Feuerzangenbowle

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12.03.2011 von axeage

Wat is’n Dampfmaschin’… Da stelle mer uns mal janz dumm.
Ich gestehe, als Kind hatte ich eine Heidenangst vor diesen Dingern. Mein Cousin besaß so eine kleine Tischdampfmaschine. Immer, wenn er sie anwarf, verschwand ich unter dem Tisch. Keine noch so aufmunternden Worte von Vater oder Onkel konnten mich wieder hervorlocken. Erst wenn mein Cousin kopfschüttelnd, mit souveränem Lächeln und geringschätzigem Blick (auf mich) das schnaubend, fauchende Ungeheuer aus dem Zimmer trug, tauchte ich wieder auf. Ich hatte einfach Angst davor, die Höllenmaschine würde explodieren. Natürlich ist nie etwas passiert.
Ich danke für die Einhaltung aller Sicherheitsvorschriften.

Vor 25 Jahren allerdings, da ist eine in die Luft geflogen. Keine, die auf einen Tisch gepasst hätte. Keine, die mit Kohle oder Holz befeuert worden wäre. Keine, mit der man mal so einfach ein wenig Dampf erzeugt.
Nein, eine ganz große. Eine teure. Eine sozialistische. Eine echte Lenin-Dampfmaschine.
Der Pauker aus der Feuerzangenbowle würde sich wundern, welche Antworten er heutzutage auf seine Frage bekäme „Wat is’n Dampfmaschin’“: Befeuert mit Urandioxid, gesteuert von Absorberstäben, moderiert von Graphitringen und gedeckelt von 1000 Tonnen Stahlbeton wird Hochdruckwasserdampf über ein komplexes System von Rohren durch Separatoren geschickt, die Wasser und Dampf voneinander trennen und damit unvorstellbar große Turbinen antreiben. Dat is’n Dampfmaschin’. Ganz sicher bekäme unser alter Lehrer feuchte Augen und würde beeindruckt in die Hände klatschen.

Aber wie war das mit: „Da stelle mer uns mal janz dumm …“
Ein Test ward befohlen, weiland in jener Nacht vom 25. auf den 26. April 1986, der die längst überfällige Betriebsgenehmigung der gigantischen Dampfmaschine postum erwirken sollte.
Um diesen Test nicht zu unterbrechen, wurden erst einmal alle Sicherheitssysteme außer Funktion gesetzt. Dann musste noch die naheliegende Stadt Kiew mit Strom beliefert werden, was dann doch zu einer Unterbrechung führte. Schließlich, kurz vor Mitternacht, konnte es endlich weiter gehen. Runter mit der Leistung auf 25 %. Warum plötzlich nur noch 1 % Leistung angezeigt wurde, und es sich nachweislich nicht um einen Instrumentenfehler handelte, konnte sich niemand erklären. Also wieder hochfahren. Aber bitte ganz langsam.
Doch die Bemühungen, Herr der Lage zu werden, waren in etwa vergleichbar mit dem Versuch eines Führerscheinneulings, „mit einem total überladenen alten Auto, dessen TÜV-Termin abgelaufen ist, bei starkem Verkehr Bremsproben zu machen“. So stand es jedenfalls dieser Tage in der örtlichen Presse, anlässlich des Gedenkens an den ersten GAU der Menschheitsgeschichte. Innerhalb von Sekunden stieg die Leistung aufgrund einer konstruktionsbedingten Fehlfunktion, die im Vorfeld zwar erahnt, in dieser Nacht aber beflissentlich übergangen wurde, auf ein x-faches der Normalleistung an. Damit war die größte Feuerzangenbowle der Welt entgültig und unwiderruflich entzündet und den diensthabenden Ingenieuren flogen 1000 Tonnen Stahlbeton um die Ohren. Prost!

Wir bauen uns ein Atomkraftwerk. Wenn man einen Fehler macht, dann macht es ‚Puff’, und die Kühe fallen um und die Häuser und die Bäume – das ist immer ein großes Hallo und ein Spaß für die ganze Familie. Gab’s den Loriot-Sketch eigentlich schon vor oder erst nach Tschernobyl? Egal, Zeit spielt seit dem 26. April 1986 sowieso keine Rolle mehr. Wir werden noch ca. 48.000 Jahre Spaß an den Folgen dieses Gesellschaftsspiels haben, zumal die Ukraine plant, noch weitere 14 (in Worten: vierzehn) Atommeiler zu bauen.
Glaubt irgend jemand an die Einhaltung von Sicherheitsvorschriften?
Ich nicht! Na ja, vielleicht, wenn mein Cousin Betriebsleiter würde, aber der ist inzwischen Jurist.

Ach ja: Heute, fast pünktlich 25 Jahre später ist wieder eine in die Luft geflogen.

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