Ein großer Spaß, dieses Sterben. Nur das Warten nervt.

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05.07.2013 von axeage

Ich sitze in der Kirche neben meinem Onkel in der ersten Reihe. Mein Onkel weint. Er blickt etwas hilflos um sich, weil er keine Taschentücher mehr hat. Wie immer, wenn ich zu einer Beerdigung gehe, hatte ich mir vorgenommen, genügend Taschentücher einzustecken. Wie immer hatte ich zu wenig dabei. Die Liebste eilt zu Hilfe und gibt ihm eins.

Vor uns steht der Sarg seines Sohnes, meines Cousins, daneben eine Staffelei mit einem Bild von ihm. Meine Tante sitzt in einem Rollstuhl direkt neben diesem Bild. Auch sie weint. 56 Jahre alt ist mein Cousin geworden. Seine drei Söhne und seine Frau sitzen in der ersten Reihe über dem Gang. Schwarzer Hautkrebs mit Metastasen im Gehirn. Die teuersten Bestrahlungs- und Chemotherapien haben nichts geholfen. In der Todesanzeige stand: Gekämpft, gehofft und doch verloren.

Mein Cousin war ein sehr umtriebiger und engagierter Bürger in seiner Heimatstadt. Er hat sich für Heimatkunde und Heimatgeschichte interessiert, zu diesen Themen mehrere Bücher veröffentlicht, er war Gemeinderatsmitglied und zum Schluss Vorsitzender eines ortsansässigen und von ihm mitgegründeten Industriemuseums. Entsprechend voll ist die Kirche. Nachdem die Pfarrerin ihren Dienst getan hat, mein Onkel das neue Taschentuch durchgeweint und die Tante die Worte „Mein Gott, warum hast Du mich verlassen“ verzweifelt und händeringend wiederholt hat, gibt es diverse Nachrufe und Trauerreden. Der Oberbürgermeister, der Vorsitzende des CSU Ortsverbands, ein guter Freund und der Pfarrer der anderen Fraktion, ein Inder, der in gebrochenem Deutsch eine sympathisch-persönliche Geschichte erzählt, davon, wie er meinen Cousin zum ersten Mal getroffen hat, mit Büchern unter dem Arm und er, der Herr Pfarrer dachte, mein Cousin sei ein Hausierer, sich dann aber herausstellte, dass er mit dem Herrn Pfarrer nur über seine Heimat und seine Projekte sprechen wollte.

Es ist ein kalter, ungemütlicher Tag. Ein Tag, wie für eine Beerdigung gemacht. Der Friedhof liegt gleich neben der Kirche. Als der Sarg in die Grube gelassen wird, beginnt es leicht zu regnen. Die Schleifen des Blumenbuketts, das meine Eltern, die Liebste und ich mitgebracht haben, werden vom Wind erfasst. Letzter Gruß steht auf einer Schleife. Mir ist kein besserer Text eingefallen. Ich beobachte, wie sich die Trauergäste paar- und familienweise von meinem Cousin verabschieden. Meine Eltern sind nicht mitgekommen. Sie warten alt und gebrechlich zu Hause auf den Tod, der sich Zeit mit ihnen lässt, weil er offensichtlich damit beschäftigt ist, junge Burschen, wie meinen Cousin zu holen. Irgendwie ungerecht, denke ich, als die Liebste und ich am Grab stehen und Erde und Blumen hinein werfen. 

Mir fallen Szenen aus unserer Kindheit und Jugend ein: im Jugendzimmer meines Cousins, in dem er detailgenau die Mondlandefähre und die Trägerrakete Apollo 11 aus Pappmaché nachgebaut hatte. Im Kirchgarten des Wohnorts unserer gemeinsamen Oma, wo auf der Kirchenmauer der Name unseres Opas als Weltkriegs-Gefallener neben hunderten anderer Namen eingraviert war und wir immer ganz andächtig wurden, wenn wir ihn nach längerer Suche endlich gefunden hatten. Im Garten seiner Eltern, in dem ein kleiner Teich mit in der Erde steckenden Gansfedern eingefasst war, weil mein Cousin Angst vor diesen Federn hatte und damit kaum Gefahr bestand, dass er in den Teich fallen würde. Im Schwimmbad, wo er und seine erste Freundin so geknutscht haben, dass ich ernsthaft befürchtete, die beiden fressen sich gegenseitig auf. An ein Frühstück, zu dem er zu uns nach Hause gekommen war und bei dem uns auffiel, dass er aus den Semmeln nicht, wie wir, das Innere heraus pulte, sondern es mit dem Messer platt drückte und Margarine und Honig drauf strich. An seine Hochzeit, bei der er kurz vor dem Kirchgang plötzlich verschwunden war, weil er sich unbedingt noch die Füße waschen musste, eine klassische Übersprungshandlung, wie ich später im Studium gelernt habe …

Der Leichenschmaus findet in einem Traditionsgasthaus statt. Nach den vielen Tränen vor und in der Kirche und später am Grab macht sich dann, als jeder seinen Platz gefunden hat und alle mit Kaffee und Kuchen versorgt sind, eine seltsame Entspanntheit breit. Endlich kann man reden. Endlich kann man sich wieder den wirklich unwichtigen Dingen des Lebens zuwenden. Nahrungsaufnahme, Zuckeraufnahme. Vielleicht einen Schnaps. Auf jeden Fall ein Bier. Der Tod, der ebenso machtvoll, wie unangekündigt, wie ungebeten alle Aufmerksamkeit an sich gerissen hat, bleibt – zumindest für die nächsten zwei Stunden – außen vor. Er bleibt auf dem Friedhof. Dort, wo es regnet und für die Jahreszeit zu kühl ist. Dort, wo der Wind die Schleifen der Blumenbuketts und der Kränze durcheinanderbringt und zerfleddert.

Mein Blick fällt auf zwei sich gegenüber sitzende Bierdimpfl am Stammtisch des Schankraums. Sie gehören nicht zur Trauergemeinde. Sie saßen schon hier, als wir eingetroffen sind. Beide um die sechzig Jahre alt, der eine trägt eine Baseballkappe, der andere einen Tiroler Hut. Die Baseballkappe redet wie ein Wasserfall auf den Tiroler Hut ein, doch der scheint sich überhaupt nicht dafür zu interessieren. Sein Blick wandert in einem fort von den Wirtsleuten hinter dem Tresen zur Trauergemeinde im Saal, dann aus dem Fenster, kurz zu seinem Baseballkappen-Gegenüber, zu seinem Weizenbierglas, aus dem er ab und zu nippt, wieder zurück zu den Wirtsleuten. Die Baseballkappe brennt ein Feuerwerk an Bildzeitungs- und Stammtischplattitüden ab. Die Szene ist so grotesk, dass ich am liebsten aufstehen, mich zu den beiden an den Tisch setzen, den Kappenträger schütteln, ihn anbrüllen und die Frage stellen möchte, ob er noch alle Tassen im Schrank habe. Ob er nicht merke, dass sein Gegenüber gar nicht zuhöre. Ob er nicht wisse, was für einen Unsinn er da rede. Ob er sich nicht denken könne, dass wir, die Trauergemeinde, die Wirtsleute und der Tiroler Hut nicht scharf darauf sind, zu hören, was für eine gequirlte Scheiße er da von sich gebe. Ich lasse es natürlich bleiben.

Draußen scheint inzwischen die Sonne. Meine Tante isst ihr zweites Stück Kuchen. Mein Onkel erzählt mir, wie hundsgemein die Ärzte ihm seinen Führerschein „gestohlen“ hätten, indem sie ihm epileptische Anfälle attestierten. Epileptische Anfälle, echauffiert er sich, ich hatte in meinem Leben noch keinen epileptischen Anfall.
Meine Tante, die diese Geschichte bestimmt schon hundert Mal gehört hat, schimpft und sagt, dass das doch wohl keinen Menschen mehr interessiere. Er habe doch zum Schluss gar nicht mehr gewusst, wie man einen Gang einlegt. Mein Onkel schüttelt den Kopf und ist beleidigt.

Ich lächle gequält und meine Übersprungshandlung ist nicht eine Fußwaschung, sondern etwas zeitgemäßer, ein Blick ins Smartphone. Facebook-, E-Mail-, Blog-Postings. Der Schriftsteller Wolfgang Herrndorf, der an einem unheilbaren Gehirntumor leidet und seit über zwei Jahren sein Sterben in einem Weblog dokumentiert, schreibt: Ein großer Spaß, dieses Sterben. Nur das Warten nervt. Ich warte darauf, dass die Baseballkappe sagt: Genieße das Leben beständig, Du bist länger tot als lebendig. Aber er tut mir diesen Gefallen nicht.

6 thoughts on “Ein großer Spaß, dieses Sterben. Nur das Warten nervt.

  1. wildganss sagt:

    Bayern halt- Baseballkappenbayern…
    Habe den Text schon zum dritten Mal gelesen- meine Schwester las ihn auch gestern hier bei mir (hat im Moment kein Internet) und wir sprachen darüber. Worüber wir eh mehr sprechen- über Sterbensdinge…

  2. axeage sagt:

    @wildganss
    Weder die Baseballkappe noch der Tiroler Hut waren Bayern. Nicht einmal Franken. Die Kappe Berliner, der Hut Schwabe. In den Grenzgebieten Frankens sterben langsam die Einheimischen aus. Traurig aber wahr und im Zusammenhang mit dem Geschilderten umso trauriger.

  3. irgendlink sagt:

    Herrjeh, der Tod. Und wie er uns auf den Fersen ist. So traurig es ist, so gelungen, ich will sagen excellent ist dieser Nachruf.

  4. wildganss sagt:

    Ja, exzellent! Mit seinem Sterben ist aber doch nicht Dein Schreiben beendet- oder?

  5. axeage sagt:

    Derzeit gibt es täglich zwischen 5:30 Uhr und 6:30 Uhr lediglich nichtöffentliches Schreiben im häuslichen Arbeitszimmer. Wenn’s in zwei, drei Jahren ein Verlag will, wird’s wieder öffentlich.

  6. wildganss sagt:

    Das klingt versprechungsvoll….bin ich froh drum…also Gegenteil….gut, gut, gut.

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