Literaturtage Lauf 2010 – Judith Hermann

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11.11.2010 von axeage

Gestern las Judith Hermann, eine von Presse und Reich-Ranicki in den höchsten Tönen gelobte Schriftstellerin aus Berlin, bei den Laufer Literaturtagen aus ihrem Erzählband Alice.
Drei Bücher hat Frau Hermann bisher geschrieben. Allesamt Erzählungen. In ihrem neuesten Buch gibt es derer fünf. Fünf Todesfälle, fünf Männer, die im Leben von Alice auf unterschiedliche Weise eine Rolle spielten und an deren Sterben sie auf ebenso unterschiedliche Weise teilhat, so die Einführung auf der Internetseite des Literaturportals.

Frau Hermann erzählte uns die Geschichte von Conrad, der mit seiner Frau Lotte am Gardasee lebt. Conrad ist ein Bekannter, Freund, Geliebter von Alice aus alten Tagen. Genaues weiß man nicht und man erfährt es auch nicht.
Alice, Anna und der Rumäne besuchen die beiden im schönen Italien, doch als sie ankommen, ist Conrad erkrankt. Er kann Alice und ihre ihm unbekannten Begleiter nicht begrüßen. Seine Frau Lotte bringt ihn ins Krankenhaus und weil das Fieber, das er schon tagelang hat, sehr hoch ist, muss er dort entgegen allen Erwartungen auch bleiben.

Den Abend verbringen Alice, Anna und der Rumäne in einem Restaurant. Dort betrinken sie sich ordentlich und Anna landet schließlich beim Rumänen im Bett. Alice reagiert darauf am nächsten Morgen irgendwie eifersüchtig.
Sie besucht Conrad im Krankenhaus. Anna und der Rumäne sonnen sich derweil am Strand. Als die drei wieder zurück ins Haus kehren, klingelt das Telefon. Als Lotte nach dem Telefonat sofort mit dem Wagen davonfährt, ist jedem klar, dass etwas schlimmes geschehen sein muss. Der Gärtner, der später mit flehenden Händen die Nachricht vom Tode Conrads überbringt, bestätigt nur noch die schlimmen Vermutungen.
Die Geschichte endet damit, dass Alice ein Bad im See nimmt. Conrad hatte ihr dazu geraten. Der See sei sehr kalt hatte er gesagt, man müsse sich überwinden, aber sie würde es nicht bereuen. Alice überwindet sich.

Als Judith Hermann nach einer guten dreiviertel Stunde ihre Lesung beendete, hatte ich Mühe, mich von den Bildern loszureißen, die diese Erzählung in meinem Kopf ausgelöst hatte. Auch meinte ich wahrzunehmen, dass es nicht nur mir so erging, sondern einem Großteil des Publikums. Frau Hermann ließ das Licht im Saal ein wenig höher drehen, blickte ins applaudierende Publikum und signalisierte durch ein kurzes Kopfnicken, dass sie zufrieden war, mit dem was sie da sah.
Sie sah, dass viele noch in Italien, am Gardasee bei Alice, Lotte, Anna und dem Rumänen weilten und sich insgeheim fragten, welche Beziehungen zwischen den vieren und dem Verstorbenen bestanden, sich versuchten, einen Reim darauf zu machen, warum der Rumäne keinen Namen hatte, sich fragten, warum nicht ordentlich getrauert wurde, als die Nachricht vom Tode Conrads eintraf, sich große Gedanken zu einer kleinen, alltäglichen, melancholischen Geschichte machten. Ein wahrlich magischer Moment.

In der anschließenden Diskussion brachte Frau Hermann ein wenig Licht ins Dunkel. So, wie in der Musik der Blues von den weggelassenen und umgebogenen Noten lebt, speist sich die Magie ihrer Erzählungen eben nicht aus dem Gesagten, dem Beschriebenen und dem Ausgearbeiteten, sondern aus der Aussparung, aus den Lücken und den Zwischenräumen. Hermanns Texte fordern nachdrücklich Kopfkino. Dies ist ihr nicht zuletzt durch ihre fehlerfreie, mit äußerst angenehmer Stimme und ganz eigenen Erzähltempo vorgetragenen Lesung gelungen.

Eineinhalb Jahre, verriet uns Judith Hermann, sei sie nun mit Alice auf Lesetour und gestern hat sie bis auf Weiteres zum letzten Mal aus diesem Buch vorgelesen. Als sie uns davon berichtete, tat sie das sichtlich mit einem lachenden und mit einem weinenden Auge. Unwillkürlich hatte ich das Bild der im Gardasee badenden Alice vor Augen.
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