AxeAgeRetro – Prolog

18

17.08.2012 von axeage

Das Leben – vereinfachte Darstellung

Was bleibt denn übrig, wenn der Deckel zu und die Erde drauf ist?
Eine Lebensversicherung, eine Eigentumswohnung, eine Plattensammlung, ein Schuhkarton voller Fotos? Ein paar Briefe und Zeitungsausschnitte? Nachkommen vielleicht, die sich prächtig entwickeln und irgendwann einmal Bundeskanzlerin oder Papst werden? Notizblöcke, Tagebücher, Visitenkarten, Haare in einem Kamm, ein Baum mit eingeritztem Herz und Initialen drin, eine tote Katze im Garten -, ein toter Hund im Wald beerdigt? Ein erschlagener Moskito an der Schlafzimmerdecke? Ein Krügerrand, den man einmal günstig erstanden -, eine Wasserpistole, die man aus der Kindheit gerettet -, die letzte Zigarette, die man nicht mehr geraucht hat? Eine Konfirmationsuhr mit 17 Rubis, ein Konfirmationskreuz aus Messing mit Johannes Acht, Vers Zwölf hinten drauf. Ein halbvoller Kühlschrank, ein Familienstammbuch, eine alte Wanduhr, die alle halbe Stunde schlägt? Viele schwarze, aber um Himmels Willen keine weißen Socken, vier Anzüge, zwölf paar Hosen, neunzehn Pullover, zwanzig Paar Schuhe? Ein Motorrad-Helm, ein eigener Herd? Ein Haus, ein Boot, eine Altenpflegerin?

So etwas fragt man sich plötzlich, wenn man Anfang fünfzig ist und um einen herum die Mitmenschen nach und nach aus den Latschen kippen, sich ans Herz fassen, wegsacken und ein ums andere Mal Notärzte, Hubschrauber, Sanitäter, Chirurgen, Urologen, Kartiologen bemühen, weil die Pumpe nicht mehr ordentlich pumpen will, weil Zellen dort wuchern, wo sie das lieber bleiben lassen sollten oder Gerinsel entstehen, die erst das Augenlicht, dann das Sprachzentrum und zum Schluss das Gedächtnis nebst sämtlicher Motorik lahm legen.

Bis zum Grasbiss, zum TILT, zur langen Reise ist’s nicht mehr so lange hin, denkt man sich dann, während das Damoklesschwert allmählich Reiseflughöhe erreicht. Dass es ganz schnell gehen kann, beweist einer, über dem sich dieser Tage der Deckel geschlossen hat, nachdem er erst nichts mehr sehen, dann nicht mehr sprechen und dann überhaupt nichts mehr konnte. Eine Schaufel Erde drauf, zwei Weißbier beim anschließenden Leichentrunk und dann wieder ab ins Büro.

Fortsetzung demnächst in der Kategorie AxeAgeRetro.

18 thoughts on “AxeAgeRetro – Prolog

  1. wildgans sagt:

    Hilfe. Du sagst es.
    Und: Die einem zugedachte Lebenszeit kann man heulend oder lachend verbringen….

  2. axeage sagt:

    @wildgans
    Fürchte Dich nicht, es blüht hinter uns her😉

  3. iris sagt:

    Ja, wenn die Einschläge immer näher kommen schreit es in Einem „Gib auf dich acht“. Man läßt sich von hetzen und hat doch nur ein Leben.
    Ich mußte gestern erst daran denken, wie sorglos ich meine Gesundheit in meiner Jugend für selbstverständlich genommen habe und wie jetzt die Beschwerden selbstverständlich sind.
    Es ist, wie es ist:“Wenn du eines Morgens aufwachst und dir tut nichts weh, dann bist du tot!“

  4. Der Emil sagt:

    Meine Güte! Ich nahm noch an, daß es keine allgemeine Erscheinung ist, als ich zu Wochenanfang einen Bekannten traf, der dem Sensenmann gerade nochmal entkam.

    Die Frage ist tatsächlich: „Was bleibt?“ Und weiter: „Was davon ist bewahrenswert? Was davon ist nur Müll?“

    Meine Frage kommt noch vorher: „Wie sorge ich dafür, daß das, was ich für erhaltenswert halte, unabhängig von mir erhalten bleibt?“ Und so hab ich eine Aufgabe gefunden und bis zum Grasbiß noch zu tun.

  5. iris sagt:

    @Der Emil, ist es nicht wichtiger, dass die die übrig bleiben, es für erhaltenswert halten? Ansonsten bleibt es doch trotz deiner Mühe nicht lang erhalten. Der Wurm muß dem Fisch schmecken, nicht dem Angler…

  6. Du hast so Recht Axel…Bei mir kamen diese Gedanken verstärkt mit dem Tod meiner Mutter. Ich hatte sie für unsterblich gehalten, naiv, ich weiß, aber ich konnte mir das Leben einfach nicht ohne sie vorstellen. Da wurde mir bewußt: genau so einfach – wie ein Fingerschnipsen – geht das! Wenn man Glück hat!

  7. cw sagt:

    Also, um den halbvollen Kühlschrank könnte ich mich kümmern – wenn er denn halbvoll mit den leckeren Sprotten ist.

    Ein wundervoller Prolog, ich freue mich auf die Fortsetzungen.

  8. axeage sagt:

    @cw
    Sei versichert, wenn ich merke, dass das Ende naht, werde ich mich ausschließlich von Sprotten ernähren.

  9. Seltsam – wieso hatte ich vorhin im Laden Sprotten in der Hand? Kaufe ich nie! Und dachte dabei an eine liebe tote Tante aus Sprottau…nix im Leben ist Zufall.

  10. axeage sagt:

    @RBGK
    NIX !!!!!

  11. Der Emil sagt:

    @Iris: Meine Frage, also die, die ich mir stelle bei allem, was ich (er)schaffe. Ich muß manches doch auch erhaltenswert finden, unabhängig von meiner Existenz weiter existenzberechtigt. Wäre es nicht so, fehlte mir manchmal sogar die Lust am Schaffen.

    Es ist die Frage, ob ich überhaupt angeln gehe …

  12. axeage sagt:

    @Emil
    Sprotten, ich will Sprotten !!!!!!!!!

  13. cw sagt:

    @axeage: Ich auch. Bitte bei Emil noch einen Fang bestellen.

  14. axeage sagt:

    @cw
    Schwierig. Er weiß gar nicht, ob er überhaupt angeln geht.

  15. Hardy sagt:

    Ich halte es mit H.S: …

  16. Hardy sagt:

    Oder so:

  17. axeage sagt:

    @Hardy
    Grandios, auch wenn zum Schluss die Frage bleibt:
    Sind wir mehr wert, als das Geschnetz?

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