Element of Times they are a-Changin‘

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07.12.2014 von axeage

Es sollte ein besonderer Gig werden. Zum ersten Mal nicht nur nachgespielte-, gecoverte-, sondern auch eigene Songs spielen. Vor Publikum. Songs, ja oder besser, Lieder mit deutschen Texten, was vor allem bedeutet, peinlich genau auf die Texte zu achten, denn nichts ist schlimmer, als Text zu vergessen, oder was Falsches oder gar Gestammeltes zu singen, vor allem dann, wenn die Lieder davon leben, dass deren Texte verstanden werden.

Der Veranstaltungsort ist eine liebevoll gestaltete Kneipe, ein ehemaliger Bahnhof. Auf- und umgebaut hat ihn ein Verein, den Erdmute, eine quirlige Mitvierzigerin, gegründet hat. Man merkt am Ambiente, am Inventar und an der Speisekarte, dass nicht nur Geld, sondern auch viel Herzblut investiert wurde. Alles sehr stilvoll, alte Sofas, renovierte Tische, unterschiedliche Stühle, eine Schaufensterpuppe, viele Pflanzen, zur Jahreszeit passend ein paar Weihnachtssterne, Kunst und Antikes an den Wänden. Auf der Speise- und Getränkekarte unter anderem vegetarische und vegane Gerichte mit Zutaten von heimischen Bauernhöfen und Bieren aus der Region. Man fühlt sich auf Anhieb wohl.

Gute zwei Stunden vor dem Auftritt rücken wir an und bauen auf. Das Stromkabel liegt bereits da, wo es hingehört, das ist schon mal ein gutes Zeichen dafür, dass die Organisation stimmt. Am Bühnenrand hockt eine Schaufensterpuppe mit Model-Figur in Winterklamotten. Der Raum, in dem wir spielen, ist die ehemalige Wartehalle des Bahnhofs. Johnny baut sein Keyboard neben einer Art Schaufensterauslage auf. Ein Email-Schild mit altdeutscher Aufschrift weist darauf hin, dass es sich um den ehemaligen Kiosk handelt. Erdmute hat ein wenig Angst, dass unser Kerzenlüster, der bisher bei jedem unserer Auftritte dabei war, ihre alten Möbel oder ihren Fußboden versauen könnte. Sie bringt deshalb ein altes Flies zum Draufstellen. Nach dem Auftritt wird kein einziger Wachstropfen zu sehen sein, die Flammen der Kerzen sind wie festgenagelt.
Durch einen engen Gang gelangt man in den eigentlichen Gastraum. Der ist voll an diesem Abend. Das lässt hoffen, dass auch der unser Gig gut besucht sein wird.

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Johnny im Kiosk, Günter vertieft

Tatsächlich hocken im Zuschauerraum schon ein paar Leute, darunter zwei Kerle, die unseren Soundcheck mit neunmalklugen Kommentaren begleitet haben. Der eine ist ein großgewachsener Endvierziger, mit Pferdeschwanz und neumodischem Kinnmittelbart, der so tut, als würde er für die örtliche Zeitung schreiben. Er führt mit uns ein Interview im Stile von Mich interessiert überhaupt nicht, was ihr sagt, aber redet ruhig weiter.
Später, kurz bevor wir beginnen, fordert er mit lautstarken Rufen und Pfiffen, dass wir endlich anfangen sollen. Er und sein Kumpel haben schon ordentlich den Bieren aus der Region zugesprochen, mit anderen Worten, sie sind ziemlich besoffen. Erdmute gibt ihnen schon seit längerer Zeit kein Bier mehr, aber sie stacheln immer wieder andere Gäste an, ihnen eins zu holen.

Das kann ja lustig werden, denke ich bei mir, als wir die Bühne betreten und ich, ferngesteuert wie immer, wenn ich hochdeutsch vor mehr als vier Leuten sprechen soll, erkläre, dass wir Element of Time sind und Songs, nein Lieder, von Element of Crime spielen und – ja, die Presse hätte uns als Element of Crime angekündigt und – ja, das sei natürlich ein peinlicher Irrtum gewesen, aber wir seien ja missionarisch in Sachen Element of Crime unterwegs, weil die Musik dieser grandiosen Band viel zu wenig bekannt sei, draußen im Land, im Mutti-Land im Tschingerassabum-Skihütten-Partyvolk-Land.

Auf meine Frage, wer denn im sehr geschätzten Publikum Element of Crime kennen würde, melden sich die meisten. Nix Mission und ich denke ein weiteres Mal das kann ja lustig werden. Immerhin ist der Laden voll. Die Sitzplätze sind alle besetzt und vereinzelt stehen auch ein paar Gäste. Dann erwähne ich in meiner kurzen Ansprache noch, dass wir heute erstmalig auch eigene Songs spielen werden – Welturaufführung, Premiere usw. – mache darauf aufmerksam, dass es die eigenen Songs auch auf einer CD zu kaufen gibt, halte die CD hoch, stimme nebenbei meine Gitarre, an der es eigentlich gar nichts mehr zu stimmen gibt, weil ich sie im Vorfeld schon drei Mal gestimmt habe und dann … dann geht es los.

Auf einem Spielplatz ruft ein Kind nach seiner Mutter, damit die sieht, wie hoch das Kind schon schaukeln kann und es wirft die Beine vor und hoch zum Himmel, bis ein Schuh davonfliegt und der landet dann auf einem Auto, das am Straßenrand geparkt ist …
Bei Auto setzen Günter mit dem Cajon und Johnny mit dem Keyboard ein. Alle Zuschauer lauschen ergriffen und schauen andächtig. Der Sound kommt gut rüber, beim Refrain schalte ich per Fußtaster auf dem Vocalizer die Zweitstimme zu. Später werde ich auf die Frage, wo denn plötzlich diese zweite Stimme herkam, auf die neben mir sitzende Schaufensterpuppe deuten. Am Ende denk‘ ich immer nur an Dich.

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Am Ende denk‘ ich immer nur an Dich …

Das erste Lied ist überstanden. Wir haben uns nicht verspielt. Der aufdringlich lautsprechende Typ mit dem Kinnmittelbart hat brav mitgelauscht und applaudiert. Ich reiße die Arme hoch und rufe ROMANTIK, so wie es der gute Sven Regener immer tut. Dann das zweite Stück. Auch ein Coversong. Nur mit Dir von der wunderbaren CD Mittelpunkt der Welt. Auch ROMANTIK, auch fehlerfrei, auch schön.

Dann ist es soweit: der erste eigene Song. Zum ersten Mal vor Publikum. Eins, zwo – eins, zwo, drei, vier – Intro. Das Stück heißt Die Andern und handelt davon, dass man sich nur allzu gerne an dem – oder der – oder den Andern orientiert. Vier Strophen, ein Refrain, kleines Zwischenspiel. Am Ende meines Daseins werd‘ ich es wohl wissen, was die Andern haben, brauch‘ ich nicht zu vermissen. Doch das Ende ist noch weit, es bleiben viele Tage, ich kümm’re mich bis dahin um die Klärung meiner Frage: Was haben die Andern? Was haben sie, was ich nicht hab‘?
Weil der Rhythmus ins Tanzbein geht, springt der Kinnmittelbart auf und klatscht in die Hände. Allerdings ohne im Takt zu bleiben. Günter schließt verzweifelt die Augen, um nicht rausgebracht zu werden. Irgendwann ist es geschafft. Das Lied ist vorbei. Applaus. Niemand hat sich gegruselt, im Gegenteil, die meisten haben an den richtigen Stellen gelacht – zumindest gelächelt. Der Kinnmittelbart scheißt den Rest des Publikums dafür zusammen, dass sie nicht mitgeklatscht haben. Ich bin ganz froh drum, Günter wäre sonst garantiert aus dem Takt gekommen.

Für den Rest des Gigs geht alles seinen Gang. Bei der Straßenbahn des Todes habe ich zwar einen Textaussetzer – der komplette zweite Teil der ersten Strophe fällt mir nicht mehr ein, weil ich gedanklich schon in der dritten Strophe bin – und in meinen eigenen Song Es wird langsam Zeit komme ich überhaupt nicht rein, weil ich völlig falsch anfange. Überhaupt habe ich mit den eigenen Songs wesentlich mehr Probleme, als mit den fremden. Schon merkwürdig, habe ich doch alle Lieder selbst geschrieben und komponiert. Aber so ist das mit dem Scheinwerferlicht. Es macht nicht nur Licht, sondern verbrennt auch Teile des Gedächtnisses. Der Kinnmittelbart jedenfalls hat seinen Spaß. Er schnappt sich ab und zu eine junge Frau und tanzt mit ihr. Davon lässt sich auch ein junges Paar anstecken. Beide verraten mir nach dem Gig, dass sie große Fans von Element of Crime sind. Na, das lässt sich doch hören!

Auch schön: nach der Pause sind nicht etwa die meisten Zuschauer verschwunden, sondern fast alle noch da. Weil ich meine Liedansagen auf das Wesentliche beschränke, sind wir nach gut zwei Stunden beim letzten Lied angelangt. Obligatorisch: Bitte bleib‘ bei mir.

Zugabe! Balsam in meinen Ohren. Also gut, wir haben das was vorbereitet. Noch was Eigenes? Ein Lied, bei dem ich etwas Hemmungen habe, es in der Öffentlichkeit zu spielen. Es ist nämlich ein Lied für und über meine Mutter. Sie hat mir irgendwann einmal erzählt, dass sie noch nie in ihrem Leben am Meer gewesen ist. Ich habe daraufhin versucht, ein Projekt aufzusetzen: Mutter ans Meer schaffen. Doch daraus wurde nichts. Sie wurde irgendwann bettlägerig und überhaupt ging es ziemlich bergab mit ihr. Das Projekt ist schließlich gescheitert, übrig blieb dieses Lied: Der fiese Sandmann hat sich längst verpisst und beim Versandhaus zu viel Sand bestellt. Und weil der Strand jetzt unpassierbar ist, bleibt nur der Wind, der ihr vom Meer erzählt.

Und weil man nach so viel Pathos und Persönlichem die Zuschauer nicht in so depressiver Stimmung in die erste Adventsnacht entlassen darf, schließlich noch Der weiße Hai:
Freu Dich nicht zu früh auf den Sommer, Weihnachten ist grade erst vorbei. Im Treppenhaus riecht es noch nach Glühwein und im Fernsehn läuft der weiße Hai.

Passt textlich nicht ganz in die Jahreszeit, aber den Text umzuschreiben käme einer Gotteslästerung gleich; Herrn Regener schreibt man nicht ungestraft ein Lied um.

Es war ein schöner Abend. Es sollte ein besonderer Gig werden und es wurde ein besonderer Gig. Nach dem Auftritt wurde uns noch ein paar Mal die Frage gestellt, wie man auf die Idee kommt, Lieder von Element of Crime nachzuspielen. Ich habe geantwortet, weil wir’s können und seit diesem Gig wissen wir: Wir können auch anders.

4 thoughts on “Element of Times they are a-Changin‘

  1. wildgans sagt:

    Da wäre ich gern dabei gewesen! Was hast du gemacht bei den vergessenen Textstellen- lalala?
    Jedenfalls hört sich alles nach einem erwärmenden Erfolgsabend an! Du bist schon klasse, besonders in deiner Begeisterung für Regener!

  2. axeage sagt:

    Ja, war sehr schön; hätte Dir bestimmt gefallen. Irgendwann klappt es mal, Sonia. Du und Rosi seid ja noch in der Pflicht, uns einen Veranstaltungsort in Eurer Gegend zu suchen.
    Beim Textaussetzer habe ich einfach aufgehört zu singen. Refrain, nächste Strophe, weiter geht’s.

  3. Liebste sagt:

    Es war wirklich ein schöner Abend. Und ich denke immer dich bin ich!

  4. axeage sagt:

    Dich bist Du!

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