Element of Time – Playlist Nr. 1

26.08.2014

Es wird langsam Zeit

25.08.2014

Die Andern

20.08.2014

Kleinstadt Webcam

18.08.2014

 


Wir hatten Krawatten

24.07.2014

Wolfgang zieht den Stecker – BAP im Serenadenhof in Nürnberg

22.07.2014

So schwarz und bedrohlich wie die Wolken sich am vergangenen Sonntag über dem Serenadenhof in Nürnberg türmten, musste man mit dem schlimmsten rechnen und auch Wolfgang Niedecken, der, als er die Bühne betrat, skeptisch in den Gewitterhimmel blickte, hatte ein wenig Angst um sich, seine Band und die herrlichen Akustik-Instrumente, die sie mitgebracht hatte. Ein Starkregen, so wie er in letzter Zeit ein ums andere Mal aufgetreten ist, hätten die luftigen Sonnensegel, die über der Bühne und ab der zehnten Reihe auch über den Zuschauern aufgespannt waren, wohl eher nicht standgehalten.
Nachdem die Band sofort und ohne große Ansage loslegte und sich das Aussehen von Herrn Niedecken in letzter Zeit bedenklich in Richtung Bob Dylan entwickelt hatte, war meine zweite Befürchtung, das Konzert würde ähnlich misanthropisch ablaufen, wie das eines Robert Zimmermann.

BAP

BAP im Serenadenhof in Nürnberg

Aber alles kam ganz anders. Das Gewitter hat sich verzogen. Nur die ersten Zuschauerreihen wurden vom leicht einsetzenden Sommerregen ein wenig nass und Wolfgang Niedecken, neben Lukas Podolski der zweite Vorzeige-Kölner der Republik, entpuppte sich als äußerst launiger Conférencier. Zwar bemühte er zu Beginn seiner Moderation ein wenig zu oft „Lieschen Müller“, die wahrscheinlich oder ganz sicher viel zu naive Vorstellungen davon hätte, welchen Aufwand es bedeutet, ein UNPLUGGED-Konzert zu arrangieren. Es sei nämlich viel einfacher, mit E-Gitarren und fetten Marshall-Verstärkern nostalgisch gestimmtes Rock’n Roll Publikum zu beschallen, als dies mit Geigen, Westerngitarren und Kontrabass zu tun.

Ich gestehe, für mich war das der einzige Grund, zu diesem Konzert zu gehen, denn die Brachial-Arrangements unter der Federführung des damaligen Leadgitarristen Klaus „Major“ Heuser, waren mir schon zu Zeiten der goldenen BAP-Jahre zu sehr mit der Keule.
Da konnten mich die Töne der liebreizenden Geigerin Anne de Wolff, ihrem Gitarristen-Gatten Ulrich Rode, des großartigen Percussionisten Rhani Krija, und des Schifferklavier und Hammondorgel spielenden und ob seines Honecker-Hütchens so genannten Staatsratsvorsitzenden Michael Nass schon mehr begeistern, zumal der Sound im restlos ausverkauften Serenadenhof ganz brillant war und man zu jeder Zeit die einzelnen Instrumente heraushören und orten konnte.

Apropos Instrumente: Das musikalische Ehepaar de Wolff/Rode ließ es sich nicht nehmen, tief im Fundus seiner Instrumentensammlung zu wühlen und der Einsatz eines indischen Harmoniums, einer türkischen Saz, eines Banjos, einer Steel Guitar oder eines Xylophons hat die aufwändigen und teilweise völlig neu arrangierten alten und jüngeren BAP-Songs auf jeden Fall bereichert.
Überhaupt war das eine ganz hervorragend eingespielte Band, der ich auch als nicht so eingefleischter BAP-Fan sehr gerne zugehört habe.
Die Texte: nun ja. Ich verstehe kein Wort und habe auch keine große Lust, mich ins Kölner Platt einzuarbeiten, insofern könnte Niedecken auch englisch oder serbokroatisch singen.

Was man ihm auf jeden Fall attestieren muss: er ist und bleibt ein Gutmensch, der diesen Namen im positivsten Sinne auch verdient. Sein soziales und gesellschaftliches Engagement unter anderem beim Hilfsprogramm Rebound, das frühere Kindersoldaten in Uganda unterstützt, ist vorbildlich, wirkt zu keinem Zeitpunkt aufgesetzt und geht weit über das hinaus, was Musiker und andere Künstler für gewöhnlich tun.

Zum Schluss des Konzerts natürlich das unvermeidliche Verdamp lang her, das allerdings, wie ich fand, als einziges Lied am fehlenden Schalldruck litt, ist man doch gewohnt, dass es einem beim erstmaligen Einsetzen des Refrains so richtig, also ich meine so richtig vom Hocker reißt und nach hinten wegbläst. Dieser Effekt bleibt bei akustischer Instrumentierung natürlich aus. Immerhin hatten die vielzitierten Lieschen Müller im Publikum endlich ihren Auftritt, sprangen von den Sitzen auf und patschten fröhlich in die Hände. Die meisten natürlich im falschen Takt.

P.S.
Für die letzten beiden Sätze bringt mich die Liebste, die in den 80er Jahren großer BAP-Fan war, sicherlich um.
Ich habe Euch immer geliebt!


Das Wunder von Salzburg

07.07.2014

Was lag näher, als auf den Tag genau 60 Jahre nach dem Wunder von Bern das Viertelfinale der deutschen Nationalmannschaft in einer ehemaligen k.u.k.-Stadt im Fernsehen anzusehen. Nein, Ungarn war mir zu weit weg. Nachdem allerdings Österreich bei uns gleich um die Ecke liegt und es sich fügte, dass die Liebste beruflich derzeit in Salzburg weilt, das Wetter herrlich und die weiteren Aussichten am Wochenende nicht minder herrlich waren, fuhr ich am Freitag gegen Mittag mit dem Motorrad in die Mozartstadt.

Bis Straubing auf der Autobahn, dann die zugegeben wenig malerische B 20 bis Braunau. Kurz vor der Grenze musste ich tanken und auf meine Frage, ob es denn die Deutschen heute Abend schaffen würden, antwortete mir die fröhlich-sympathische Tankwartin in breitestem Niederbayrisch, dass dies wohl eine schwierige, aber durchaus lösbare Aufgabe sei.

In Braunau schweiften meine Gedanken kurz in Richtung eines nicht von Mercedes Benz legitimierten Werbespots einer schwarzhumorigen Filmhochschule ab, und ich verfuhr mich. Manchmal sollte man einfach nicht an der falschen Stelle rechts abbiegen.

Aber ich lag gut in der Zeit, und weil die Sonne brannte und die Wolken quollen, genehmigte ich mir an einer Tankstelle eine Trinkpause. Vier kernige Bierdimpfl saßen dort um einen ebenso kernigen Holztisch, prosteten mir zu und versprachen mir, dass der Traum vom Halbfinale heute Abend wohl ausgeträumt sein dürfte. Ich prostete mit meiner Wasserflasche zurück, beglückwünschte die Herren zur erfolgreichen WM-Qualifikation und fuhr die Yamaha bei der anschließenden Flucht in den roten Bereich.

Die Liebste bewohnt während ihres Aufenthaltes in Salzburg eine nicht sehr noble, aber äußerst zentral gelegene Ferienwohnung. Sogar einen Tiefgaragenplatz hatte sie mir organisiert. Aus lauter Freude darüber, aber hauptsächlich, weil ich beim Absteigen an den ungewohnten Seitenkoffern hängengeblieben war, warf ich die Maschine erst einmal um, besser, ich lehnte sie an die Wand und versah Spiegel und Koffer mit malerisch blauen Streifen der Tiefgaragenwandfarbe. Ein Omen: Wir würden die Franzosen niederwalzen!

Der Anstoß rückte immer näher, die Liebste hatte bereits gekocht, aber vorher musste noch ein echtes Männerprojekt angegangen werden: Die Haltestange des Duschvorhangs, ein billiges Alu-Teleskop, war in der Nacht zerbrochen und samt blauem Duschvorhang mit lautem Gepolter in die Badewanne gestürzt. Ein weiteres Omen?

Jedenfalls dengelte ich unter Zuhilfenahme einer Schöpfkelle und eines Messers eine Kerbe in den einen Teil der zerbrochenen Stange, schob diesen dann in den anderen Teil, suchte und fand die in die hintersten Ecken des Badezimmers gerollten Gummistöpsel und klemmte Teleskop und Vorhang wieder an die vorgesehene Stelle in die Stöpsel. Jetzt konnte es endlich losgehen.

Axel-und-Schürrle

Beine hoch, Schnaps auf’n Tisch, Fernseher an – Viertelfinale

Nach zwölf Minuten allerdings war alles schon wieder vorbei. Mats Hummels traf. Klose traf nicht. Müller nicht. Schürrle nicht. Auch kein anderer. In der Pause beömmelten sich Mehmet Scholl und Matthias Opdenhövel in gewohnter Weise, und in einer Schalte nach Berlin unterhielten sich eine handwerklich einwandfrei geschminkte Franzi van Almsick mit einem gewohnt smarten Arne Friedrich und dem Trikotzerreißer Robert Harting, der seinem Image als Bundeshüne mit Fremdwörtern entgegenzuwirken suchte, die nie ein Mensch jemals zuvor gehört hatte.

Mir schmeckte ein Stiegl-Paracelsus-Zwickl-Bier. Es könnten auch zwei gewesen sein. Die Liebste hatte einen Wachauer Marillenbrand erstanden, der dafür vorgesehen war, jedes deutsche Tor mit einem Stamperl zu begießen. Es blieb bei einem Schnaps. War auch gut so, ich musste ja auf der Hut vor den Bierdimpfln sein. Zum Glück stand mein Moped gut versteckt in der Tiefgarage.

Dieser Artikel erschien am 07. Juli 2014 auch im Argentinischen WM-Tagebuch


Henrik Freischlader im Nürnberger Hirsch

13.03.2014

Es gibt ja die Legende, dass gute Bluesmusiker an der berühmten Crossroad ihre Seele dem Teufel verkauft haben sollen, damit der ihnen beibringt, wie man den Blues spielt.
Bei Henrik Freischlader war das glaube ich nicht so. Wenn es jemanden gibt, der Empathie und Sympathie in einer Person vereint, dann ist es dieser grandiose Musiker aus Wuppertal. Beim gestrigen Konzert im Nürnberger Hirsch hat er das alleine schon wieder einmal damit bewiesen, dass er höchstpersönlich als „Ersatzmann“ für den ausgefallenen Gitarristen der Vorband um die charismatische Sängerin Layla Zoe eingesprungen ist.

Auch die Geste, nach einem herrlichen Keyboardsolo von Mr. Mo, Moritz Fuhrhop, doch einen längeren Break zu machen, damit die Zuschauer dieses Solo länger beklatschen können und er seine etwas verblüfft dreinblickende Band nach dem Song aufforderte, diesen Break doch bitte jetzt, quasi just in time, mit ihm zu üben und uns, die Zuschauer, aufforderte, die entstehende Pause bitteschön ausgiebigst mit Applaus zu bedenken, auch diese Geste lässt kaum darauf schließen, Herr Freischlader hätte sich in irgendeiner Weise mit dem Teufel eingelassen.

Einzig der Song mit dem Refrain What’s my motherfucking Name wirkt ein wenig verirrt. Man nimmt dem smarten Herrn Freischlader derartigen Gossenslang einfach nicht ab und auch das durch die Bank etwas betagtere Publikum im ordentlich gefüllten Hirsch schließt sich nur vereinzelt der Aufforderung an, diesen Refrain, der jeweils auf einen schrägen Gitarrenriff folgt, mitzusingen. Ich sehe schon, ihr habt keinen Bock auf Singen, resümiert Freischlader grinsend und greift daraufhin umso beherzter in die Saiten.

201403-Henrik

Henrik Freischlader und Band

Das wirklich großartige an seiner Musik ist, dass er sowohl die leisen und leisesten Töne, als auch das volle Brett wie kaum ein anderer beherrscht. Eine seiner Balladen leitet er mit dermaßen wohl aufeinander abgestimmten Arpeggios ein. Man kann nur staunen, über so viel Beseeltheit, über sein Timing, über seine Anschlagstechnik. Umso ärgerlicher, wenn irgend so ein Spacko aus dem Publikum meint, grölen zu müssen: Jetzt geht’s loooos.
What’s your motherfucking Name, hatte ich auf der Zunge, habe es mir dann aber dann doch verkniffen.

Richtig was auf die Ohren gibt es, wenn Freischlader die Röhren seiner eigens für ihn konzipierten Realtone-Verstärker in die Sättigung fährt und sich jeder Anschlag mit einem lauten Schmatzen in einen langen, stehenden Ton wandelt. Und ein solcher Ton steht und steht und steht und steht. Manchmal etwas zu lange und die Figuren – vor allem bei den Balladen – sind dann doch auf die Dauer etwas redundant. Ich glaube, das Publikum hätte sich zum Schluss lieber ein paar Wachmacher-Shuffle als noch eine getragene Ballade im Ultralangsamtempo gewünscht.

Sei’s drum. Es war ein großartiger Abend mit Bluesrock, wie man ihn amtlicher nicht darbieten kann. Layla Zoe als Vorgruppe mit dem Meister persönlich an der Gitarre, war sowohl was fürs Auge, als auch fürs Ohr, als auch fürs Herz. Freischladers empathische Einstellung hat sich übrigens zum dritten Mal gezeigt, als er erzählte, dass für eine Vorgruppe bei einer Tour oft nur die Kosten hereingespielt würden und er uns deshalb vorschlagen würde, am Merchandising-Stand doch lieber etwas von Layla Zoe, als von seiner Band zu kaufen.
Also gut, ich war so frei und habe mir die neueste CD der Dame gekauft: The Lily – sehr hörenswert!


… und, wer gewinnt?

24.02.2014

Mein Vater ist 88 Jahre alt. Er hat den zweiten Weltkrieg hauptsächlich in englischer und amerikanischer Gefangenschaft verbracht. Erst Jahre nach dem Krieg kam er wieder nach Hause. Keiner seiner Freunde und Verwandten hatte damit gerechnet, dass er wieder zurückkehrt, man hatte ihn für tot gehalten.
Er hat einen Streifschuss an der linken Hand und einen Steckschuss in der rechten Schulter. Er hat Magen- und Darmkrebs überlebt, seine Gallenblase und zwei Drittel des Magens  mussten entfernt werden. Ich bin sein einziger “überlebender” Sohn. Mein großer Bruder hat das Licht der Welt gar nicht erst erblickt, er ist tot geboren. Mein kleiner Bruder ist Ende der 90er Jahre an Krebs gestorben.

Seit ein paar Monaten lebt Vater zusammen mit Mutter in einem Seniorenheim. Es war ein grausamer nervenaufreibender Prozess, bis sich endlich alle Beteiligten mit dieser Situation abgefunden hatten.
So oft, wie seitdem die beiden im Seniorenheim leben, haben wir uns die Jahre vorher zusammengenommen nicht gesehen. Früher drei Mal im Jahr, jeweils zu den Geburtstagen und an Weihnachten. Jetzt fast jedes Wochenende.

Mein Vater und ich spielen dann Schach. Mutter fragt immer: “… und, wer gewinnt?”
Ich verliere meistens.

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Verdammter Krieg

02.10.2013

Bombennächte kündigten sich durch Sirenen an. Wenn Heike vom Geheul der Sirenen und der panischen Stimme ihrer Mutter aus dem Schlaf gerissen wurde, nahm sie ihren Stoffhasen, ein Buch und eine Wolldecke und ging mit Mutter, Schwester und Bruder in den Keller. Wenn sie im Hausflur auf Nachbarn trafen, überholten sie diese nicht, sondern gingen gemeinsam mit ihnen nach unten, tauschten sich darüber aus, wie furchtbar das alles sei und fragten immer wieder, wie lange denn das noch gehen solle, mit diesem verdammten Krieg. „Verdammt“ allerdings dachten sie nur. Sie sprachen es nicht aus, denn, so war ihnen beigebracht worden, der Krieg sei zwar einerseits ganz furchtbar, andererseits aber auch notwendig, weil es da draußen nur so von Feinden wimmele, die zu besiegen und in die Knie zu zwingen sich das deutsche Volk vorgenommen hatte, koste es, was es wolle. Ein paar schlaflose Nächte mussten für den Endsieg in Kauf genommen werden. „Verstehst Du?“ Heike verstand das nicht und dachte in Endlosschleifen „verdammter Krieg, verdammter Krieg, verdammter Krieg …“

Im Keller roch es modrig, es brannte ein schwaches Licht, das die Dunkelheit eher noch verstärkte und ein höchst unangenehmes Gefühl der Enge, der Beklemmung und des Ausgeliefertseins verursachte. Manche Kinder weinten. Auch Heike und ihr Bruder Franz weinten oft. Nur Ihre Schwester Astrid weinte nie. Die war immer sehr tapfer und überzeugt davon, mit eiserner Miene zum bösen Kellerspiel die Situation besser und unbeschadeter überstehen zu können.
„Astrid weint doch auch nicht“, mussten sich Franz und Heike oft anhören, von der eigenen Mutter und den Müttern der anderen Kinder.
Beispiel nehmen, den Stoffhasen an sich drücken, versuchen im mitgebrachten Buch zu lesen, die Ohren zuhalten, wenn es besonders laut und unerträglich dröhnte. Einmal ging der Stoffhase auf dem Weg in den Keller verloren. Heike wollte es nicht wahrhaben und suchte den Hasen im diffusen Licht des Kellers. Sie wollte nicht weinen, aber die Vorstellung, das Haus würde eine Bombe treffen und der Stoffhase würde dabei verbrennen, war für sie unerträglich. Je angestrengter sie tapfer sein wollte, desto weniger konnte sie die Tränen zurückhalten. Ihre Mutter merkte sofort, dass es diesmal ein anderes, ein besonderes Weinen war, zog Heike nahe zu sich heran, sah ihr in die Augen und fragte, was denn los sei. Als Heike mit der Sprache herausrückte, erwartete sie, ihre Mutter würde sagen, es sei doch nur ein Stoffhase, doch stattdessen strich sie ihr liebevoll über den Kopf und sagte: „Ich hole ihn Dir, warte hier, ich bin gleich wieder zurück“.
Gerade, als ihre Mutter aufgestanden war und den Keller verlassen hatte, gab es eine laute Explosion und Heike hatte plötzlich nicht mehr nur Angst um ihren Stoffhasen, sondern auch um ihre Mutter. Sie schrie so laut sie konnte nach ihrer Mutter. Ihre Geschwister waren so entsetzt, dass sie gar nicht wussten, was sie tun sollten. Eine Nachbarin versuchte sie in den Arm zu nehmen, doch Heike ließ sich nicht anfassen. Sie kauerte in einer Ecke. Das Licht ging aus. Kerzen wurden angezündet. Dann gab es erneut eine heftige Explosion. Die Menschen im Keller packte jetzt das blanke Entsetzen, zumal eine Druckwelle den Raum erfasste, so dass sich fast alle sicher waren, jetzt war das Haus tatsächlich von einer Bombe getroffen worden und Heikes Mutter war entweder tot oder zumindest schwer verletzt. Frau Burger, die zwei Töchter im gleichen Alter hatte, malte sich bereits aus, Heike, Astrid und Franz zu sich zu nehmen. In Gedanken nahm sie ihre Töchter zu sich ins Bett und die anderen drei sollten im Kinderzimmer in einem zwar viel zu kleinen, aber immerhin in einem Bett schlafen. In Gedanken ging sie die restlichen Nachbarn durch, die hier saßen und  kam zu der Erkenntnis, dass niemand in der Lage sei, die drei aufzunehmen. Nicht der alte Graser, der ein jähzorniger Nazi war, nicht das Ehepaar Gloss, von dem bekannt war, dass es schon zahlreiche Juden denunziert hatte, nicht Frau Oldenburg, die selbst fünf Kinder hatte, nicht Emmi Landmann, die ein Alkoholproblem hatte und nicht die Geschwister Stark, die mit ihren Schwarzmarktgeschäften zu sehr beschäftigt waren. Nein, Frau Berger war sicher, sie und ihre zwei Kinder waren die richtige Pflegefamilie, zumindest so lange, bis sich nähere Verwandte von Heike und ihren Geschwistern fanden. Während sich in ihrem Inneren Herz, Beschützerinstinkt und Verstand darüber in einer kurzen, aber konstruktiven Diskussion darauf einigten, gab es eine dritte Explosion, die noch stärker war, als die letzte und damit den Schlusspunkt unter das Leben von Heikes Mutter gesetzt zu haben schien. Aber stattdessen ging die Tür auf und Heikes Mutter trat ein, den Stoffhasen triumphierend in die Höhe haltend. Fast gleichzeitig ging das Licht wieder an. Heike sprang auf, umarmte ihre Mutter und war so außer sich vor Freude und Glück, dass alle im Keller weinen mussten. Selbst Graser, der alte Nazi rieb sich die Augen.

Der Stoffhase war heil. Dreckig und abgeschmiert zwar, aber heil. Das Haus war nur mäßig beschädigt, aber das Nachbarhaus war mehr oder weniger vollständig eingestürzt. Gedanken, die sich noch vor kurzem nur Frau Burger gemacht hatte, musste sich jetzt auch Heikes Mutter machen, denn im Nachbarhaus wohnten vier Familien mit Kindern, die jetzt kein Zuhause mehr hatten. Als der Luftangriff vorbei war, musste eine Entscheidung getroffen werden. Die Kinder wurden ins Bett gebracht, die Mütter trafen sich auf den brennenden Straßen und steckten die Köpfe zusammen. In allen Müttern kroch der Hass hoch und alle schimpften. Niemand nahm mehr Rücksicht auf eventuell mithörende Denunzianten, die am nächsten Morgen bei einschlägigen Behörden vorstellig werden würden, um zu berichten, dass es am Vorabend eine subversive Versammlung wütender Frauen und Mütter gegeben hatte, bei der der Krieg verdammt und der Führer beschimpft worden war. Heikes Mutter hätte eine der in dieser Nacht obdachlos gewordenen Nachbarsfamilien aufgenommen, hätte sich nicht Frau Burger vorgedrängt und sich bereit erklärt, Frau Zierlig mit Tochter und Großvater aufzunehmen. Die anderen drei Familien hatten Verwandte in der Nähe, wo sie unterkommen konnten. Bei Tageslicht wollte man sich dann die Schäden ansehen und darüber befinden, was an Hab und Gut noch zu retten war.

Heikes Mutter aber hatte in dieser Nacht einen anderen Entschluss gefasst: Landflucht. Raus aus der Stadt. Raus aus den Kellern. Weg von den Bomben. Weg von den brennenden Straßen. Wiesen, Felder, Landluft, Durchschlafen in der Nacht. Den Stoffhasen endlich einmal waschen.
Ein Bruder von ihr besaß auf dem Lande ein Haus, in dem eine kleine Wohnung frei war. Zwar nicht unbedingt mit ausreichend Platz für drei Kinder, aber es würde schon irgendwie gehen. Gleich am nächsten Tag schickte sie einen Brief zu ihrem Mann ins Feld in dem sie ihm mitteilte, dass sie ihren Bruder bitten würde, sie und die Kinder in der kleinen Einliegerwohnung aufzunehmen. Ihre beiden Schwestern, die als Dienstmädchen in der Großstadt in Stellung gegangen waren, und denen die allnächtlichen Bombenangriffe ebenfalls  viel zu sehr zusetzten, sollten auch mit. Wo Platz für vier war, war auch Platz für sechs.

Ihr Bruder sagte zu. Ihr Mann antwortete nicht. Er antwortete nicht, als nach Tagen der Möbelwagen gepackt war. Er antwortete nicht, als am nächsten Tag Heike mit Mutter und Geschwistern mit der Reichsbahn die Großstadt verließen und aufs Land in ihr neues Domizil fuhren. Er antwortete nicht, als sie sich bereits notdürftig eingerichtet hatten und die ersten Streitereien mit den Schwestern der Mutter und den Hausbesitzern ausgebrochen waren, weil die Kinder zu laut waren oder man sich auf keine für alle Seiten befriedigende Nutzung des einzigen Badezimmers im Haus einigen konnte. Er antwortete immer noch nicht, als der Sommer vorbei war und Heike, Astrid und Franz nicht mehr im Dorfweiher baden durften.
Heikes Mutter schrieb noch zwei weitere Briefe mit der dringenden Bitte um Antwort an ihren Mann, weil es immer sein konnte, dass der Feldpostbeamte umgekommen oder die Briefe auf ihrem komplizierten Weg an die Front oder von der Front abgefangen wurden oder sonst irgendwie verloren gehen konnten.  Doch auch die blieben unbeantwortet.
Als der erste Schnee fiel, Heikes Mutter dem Stoffhasen ein abgerissenes Ohr wieder angenäht hatte und Heike daraufhin beschloss, Schneiderin zu werden, als die Badezimmerordnung endlich verabschiedet und zur Zufriedenheit aller auch halbwegs eingehalten wurde, als die Kinder sich daran gewöhnt hatten, nach 18:00 Uhr nicht mehr schreiend durch die Wohnung zu rennen, weil sich die Schwestern und der Bruder von Heikes Mutter ihre Ruhe haben wollten, erreichte die Familie ohne Mann und Vater ein Brief vom Heerespersonalamt. Heikes Mutter öffnete ihn erst, als die Kinder im Bett waren. Sie musste bereits weinen, als sie mit dem Brieföffner das Kuvert aufschnitt. Sie hielt sich die Hand vor den Mund, als sie die ersten Zeilen las, damit ihr Schluchzen die Kinder nicht aufweckte. Sie überflog den Brief, legte ihn beiseite, ging ins Wohnzimmer, weinte so lange, bis ihr gesamter Körper schmerzte, nahm den Brief erneut und las ihn wieder und wieder.
„Vermisst“ stand da. Ihr Mann war vermisst. Vielleicht war er tot. Vielleicht war er gefangen genommen worden. Ein Standardbrief mit Bedauern darüber, nicht mehr über seinen Verbleib sagen zu können und darüber, mit ihm einen tapferen Soldaten verloren zu haben, mit einem abschließenden Appell an das Durchhaltevermögen, die Stärke und die Tapferkeit einer deutschen Ehefrau und Mutter und mit ideologisch verbrämten Aussichten auf bessere Zeiten, wenn denn der Feind endlich besiegt sein würde.
Endlosschleife: „verdammter Krieg, verdammter Krieg, verdammter Krieg …“

Heike war wochenlang, monatelang am Boden zerstört. Sie konnte und wollte nicht wahrhaben, dass sie ihren Vater nicht mehr wiedersehen würde. Es bestand zwar noch der Schimmer einer Hoffnung, dass er nicht tot, sondern gefangen genommen worden war und nach dem Krieg irgendwann wieder nach Hause kommen würde, aber sie wollte sich gar nicht  erst an diesen Strohhalm klammern. Sie verkroch sich in ihrem Bett, umklammerte den Stoffhasen, dachte an die Stunden, die sie mit ihrem Vater verbracht hatte, an sein handwerkliches Geschick, das ihn befähigte, jedes Jahr etwas Selbstgebasteltes unter den Weihnachtsbaum zu legen, an seine Geduld, mit der er in der Lage war, selbst im schlimmsten Fragealter der Kinder noch Herr der Lage zu bleiben, ohne die sonst übliche Totschlags-Erwachsenenantwort „weil das eben so ist“, an seine stattliche Erscheinung und seine geschliffenen Umgangsformen, die er sich als Handelsvertreter einer großen Kaffeemarke angeeignet hatte, an sein liebevolles Wesen, an alles was für Heike einen perfekten Vater ausmachte.
Weil sie aber nicht nur traurig, sondern auch ein wenig wütend sein wollte, dachte sie auch daran, dass er wegen seines Berufs kaum zu Hause gewesen war. Selbst die Wochenenden waren verkürzt, weil er fast jeden Freitag spät heim kam und am Sonntag Nachmittag schon wieder abreisen musste. Als ihr Vater noch nicht an der Front war, sondern jede Woche seine Vertretertour durch Deutschland antrat, fieberte Heike die ganze Woche darauf, ihn wenn möglich noch am Freitagabend wieder zu sehen. Wenn es zu spät zu werden drohte und ihre Mutter sie ins Bett geschickt hatte, konnte sie so lange nicht einschlafen, bis sie endlich die aufgeregten Geräusche im Flur und dann im Wohnzimmer hörte, wenn ihre Mutter und ihr Vater sich leise unterhielten und Heike meinte, einen dezenten Kaffeegeruch, der ihrem Vater anhaftete, durch den Türschlitz und das Schlüsselloch riechen zu können. Sie fühlte sich dann rundum geborgen. Kein Glück war vollkommener, als die Gewissheit darüber, dass jetzt die Familie vollständig war. Alle waren zu Hause. Alle waren dort, wo sie hingehörten. Astrid und Franz lagen in ihren Betten neben ihr. Ihre Mutter saß bei ihrem Mann, sah ihm dabei zu, wie er das von ihr gekochte und warmgehaltene Abendbrot verspeiste und hörte ihm zu, wie er die Ereignisse der Woche auf die ihm ganz eigene Weise kommentierte: einerseits ruhig und sachlich, andererseits davon beseelt, endlich mit jemandem zu reden, der nicht König Kunde war.
Als Heike noch kleiner war, ist sie immer aus ihrem Zimmer gerannt, um ihren Vater überschwänglich zu begrüßen, aber nachdem es in den letzten Monaten immer später geworden war und es ihre Mutter nicht so gerne sah, wenn Heike so spät noch nicht schlief, ermahnte sie Heike wiederholt, dies zu unterlassen und schickte sie mit strafendem Blick wieder ins Bett. Also beließ es Heike dabei, das wohlige Geborgenheitsgefühl zu genießen, indem sie die Stimmen ihrer Eltern, das Klappern des Bestecks aus der Ferne hörte und den Kaffeeduft, den Geborgenheitsduft, den Vaterduft roch, bis sie darüber einschlief.

Das alles war jetzt vorbei. „Nie mehr“ dachte Heike und diese Erkenntnis war ob ihrer Endgültigkeit so niederschmetternd, dass sie nächtelang weinte. Sie wusste, dass ihre Geschwister ihr Schluchzen hörten, aber sie taten keinen Mucks in ihren Betten, obwohl auch sie weinten. Aber sie wollten ihrer kleinen Schwester ein Vorbild sein, wenngleich es Heike viel besser gefallen hätte, die beiden wären zu ihr ins Bett gekrochen und hätten sie und damit sich alle getröstet. Aber solche Verhaltensweisen waren nicht üblich in jener Zeit. Jeder war für sein eigenes Unglück zuständig. Jeder litt für sich alleine.

In den frühen Morgenstunden des 17. April 1945 wurden Heike, Astrid und Franz von dem gespenstischen Geräusch geweckt, das Panzerketten auf Asphalt verursachen. Zwei schwere amerikanische Kampfpanzer waren bedrohlich scheppernd über die alte Bundesstraße auf den oberen Markt des Dorfes gekommen und positionierten sich mit den Geschützrohren in westliche und östliche Richtung zeigend auf dem Marktplatz. Überall in den Häusern gingen die Lichter an, doch kaum jemand traute sich auf die Straße. Die Motoren der Panzer liefen noch eine ganze Weile, bis sich nach endlosen Minuten endlich eine Luke öffnete, aus der ein mächtiger, stahlbehelmter schwarzer Soldat stieg.
„Ein Neger“, sagte Astrid und rief sich aus dem rassekundlichen Unterricht sofort die Karikatur des faulen, stinkenden und triebhaften Menschen ins Gedächtnis, mit dem in Kontakt zu treten, gar sich mit ihm zu vereinigen, sämtlichen Mitgliedern der arischen Herrenrasse bei Strafe verboten war.
Doch die normative Kraft des Faktischen bewirkte, dass nach ein paar Tagen kein Mensch mehr etwas von derartigen Rassengesetzen wissen wollte, schon weil sich Bob  – so hieß der Soldat – in den nächsten Tagen als Gemütsmensch erster Klasse entpuppte, der sich mit Kaugummis, Schokolade und jeder Menge Empathie die Zuneigung nicht nur der Kinder sondern nahezu sämtlicher Dorfbewohner – einschließlich Astrid – erwarb.
Die Panzer und die Soldaten blieben fast drei Monate. Die Panzer wurden in dieser Zeit keinen Meter bewegt, nur die Geschützrohre in nördliche Richtung parallel ausgerichtet, so als sollte es kein Ost oder West mehr geben. Die Soldaten integrierten sich in dieser kurzen Zeit ganz hervorragend in die Dorfgemeinschaft. Vor allem Bob, „der Neger“, war der Liebling aller Bewohner und wurde ein ums andere Mal von diversen Familien zum Essen eingeladen.

Eines Tages stand Bob zusammen mit einem weißen Kameraden, den er in äußerst gebrochenem Deutsch als seinen Freund Frank – er sagte natürlich Fränk – vorstellte, in der Tür vor Heike und Astrid und sagte zu den ebenso erschrocken, wie ehrfürchtig dreinblickenden Mädchen, dass er neulich hier im Hause ein Klavier gehört hätte und ob sein Freund und Kamerad Frank, der ein begnadeter Pianist sei, nicht einmal auf diesem Klavier spielen dürfe.
„A genius – believe me – Frank is a genius,“ beteuerte er und Astrid und Heike waren Feuer und Flamme, Fränk The Genius Klavier spielen zu sehen und zu hören. Sie liefen sofort zu ihrer Mutter, die bat die beiden Soldaten herein, klappte am Klavier die Abdeckung der Tasten hoch und Frank begann zu spielen.
Er spielte so wunderschön, so abwechslungsreich, so fehlerfrei , dass die Mädchen und ihre Mutter auf der Stelle zu weinen begannen, weil dieser verdammte Krieg, der ihnen ihr Zuhause, ihren Vater und Ehemann weggenommen hatte, wenigstens jetzt, am Ende, eine kleine Entschädigung dafür bot, indem er ihnen einen begnadeten Pianisten ins Dorf geschickt hatte, der sie mit wundervoller Musik verzauberte. Nur Heikes Bruder Franz war nicht begeistert. Der stand eifersüchtig, mit verschränkten Armen in der Ecke und wünschte, die Deutschen hätten den Krieg gewonnen.

Frank kam ab dato fast jeden Tag, um Klavier zu spielen. Inzwischen war es Mai, die Kapitulation war ausgesprochen, die Entnazifizierung nahm ihren Lauf. First Lieutenant Scott, der die Truppe mit den beiden Panzern am Obermarkt und den vier Panzern am Untermarkt befehligte, hatte sich dazu ein Büro im Gemeindesaal eingerichtet und ließ die Honoratioren des Dorfes nacheinander antreten, um sie hochnotpeinlich zu befragen. „Mitläufer“ sollte am Schluss dieser Aktion in den meisten Akten stehen.
Die Temperaturen im Mai des Jahres 1945 ließen es zu, die Fenster geöffnet zu lassen und wenn Frank auf dem Klavier spielte, versammelte sich unter dem Fenster stets eine kleine Gruppe Kulturhungriger , die Fränk The Genius dabei zuhörte, wie er Chopin, Dvořák, Tschaikowski, Gershwin und Miller interpretierte. Astrid und Heike bekamen eine Ahnung davon, was es bringt, fleißig Klavier zu üben und stritten sich in der Zeit, in der Frank nicht spielte, um einen Platz am Instrument. Ihre Mutter musste deshalb einen Belegungsplan aufstellen und Frank wurde ein ums andere Mal als Musiklehrer engagiert.

Am Vorabend, als die Soldaten wieder abrückten, schenkte Frank den Mädchen handgeschriebene Noten, ermahnte sie liebevoll, immer fleißig zu üben, küsste beide auf die Stirn und spielte noch einmal auf besonderen Wunsch von Heike das Frühlingsrauschen von Christian Sinding.

Als Frank und seine Kameraden abgerückt waren, wollte Heike nicht mehr Klavier spielen. Sie wusste, dass sie nie so wie Frank würde spielen können und hasste die kläglichen Übungsversuche ihrer Schwester. Obwohl der Frühling mit Macht ausgebrochen war und alle Kinder draußen spielten, verkroch sich Heike in ihrem Zimmer.


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