Literaturtage Lauf 2008

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17.11.2008 von axeage

Am Wochenende gingen die Literaturtage Lauf zu Ende. Wie jedes Jahr war diese Veranstaltung erstens sehr gut besucht, zweitens hochkarätig besetzt, drittens hervorragend organisiert und viertens kostenlos. Das sind vier nicht zu verachtende Vorteile und gereichen sowohl der Stadt Lauf, als auch deren Einwohnern zur Ehre, zeigt es doch, dass man auch in der sogenannten Provinz ein anspruchsvolles kulturelles Leseprogramm anbieten kann und dieses auch gerne vom Publikum angenommen wird.
Die Liebste und ich waren, außer am Donnerstag bei jeder Lesung und es war kein Tag dabei, vom Samstag einmal abgesehen, an dem wir uns nicht sehr gut bis prächtig unterhalten fühlten.

Beat Stories

Montags die äußerst vergnügliche Lesung der Herren Kraft, Politycki und Spinnen, die sowohl aus ihren eigenen Büchern lasen, als auch aus der Anthologie Beat Stories, zu der jeder der Herren einen Beitrag beigesteuert hatte. Untermalt war jede Beat-Story mit den Rocksongs, zu denen die Autoren jeweils ihre ganz persönliche Geschichte erzählten. Bei Spinnen war das Steely Dan, bei Politicky Alvin Lee, bei Kraft Pink Floyd. Vor allem für Zuhörer unserer Generation gab es da so manchen Augenöffner und ab und zu auch ein feuchtes Auge, manchmal sogar einen Anflug von Gänsehaut.

Depressive Krimis

Am Dienstag dann Friedrich Ani mit Krimis der eher depressiven Art. Nicht unbedingt mein Fall, weil ich eigentlich keine Krimis lese. Aber der Typ war nett und auch das sonst immer etwas peinlich, weil sehr zäh anlaufende Frage- und Antwortspielchen nach der Lesung, verlief äußerst launig.

Medienmensch Karasek

Karasek am Mittwoch – er ist einfach ein Medienmensch. Seine Lesung: eine Mischung aus Standup-Comedy, Nähkästchenplauderei, Vorlesen, Kommentierung des Tagesgeschehens und Realsatire. Und diese Mischung war deshalb einfach überragend, weil sich Karasek als Mensch und Faktotum und nicht als vergeistigter Literat und altersweiser Krittler präsentierte. Seine Glossen, die sich vor allem um die Themen „Alter“ und „altern“ rankten, waren teilweise zum Wegschmeißen komisch und man sah Karasek an, dass auch er an diesem Abend viel Spaß hatte.

Erzählen statt lesen

Der Freitag war unser persönliches Highlight. Das lag vor allem daran, dass Alex Capus diesen Abend nicht ausschließlich als Lesung gestaltete, sondern ganz im Gegenteil, die echten Lese-Passagen waren äußerst kurz gehalten. Den Rest des Abends leitete Capus auf äußerst angenehme und sympathische Weise seinen Lebensweg und seine Geschichten her. Vollkommen unaufgeregt, trotzdem mit klarer, beherzter Stimme erzählte Capus von dem kleinen schweizer Städtchen, in dem er seit Jahren lebt, von dem Missverständnis, er würde dort als Ortschronist fungieren und von der Ambivalenz dieser Erwartungshaltung, der er schließlich damit begegnete, dass er seither nur noch wahre, verbriefte Geschichten erzählt. Eine dieser Geschichten ist die von drei deutschen Werftarbeitern, die kurz vor Ausbruch des ersten Weltkriegs ein in Deutschland gefertigtes, dann wieder zerlegtes Kriegsschiff nach Deutsch-Ostafrika schaffen, um es dort erneut zusammenzubauen.
Dieser Lese- und vor allem Erzählabend war so herrlich, dass man sich gewünscht hätte, Capus würde überhaupt nicht mehr damit aufhören. Als er dann noch – quasi als Zugabe – eine herzzerreißende Geschichte vorlas, die davon handelte, wie seine Mutter auf der Durchreise nach England, in Paris seinen Vater, ihren Mann kennenlernte, hatte sich Capus endgültig einen Platz in unseren Herzen erobert.

Regentriefende Salamischeiben

Dann aber der Samstag: Lars Brandt – Sohn des Willy Brandt. Letzteres muss man wirklich dazu sagen, denn ohne diesen Vorschusslorbeer hätte wahrscheinlich kein Lektor dieser Welt jemals eine Zeile dieses Herrn durchgehen lassen, geschweige denn, ein Verleger dessen Buch – dessen „Roman“ – verlegt.
Beispiel gefällig?

Zwischen schwarzen Bäumen unser schwarzer Reigen durch die Nacht, eine Silhouette schwarz auf schwarz. Auch das Weiß meiner Jacke war nun schwarz. Sandkörner prickelten unter den krummen Ledersohlen der Stiefel, die Hans nie spitz genug sein konnten. Links hielt er das Köfferchen mit dem Saxophon, rechts die obligate filterlose Zigarette, deren Glut Mal um Mal eisig unter seiner Nase aufleuchtete.
Als wir zu dem Punkt gelangt waren, von dem wir tief unter uns den Strom nicht sahen, dudelte Hans durch die nasse Nacht. Raucharabesken schlängelten sich aus dem krächzenden Instrument hin zu der Salami, von der wir regentriefende Scheiben säbelten und dann mit Grappa wegspülten.

Lars Brandt – Gold und Silber

Mit solchen Sätzen quälte uns Herr Brandt junior fast eine Stunde und wenn ich bei Alex Capus davon sprach, dass man sich gewünscht hätte, er würde nicht mehr aufhören zu erzählen, dann hat man sich bei Brandt gewünscht, er würde sofort damit aufhören und für immer schweigen.

Seine Texte sind so verquast, überkandidelt und gebläht, dass es tatsächlich ein Qual war, ihnen zu folgen. Die Tagespresse machte es sich in der heutigen Ausgabe, wie ich finde etwas zu leicht und berichtete ausgiebig über das im Vorfeld der Lesung stattgefundene Gespräch der Veranstalterin mit dem Autor über dessen biografisches Buch Andenken, das von dem schwierigen Verhältnis Brandts zu seinem berühmten Vater handelt. Die Lesung selbst wurde mit ein paar nichtssagenden Sätzen beschrieben und gipfelte in dem Satz: Allerdings hätten sich wohl viele gewünscht, dass die Lesung etwas knapper ausgefallen wäre.

Literaturtage 2.0

Übrigens, wie im letzten Jahr gibt es ein von Laufer Schülern initiiertes Blog-Projekt, bei dem man alle Lesungen als Podcast noch einmal nachhören und herunterladen kann. Hier der LINK.

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