AxeAgeRetro – die 60er Jahre

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20.08.2012 von axeage

Dosenfisch in Tomatentunke war eine Delikatesse. Wobei, den Fisch mussten die Eltern essen, den mochten mein Bruder und ich nicht. Wir bekamen abwechselnd ein in die Tomatensoße getauchtes Stück Brot von der Gabel des Vaters, wie junge Vögel, die gefüttert werden. Und wie junge Vögel haben wir auch die Schnäbel aufgesperrt und uns gezankt, wenn der eine vermeintlich mehr Tunke abbekommen hat, als der andere. Die Größe des Brotstücks war nicht entscheidend, im Gegenteil. Kleines Stück, viel Soße, das war wichtig. Mein Vater verstand das oft absichtlich falsch und spießte nach lautstarkem Protest ein besonders großes Stück mit besonders wenig Soße auf die Gabel. X-Mal konnte der zu kurz Gekommene das dem Vater erklären, der dann kopfschüttelnd das viel zu große Stück mit viel zu wenig Soße selbst aß, um daraufhin natürlich ein noch größeres Stück abzubrechen und aufzuspießen. In meiner Erinnerung hat sich eigentlich immer nur mein Bruder beschwert.

Abendessen fand in der Küche statt, ebenso wie Frühstück und Mittagessen. Nur wenn Gäste kamen, wurde im Wohnzimmer eingedeckt. Den Küchentisch gibt es noch heute. Meine Eltern besitzen noch heute diesen alten, abgeschrammten, fast sechzig Jahre alten Tisch, an dem sie noch heute ihre sämtlichen Mahlzeiten einnehmen. Meine Mutter saß auf der schmalen Seite der Eckbank, wir Jungs auf der langen Seite und Vater uns gegenüber auf einem Stuhl. Wenn es Dosenfisch gab, setzte er sich oft zwischen uns. Dann hatte er uns besser unter Kontrolle. Zum Schluss schnitt mein Bruder die Brotstückchen, damit alles gerecht zuging.

+++++++++

Wir saßen unter dem Apollomond. Vater rauchte, Mutter spülte das Geschirr, wir Jungs auf der Couch. Günter Siefarth fragte seinen Kollegen Werner Büdeler, ob man in Amerika genauso gespannt auf dieses Ereignis warte, wie bei uns. Werner meldete verhaltene Spannung aus dem NASA-Kontrollzentrum und bestätigte, was wir uns alle schon längst gedacht haben: „Das Triebwerk brennt seit sieben Minuten, fünfundzwanzig Sekunden unverändert gut.“ Daraufhin machte Vater die Zigarette aus, Mutter fragte aus der Küche, ob denn nichts anständiges im Fernsehen komme und mein Bruder ging in unser gemeinsames Kinderzimmer.

Als die ARD sich entschied, die gesamte Mondlandung zu senden, fragte ich, ob ich aufbleiben darf. Mutter sagte Nein, Vater sagte Mal seh’n, später Lass‘ ihn doch. Mutter war dagegen und ich musste ins Bett. Ich lag wach und hörte aus der Ferne die sonoren Stimmen von Herrn Siefarth und seinem Kollegen Hans Heine, den Sprechfunk zwischen Mond und Erde, unterbrochen von lauten Pieptönen, den Atem meines Bruders, der im Stockbett über mir schlief, das Klicken des Benzinfeuerzeugs, wenn sich mein Vater eine neue Zigarette anzündete und schließlich, wie meine Mutter mit schlurfendem Gang ins Bett ging.
Natürlich stand ich sofort auf, als die Tür des elterlichen Schlafzimmers geschlossen war und setzte mich neben meinen Vater auf die Couch. Der warf mir einen verschwörerischen Blick zu und Siefarth sagte: „Aus Houston nichts Neues“.

Als der Adler gelandet war und Armstrong stellvertretend für uns alle den großen Schritt gemacht hatte, war ich längst eingeschlafen. Unter einer Patchworkdecke, die meine Mutter genäht hatte, verschlief ich die größte technische Leistung der Menschheitsgeschichte.

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Der Garten, der uns gar nicht gehörte, sondern den Vermietern, die im Nachbarhaus wohnten, dieser Garten war riesig. Eigentlich war es mir nicht erlaubt, ihn zu betreten, aber weil es keinen Zaun gab und ich nur über die Garageneinfahrt gehen musste, bin ich ab und zu in diesen Garten gegangen. Nur um zu fühlen, wie groß der eigentlich war. Der Garten, der zu unserem Haus gehörte, war klein. Handtuchklein.
Es war Ostern und ich wollte den ultimativen Beweis antreten, dass es den Osterhasen wirklich gibt. Seit einiger Zeit hatte ich Zweifel. Ich weiß nicht mehr warum, aber in mir reiften Gedanken, dass der Osterhase eine Erfindung der Erwachsenen war, um uns Kinder mit Schoko- und sonstigen Eiern beschenken zu können. Aber das wollte ich weder wahr haben, noch gelten lassen. Ich war mir sicher, wenn ich in dem riesigen Nachbargarten ganz hinten unter einem Baum ein aus Gras und ein paar Ästen geformtes Nest verstecken würde, dann würde es der Osterhase finden und füllen. Keiner, außer mir wusste davon. Der Osterhase natürlich schon. Der konnte, so meine Theorie, die Gedanken der Kinder lesen.

Am Ostersonntag gingen meine Eltern, meine Oma, mein Bruder und ich spazieren. Mutter und Oma gingen voraus und riefen uns Jungs ab und zu herbei, weil irgendwo, ganz hier in der Nähe, hinter einem Baum oder im Gebüsch wieder ein gefärbtes- oder ein Schokoladenei versteckt war. Mein Bruder und ich sammelten die gefundenen Eier in einem kleinen Henkelkorb, der mit giftgrünem Kunstgras ausgelegt war. Dass es immer nur dort etwas zu finden gab, wo vorher entweder meine Oma oder meine Mutter waren, kam mir zwar verdächtig vor, trotzdem war ich mir sicher, am Nachmittag oder am Abend etwas in meinem Nest in Nachbars Garten zu finden.

Ich war sehr enttäuscht, als ich es leer vorfand. Den Baum, unter dem sich mein Nest befand, habe ich mehrfach umrundet, um wirklich sicher zu gehen, dass der Osterhase nicht da gewesen war. Vielleicht lag es am Gras? Vielleicht hätte ich giftgrünes Kunstgras nehmen sollen? Bestimmt lag es am Gras, sagte ich mir abends im Bett und nahm mir fürs nächste Jahr vor, Kunstgras für den Nestbau zu verwenden.

+++++++++

„Du darfst mich aber nicht loslassen.“
„Nein, ich halte Dich fest.“
„Wenn Du mich loslässt, falle ich hin.“
„Du wirst nicht hinfallen und wenn, dann ist es nicht so schlimm. Hier auf dem Feldweg passiert nichts.“
„Trotzdem. Du darfst nicht loslassen.“
„Ich versprech’s.“

Mein erstes Fahrrad war blau-grün. Es hatte keine Stützräder. Mein Vater hielt das Rad hinten am Gepäckträger, ich stieg auf und trat los. Er hat am Anfang absichtlich ein wenig gewackelt, damit ich die Balance selbst finde, ist dann den Feldweg, der an einigen Schrebergärten vorbeiführte, ein paar Meter mitgelaufen und hat mich irgendwann einfach losgelassen. Eine alte Frau unterbrach die Arbeit in ihrem Garten und beobachtete uns. Ich bin den langen Feldweg, vorbei an allen Schrebergärten gefahren und hatte nicht bemerkt, dass mein Vater ab der Hälfte des Weges gar nicht mehr bei mir war.
Als ich mich umdrehte und ihn so weit weg bei der Frau an deren Schrebergartentür stehen sah, konnte ich kaum fassen, so weit alleine gefahren zu sein. Ich war sehr stolz.

Mein Vater hat zufrieden genickt und die Schultern hochgezogen, so als wollte er sich dafür entschuldigen, dass er mich nicht festgehalten hatte, obwohl er es mir doch versprochen hatte. Ich habe ihm verziehen, so wie Millionen Söhne, die auch auf diese Weise das Radfahren gelernt haben.
Die alte Frau hat gelacht und uns Tomaten geschenkt.

Fortsetzung demnächst in der Kategorie AxeAgeRetro.

7 thoughts on “AxeAgeRetro – die 60er Jahre

  1. wildgans sagt:

    Staun, da kommen Geschichten…
    Gestern Abend unterm Nussbaum besprachen wir das mit der Tomatentunke- auch die länglichen Dosen mit säuerlichem Brathering kamen aufs Tapet.
    Der allerletzte Satz rundet ab.
    Muss sie denn erst nach Indien fahren?
    Zwinker, lach, keuch, schnauf. Ich glaube, es gab sogar Perücken aus diesem Kunstgras…
    Auf jeden Fall sechziger Jahre Gedächtnisrevival.
    Gruß von Sonja

  2. axeage sagt:

    @wildgans
    Natürlich ist in den 60er Jahren noch viel, viel, viel, viel, viel, viel mehr geschehen, aber die beschriebenen Flashbacks besuchen mich immer und immer wieder. Es gibt sie für jedes Jahrzehnt und ich werde hier in der nächsten Zeit für jede Dekade ein paar veröffentlichen.

    … und ja: ab und zu muss man mal nach Indien fahren, oder nach Südafrika oder auf den Mond!

  3. cw sagt:

    Warum kannst Du nicht schon früher gelebt haben, wenigstens in den fünfziger Jahren? Warum, verdammt noch mal, beginnt Deine Retrospektive erst in den Sechzigern? Mach doch einfach mal noch nen Schlenker in die Zwanziger, oder so, ist doch egal, ich rechne nicht nach. Ist künstlerische Freiheit.

    Bin süchtig.

  4. wildgans sagt:

    …Für jedes Jahrzehnt. Das klingt sehr gut sortiert!

  5. axeage sagt:

    @cw
    Wenn Du eine wirklich gelungene Retrospektive lesen möchtest, die in den 50er Jahren beginnt, empfehle ich Dir den Roman Unterwelt von Don deLillo. Der beginnt fulminant mit einem Jahrhundert-Sportereignis in das man sich als Europäer zwar etwas einfinden muss, weil einem weder die Sportart (Baseball), noch die meisten Personen, die darin vorkommen, etwas sagen. Aber der Aufbau des fast 1000seitigen Romans (und ich sage jetzt mal, das ist das erste Werk, von dem ich behaupte, dass keine Seite zuviel ist, während die meisten 300Seiter anderer Autoren schon zu langatmig sind) fußt auf diesem wunderbaren Prolog und bietet einen äußerst aufschlussreichen Blick ins Amerika der Neuzeit, beginnend bei den 50ern bis in die heutige Zeit. LESEN !!!

    @wildgans
    Ich hoffe, jedes Jahrzehnt gibt so viel her, wie die fischdosigen, mondfahrenden, osterhasigen, lehrreichen 60er.

  6. […] AxeAgeRetro – die 60er Jahre « AxeAge „Wir saßen unter dem Apollomond. Vater rauchte, Mutter spülte das Geschirr, wir Jungs auf der Couch. Günter Siefarth fragte seinen Kollegen Werner Büdeler, ob man in Amerika genauso gespannt auf dieses Ereignis warte, wie bei uns. Werner meldete verhaltene Spannung aus dem NASA-Kontrollzentrum und bestätigte, was wir uns alle schon längst gedacht haben: “Das Triebwerk brennt seit sieben Minuten, fünfundzwanzig Sekunden unverändert gut.” Daraufhin machte Vater die Zigarette aus, Mutter fragte aus der Küche, ob denn nichts anständiges im Fernsehen komme und mein Bruder ging in unser gemeinsames Kinderzimmer.“ […]

  7. […] Die 60er Jahre […]

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