Ich weiß, wo mein Haus wohnt

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05.11.2010 von axeage

Wenn ich im Bad die Heizung aufdrehe, ertönen Klopfgeräusche. Erst schnell, dann langsamer, immer langsamer, dann nur noch vereinzelt. Irgendwann ist Ruhe. Auch eine Pumpe ist am Werk und rattert. Aber nur dann, wenn lediglich einer der beiden Heizkörper im Bad oder im Wohnzimmer aufgedreht ist. Wenn beide laufen, rattert die Pumpe nicht, dann allerdings zischt es in den Leitungen. Wenn beide Heizkörper abgedreht sind, rattert die Pumpe auch. Dafür zischt es nicht.
Das Haus ist nicht sehr groß. Für ein Treppenhaus war kein Platz. Deshalb gibt es nur eine enge Wendeltreppe. Überall im Haus knarzt Parkett auf Fehlböden schön und traulich, so wie in alten Pensionen und Hotels, solche, in denen auch Goethe schon zu Gast war. Selbst die Katze verursacht an bestimmten Stellen Knarzgeräusche. Früher hat sie das immer ein wenig erschreckt, jetzt jedoch ist sie zu alt dazu.

Außer im Bad, das in einen Erker hinein gebaut ist, sind alle Fenster aus Kunststoff. Die Badfenster allerdings, die sind aus Holz. Die Farbe geht seit zwanzig Jahren ab. Längst hätte man die mal erneuern müssen. Jetzt bröckelt schon der Kitt aus den Scheiben. Ja, ja, irgendwann werden wir das alles reparieren. Im nächsten Frühjahr, ganz bestimmt.

Immerhin haben wir in diesem Jahr endlich ein marodes Dachschrägenfenster ausgetauscht, von dem der Vorbesitzer schon damals, also vor zwanzig Jahren, gesagt hat, dass es demnächst einmal herausfallen würde. Es ist natürlich nicht herausgefallen und hätte sicher noch einmal zwanzig Jahre gehalten. Und den Erker haben wir mit Kupfer verkleiden lassen, weil es sonst wahrscheinlich irgendwann hereingeregnet hätte.

Rechte Winkel gibt es kaum im Haus. Immer sind es nur neunundachtzig oder einundneunzig Grad. Die Außenmauern im Ergeschoss verlaufen schräg nach oben und sind beinahe achtzig Zentimeter dick. Bruchstein. Ein kleines Loch in die Wand zu bohren, ist nahezu unmöglich. Immer wird es ein großes Loch.

Die Wasserzuleitung zum Haus ist abenteuerlich verlegt. Weil früher das Erdgeschoss dem Nachbarn gehörte, gelangte man über eine Außentreppe durch den ersten Stock ins Haus. Später haben wir das Erdgeschoss dazugekauft und weil wir wegen der Waschmaschine auch unten einen Wasseranschluss benötigten, läuft die Leitung jetzt erst nach oben und dann wieder nach unten.
Der ursprüngliche Hauseingang ist jetzt Balkon. Ich habe ihn um drei Stufen der Außentreppe verlängert und mit einem Geländer versehen. Das alles lässt sich wegklappen und abbauen, so dass die Außentreppe zum Möbeltransport genutzt werden kann.

Das bruchsteingemauerte Erdgeschoss ist ca. 90 Jahre alt. Stockwerk eins und zwei wurden in den 1970er Jahren mit Ziegelsteinen neu aufgebaut. Als wir das Haus gekauft haben, war es in den Büchern noch als sogenanntes Stockwerkseigentum vermerkt. Diverse Menschen, einer nach Amerika ausgewandert, andere bereits verstorben, hatten sich teils obskure Wohnrechte eintragen lassen: Ein warmes Plätzchen neben dem Schlot.
Als die Liebste den Notar gefragt hat, ob sie damit rechnen muss, dass demnächst jemand aus Amerika auftaucht, um sein Wohnrecht in unserem Schlafzimmer einzufordern, weil dort der Schlot verläuft, hat sie der Herr Notar beruhigt – Nein, so etwas könne nicht mehr geschehen, dazu sei die Eintragung zu alt. Unser Haus war das letzte Stockwerkseigentum im gesamten Notarbezirk.

Nein, ich kann mir nicht vorstellen, in einem Neubau zu wohnen. Das wäre mir zu geschichtslos, zu rechtwinkelig, zu glatt.
Zwar berichten die Nachbarn, wenn man sie fragt, wie es früher hier war, von eher ungemütlichen Zeiten, von viel zu engen Wohnverhältnissen, von vielen Kindern, von Nachbarschaftszwist und Streit. Aber diese Zeiten sind vorbei. Sie ruhen in den Mauern, hinter den Rigipsplatten, unter den Rauhfasertapeten und nur manchmal, wenn man renoviert, wenn man etwas einreißt, etwas neu verputzt oder tapeziert, dann lugen sie kurz hervor und man ist froh, dass es heutzutage anders ist, dass jeder darauf bedacht ist, sich und den anderen das Leben nicht unnötig schwer zu machen.

Altbau

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5 Kommentare zu “Ich weiß, wo mein Haus wohnt

  1. Hardy sagt:

    …hab Sehnsucht nach der „alten Hütte“;-))…muss unbedingt mal wieder nach dem rechten schauen…

  2. Oh ja, ein altes Haus ist immer wieder voller Überraschungen! Ich erinnere mich, dass ich einmal in dem alten Bauernhaus, in dem ich als Kind wohnte, auf dem Dachboden das Skelett einer Katze fand. Und die Glühbirne, die dort von einem Dachsparren hing, funktionierte nur, wenn man sie hin-und her schwingen liess.
    LG von Rosie

  3. axeage sagt:

    @Hardy
    Unser Haus ist Dein Haus!

  4. axeage sagt:

    @wholelottarosie
    Schwingende Glühbirnen und Katzengerippe. Klingt aber schwer nach einem B-Movie 😉

    Aber Spaß beiseite. Ein altes Haus ist wie eine alte Gitarre. Neu ist alles immer irgendwie bequemer, einfacher und schöner anzusehen. Aber es fehlt der Charme, der Charakter, die Geschichte. Und wenn schon mal ein Haus oder ein Gegenstand ein paar Macken und Dellen hat, dann macht es auch nichts, wenn noch weitere dazukommen – im Gegenteil.
    Schlimm sind Macken und Dellen dann, wenn vorher noch keine drin waren. Dann tut’s richtig weh.

  5. Erwin Walter sagt:

    Hallo Axel, „Vereint e.V.“, der Veranstalter von
    ‚Roll over Bellhofen‘, hat einen neuen Flyer in Arbeit
    wo 2 Sätze von von dir („Direkt vor der Bühne….“)
    zitiert werden. Als Urheber wirst du natürlich genannt
    Ist das o.K. ? Würde mich gerne die Tage mal mit dir
    treffen, wär nett wenn du mich anrufen würdest: tags
    09152/92190 oder abends 0911/363695, dann könnten wir
    was ausmachen. RoB 2011 am 17. September.
    Einstweilen sonnige Tage, Erwin

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