Elternzeit

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16.03.2013 von axeage

Man sollte eigentlich eine Selbsthilfegruppe gründen. Wobei, in gewisser Weise haben wir das schon getan. Es vergeht keine Woche, in der wir uns nicht darüber austauschen, was sie schon wieder angestellt haben, wie unvernünftig sie dauernd sind, was wir an ihrer Stelle anders und besser gemacht hätten oder machen würden. Wir wundern uns darüber, was in ihren Köpfen vorgehen mag, warum sie sich, einst übermütterlich und überväterlich besorgt und um unser Wohlergehen bedacht, so nach und nach wieder zu Kindern zurückzuentwickeln scheinen. Wir, Menschen um die fünfzig, die derzeit alle das gleiche „Problem“ haben: alte Eltern.

Ich telefoniere mit einer Freundin. Ihr Vater kam dieser Tage nach einer schweren Operation aus dem Krankenhaus nach Hause und sie musste feststellen, dass der bisher peinlich auf sein Äußeres bedachte Mann sich plötzlich gehen lässt, sich nicht mehr waschen und rasieren will und die Kommunikation mit seiner Umwelt, egal ob mit Tochter, Frau oder Schwiegersohn, darauf beschränkt, sich entweder zu beschweren oder abzuwinken oder alles besser wissen zu wollen.
Ich mache derzeit die gleiche Erfahrung mit meinem Vater, allerdings mit dem Unterschied, dass ich ihn nicht täglich sehe, sondern nur zwei, drei Mal in der Woche mit ihm telefoniere. Telefonieren muss, weil meine Mutter, die seit mehreren Krankenhausaufenthalten jetzt in einem Pflegebett liegt, keine Lust mehr zum Telefonieren hat und alles an ihn delegiert. Er fühlt sich missverstanden, beklagt sich bei jedem Telefonat, dass die über fünfzig Jahre währende Ehe jetzt plötzlich so den Bach runter geht. „Fünfzig Jahre ist alles gut gegangen und jetzt kann ich ihr nichts mehr recht machen“, jammert er jedes Mal. Ich kann diesen Satz nicht mehr hören, schon deshalb, weil er so gar nicht stimmt. Meine Eltern haben nie eine besonders harmonische Ehe geführt. Fünfzig Jahre ist alles mal so gerade noch gut gegangen. Aber mein Vater hat natürlich recht, dass es in den letzten Monaten und Jahren immer schlimmer geworden ist. Ich weiß natürlich auch, an was genau das liegt. Ich, der studierte Sohn sehe hinter die Kulissen und sehe den nervenaufreibenden Altersstarrsinn meines Vaters. Er, der sich Jahre und Jahrzehnte immer schön aus allem herausgehalten hat und sich plötzlich um alles kümmern soll, spürt die Überforderung, kann oder will sie sich aber nicht eingestehen. Immer wieder beteuert er sich und seinem Umfeld, dass er das schon schaffen, dass er es schon richten, dass er es schon irgendwie hinbiegen werde.
Ich sitze dann entweder in der Küche bei ihm oder in meinem ehemaligen Jugendzimmer bei ihr, dort, wo das Pflegebett jetzt steht und höre mir an, wie beide sich über den jeweils anderen beschweren. Ich frage meine Mutter, wie sie es bloß mit der grausam enervierenden Art meines Vaters aushält. Ich gebe meinem Vater gute Ratschläge, es doch mal mit ein wenig mehr Einfühlungsvermögen oder Verständnis zu versuchen. Er versteht nicht, was ich mit damit meine. Je mehr ich versuche, ihm die Welt zu erklären, desto weiter entferne ich ihn von ihr und mich von ihm. „Fünfzig Jahre ist alles gut gegangen …“
„Nichts ist gut gegangen, Du baust Dir da Deine eigene Wahrheit“, möchte ich ihn anschreien, aber ich lass‘ es bleiben – vorerst zumindest.

Und abends telefoniert wieder die Selbsthilfegruppe:
„Er ist auf die Leiter gestiegen?“ –  „Ja, er musste unbedingt eine Glühbirne auswechseln.“
„Sie hat den Katheterbeutel einfach abgeklemmt? Ihre Blase wird platzen.“ – „Das ist ihr glaub‘ ich egal“.
„Wäscht sie sich eigentlich ordentlich?“ –  „Das macht jetzt der Pflegedienst.“
„Mit 87 fährt er noch Auto?“ – „Das Auto solltest Du mal sehen, eine Beule an der anderen“.
„Wovon ernähren die beiden sich eigentlich?“ – „Tütensuppe und Knäckebrot.“

Ein Freund berichtet, dass sich seine Mutter im Alter ausschließlich von Weißwürsten und Grießbrei ernährt hat. Am Anfang jeder Woche hat sie den Wochenbedarf dieser, ihrer „Grundnahrungsmittel“ eingekauft und ihn dann während der Woche verzehrt. Monatelang, jahrelang. Mittags Weißwürste, danach Grießbrei. Am Morgen und am Abend vielleicht mal ein Honig- oder ein Käsebrot. Kein Salat, kein Obst, kein Fleisch, kein Gemüse. Sie wurde 86 Jahre alt.

Eine Freundin erzählt mir, das Wichtigste sei eine Betreuungsverfügung. Ohne Betreuungsverfügung sei Vater Staat oft ganz schnell damit, einen gesetzlichen Betreuer zu bestellen. Ihr sei das mit ihrem alten Vater passiert, der in einem Heim lebte und dessen Betreuung an eben jenes Heim übertragen werden sollte oder gar schon übertragen worden war und damit das Pflegeheim auch an sein gesamtes Erspartes gekommen wäre und sie, die Freundin, ihren Vater nur mit dessen Entführung und der Nachreichung eben jener Betreuungsverfügung aus den „Klauen der Heimleitung“ befreien konnte. Welch eine Räuberpistole.

Es ist eine merkwürdige Zeit. Sie haut einem Aphorismen und Zeitgeist-Plattitüden nur so um die Ohren. Die Menschen spielen nicht mehr, weil sie alt werden, sondern sie werden alt, weil sie nicht mehr spielen.  Ja, wann habt ihr denn zum letzten Mal Mensch ärgere Dich nicht gespielt? Gott bewahre mich davor, dass mir jemals jemand anbietet, mit ihm Mensch ärgere Dich nicht zu spielen.

Beim richtigen Partner kann man nichts falsch machen, beim falschen nichts richtig. Au ja, das sage ich nächstes Mal zu meinem Vater, wenn er mir wieder vorjammert, dass fünfzig Jahre alles gut gegangen sei. Damit weiß er bestimmt etwas anzufangen. Dann kennt er sich aus. Dann schlägt er vielleicht einmal die Tür hinter sich zu und rennt schreiend auf die Straße. Ehrlich, ich würde es ihm gönnen.

„Er ist schreiend auf die Straße gerannt?“ – „Ja, ich fand das gut.“ – „Du spinnst.“

5 thoughts on “Elternzeit

  1. Der Emil sagt:

    Hier kann ich nur bedächtig nicken und hoffen, daß ich nicht so werde im Alter …

  2. iris sagt:

    Emil, schreib es dir auf, damit du es später nachlesen kannst..😉

  3. wildganss sagt:

    Manche rühren sich einen Giftbrei………gehen auf Kreuzfahrt…..finden ihren Lebenssinn in der Pflege des Partners…..ich hab leider kein Rezept. Doch den Glauben, dass fünfzig Jahre alles gut ging, den lass ihm bloß, ach verdammt…

  4. iris sagt:

    Wildganss, warum soll er ihm den Glauben lassen? Ich finde, das Schlimmste am älter werden von vielen ist, dass sie kein Korrektiv mehr haben. Sie bilden sich ein, alles richtig zu machen und gemacht zu haben. Und die seelische Belastung für die Umwelt steigt ins Unermessliche. Ich finde es gut, wenn es angesprochen wird, denn umso später werden die Leute einsam. Sonst haben sie, außer Pflichtbesuchern, keine Gesellschaft mehr.

  5. glumm sagt:

    „Fünfzig Jahre ist alles mal so gerade noch gut gegangen.“

    Schön geschrieben, das alles.

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