An alle Befindlichkeitsblogger

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28.09.2011 von axeage

Der Schriftsteller Wolfgang Herrndorf hat eine unheilbare Krankheit. Ein schnell wachsender, nicht mehr operabler Tumor, ein Glioblastom, befindet sich in seinem Kopf. Seine Lebenserwartung wurde ihm im März 2010 mit 17 Monaten attestiert.
Wolfgang Herrndorf führt seit seinem Todesurteil ein Online-Tagebuch.

6.9.2011 – 13:16
Immer wieder vergesse ich die Sache mit dem Tod. Man sollte meinen, man vergesse das nicht, aber ich vergesse es, und wenn es mir wieder einfällt, muß ich jedes Mal lachen, ein Witz, den ich mir alle zehn Minuten neu erzählen kann und dessen Pointe immer wieder neu und gut und überraschend ist. Denn es geht mir ja gut.

7.9.2011 – 15:57
Nächster Anfall. Immer zur gleichen Zeit. Deutliche Vorboten, ich schaffe es, das Telefonat mit meiner Mutter rasch und höflich zu beenden, bevor das 16-Tonnen-Gewicht auf mein Sprachzentrum fällt.

Auszüge aus Wolfgang Herrndorfs Blog Arbeit und Struktur

12 thoughts on “An alle Befindlichkeitsblogger

  1. wildgans sagt:

    Schwingt in der Überschrift ein zarter Ärger mit?
    Jedenfalls steckt eine Botschaft darin….
    Jetzt gehe ich mal lesen….
    Gruß von Sonja

  2. axeage sagt:

    @wildgans
    Ärger würde ich es nicht nennen, aber bei dem, was man in so manchem Tussenblog zu lesen bekommt, muss man sich nicht wundern, warum das Medium „Weblog“ draußen im Lande so schlecht wegkommt (Deins selbstverständlich ausgenommen!).

    Gruß von Axel

    P.S.
    Bei Wolfgang Herrndorf wird derzeit gearbeitet. Die von mir zitierten Postings sind deshalb nicht sichtbar. Ich denke, heute abend oder morgen sind sie wieder online.

  3. wildgans sagt:

    Bei einer „Befindlichkeitsbloggerin“ ?? Madame Lila ( in meiner Blogroll) ist heute ähnlich Haarsträubendes zu finden:-(

  4. irgendlink sagt:

    Axel, es ist doch nicht das Problem der Bloggenden, dass das Medium Weblog draußen im Lande so schlecht wegkommt. Es ist das Problem der Bloglesenden, die mit Intoleranz und ewig gleicher Messlatte an diese wunderbar für jeden offene und freie Sache heran gehen.
    Arbeit und Struktur ist stark, erschütternd, beängstigend.

  5. axeage sagt:

    @wildgans
    In diesem Fall nicht Befindlichkeitsblogger, sondern Betroffenheitsblogger. Für mich eine noch schlimmere Sorte, mal ganz abgesehen vom Yellow-Press-Sprachniveau: die kleine Lena in ihrer kleinen Welt.
    Fehlt nur noch, dass sie vom bösen Tumor spricht, der im gesunden Gewebe wächst.

    @irgendlink
    Du hast natürlich recht. Im Zweifelsfall gilt natürlich immer das hier.

  6. irgendlink sagt:

    Zitat Wolfgang Herrndorf vom 22.9 zum Thema Papstbesuch in Berlin.: „Daß eine Gesellschaft es sich leisten kann, eine Millionenstadt einen Tag lang lahmlegen zu lassen durch den Besuch eines Mannes, der eine dem Glauben an den Osterhasen vergleichbare Ideenkonstruktion als für erwachsene Menschen angemessene Weltanschauung betrachtet, erstaunlich. Und herzlichen Dank. In hundert Jahren kennt dich kein Mensch mehr, römischer Irrer. Mich schon.

    Wie Manie und Größenwahn sich zuverlässig zurückmelden, wenn mir der Arsch auf Grundeis geht.“

    Herrlich! Ich will Kapitel 500 oder mehr auch noch lesen. Bitte!

  7. axeage sagt:

    @irgendlink
    … und auch die Story von gestern mit den Mordgedanken gegenüber dem Nachbarn. Der Mann hat so viel Humor.
    Ich lese übrigens derzeit seinen Erfolgsroman Tschick. Hervorragend!

  8. irgendlink sagt:

    Bumsmusik fordert ihren Tribut.
    Tschick wird mein nächstes.

  9. Sherry sagt:

    @Axel,

    und es gibt sogar noch Schlimmeres als einen Hirntumor. Soll der Herr nun nicht mehr darüber bloggen, weil es noch Schlimmeres gibt? Wo ziehen wir die Grenzen für ewähnenswertes Leid und nicht Erwähnenswertes?

    Ich kann deinen Missmut (trotzdem) mehr als gut verstehen, mir geht es nicht anders, wenn ich sehe, dass Mode- und Kosmetikblogs 1000x mehr Leser und Resonanz haben als ein Blog mit gesellschaftskritischen oder ernsten Themen.

    Andererseits habe ich schon eine Bloggerin erlebt, die totkrank war (und heute tot ist), die nichts mehr liebte, als ihre neuen Klamotten anzuziehen, sich damit abzulichten und über die neuesten Trends zu sinnieren. *seufz*

  10. iris sagt:

    Wenn dadurch das ihr verbleibende Leben schöner wurde – warum dann „seufz“?

  11. Sherry sagt:

    @Iris:

    „seufz“ nicht deshalb, weil sie es getan hat, sondern weil sie überhaupt gestorben ist. Sie war jung, schön, verheiratet … Einfach scheiße.

  12. axeage sagt:

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