Schwarz verliert

2

16.01.2015 von axeage

Sie haben mit Ihrer Einberufung zum 13. September 1943 zu rechnen. Ihre Uk-Stellung ist hiermit aufgehoben. Einspruch hiergegen ist zwecklos. Diese Benachrichtigung haben Sie sofort Ihrem Arbeitgeber vorzulegen.
Ewald wusste nichts mit dem Wort Uk-Stellung anzufangen. Außerdem erschreckte ihn das Wort zwecklos. Das Schreiben hatte ihm sein Vater, ein strenger, wortkarger Mann, mit den Worten überreicht: „Du bist zwar noch jung, aber der Führer scheint Dich zu brauchen“.

Karl, den Nachbarsjungen, der genauso alt war wie Ewald, hatten sie drei Monate zuvor eingezogen. Er hat nicht lange überlebt. Verstärkung beim Russlandfeldzug. Kanonenfutter. Seine Eltern trugen seither schwarze Armbinden. Ein Herr von der Gestapo hatte ihnen geraten, keine schwarze Kleidung zu tragen.

„Was bedeutet Uk-Stellung“ wollte Ewald von seinem Vater wissen, als dieser schon fast wieder aus dem Zimmer war. Der antwortete knapp:
„Unabkömmlichstellung. Trifft für Dich nicht zu. Als Druckerlehrling bist Du nicht unabkömmlich. An der Front offensichtlich schon. Lass‘ gut sein. Es wird schon alles gut werden“.
Einspruch hiergegen zwecklos dachte Ewald und las noch einmal das gesamte Schreiben durch. Bis zum 13. September waren es noch vierzehn Tage. Ewald fing trotzdem schon an, seine Sachen zu packen. Als er fertig war, legte er sich auf sein Bett und starrte an die Decke. Vierzehn Tage lang. Nur zum Essen und wenn er zur Toilette musste, stand er auf. Seine Mutter machte sich große Sorgen. Sein Vater sagte Lass‘ gut sein. Es wird schon alles gut werden, sein kleiner Bruder, mit dem er das Zimmer teilte, schüttelte nur ständig den Kopf und sein großer Bruder, der bei der Waffen-SS und in der Nähe stationiert war, versicherte, dass man ihm an der Front schon zeigen würde, wo es lang ginge.

Am Morgen des 13. September 1943 stand Ewald zusammen mit vierzig ungefähr gleichaltrigen Burschen am Bahnhof von Reuthen und wartete darauf, an die polnische Grenze gebracht zu werden. Die meisten Jungen waren zwischen 16 und 18 Jahre alt. Ewald war 17 und hatte bis zu diesem Zeitpunkt noch nicht ganz das erste Jahr seiner Buchdruckerlehre absolviert. Ob er die Lehre würde beenden können, war fraglich, weil sich bei ihm eine akute Allergie gegen Druckerschwärze entwickelt hatte. Er bekam Hautausschläge und schlimme Hustenanfälle. Kurz dachte er darüber nach, dass alles Schlechte auch sein Gutes hatte und er, sollte er jemals aus dem Krieg wieder heimkehren, die Lehre wegen der langen Fehlzeit wahrscheinlich sowieso nicht ohne weiteres würde beenden können. Seine Lunge und seine Haut jedenfalls würden es ihm danken.

Der Zug kam spät. Um ihre Angst zu überspielen, scherzten die Jungen mit lauten, hysterischen Stimmen und rauchten Kette. Die wenigen Offiziere, die sich eingefunden hatten, um die Papiere zu prüfen und Einteilungen vorzunehmen, waren kaum älter als die Eingezogenen. Am Zielbahnhof herrschte deutsche Gründlichkeit. Einige der Offiziere waren mitgereist, tauschten sich kurz mit ihren Kollegen vor Ort aus, übergaben die Papiere und verschwanden wieder im Zug. Die Neuankömmlinge nahmen Reih- und Gliedaufstellung. Dann traten abwechselnd der gute – und der böse Ausbilder auf, motivierten und demütigten abwechselnd die jungen Soldaten, hielten abschließend jeder eine Brandrede, die darauf hinauslief, dass am ersehnten Endsieg nicht die Spur eines Zweifels herrsche. Sie, die jungen und unverbrauchten Männer des Volkssturms würden dafür sorgen, dass der Feind geschlagen würde und das tausendjährige Reich – bla bla bla.

Ewald hörte nicht mehr zu. Über zehn Jahre Propaganda hatten ihre Spuren hinterlassen und ihn taub gemacht. Vierzehn Tage auf dem Bett liegen und an die Decke starren, hatten seinen Kopf geleert und so schnell würden zwei dahergelaufene Ausbilder, vor allem, wenn sie ein so durchschaubares Spiel spielten, diesen Hohlraum nicht füllen. Aus den Augenwinkeln heraus glaubte Ewald zu erkennen, dass die meisten seiner Kameraden auch auf Durchzug geschaltet hatten. Bei einigen hatte er sogar den Eindruck, dass sie gar nicht verstanden, um was es überhaupt ging. Kein einziger sah so aus, als wäre er vom fanatisierenden Endsieggedanken durchdrungen und könne es gar nicht erwarten, dem Feind gegenüberzutreten, um ihm mit aufgepflanztem Bajonett den Bauch aufzuschlitzen, so wie es der böse Ausbilder mit hasserfülltem Blick in diesem Augenblick formulierte.

Wegtreten war das nächste Wort, das Ewald wieder halbwegs verinnerlichte. Haus 71, Stube 4 stand auf seinem Unterkunftszuweisungszettel. Seine Mitbewohner waren ein Alfons, zwei Georg, ein Karl, ein Herbert, ein Erich und der obligatorische Adolf. Allesamt Raucher. Erich, der jüngste 16, einer der Georgs 18, der Rest 17 Jahre alt. Ewald bezog das Stockbett unter dem 16jährigen. Im Zimmer standen ein Tisch und acht Stühle. An den Wänden acht Spinte aus billigem Blech mit Vorhängeschloss, die für die mitgebrachte Wäsche und ein paar private Dinge gerade so ausreichend waren.

Für die nächsten vierzehn Tage war eine Art Grundausbildung vorgesehen, auch und vor allem an der Waffe. Ewald hatte außer einem Luftgewehr noch nie eine Waffe in der Hand gehabt. Das übergebene Gewehr, ein Mauser Modell 98 mit aufgepflanztem Bajonett, war ungewöhnlich schwer und reichlich unpraktisch, wie Ewald fand. Die Pistole, eine Walther P38, die ihm in einem steifen, mit schwergängigen Nieten versehenen Lederhalfter übergeben wurde, lag schon besser in der Hand. Wenn der Feind getötet werden musste, war das wahrscheinlich das Mittel der Wahl, dachte Ewald, vorausgesetzt, er bekam das Ding rechtzeitig aus der steifen Halterung. Jemanden aus der Ferne mit dem Gewehr zu erschießen oder ihn gar mit dem Messer oder Bajonett zu töten, lag außerhalb seiner Vorstellungskraft.

„Ja und wenn Ihnen die Munition ausgegangen ist, Schramm?“ herrschte ihn am nächsten Tag der Ausbilder an.
„Was machen Sie dann? Werfen Sie dann die Pistole nach ihm oder strecken ihn mit ihrer mickrigen Faust nieder oder bitten ihn höflich, jetzt bitteschön das Feld zu räumen? Was machen Sie dann, Schramm?“
Ewald hatte sich fest vorgenommen, sich nicht einschüchtern zu lassen und antwortete ruhig und überlegt, dass er in einem solchen Fall natürlich den Einsatz des Bajonetts in Erwägung ziehen würde.
„In Erwägung ziehen. Schramm würde den Einsatz des Bajonetts in Erwägung ziehen“, schrie der Ausbilder in den Runde und erntete allenthalben hämisches Gelächter. Ewald zog die Schultern hoch, ärgerte sich weniger über das Kichern der Kameraden, als über die Äußerung des Ausbilders, Ewald habe eine mickrige Faust, denn das stimmte überhaupt nicht und am liebste hätte er dem Ausbilder gezeigt, wozu er mit dieser, seiner mickrigen Faust fähig war.

Der Ausbilder aber hatte sich inzwischen abgewandt, eins der Gewehre geschnappt, überprüft, ob keine Kugel im Lauf war, den Bajonettschutz abgezogen und ein lebensgroße Puppe, die aus mit Stroh und Sägespänen gefüllten Kartoffelsäcken notdürftig zusammengebastelt und einer schlechten Vogelscheuche nicht unähnlich war, vor sich aufgebaut, um dann zu demonstrieren, wie man seinen vermeintlichen Gegner sauber mit einem Bajonett niederstreckt. Sägespäne und Stroh lagen nach dieser Attacke auf dem Boden.
„Schramm, sie werden da keine Zeit haben, irgendetwas in Erwägung zu ziehen. Das hier“ und damit deutete der Ausbilder auf den Boden, „das hier sollten im Idealfall die Eingeweide ihres Gegners sein, Schramm.“

Damit war die Grundausbildung zum Thema Nahkampf mit Bajonett beendet. Jeder, der wollte, durfte der Strohpuppe noch ein paar Eingeweide aus dem Leib reißen. Erich, der Sechzehnjährige, legte den Arm um Ewald und sagte:
„Mach‘ Dir nichts draus. Lass‘ es gut sein. Es wird schon alles gut werden.“
„Das sagt mein Vater auch immer“, antwortete Ewald verblüfft und versetzte der Puppe den Todesstoß, will heißen, der Unterleib war so weit aufgeschlitzt, dass das gesamte Stroh aus der Puppe fiel.
„Und derjenige, der unserem Feind den Garaus gemacht hat, darf sich in die Asservatenkammer einen Sack und Nähzeug geben lassen und ihn wieder zusammenflicken.“ schrie der Ausbilder mit höhnischer Stimme und sichtlich darüber erfreut, dass gerade Ewald dieses Missgeschick passiert war.

Das Vernähen der Kartoffelsäcke, die Ewald vorher mit Stroh und Sägespänen gefüllt hatte, entpuppte sich schwieriger, als gedacht. Obwohl ihm Erich, der sofort angeboten hatte, ihm zu helfen, zur Hand ging, riss das Garn Löcher in die groben Säcke und mehr als einmal mussten die beiden von vorne beginnen und viel Flickarbeit leisten.
Nach zwei Stunden hatten sie es geschafft. Vor ihnen stand eine Kampfpuppe, die wesentlich standfester und ihrem Vorgänger um Klassen überlegen war.
„Meinst Du, der Ausbilder ist damit zufrieden?“ wollte Erich wissen.
„Die Puppe ist auf jeden Fall besser, als die vorher. Das ewige Leben aber wird auch sie nicht haben.“
Beide kicherten und gingen in ihre Baracke. Dort herrschte noch reichlich Unruhe. Alle saßen am Tisch. Drei spielten Karten. Zwei spielten Schach, mit selbstgeschnitzten Figuren und einem Blatt Papier, auf das mit Bleistift ein Schachbrettmuster gezeichnet war. Gesprächsthema war natürlich der Nahkampf. Dem Feind ins Auge blicken, ihn töten, den Russen, den Engländer, den Ami. Was wäre das wohl für ein Erlebnis. Seinen Kindern und Enkeln davon berichten. Vor ihnen als Kriegsheld dazustehen.

„Schwarz verliert“, sagte Ewald und deutete auf das improvisierte Schachbrett. Die schwarzen Figuren, die notdürftig mit einem Bleistift angemalt und von den weißen Figuren kaum zu unterscheiden waren, standen tatsächlich wesentlich schlechter. Die beiden Spieler, es waren die beiden Georgs, blickten auf und musterten Ewald kritisch.
„Vielleicht hast Du Lust, ein paar Strohfiguren zu basteln“, stichelte Georg Eins, doch Ewald deutete auf die Ecke, in der der sich der schwarze König verschanzt hatte. Dann blickte er zu Georg Zwei. Springer auf C6 und Turm auf B5, Matt.

Eine Woche später waren beide Georgs tot. Scheußlich Sache kommentierte der Kommandeur. Ganz scheußliche Sache. Die Truppe war in einen Hinterhalt geraten. Zweiundvierzig tote Kameraden. Vierzehn Schwerverletzte. Einunddreißig Leichtverletzte und drei Mann wurden vermisst, unter anderem Ewald. Schramm fehlt, sagte der Ausbilder. Und Kürzdörfer und der kleine Vogel.
Kürzdörfer war zu diesem Zeitpunkt auch schon tot. Es hatte ihn nur niemand gefunden, weil er so weit verstreut war. Eine Mörsergranate hatte ihn buchstäblich in tausend Stücke zerrissen. Ewald lag mit einem stark blutenden Streifschuss an der Hand in einem Wald nahe der Ortschaft, in der seine Truppe in den Hinterhalt geraten war und sein Zimmerkamerad Erich Vogel, der kleine Vogel, passte auf ihn auf. Wir schaffen das, hatte Erich mehrfach beteuert und wusste nicht, wie er die stark blutende Wunde seines Kameraden noch verbinden sollte. Das bisschen Verbandsmaterial, das sie dabei gehabt hatten, war längst durchgeblutet und verbraucht. Nach gut einer Stunde – Ewald war aufgrund des Blutverlustes immer schwächer geworden – beschloss Erich, Hilfe zu holen. Ewald war hin- und hergerissen zwischen abgrundtiefer Verzweiflung, hier alleine im Wald zurückgelassen und der hoffnungsvollen Aussicht darauf, in ein Feldlazarett gebracht zu werden. Als sein Freund und Schutzengel gegangen war und er alleine auf dem feucht-kalten Waldboden lag, packte ihn Schüttelfrost und die nackte Angst. Die Nacht brach herein. In der Ferne waren Gefechtsgeräusche zu hören. Panzer- und Gewehrfeuer, Granatenabschüsse und –einschläge. Wenn seine Truppe immer noch dort kämpfte, war kaum Hoffnung auf Hilfe. Er schnitt mit dem Messer ein Stück aus dem Futter seines Mantels, um den Verband notdürftig zu erneuern. Die Wunde sah grauenhaft aus. Er kämpfte mit der Ohnmacht, als er den Verband zusammenzog, um die Blutung vielleicht doch zu stillen.

Dann plötzlich, wie aus dem Nichts, stand er vor ihm: ein echter, leibhaftiger, russischer Soldat. Kaum älter als Ewald und genauso erschrocken wie Ewald. Mit weit aufgerissenen Augen starrten sie sich an und hatten beide den selben Gedanken: Was soll ich jetzt tun?
Ewald tastete mit seiner unverletzten Hand nach seiner Pistole. Er wusste allerdings in diesem Augenblick genau, dass es ihm unmöglich sein würde, sie schnell genug aus diesem steifen, mit schwergängigen Nieten versehenen Lederhalfter zu ziehen. Er hätte sie schon vorher herausnehmen und entsichert neben sich legen sollen. Er hätte damit rechnen müssen, dass ihn der Feind hier findet. Er hätte, als er beim ersten Schusswechsel in Deckung gegangen war, nicht die Hand auf die Mauer legen sollen. Er hätte gar nicht erst hier her kommen sollen, er hätte zu Hause in seinem Bett bleiben und weiterhin die Decke anstarren sollen. Das Gewehr mit dem Bajonett lag neben ihm. Ewald dachte an die Strohpuppe. Um den Pistolenhalter zu öffnen, hätte er die andere Hand hinzunehmen müssen. Schramm, ziehen Sie den Einsatz des Bajonetts in Erwägung, schrie ihn im Geiste der Ausbilder an. In diesem Augenblick brachte der russische Soldat sein Gewehr in den Anschlag und zielte auf Ewalds Kopf. Ewald riss instinktiv beide Hände hoch und wollte schreien. Dann wurde ihm aber klar, dass dies höchstwahrscheinlich nichts bringen würde, also blieb er ruhig und blickte dem Feind mit flehendem Blick ins Auge. Innerlich hatte er sich mit dem Schicksal abgefunden, am Tag seiner ersten Kampfhandlung erschossen zu werden.

Er hatte einmal gelesen, dass zum Zeitpunkt des nahen Todes, sei es bei einem Unfall oder dann, wenn man die Mündung eines durchgeladenen Gewehrs blickt, das eigene Leben wie ein Film an einem vorbeiziehen würde. Vor seinem geistigen Auge sah er seine hochschwangere Mutter, eine Wirtin. Sie steht hinter einer Theke und zapft Bier. Die Schmerzen, die sie spürt, sind keine Wehen. Können gar keine Wehen sein. Wehen kann sie jetzt überhaupt nicht gebrauchen, nicht in diesem Augenblick, da die Gastwirtschaft brechend voll ist. Sie zapft drei Bier, dann werden die Schmerzen schlimmer. Ich glaube es ist soweit, flüstert sie ihrem Mann ins Ohr, der am Stammtisch sitzt, Zigarre raucht und mit drei Gästen Karten spielt. Er bläst ihr den Rauch ins Gesicht, schüttelt den Kopf mit dem belehrenden Hinweis, dass doch noch mindestens drei Wochen Zeit sei und übergibt ihr sein leeres Bierglas. Der Weg zurück zur Theke wird für sie nahezu unerträglich. Sie stellt das Glas ab, verlässt den Gastraum, geht die Treppe hoch, in die Privaträume der Familie, setzt sich auf die Couch und hofft, dass die Schmerzen nachlassen. Die Gäste unten im Gastraum, ihren Mann, der gerade ein Schellensolo mit 62 Punkten gewinnt, die halbleeren Biergläser, die immer leerer und die Aschenbecher, die immer voller werden, rücken in weite Ferne, bis sie diese vollständig vergessen hat und sie sich ausschließlich auf die Schmerzen konzentriert, die so stark werden, dass sie gar nicht merkt, wie die Fruchtblase platzt, ihr Mann mit hochrotem Kopf plötzlich in der Tür steht und der Kopf ihrer Leibesfrucht, bereits zwischen ihren Beinen hervor schaut.

Die ganze Szene, vom Zapfen des Bieres bis zur Geburt dauerte in Ewalds Kopf nur den Bruchteil einer Sekunde. Jetzt wird er bereits eingeschult, jetzt hat er seinen ersten Samenerguss, schon laufen ihm zwei hübsche, junge Mädchen über den Weg. Eine davon ist Heike. Auf ein Wiedersehen mit ihr nach dem Krieg? Der junge Russe, der in vermeintlicher Zeitlupe am Abzug seines Gewehrs zog, hatte etwas dagegen. Warum, fragte sich Ewald, der blutleer und flehentlich in die Mündung sah, die ihm inzwischen so groß vorkam, dass er meinte vollständig darin Platz zu finden. Warum, warum, warum … die dümmste Frage im Leben eines Siebzehnjährigen, der verwundet auf dem Schlachtfeld liegt und auf den Tod wartet.

Dann der Schuss. Er hörte sich entfernt an. Viel zu entfernt, als dass er aus dem Gewehr des jungen Russen hätte stammen können. Zu weit weg, dachte Ewald und als der junge Russe wie eine Statue umfiel, die man vom Sockel gestoßen hatte, wusste er auch warum. Ein anderer, ein Kamerad, ein Engel aus dem Kriegshimmel, ein Jäger, ein Bote aus dem Jenseits, ein Freund, ein Helfer war ihm, dem schussbereiten und schießwütigen Russen zuvor gekommen, hatte ihn aufs Korn genommen und ihn erschossen. Einfach so, wie in einem Film. Wie in einem schlechten Kriegsfilm.

_____________________________________________________________________

So oder so ähnlich oder auch ganz anders könnte die Geschichte meines Vaters bzw. meiner Eltern ihren Anfang genommen haben.
Weiterführender LINK zum Thema :

2 thoughts on “Schwarz verliert

  1. @Axel: Zum wiederholten Male bin ich tief beeindruckt von deiner starken und auf’s Wesentliche reduzierten Erzählkunst. Die teilbiographischen Geschichten entfalten eine Kraft wie einst die Trümmerliteratur von Wolfgang Borchert & Co. Bitte weitermachen!

  2. axeage sagt:

    @Dennis:
    Vielen Dank, das ehrt mich sehr, mit Wolfgang Borchert verglichen zu werden.
    Das interessante an der Geschichte meines Vaters ist, dass er mit mir nie über diese Zeit gesprochen hat. Meine Frau hat ihm das eine oder andere entlockt.
    Ich merke immer wieder, erst dann, wenn man diese Geschichten mehr oder weniger detailgenau erzählt, wird einem bewusst, was diese Generation mitgemacht hat.

Kommentar verfassen ...

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s

Kategorien

Januar 2015
M D M D F S S
« Dez   Feb »
 1234
567891011
12131415161718
19202122232425
262728293031