtsfarbe grün und unsere Ärsche blau. Doch als wir nach stundenlangem Gegurke auf der falschen – sprich linken Straßenseite endlich in Brighton einfuhren  und die beiden Piers vor uns lagen, das knallbunte, gut besuchte Palace Pier und das verfallene West Pier, waren alle Strapazen und The Run – First Try schlagartig vergessen. Wir parkten unsere Höllenmaschinen auf der Promenade und legten uns in voller Mopedmontur mit einem Bier in der Hand an den Strand.

Wir haben uns ein typisch englisches Hotel in Strandnähe gesucht. Die Besitzerin, eine typisch englische Lady hat uns liebevoll The Gentle Giants genannt, wir haben Fish und Chips gegessen, tagsüber mit unseren Mopeds Ausflüge ins Hinterland gemacht und die Nächte auf dem Palace Pier oder in Pubs verbracht und der englischen Jugend dabei zugesehen, wie sie sich am Wochenende amüsiert, meist nämlich bis zum Anschlag besoffen und ab und zu sich gegenseitig ordentlich verprügelnd. Massenschlägereien allerdings, so wie zu Quadrophenia-Zeiten, gab es nicht, dafür war zu viel Security auf den Piers stationiert.
Mods und Rocker waren quasi ausgestorben. Nur zwei Mal sind schöne Lambretta-Roller durch die Stadt gebrettert. Frank bekam feuchte Hände und hat verzückt ein paar tiefe Lungenzüge vom blauen Viertaktdunst inhaliert. Derart gestärkt sind wir nach gut einer Woche wie aus einem Spielfilm mit Überlänge wieder nach Hause gefahren. Vollgas versteht sich.

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Im Jahr 2002 war ich ein paar Monate arbeitslos – ich stand auf der Straße, wie man so schön sagt. Nicht, dass ich kein Dach über dem Kopf gehabt hätte, wir hatten ja unser Häuschen. Es war nur so, dass ich dafür, von morgens acht bis abends neunzehn Uhr in meinem Arbeitszimmer zu sitzen (früher Büro), oder in der Gegend herumzufahren (früher Geschäftsreise), oder mit Liebsten beziehungsweise meinen Kumpels einen Kaffee oder ein Bier zu trinken (früher Meeting oder Konferenz) nur etwa sechzig Prozent meines letzten Nettogehaltes bekommen habe und den Strom, den ich verbrauchte, das Heizöl, das ich verbrannte, den Kaffee, den ich trank und das Benzin, das ich verfuhr auch noch selbst bezahlen musste (früher mein Arbeitgeber). Einer wie ich, ist also doppelt gestraft, wenn er arbeitslos wird.

Trotzdem malte ich mir in meiner unendlichen Naivität die Tagesabläufe meiner wohlverdienten Arbeitslosigkeit folgendermaßen aus:
Die Liebste, die, wenngleich nur halbtags, aber immerhin einen Minijob hatte, verlässt um 7:30 Uhr das Haus. Wenn sie gegen 13:00 Uhr nach Hause käme, läge ich noch im Bett. Bis dahin hätte ich mir überlegt, ob ich verhasste ehemalige Kollegen respektive Kunden per E-Mail beleidige (natürlich anonym) oder bei dem schönen Wetter doch lieber eine Runde auf dem Golfplatz drehe. Wenn ich mir für beides zu schade wäre, tränke ich mit der Liebsten Kaffee und verfolgte danach einen Prozess mit Richterin Barbara Salesch im Fernsehen. Ein Nickerchen bis zum Abendessen brächte meine verbrauchte Energie sofort wieder zurück und versetzte mich in die Lage, eine ausführliche After-Work-Party mit nicht verhassten ehemaligen Kollegen schadlos zu überstehen – selbstverständlich bis in die frühen Morgenstunden!
So viel zur Theorie.

Die Praxis sah so aus: Das erwähnte Häuschen, das gerade mal der Liebsten und mir, einer Katze und ab und zu einigen Gästen ausreichend Unterkunft bietet, ist ein sehr altes Häuschen, das wir über die Jahre zahlreichen Renovierungs- und Umbauarbeiten unterzogen haben.
Entsprechend lang war die Liste der Restarbeiten, die nach solch baulichen Eingriffen zwar geplant, aber nie zu Ende geführt wurden.
Also stand seit dem ersten Tag meiner sogenannten Arbeitslosigkeit auf dem Plan, täglich eine jener Arbeiten doch endlich ihrem lange überfälligen Abschluss zuzuführen. Als da waren: Randleisten verlegen, Fenster streichen, Malerflecken ausbessern, einen Klappbalkon basteln, einen Verschlag für die immer zahlreicher werdenden Mülltonnen zimmern, hier ein Loch in der Wand ausbessern, da eine Unebenheit glätten, und so weiter und so weiter.

Dann gibt es da noch einen alten Schuppen, der zum Anwesen gehört und jahrzehntelang dazu missbraucht wurde, vorübergehend nicht benötigten Hausrat darin zu deponieren. Einem genetisch bedingten Sammlertrieb folgend, haben die Liebste und ich mehr als zehn Jahre lang immer nur in diesen Schuppen hinein geräumt, aber ihm niemals auch nur die kleinste Kleinigkeit entnommen.
Niemand kann sich vorstellen, wieviel vorübergehend nicht benötigter Hausrat sich in zehn Jahren ansammelt.
Ich bin drei Mal mit einem bis unter die Decke beladenen VW-Bus zur Müllkippe gefahren, habe jedes Mal brav fünf Euro bezahlt, um dann die einzelnen Sammelplätze für Karton und Pappe, Glas, Elektro, Metall, Sperr-, Rest- und Sondermüll anzusteuern und mir jedes Mal die Geschichte eines völlig unterbezahlten Ferienjob-Schülers oder Studenten anzuhören, der in der Hitze des damaligen Jahrhundertsommers und entsprechendem Gestank zu leiden hatte und sich gemüßigt sah, mir eingehend sein Leid zu klagen. Lieber keine Arbeit, als so eine, dachte ich dann immer, als ich den Müllplatz wieder verlassen durfte.
Natürlich hatte ich auch das eine ums andere Vorstellungsgespräch. In bester Erinnerung blieb mir das bei der Bundesagentur für Arbeit, die einen Projektleiter im Bereich Qualitätsmanagement suchte. Da interviewte mich ein junger Mann, der offensichtlich das Büchlein Bewerbungsgespräch leicht gemacht sehr intensiv gelesen hatte. Meine Antworten wurden immer dann sofort von ihm unterbrochen, wenn ich ein von ihm erwartetes Stichwort ausgesprochen hatte. Der gute Mann quittierte meine richtige Antwort dann mit den Worten »Danke, das genügt mir« und kritzelte daraufhin einen überdimensionalen Haken in seine Aufzeichnungen. Aber wehe, ich kam nicht auf das Stichwort. Dann quälte mich dieser Mensch mit Nachfragen und obskuren Umschreibungen des Wortes so lange, bis ich es endlich »erraten« hatte. Ich kam mir vor wie bei Wer wird Millionär. Allerdings erhielt ich pro richtiger Antwort keine Geldprämie und die ausgeschriebene Stelle schon gar nicht.

Wer weiß, wofür es gut war, um diesen Allgemeinplatz einmal zu bemühen. Ich bin mir ziemlich sicher, bei der Bundesagentur wäre ich nicht glücklich geworden, zumal die Agentur damals nomen est omen noch Anstalt hieß.

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Als Schüler habe ich mit neun oder zehn Jahren Gitarrenunterricht bekommen. Die Lehrmethode des alten Musiklehrers, der mich die Melodien deutscher Wander- und Volkslieder und ausnahmsweise auch einmal einen Westernsong hat zupfen lassen, während er auf dem Klavier zu klimpern geruhte, war allerdings wenig Ansporn für mich, weiter zu machen. Ich bin deshalb, wie Millionen anderer, die in ihrer Jugend ein Instrument erlernt haben, nicht dabei geblieben, wie man so schön sagt.
Meine alte Höfner Wandergitarre ist zwar in alle Studentenbuden und Wohnungen, die wir später hatten, mit umgezogen, aber gespielt habe ich sie eigentlich nie. Eine Wende brachte erst der vierzigste Geburtstag der Liebsten. Die hat sich nämlich zu ihrer Geburtstagsfete von allen Gästen, die je in ihrem Leben einmal ein Musikinstrument erlernt haben, ein Ständchen gewünscht und ich habe dieses Spektakel organisiert.
Zur Melodie von Yellow Submarine wurden sämtliche Helden- und Missetaten der Liebsten in Versform offenbart und mehr schlecht als recht von drei Gitarren, einem Saxophon, einer Geige, einer Triangel und gefühlten siebenhundert Blockflöten begleitet. Nicht gerade ein Ohrenschmaus, aber doch Initialzündung dafür, mich von Stund an intensiv mit selbst gemachter Musik und meiner alten Wandergitarre zu beschäftigen.
Kaum vier Jahre später besaß ich neun Gitarren, drei Verstärker, diverse soundveredelnde Elektronikkästchen, ein Mikrofon und eine eigene Band.

Unser erster Auftritt fand in einer Kneipe statt, war deshalb, weil wir jede Menge Claqueure organisiert hatten, ziemlich gut besucht, insgesamt aber so grottenschlecht, dass ich sofort nach dem Gig beschloss, den Schlagzeuger zu feuern und die umgehende Suche nach einem neuen einzuleiten. Ein solcher war zwar schnell gefunden und er war auch um Klassen besser, als der alte, hatte aber auch fast zehn Lebensjahre mehr auf dem Buckel und wollte immerzu nur Chuck Berry, Elvis Presley und anderen Uralt-Rockenrohl-Käse spielen. Außerdem waren wir uns, was die Ausrichtung der Band betraf, nicht so richtig einig. Er und der zweite Gitarrist hätten gerne jede Woche auf einer Kirchweih oder einer anderen Fete gespielt, inklusive Marmor, Stein und Eisen bricht, während mir aufgrund mannigfaltiger sonstiger Interessen fünf bis sechs Blueskneipen- oder Irish-Pub-Gigs im Jahr vollkommen genügt hätten.
Immerhin kamen wir in den folgenden drei Jahren auf circa dreißig Auftritte, von denen einige unvergessen bleiben werden, weil sie wirklich gut waren, andere aber mehr im Sinne von Fleisch ist mein Gemüse – eine Landjugend mit Musik, falls jemand diesen köstlichen Roman kennt.

Insgesamt möchte ich die Jahre mit der Band keinesfalls missen, vor allem, weil auch einige Straßenmusik-Auftritte dabei waren. Ich habe in meinem Leben kaum etwas Aufregenderes erlebt, als auf der Straße zu musizieren. Auf einem der größten Umsonst- und Draußenfestivals Deutschlands, beim Bardentreffen in Nürnberg, haben wir einfach so mit ein paar Batterieverstärkern und einem Cocktail-Schlagzeug an einer Straßenecke gespielt und die Leute haben uns zugehört. Einige haben sogar getanzt. Viele haben Klimbergeld in unseren Gitarrenkoffer geworfen. Alle haben applaudiert.
Das Klimbergeld, immerhin fast hundert Euro, habe ich heute noch, gut verstaut in einem Lederbeutel in meinem Nachtkästchen. Mein Notgroschen.

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Ich habe schon immer gerne und viel geschrieben. Seit der Jahrtausendwende führe ich ein Tagebuch. Seit 2005 schreibe ich sozusagen öffentlich. Zunächst sporadisch den einen oder anderen Text für kolumne.de, später dann mehr oder weniger regelmäßig in meinem Weblog AxeAge. Zugegeben, der Prozess des Schreibens ist für mich ziemlich anstrengend, weil ich mich sehr gerne ablenken lasse oder Denk- und Formulierschleifen oft ein Eigenleben führen und zum Schluss etwas komplett anderes entsteht, als ursprünglich erdacht. Einerseits.
Andererseits gibt es kaum eine kreativere Beschäftigung, als Schreiben. Auch wenn das Ende oft anders ist, als geplant, ist es doch dann in Ordnung, wenn es sich gut liest und keine logischen Brüche oder Fehler enthält.
Schreibstil ist für mich besonders wichtig. Wenn ich es mir recht überlege, wichtiger, als Inhalt. Wer mir literarisch anspruchsvoll das Balz- und Sexualverhalten der rotlippigen Miesmuschelparasiten Parasitus Mytilus Lupia Rubentis nahebringt, erlangt wesentlich eher meine ungeteilte Aufmerksamkeit, als jemand, der die spannendste Geschichte der Welt in sprachlich holpriger Mitteilungsprosa herleitet. Auch Befindlichkeiten interessieren mich nur dann, wenn sie nicht Selbstzweck sind, sondern im Kontext eines oder mehrerer Ereignisse stehen.
So wie Musik Groove haben muss, sollte ein Text Esprit und Timing haben. Er sollte nicht ausschließlich aus Hauptsätzen bestehen und Informationen dürfen sich ruhig auch einmal zwischen den Zeilen befinden, meinetwegen auch verstecken. Blöderweise findet man in den meisten Weblogs nur Texte, die bestenfalls als Predigtvorlage für einen Pfarrer taugen. Ich hoffe, nicht in meinem.

Aber natürlich gibt es auch das eine ums andere Weblog mit Texten, wie ich sie gerne lese und leutselig, wie ich bin, habe ich bei einigen Blog-Betreibern den persönlichen Kontakt gesucht und gefunden. Ein derartiges  Zusammentreffen und eine daraus resultierende Freundschaft ist insofern etwas besonderes, als man nicht, wie im “richtigen Leben” erst den Menschen kennt und dann feststellt, dass er auch gut schreiben kann, sondern zu allererst dessen Texte liest und schätzt und dann den Menschen dahinter entdeckt. Faszinierend, zumal man im “richtigen Leben” ja kaum noch jemanden trifft, der schreibt. Im Gegenteil, schreiben ist den meisten ein Greuel und als Freizeitbeschäftigung mindestens merkwürdig.
Ich habe jedenfalls kein einziges Zusammentreffen bereut und weiß seither, Wellenlängen über Texte auszusenden und einzufangen ist nicht die schlechteste Methode, interessante und gleichgesinnte Menschen zu besuchen, gerne auch in Ländern, wie beispielsweise der Ukraine, die man sonst höchstwahrscheinlich niemals bereist hätte.
Eine Blogger-Freundin hat dies einmal in einem Kommentar wunderbar zusammengefasst:
… nur ein oder zwei mit ähnlicher Wellenlänge oder Tsunamierlebensgleichheit oder unergründlich auftauchender Herzenswärmlichkeiten oder dieses kleine, erstaunliche Gefühl des Menschen-de-javue- … kann vorkommen in der Bloggerwelt …

Fortsetzung demnächst in der Kategorie AxeAgeRetro.

Initiation

23.11.2012

Unseren ersten Auftritt mit Drummer hatten wir im Other End, in der Nähe meiner Wohnung auf der MacDougal Street … Dieser Abend wurde, wie man so sagt, zum Juwel in unserer Krone. Wir spielten als kompakte Einheit, und die Vitalität und Punktgenauigkeit der Band katapultierten uns in eine neue Dimension. Doch trotz des Tumults um mich herum nahm ich ebenso untrüglich, wie der Hase den Hund wittert, noch jemanden im Raum wahr. Er war da. Plötzlich begriff ich, was knisternde Spannung bedeutet. Bob Dylan hatte den Club betreten. Diese Gewissheit hatte eine seltsame Wirkung auf mich: Statt mich klein und unbedeutend zu fühlen, durchpulste mich ungeahnte Kraft.

Möglicherweise ging sie von ihm aus, aber ich spürte auch deutlich, was ich und meine Band wert waren. Ich empfand diese Nacht wie eine Initiation, in der ich in Gegenwart des Menschen, nach dessen Vorbild ich mich erschaffen hatte, endgültig ich selbst wurde.

Patti Smith – Just Kids


Element of Times they are a-Changin’

09.11.2012

Große Ereignisse werfen ihre Plakate voraus


AxeAgeRetro – die 90er Jahre

04.11.2012

Was man als Mann in den besten Jahren so alles zu tun hätte: Haus bauen, Sohn zeugen, Baum pflanzen. Ich habe weder noch. Das Haus, das wir besitzen, ist ziemlich alt. Es wurde in den 20er Jahren aus Bruchstein er- und in den 70er Jahren mit Ziegelstein teilweise neu aufgebaut. Der Sohn blieb ungezeugt und der einzige Baum, der in unserem Garten steht – wir nennen ihn ja nicht Garten, sondern Freisitz – ist nicht gepflanzt, sondern irgendwann vom Nachbargrundstück angeflogen. Es ist eine Art wilde Pflaume, die jedes Jahr Früchte für ein paar Gläser Marmelade abwirft.

Der Hauskauf ging ungefähr so vonstatten: bei einem Betriebsfest fragte ich in bierseliger Runde eine Arbeitskollegin, nachdem ich erfahren hatte, dass sie und ihr Mann vor hatten zu bauen, was denn mit dem alten Häuschen geschehen solle, das sie damals bewohnten. Sie sagte, es stünde zum Verkauf, nannte den Preis und per Handschlag sind wir überein gekommen, die Hütte zu kaufen. Ein paar Wochen später gabs einen Besichtigungstermin und wieder ein paar Wochen später bin ich zu meiner Hausbank gegangen, um Geld aufzutreiben.
Als gebürtiger Franke war es ein ungeschriebenes Gesetz, bei der Schmidt-Bank, einer kleinen Privatbank, sein Gehaltskonto zu führen und wenn ich mir überlege, wie schnell und unkompliziert die Kreditvergabe gelaufen ist – tatsächlich habe ich im Zusammenhang mit der Anschaffung einer Schweineschulter schon längere Verkaufsgespräche beim örtlichen Metzger beobachtet – wundert es mich heute nicht mehr, dass besagte Schmidt-Bank ein paar Jahre später pleite gegangen ist, weil zahllose Kredite geplatzt sind.

So wie wir unser Haus gekauft haben, haben wir es übrigens mit allen größeren Anschaffungen gehalten. Ein neues Auto gabs immer erst dann, wenn das alte partout nicht mehr fahren wollte und der Autohändler erst nach zähesten Verhandlungen mit einem grimmig gequälten Lächeln im Gesicht bereit war, unser altes, heruntergekommenes Gefährt in Zahlung zu nehmen. Wir haben auch noch niemals in unserem Leben eine Couch gekauft. Diejenige, die bei uns im Wohnzimmer steht, haben wir von einer Tante geerbt, stammt aus den 50er Jahren, besteht aus massivem Holz, das ich mit einer Farbsprühdose schwarz lackiert habe und deren Polster wir mit lindgrünem Leder haben beziehen lassen, das wiederum von einer Fabrikauflösung stammte. Den Polsterer, ein Ein-Mann-Betrieb mit außergewöhnlich humanen Preisen, hat uns meine Mutter empfohlen und so hat die gesamte Restaurierung der alten Couch, die wir jetzt seit 25 Jahre besitzen und die bestimmt noch einmal 25 Jahre hält, keine 200 Mark gekostet.

Das genaue Gegenteil derart improvisierter Investitions- und Lebenskunst habe ich bei einer ehemaligen Schulfreundin erlebt, deren Eltern Obst- und Beerenweine produzierten und die ihr kurz nach der Geburt ein eigenes Haus hingestellt haben. Dieses Haus wurde später vollständig möbliert und die Möbel schließlich allesamt mit Plastikfolien abgedeckt, so dass die Schulfreundin dann, wenn sie volljährig und verheiratet einzuziehen gedachte, nur noch besagte Folien entfernen musste, um fortan ein sorgenfreies Leben zu führen. Kein Witz, bei einem Klassentreffen, das auf dem elterlichen Obst- und Beerenbauernhof stattfand, hat sie uns stolz dieses Geisterhaus gezeigt. Soviel Beerenwein hätte ich gar nicht trinken können, um mich halbwegs mit derart einengenden Lebensumständen anzufreunden.

Unser Haus war anfänglich gar kein vollständiges Haus. Es handelte sich um ein sogenanntes Stockwerkseigentum, denn lediglich die Stockwerke eins und zwei, die über eine Außentreppe zu erreichen waren, gehörten uns. Erst in den 70er Jahren wurde diese Form des Immobilieneigentums abgeschafft und durch das Wohnungseigentum ersetzt. Als wir vor gut zehn Jahren das Erdgeschoss dazu gekauft haben, hat uns der Notar eröffnet, dass wir seit langer Zeit der einzige und somit letzte Fall von Stockwerkseigentum in seinem Notariatsgebiet waren. Im Grundbuch waren obskure Wohnrechte eingetragen von Leuten, die längst gestorben oder nach Amerika ausgewandert waren. Eine dieser Grundbucheintragungen bescheinigte dem Eingetragenen beispielsweise einen Schlafplatz neben dem Schlot.
Wir waren echt erleichtert, als nach Erwerb des gesamten Hauses diese Eintragungen endlich gelöscht wurden und wir nicht jeden Tag damit rechnen mussten, dass plötzlich jemand aus Massachusetts oder Arizona bei uns auftaucht, um neben dem Schlot sein Nachtlager aufzuschlagen.

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In den 90er Jahren war das Leben in Sachen Beruf und Karriere noch überschaubar. Von Homeoffice und Digital Boheme noch keine Spur. Es gab diejenigen, die jahre- und jahrzentelang bei einer Firma blieben und es gab die Nomaden, die in Rudolf Scheer Maßschuhen von Firma zu Firma zogen und nach jedem Vorstellungsgespräch einen besser dotierten Vertrag in der Innentasche ihrer Boss-Anzugtasche trugen. Ich gehörte zu den Treuen, was nicht zuletzt daran lag, dass ich Schuhe von Deichmann und Anzüge von K&L Ruppert trug.
Dennoch hatten die Liebste und ich in den 90er Jahren genug Geld, um ab und zu in die weite Welt zu reisen. Besonders angetan hatte uns, nicht nur der schönen Golfplätze wegen, die ganze Welt in einem Land: Südafrika. Hier gab es Wüste, Meer, Berge, Sonne, Strand, Urwald, Wildtiere und als wir 1994 zum ersten Mal dort waren, die ersten freien Wahlen nach der Apartheid.

Tatsächlich war die Apartheid noch nicht vollständig überwunden. Es gab noch immer Supermärkte, in denen hauptsächlich – man muss eigentlich sagen ausschließlich – Schwarze einkauften und solche, in denen überwiegend die Weißen ihr Geld ausgaben. Natürlich sind wir erst einmal in einen „schwarzen“ Supermarkt gegangen, allerdings hatten wir ein äußerst unangenehmes Gefühl dabei. Nicht etwa, weil wir Angst vor all den vielen schwarzen Menschen gehabt hätten, sondern weil wir uns des Eindrucks nicht erwehren konnten, hier überhaupt nicht willkommen zu sein. In überwiegend von Weißen frequentierten Läden war das übrigens anders. Hier sah man durchaus den ein oder anderen Schwarzen, aber damit hatte niemand ein Problem. Eigentlich hatten wir uns das genau anders herum vorgestellt, und so bestätigte dieser kleine, unscheinbare Einblick in das Inneste eines Landes wieder einmal eindrucksvoll die alte Binsenweisheit: Vorurteile über andere Länder baut man besten dadurch ab, indem man sie bereist.

Auf jeden Fall merkte man dem Land an, dass sich etwas Grundlegendes veränderte. Wahlhelfer aus allen Teilen Südafrikas bevölkerten die öffentlichen Plätze, Hotels und Shopping-Malls, boten Beratung und Informationsmaterial und leisteten Basis- und Aufklärungsarbeit in Sachen Demokratie. Niemand war so recht mit der neuen Situation vertraut, aber man spürte die Mühe, die sich alle Beteiligten gaben, diese einmalige Chance nicht dauerhaft zu verspielen und das Land nicht, wie viele unkend vorausgesehen haben wollten, im Chaos versinken zu lassen. Im Nachhinein weiß man, dass dieser Versuch halbwegs geglückt ist. Wir waren vor fünf Jahren zum letzten Mal in Südafrika und inzwischen sind viele Arbeitsplätze, die mit Service und Publikumskontakt im engeren und weiteren Sinn zu tun haben, will heißen von der Empfangsdame bis hinauf zum Hotelmanagement, mit Schwarzen besetzt, ein Umstand, der bei unserem ersten Besuch 1994 noch undenkbar war.

Was uns bereits bei unserem ersten Besuch in Südafrika so richtig umgehauen hat und seither immer wieder aufs Neue verzückt, war ein Besuch im Krüger Nationalpark und die unmittelbare Begegnung mit wilden Tieren. Für alle, die das noch nicht erlebt haben: Man fährt mit dem eigenen Auto, als europäischer Tourist natürlich mit einem Mietwagen, durch ein Gebiet, das so groß ist wie Rheinland Pfalz und trifft dort auf Giraffe, Löwe, Elefant und Co., die aber nicht wie derzeit inflationär im Fernsehen zu sehen, von sympathischen Tierpflegern gefüttert und deren Gehege täglich gereinigt werden, sondern tatsächlich in freier Wildbahn, nur von dünnem Autoblech und ein paar Verbundglasscheiben getrennt.

Ich kann das gar nicht so rechtschaffen beschreiben, aber es gibt kaum etwas spannenderes und gleichzeitig erhabeneres auf dieser Erde, als diese nahezu sprichwörtlichen Begegnungen der anderen Art, beispielsweise dann, wenn man nach einigen Stunden Autofahrt durch urwüchsigste Landschaft, in denen man kein einziges wildes Tier zu sehen bekommen hat, nicht einmal die kleinste Feldmaus, durch ein Stück Wald fährt und man sich plötzlich inmitten einer riesigen Elefantenherde wiederfindet, oder um eine Ecke biegt und sich einem ein Rhinozeros in den Weg stellt oder man nachts im Camp nicht schlafen kann, gar nicht schlafen mag, weil die Löwen brüllen oder man vom Abendessen zurückkommend einen fast zwei Meter langen Waran im Reetdach der Nachbarhütte verschwinden sieht oder ein wildgewordener Affe das Buch, das man gerade lesen möchte und für einen Augenblick unbeaufsichtigt auf dem Tisch hat liegen lassen, klaut und herzhaft hinein beißt, weil er glaubte, es handle sich um etwas zu fressen … WOW trifft’s nicht einmal annähernd.

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An einem regnerischen Wochenende im Frühjahr, Anfang der 90er Jahre habe ich mit einem cirka zwanzig Zentimeter langen Steinbohrer neben der Tür zu meinem Arbeitszimmer ein Loch durch die Wand gebohrt, um für mein neu erworbenes V90-Modem das Kabel durchzuführen, das ich aus dem Erdgeschoss von der Telefondose in mehreren, abenteuerlich verlegten Kabelschächten nach oben gezogen hatte. Als ich in den nächsten drei Stunden via t-online meinen ersten Internet-Zugang konfigurierte, fiel mir der Eröffnungssatz meiner Lieblings-Science-Fiction Serie Raumpatrouille – die fantastischen Abenteuer des Raumschiffs Orion aus meiner Jugend ein: “Was heute noch wie ein Märchen klingt, kann morgen Wirklichkeit sein. Hier ist ein Märchen von übermorgen.”

Aber wie das so ist, mit Märchen von übermorgen. Verglichen mit den Geschwindigkeiten, mit denen heutzutage Daten durch eine fette DSL-Leitung übers Netz jagen, war ein V90-Modem lediglich ein Bügeleisen auf der Steuerkonsole eines schnellen Raumkreuzers am Rande der Unendlichkeit.
Rücksturz zur Erde!

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Die Liebste war in ihrer Kindheit immer von Katzen umgeben und ihr sehnlichster Wunsch war es, dann, wenn wir einmal ein eigenes Haus besäßen, eine eigene Katze zu haben. Und weil eine Katze allein sich bestimmt fürchterlich gelangweilt hätte, schleppte im Winter 1994 eine Arbeitskollegin eine kleine Katze und einen kleinen Kater von einem schwäbischen Bauernhof an, die beide so menschenscheu waren, dass die Katze, nachdem sie geduckt die Transportbox verlassen hatte sofort in die nächste Ecke des Wohnzimmers rannte und dort versuchte, die Wand hochzuklettern. Ihr Bruder, der kleine Kater, hatte sich gar nicht erst aus der Box heraus getraut, also fingen wir die Katze wieder ein, steckten sie zurück in die Box, verarzteten unsere zerkratzten Arme und Hände mit Jod und Pflaster und sperrten die beiden Viecher erst einmal ins Arbeitszimmer, wo wir zwei Katzenklos und ausreichend Futter deponiert hatten.
Immer wenn wir ins Katzenzimmer kamen, waren die Fressnäpfe leer und die Katzenklos voll. Katze und Kater hatten sich hinter den Schränken verkrochen und ließen sich nicht ein einziges Mal blicken. In den Nächten veranstalteten sie wüste Verfolgungsjagden und weil wir es leid waren, die beiden immer nur zu hören, postierten wir auf einem Stativ unsere JVC-Videokamera – ja, so ein Monstrum, wie aus dem Film Back to the Future – und filmten die beiden dabei, wie sie fraßen und sich gegenzeitig jagten.
Am Abend betrachteten wir sie dann im Fernseher und waren hin- und hergerissen.

Nach ein paar Tagen hatten Katze und Kater, die übrigens namenlos geblieben sind und immer nur Katze und Kater hießen, so viel Vertrauen zu uns und unserer alten Hütte aufgebaut, dass wir sie aus dem Katzenzimmer entlassen konnten.
Bis Weihnachten strolchten die beiden schon im ganzen Haus herum und am Weihnachtsabend stolzierte Kater, im Maul ein Steak, das vom Abendessen übrig geblieben und nur unwesentlich kleiner war, als er selbst, ins Wohnzimmer, im Schlepptau seine Schwester, die laut maunzend zu sagen schien schaut mal, was wir in der Küche gefunden haben.
Uns blieb nichts anderes übrig, als das Steak in kleine Stücke zu zerteilen und an die Raubtiere zu verfüttern.

Später haben wir eine Katzenklappe in die Haustür gebaut und die beiden konnten entweder im Haus oder draußen zusammen mit zahlreichen Katzen aus der Nachbarschaft ein angemessenes Katzenleben führen. Abgesehen von ein paar Mäusen, Vögeln und sonstigem Getier, das die beiden ab und zu anschleppten, um zu bezeugen, wie lieb sie uns hatten, ein großer Spaß, auch natürlich für die Liebste und mich.
Leider ist nach ein paar Jahren der Kater von einem Auto angefahren worden. Er wurde vom Tierarzt zwar wieder notdürftig zusammengeflickt, ist dann aber ein paar Jahre später an den Folgen dieses Unfalls gestorben. Die Katze lebt noch heute. Sie schläft viel, verlässt kaum noch das Haus und manchmal haben wir den Eindruck, sie weiß nicht mehr so genau, wo sie sich befindet, wer sie ist und wenn ja, wie viele. Dann setzt sie sich in den Flur und schreit erbärmlich. Aber wenn man sie dann streichelt, wird sie wieder ruhig, fängt an zu schnurren und schläft weiter.

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Es geht um mein Leben. Es geht um mein Leben. Es geht um mein Leben. Es geht um mein Leben
Ich habe meinem Bruder ein ganzes Schulheft mit diesem Satz vollgeschrieben und ihm dieses Heft mit der Post geschickt. In jeder Zeile zwei Mal dieser Satz, immer und immer wieder, ein ganzes Schulheft voll. In einem Begleitbrief habe ich ihm empfohlen, ebenfalls ein Schulheft mit diesem Satz voll zu schreiben. Wenn ich das geschafft hatte, sollte er wohl auch dazu in der Lage sein. Ich war Mitte dreißig und zutiefst davon überzeugt, mit dieser schulmeisterlichen Maßnahme meine Schuldigkeit getan und meinen Bruder auf den richtigen Weg gebracht zu haben.
Im Vorfeld hatte mir seine Freundin die Ohren vollgejammert, mein Bruder sei nicht nur seit über zehn Jahren HIV positiv, sondern hätte auch noch eine ärztlich attestierte Gedächtnisschwäche und müsste immerzu daran erinnert werden, lebenserhaltende Medikamente zu nehmen und dies würde wohl dann am besten funktionieren, wenn mein vergesslicher Bruder ständig ein eingeschaltetes Handy bei sich trüge und sie, die Freundin, ihn immer dann, wenn er seine Pillen nehmen solle, anrief. Leider könnten weder sie noch er sich ein Handy leisten und ob ich nicht welche besorgen könnte.
Natürlich habe ich welche besorgt. Was konnte denn mein armer Bruder dafür, dass er so vergesslich war. Er hatte ja sogar vergessen, sich in seinem ebenfalls über dreißig Jahre währenden Leben einen Brotjob zu suchen.
In den nächsten Monaten hat also die Freundin meines Bruders drei Mal täglich meinen meist vor dem Fernseher sitzenden oder auf der Couch liegenden und Musik hörenden Bruder mit dem Handy angerufen, um ihn daran zu erinnern, seine Tabletten zu nehmen. Trotzig redete ich mir ein, er hätte bestimmt auch ohne Handy-Erinnerung daran gedacht, hätte er mal brav ein Schulheft mit meinen Merksatz vollgeschrieben.

Im August 1998 ist mein Bruder an den Folgen einer besonders aggressiven Form von Lymphdrüsenkrebs mit 35 Jahren gestorben. Leider war es uns beiden zu Lebzeiten nicht vergönnt, halbwegs zueinander zu finden. Inzwischen bedauere ich diesen Umstand, weil es doch zahlreiche, funktionierende Geschwisterbeziehungen in meinem sozialen Umfeld gibt und ich sehe, wie bereichernd diese sein können. Andererseits hätte entweder ich mich oder mein Bruder sich als Persönlichkeit wesentlich verändern müssen oder wir uns beide vielleicht nur ein Stück weit. Ich könnte mir sogar vorstellen, dass wir uns heute, im gesetzteren Alter besser verstünden, als damals in „unseren besten Jahren“. Aber das bleibt natürlich reine Spekulation.

Fortsetzung demnächst in der Kategorie AxeAgeRetro.

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