It might get loud

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25.10.2010 von axeage

Was ist eigentlich ein Musikinstrument? Stellt man diese Frage jemandem, der nicht musiziert, wird er höchstwahrscheinlich antworten: Na, ein Instrument, mit dem man Musik macht.
Das stimmt natürlich, trifft’s aber nur unvollständig.

Als ich vor 10 Jahren – nach einer ca. 25jährigen Pause – wieder begonnen habe, Musik zu machen, nachdem mir dies in meiner Jugend von meinem damaligen Musiklehrer ordentlich vergällt worden war, darf ich sagen, ein Musikinstrument ist wesentlich mehr.
Zunächst: für mich ist die Gitarre das ultimative Musikinstrument. Man kann damit jede, aber auch wirklich jede nur erdenkliche Art von Musik machen und vor allem, man kann dies überall tun: am Lagerfeuer, in der Kneipe, in Berghütten, bei Feten, bei Betriebsfeiern, auf Campingplätzen, auf großen und kleinen Bühnen, in der Fußgängerzone, im Garten, im Wald, im Wohnzimmer, überall.

Meine Gitarren

Im Film It might get loud geht es um Gitarren. Um Stromgitarren. Gitarristen aus drei Generationen stellen Ihre Gitarren, ihre Musik, ihre Geschichte und sich gegenseitig ihre Tricks vor: Jimmy Page, Jahrgang 1944, legendärer Gitarrist der Band Led Zeppelin, David Howell Evans, besser bekannt als The Edge, Jahrgang 1961, Gitarrist bei U2 und schließlich Jack White, Jahrgang 1975, Gitarrist und Sänger der genialen Zweimann-Band – oder besser Mann-und-Frau-Band – The White Stripes.
Den Film hat mir neulich Hans bei unserer Herrenpartie in Dänemark angedient. Er war vollkommen begeistert davon. Am Wochenende habe ich ihn mir angesehen und jetzt bin ich vollkommen begeistert davon.

Als Jack White am Anfang des Films auf einem Holzbrett eine Saite aufspannt, darunter ein Colaflasche klemmt, einen Magnettonabnehmer draufnagelt, diesen an einen uralten Kofferverstärker anschließt und dann mit einem Bottleneck ein paar verzerrte Bluestöne anschlägt, bekommt man eine Ahnung davon, welche Geschichte dieser Film erzählen will und wird. Er erzählt die Geschichte von der Gitarre nicht als Instrument, sondern als verlängertes Sinnesorgan, wobei dieses Organ auf höchst unterschiedliche Weise mit dem jeweiligen Musiker verwachsen ist.

Mr. Page zum Beispiel, hängt sich eine Gibson Les Paul um, stöpselt diese über einen, höchstens zwei Bodentreter an einen Röhrenverstärker der Marke Mashall oder Orange an und legt los. Sein Spiel lebt von seinem unglaublichen Anschlag. In einer Szene spielt er ohne auch nur irgendwo irgend einen einzigen Knopf zu drücken die Gitarre als  fettes Brett und im anderen Augenblick so angenehm leise, melodiös und zart, als hätte er eine Jazzgitarre oder gar eine akustische  Klampfe in der Hand.

Ganz anders The Edge. Bevor aus dessen Verstärkerrack ein Ton kommt, hat er ihn durch unzählige Effektgeräte gejagt und nichts ist erbaulicher für ihn, als einen Sound erzeugt zu haben, der nichts mehr mit dem ursprünglichen, von einem elektromagnetischen Abnehmer erzeugten Ton einer Stromgitarre zu tun hat. In einer Szene spielt er ein wirklich beeindruckendes, typisches U2-Soundgewitter und als er alle Effekte mit einem Fußschalter abschaltet, sind zwei ständig aufeinanderfolgende, nichtssagende Gitarrenakkorde zu hören, die jeder Gitarrenschüler in der dritten Unterrichtsstunden zu spielen in der Lage wäre.

Ich gestehe, am meisten beeindruckt hat mich Jack White. Keine Frage, Jimmy Page ist ein wahrer Gitarrengott. The Edge ein Tüftler vor dem Herrn, aber sowohl die Suche Whites nach den Wurzeln moderner, rhythmusbetonter Musik – hauptsächlich natürlich im Blues – als auch sein anachronistisch-rebellischer Charakter, ist er doch in einer Zeit aufgewachsen, in der es nur Hip Hop und elektronisch abgemischtes Bassgestampfe zu geben schien, haben einen ganz starken Eindruck bei mir hinterlassen. Und, was mir ganz besonders aufgefallen ist: seine Ernsthaftigkeit.
Wirkten Page und The Edge in vielen Szenen cool, relaxed, manchmal sogar aristochratisch entrückt, z. B. als Page das alte Landhaus vorstellte, in dem zahlreiche Led Zeppelin Aufnahmen gemacht wurden, war White oft bis zur Verkrampfung ernsthaft.
Typen wie Oliver Kahn kreide ich so etwas immer gerne als überbordende Beflissenheit an, White hingegen wähnte ich diesbezüglich in höherer Sache unterwegs. Jemand, der auf der Suche nach den Wurzeln ist (nein, ich sage nicht, nach der Wahrheit) darf nicht nur, nein, er muss ernsthaft sein und bleiben.
In einer Szene kritzelt er ein paar verschrobene Bluesverse auf ein Blatt Papier, holt sein völlig verschrabbelte Gitarre hervor, schaltet ein altes Tonbandgerät ein und singt durch ein Bluesharp-Mikrofon, so dass seine Stimme vollkommen irre und verzerrt klingt. Als er amtlich endet, schaltet er das Tonbandgerät ab, spult zurück und gibt das Band dem Kameramann. Der Kerl sollte sich „von“ schreiben. Er hielt in diesem Augenblick ein Tondokument in Händen, das vor wenigen Minuten komponiert, gespielt, aufgenommen und abgemischt worden war. In einem Stück, ohne viel Federlesens, ohne große Effekte, einfach nur so vom Instrument, vom Interpreten, von dessen Intuition und seiner Fähigkeit, so etwas einfach tun zu können, auf’s Tonband. Zack.

Doch zurück zum Triumvirat. Die drei kamen in einer Art Studio zusammen, wo ein gewaltiges, technisches Equipment aufgebaut war, sie unterhielten sich, stellten ihre musikalischen Wurzeln vor, wobei auffälligerweise nicht ein Mal der Name Jimi Hendrix erwähnt wurde, hatten Respekt und waren schwer beeindruckt voneinander, spielten, kicherten und jammten gemeinsam, hatten insgesamt aber eigentlich fast beängstigend wenig Gemeinsamkeiten.
Aber genau das ist meiner Ansicht nach die große Stärke dieses Films. Hier sind nicht drei zusammengekommen, die deshalb, weil sie alle verdammt gute Gitarrenmusik machen, das Generationenproblem gelöst haben wollten, indem sie ab sofort und für alle Zeiten unzertrennliche Freunde geworden sind. Sie haben sich getroffen, weil Regisseur Davis Guggenheim sie dazu eingeladen hatte. Sie haben ihre Verstärker, ihre Effektgeräte, ihre Gitarren und ihr Können mitgebracht und sie haben für 97 Minuten Einblick in ihr Innerstes gewährt. Das war teilweise erhellend, teilweise reichlich profan und in manchen Fällen allzu naheliegend.
Danach haben sie sich umarmt, sind wieder ihrer Wege gegangen und ich müsste mich sehr täuschen, hätten sie nach dem Dreh noch einmal miteinander telefoniert.

Damit kein falscher Eindruck entsteht. It might get loud ist ein guter Film. Ein richtig guter Film. Ein richtig guter Musikfilm. Allerdings nur für diejenigen, die ihr Herz an Rock- und E-Gitarrenmusik verloren haben. Aus unterschiedlicheren Gründen als Page, The Edge und White kann man kaum zur Gitarre greifen. Das hat zum einen natürlich mit der jeweiligen Zeit zu tun, in der das geschehen ist, zum anderen aber tatsächlich damit, dass Gitarre spielen eine äußerst variable Kunst ist. Keine zwei Gitarristen spielen genau gleich, selbst wenn sie das selbe Lied spielen. Das zeigt der Film mehr als deutlich und wenn am Anfang irgendwann der unvergleichliche Lonny Donegan in verschneiten Schwarz-Weiß-Aufnahmen seine Skiffle-Songs herunterschrabbelt, dann wirkt das mindestens ebenso begeisternd, wie das einführende Solo von Stairway to Heaven auf Pages Doppelhalsgitarre.

Der Schluss des Films sorgte bei mir jedenfalls noch einmal für reichlich Erheiterung. Es sollte in einer gemeinsamen Jam-Session, witzigerweise nicht auf elektrischen-, sondern auf akustischen Gitarren The Weight von The Band gespielt werden. Die kurzen Szenen, in denen gezeigt wurde, wie die drei geprobt haben, haben mich frapierend an den eigenen Band- und Proberaum erinnert, wenngleich ich mich natürlich in keiner Weise, um nicht zu sagen, in keinster Weise mit einem der drei Herren vergleichen möchte/darf.
Dennoch, es tat richtig gut zu sehen und zu hören, dass sich selbst Gitarrengötter einen relativ bekannten Folksong erst ordentlich erarbeiten müssen, bevor sie ihn spielen können.

Ob die drei jemals aus ihrer Endlosschleife G, B-Moll, E-Moll, D, C und G wieder herausgefunden haben, wird ein ewiges Geheimnis bleiben. Die Regie jedenfalls hat den Song gnädig ausgeblendet.

9 thoughts on “It might get loud

  1. hanz sagt:

    uuh, Axel!
    Da bekomm ich ja noch mehr Gänsehaut als beim Film selbst! Du verzückst mich! Würdest Du wohl die ersten Fünfzig Filme auf meiner Lieblingsliste für mich so schön besprechen, bitte?

    Glück Auf!

    hanz

  2. axeage sagt:

    @hanz
    Her mit der Liste. Und nochmal vielen Dank für den Film.
    Ich glaube, ich schaue ihn heute abend nochmal an.

    Gruß aus Franken

    Axel

  3. Lieber Axel, das ist super geschrieben! Da ich von dem Film zwar schon gehört, ihn bisher aber noch nicht gesehen habe, hast du mich jetzt richtig neugierig darauf gemacht!
    Danke für den tollen Tipp!
    Liebe Grüße von Rosie

  4. Ach, und noch was….deine Gitarren-Ausstellung sieht fantastisch aus – besonders die türkisfarbene Ibanez sticht in Auge. Welche Songs spielst du darauf?
    Gruß von Rosie

  5. axeage sagt:

    @wholelottarosie
    Blues natürlich😉
    Ich schick‘ Dir die Tage mal eine CD.

  6. Banane sagt:

    Grossartige Filmbesprechung. DVD ist bestellt. Danke🙂

  7. Obstblog sagt:

    Für Liebhaber…

    Gerade über diese ausgezeichnete Filmbesprechung gestolpert. Ein Film über die Gitarre, verschiedene Gitarristen und übers Musizieren mit der Gitarre….

  8. Super, vielen Dank Axel! Ist angekommen…..
    LG von Rosie

  9. Bernhard Kauler sagt:

    gute Zusammenfassung – fand den film auch super

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