Auf der Suche nach der geheimen Bonusgeschichte – Reloaded

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29.03.2012 von axeage

Weil’s gestern in Bayreuth so schön war und sich die gestrige Lesung kaum von der Lesung vor zwei Jahren in Nürnberg unterschied und ich ein fauler Hund bin, hier noch einmal Harry Rowohlt, wie er leibt und lebt und raunzt und kauzt.

Einfach Nürnberger Hubertussaal durch Das Zentrum in Bayreuth ersetzen und Gostenhofener Buchhandlung durch Hugendubel, schon stimmt (fast) alles wieder.

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Harry Rowohlt - Bleistiftzeichnung von Edward B. Gordon

Diese Bleistiftzeichnung von Edward B. Gordon hängt bei uns im Wohnzimmer und zeigt Harry Rowohlt, der sich im Sommer letzten Jahres von dem Berliner Maler hat in Öl malen lassen.
Eine der zahlreichen Skizzen, die Gordon dafür angefertigt hat, konnte ich käuflich erwerben und habe sie der Liebsten – größter Harry Rowohlt Fan unter der Sonne – zum Geburtstag geschenkt. Dazu eine Eintrittskarte zu einer Lesung, die gestern im Nürnberger Hubertussaal stattgefunden hat.

Von wegen Lesung. Wenn Harry Rowohlt eine Bühne betritt, ist das mindestens eine Performance, wenn nicht sogar etwas ganz anderes, wofür noch ein eigener Begriff zu finden wäre.

Nach einer Anschleimphase, wie Rowohlt den jeweils einführenden Teil seiner Auftritte nennt und die er deshalb macht, weil am Anfang ständig mit Fotoapparaten herumgeblitzt wird und er dann, würde er schon lesen, nichts mehr sehen könne und fürchterlich ins Rudern komme, nach dieser Anschleimphase, die darin bestand, dass er die Anschleimphasen der letzten Veranstaltungsorte Mülheim und Bielefeld Revue passieren ließ, wir hier in Nürnberg also um eine eigenständige Anschleimphase sozusagen betrogen wurden, begann es klassisch mit der Neuübersetzung eines Kinderbuches, das demnächst erscheinen wird.
Darin geht es um einen griesgrämigen, verlotterten, alten Mann, in dessen Haus sich Müll und Dreck stapeln, dessen Garten aber zu den schönsten der Stadt zählt, allerdings nicht deshalb, weil er gerne gärtnern würde, sondern weil eine lästige Fee dem Alten droht, ihn mit einer Bratpfanne zu verprügeln, wenn er nicht seinen Garten in Ordnung hält. Schön skurril und in der rowohltschen Übersetzungssprache, die, da kann man behaupten, was man will, eine Sprache mit eigener Musik, eigenen Schwingungen und eigenständigen Nuancen allerfeinster Fabulierkunst ist. Rowohlt las aus dieser Geschichte den Anfang und …

… den Schluss – drei Pünktchen, ein Stilmittel zur Steigerung eines Spannungsbogens, inbegriffen.

Dieser Schluss hatte es dann allerdings auch in sich, bestand er doch hauptsächlich aus leeren Seiten und dem Hinweis darauf, dass auf gar keinen Fall eine geheime Bonusgeschichte folgen würde, niemals, unter keinen Umständen, man bräuchte gar nicht darauf zu hoffen oder zu warten und was der Leser denn immer noch hier wolle, jetzt sei definitiv Ende und Schluss, das hier sei die absolut letzte Seite des Buches … (leere Seite, drei Pünktchen) bis nach allen Beteuerungen !natürlich! eine geheime Bonusgeschichte folgte.

Das alles darf man sich nicht vorstellen, wie wenn ein alter, in Ehren ergrauter Mann mit Nikolausbart aus einem Buch vorliest, sondern als ein Schauspiel, bei dem jedes Blinzeln, jedes Heben der Augenbraue, jedes Scharren mit den Füßen und jede vermeintlich ungelenke Bewegung choreographiert zu sein scheint und damit Text, Gestik und Stimmlage zu einer wahrhaftigen Rowohltinee verschmelzen – hach, es findet sich doch für alles ein passendes Wort.

Signierstunde mit Harry Rowohlt

Nach der Kindergeschichte las Rowohlt noch einige Texte aus seiner Zeit-Kolumne Pooh’s Corner und pünktlich um 21.12 Uhr, wie von ihm gleich am Anfang angekündigt, gab es eine Pause zum Wohlgefallen der Gastronomie und der mit einem Bücherstand vertretenen Gostenhofer Buchhandlung, die als Veranstalter aufgetreten war und die Rowohlt mehrfach, brav erwähnte, um daraufhin bienenfleißig Bücher zu signieren.

Das Highlight im zweiten Teil der Veranstaltung war zweifelsohne die Kolumne über den Staatsempfang für den irischen Präsidenten im Schloss Bellevue, bei dem Harry Rowohlt zusammen mit der Schauspielerin des Jahres 2007 Judith Rosmair zugegen war.
Ja, die rororo Reihe gebe es noch, versicherte er auf dieser Party dem DGB Bundesvor- und an jenem Abend an Rowohlts Tisch sitzenden Sommer und ja, die Krimireihe auch. Nach einer etwas despektierlichen Äußerung zur Innenausstattung des Schlosses wurde er von einer Tischnachbarin gefragt, ob er wohl der Quotenmann von der Straße sei, während sich zwei Tische weiter Frau Rosmair rosa Getränken hingab und sich darin versuchte, seine Exzellenz, den Apostolischen Nuntius, unter den Tisch zu saufen, obwohl dieser wie angeblich die meisten hohen katholischen Würdenträger eine Prostata von der Größe eines Baguette-Brötchens haben soll.

Die Verabschiedungsszene, bei der die irische Präsidentengattin angestrengt freundlich immer und immer wieder die gleiche Gesichtsmotorik abspulte, bei Herrn Rowohlt allerdings eine Ausnahme machte indem sie einem kurzen, hysterischen Lachen anheim fiel, weil Herrn Rowohlt es gefallen hatte, etwas anzügliches oder anderweitig gesellschaftsunfähiges von sich zu geben (woran er sich aber beim besten Willen nicht mehr erinnern kann) ist angeblich sogar in einem Film über deutsche Schlösser verewigt, der ab und zu auf Phoenix oder dem ZDF-infokanal zu sehen ist. Herrlich auch hier Rowohlts Gabe, Stimmen zu imitieren, Szenen nicht einfach nur abzulesen, sondern mimisch und mit vielen geheimen Bonusgeschichten, die nicht auf dem Papier standen, anzureichern.

Nach einer großartigen Gesangseinlage irischer – und deutscher A- und B-Hymnen, deren Übersetzungen ins Deutsche Rowohlts Kumpel Bill Ramsey einst zu der Äußerung veranlassten: Die klingen im Deutschen ja noch beschissener, als im Englischen, folgten zum Schluss noch Verstrickungen, Verknickungen und Verzwickungen in Sachen lost in translation, einer ganz speziellen Übersetzer-Kolumnenreihe aus dem Literaturmagazin der Zeit. Als Zugabe, bei der Harry es uns ersparte, uns die Hände wund zu klatschten, indem er statt, wie auf den Bühnen dieser Welt üblich, hinaus ging und wieder herein kam, sondern einfach sitzen blieb, trug er noch einige wunderbare Kindergedichte vor, zuerst im englischen Original, dann in der äußerst gelungenen, manchmal aberwitzigen, aber immer treffenden, deutschen Übersetzung.

Und dann war es auch schon 23:30 Uhr. Geschlagene drei Stunden hatten wir gebannt einem Mann gelauscht, der am Anfang damit kokettiert hatte, sein Zahnprovisorium, das er seit ein paar Tagen im Mund trägt, würde nicht halten und man hätte für das Gezischel, das er abliefern würde, eigentlich keinen Eintritt verlangen dürfen.
Keine Sorge, Herr Rowohlt, dieser Abend war jeden Euro wert und wenn wir beim nächsten Mal auch noch unsere eigene Anschleimphase bekommen, sind wir rundum zufrieden.

2 thoughts on “Auf der Suche nach der geheimen Bonusgeschichte – Reloaded

  1. wildgans sagt:

    Großartig! Ich glaub, ich werde auch ein Fan- oder sagt man da Fanin?
    Gruß von Sonja

  2. axeage sagt:

    @wildgans
    Kennst Du seine Hörbücher? Die sind auch köstlich.
    Dazu gibt es eine feine Geschichte. Hier nachzulesen.

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