White Trash

2

17.02.2011 von axeage

Das sagt sich so herrlich zynisch. Das kanzelt so wunderbar ab. Das beendet schlagartig jegliche Diskussion. White Trash. Damit ist die vornehmlich in den USA lebende, weiße Unterschicht gemeint, die hauptsächlich in zu Armenhäusern umgebauten Residential Hotels oder in Wohnwagensiedlungen und Trailerparks haust. Es wird früh geheiratet. Es gibt viele Kinder. Es gibt Alkohol, Drogen und Gewalt. Es gibt Müll und Dreck. Und es gibt AIDS.

Man könnte diesen White Trash links liegen lassen. Er ist weit weg. In die Gegenden, in denen er vor sich hin vegetiert, muss man nicht gehen. Man muss sich das nicht ansehen. Man kann sagen, die leben dort eben so, das ist deren Problem. Das kann man sagen und das habe ich zugegebenermaßen auch gesagt.
Bis … ja bis die Fotografin Darcy Padilla im Februar 1993 in der Lobby eines jener Residential Hotels die junge Julie Fyffe, ihren Freund Jack und deren wenige Tage altes Baby Rachael kennengelernt, fotografiert und daraus eine Langzeit-Bilderstory gemacht und im Internet veröffentlicht hat.

18 Jahre lang hat Frau Padilla Julie fotografiert. Immer in scharz-weiß, immer in ihrer Umgebung, häufig mit ihren Kindern, von denen sie fünf zur Welt bringt, oft umgeben von Alkohol, Drogen, Gewalt, Müll, Dreck und AIDS. Sowohl Julie, als auch ihr Freund Jack sind HIV positiv.
Jack stirbt 1998 an der Krankheit. Julie lernt Jason kennen. Die Kinder werden ihr von den Behörden weggenommen und sie ist gezwungen, sie zur Adoption freizugeben. Julies Vater, der sie per Inserat gesucht hat und zu dem sie schließlich bereits schwer gezeichnet von Krankheit und Lebenswandel nach Alaska zieht, stirbt an einer Herzattacke. Im Jahr 2008 wird sie ein weiteres Mal schwanger. Sie lebt zusammen mit Jason in einer verfallenen Hütte ohne fließendes Wasser und ohne Strom. Ihr Sohn Zach/Jason Jr., der eine Adoptivfamilie gefunden hat,  nimmt Kontakt mit ihr auf und besucht sie.
Als Julie bereits im Sterben liegt, telefoniert Zach/Jason Jr. noch einmal mit ihr. Dieses Telefonat kann man sich anhören. Ansonsten aber gibt es fast ausschließlich düstere Schwarz-Weiß-Fotos, ein paar Dokumente und ein paar erklärende Texte.

Am 27. September 2010 stirbt Julie an AIDS. Darcy Padilla verspricht in einem letzten Statement, ihre Kinder zu suchen und ihnen die Geschichte ihrer Mutter zu erzählen.

Wer sich das Julie Project von Darcy Padilla ansehen möchte, der klicke bitte hier. Aber vorsicht, es werden teils schwer erträgliche Bilder gezeigt, die schlimm ans Herz greifen, und die man ob der dargestellten Hoffnungs- und Trostlosigkeit lange nicht mehr aus dem Kopf bekommt. Und den Begriff White Trash streicht man nach dieser Reportage freiwillig aus seinem Wortschatz.

Advertisements

2 Kommentare zu “White Trash

  1. iris sagt:

    Was haben wir für Wohlstandssorgen.
    Gut, dass wir in Deutschland noch keine amerikanischen Verhältnisse haben – noch…
    Danke axeage.

  2. axeage sagt:

    @Iris
    Es scheint tatsächlich so zu sein, dass kaum jemand dem Dunstkreis entfliehen kann, in den er hineingeboren wird. Das gilt für Philipp Franz Freiherr von und zu Guttenberg ebenso, wie für Julie Baird. Für die einen ist es eine Gnade, für die anderen ein Fluch.

Kommentar verfassen ...

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s

Kategorien

Februar 2011
M D M D F S S
« Jan   Mrz »
 123456
78910111213
14151617181920
21222324252627
28