Ah, jetzt ja …

9

20.10.2010 von axeage

… eine Insel, eine Insel.
Doch, doch, es hat mich schon ein wenig an Lummerland erinnert, als unser fliegender Omnibus die Insel Jersey ansteuerte. Das sah von oben alles recht putzig und überschaubar aus, mit Leuchtturm und kleinen Hecken und Mäuerchen und vielen, vielen, kleinen Autos.

Tatsächlich entpuppten sich die kleinen Hecken und Mäuerchen und auch die vielen, vielen, kleinen Autos als nicht zu unterschätzendes Verkehrsabenteuer, wobei ich den Jerseyanern schon zugute halten darf, dass sie möglichst kleine Autos fahren und den Touristen noch kleinere Mietautos geben, weil es teilweise wirklich eng zugeht – also richtig eng und käme einem nicht ab und zu ein wahnwitziger Lastkraftwagen oder ein Traktor entgegen, würde der Verkehrsfluss auch halbwegs  funktionieren.
Was die Inselbewohner allerdings gar nicht haben, sind Wegweiser und Hinweisschilder, die diesen Namen wirklich verdienen. Ich halte die Liebste für eine sehr gute Landkartenleserin, die in 99 von 100 Fällen weiß, wo auf der Karte gerade sich der eigene Standpunkt befindet, auf Jersey allerdings kam es vor, dass wir uns wiederholt und rasant der Südküste näherten, obwohl uns die Liebste noch weit im Norden wähnte.
Ja gut, die Insel ist nur acht Kilometer breit und gute 15 Kilometer lang, da kann so etwas schon einmal passieren, trotzdem führte der manchmal urplötzlich vor uns auftauchende Strand zu diversen Aha-Erlebnissen und zur Notwendigkeit, sofort und auf der Stelle zu wenden.

Obwohl wir nur insgesamt eine Woche auf Jersey weilten, sind wir in insgesamt drei Hotels abgestiegen. Zwei aus der absoluten Luxuskategorie und eins aus dem eher unteren Preissegment. Das hatte damit zu tun, dass die Reise Teil eines Gemeinschaftsgeschenks unserer Freunde anlässlich eines nicht näher benannten, runden Geburtstags der Liebsten war und es den Schenkern gefallen hatte, uns bei den ersten Adressen dieser herrlichen Insel unterzubringen. Und weil fünf Tage für einen solchen Urlaub dann doch etwas kurz waren und der Flugpreis sich bei 7 Tagen rund um die Hälfte reduzierte, haben wir noch zwei Tage angehängt und übers Internet noch ein drittes Hotel gebucht, dem ein Par-3-Golfplatz angeschlossen war, der von Hotelbewohnern umsonst bespielt werden durfte.

Hotel Nr. 1, das Eulah Countryhouse, wirbt mit dem einfachen, aber trefflichen Slogan Quiet Luxury und hat uns im Nachhinein am besten gefallen. Es wird familiär geführt. Die Hotelbetreiber wohnen mit im Haus und die zahlreichen Aufenthalts- und Wohnräume können von den Gästen mitgenutzt werden.

Eulah Countryhouse

Ich will mich gar nicht in detailreichen Beschreibungen ergehen. Das Haus hatte einfach nur Stil, das Frühstück war reichhaltig, full english and very delicious, die Gastgeber unaufdringlich und sehr nett. Das einzige, was man den Betreibern dieses exklusiven Hauses ankreiden muss, ist, dass sie eine Deutschenfalle aufgebaut hatten, in die die Liebste natürlich sofort hineingetappt ist. Im Bad war nämlich ein uralter, goldgerahmter Spiegel schief aufgehängt, wohl wissend, dass nur Deutsche diesen wieder geraderücken würden.

Dinner wurde nicht angeboten, aber nachdem auf der Insel derzeit das sogenannte Tennerfest stattfand, sind wir, begleitet von einer frischen Meeresbrise, am Strand entlang in die Stadt gelaufen und haben The Goosen aufgesucht.
Dort wurde, wie in vielen anderen Restaurants für zehn Pfund (a tenner!!) ein dreigängiges Menü angeboten.
Bis wir allerdings in den Genuss dieses Menüs kamen, mussten noch zwei Schwierigkeiten überwunden werden.
Erstens, es gab erst ab 18:00 Uhr Dinner und es war erst 17:15 Uhr. Zweitens,  die in kombinierten Pub-Restaurants übliche Vorgehensweise beim Bestellen, war uns nicht, um nicht zu sagen überhaupt nicht bekannt. Zwar wussten wir von früheren Englandbesuchen, dass man im Barbereich sein Getränk an der Theke holt und auch gleich bar bezahlt, dann aber, wenn es ans Essen geht, in den Restaurantbereich zu wechseln und an einer völlig anderen Bar seine Menüwahl zu nennen und ebenfalls vorher zu bezahlen, ähnlich, wie beim unsäglichen Fastfoodkönig, das war uns nicht bekannt.
Als wir also reichlich betrunken beim x-ten Getränk sitzend – es musste wie erwähnt eine gute dreiviertel Stunde überbrückt werden – darauf warteten, endlich unser Essen bestellen zu dürfen, die Bedienung uns aber beflissentlich übersah, weil Bedienung in der Bar ein absolutes Novum ist und wir erst auf Nachfrage in den Restaurantbereich verwiesen wurden, wo wir dann wieder saßen, weil auch hier nur bedient wurde, wenn man vorher bezahlt hatte, als wir also erneut reichlich ratlos in der Gegend herum saßen, erbarmte sich endlich eine junge Bedienung, uns mit der ultimativen Bar- und Restaurantordnung auf der direkt der britischen Krone unterstellten Insel Jersey vertraut zu machen. Himmel, welch ein bürokratischer Akt.
Besagter Akt allerdings gereichte uns am nächsten Tag zum Vorteil, als wir in einer ähnlichen Kneipe ein zwar anderes, aber nach der gleichen Methode zu bestellendes Menü orderten und ohne große Umstände einfach so verspeisten.

Die Rundreise, die wir vor der Einnahme des unspektakulär bestellten Abendessens am nächsten Tag nach Vorschlägen aus einem einschlägigen Reiseführer unternahmen, führte uns tatsächlich um die gesamte Insel und beinhaltete so imposante Ziele, wie das „überdachte“ Stonehenge von Jersey, La Hougue Bie und die prächtige, mit viel Liebe zum Detail restaurierte Festung Mont Orgueil Castle.

Das überdachte Stonehenge von Jersey: La Hugue Bie

Don Quichotte und sein Knappe auf Mont Orgueil Castle

Zwar wurden wir bei dieser Rundfahrt wieder Opfer der mehr als notdürftigen Beschilderung, doch Creamed Tea and Scones in einem Cafe am Strand, der wieder einmal urplötzlich vor uns aufgetaucht war, entschädigten für manche Irrungen im Inselinneren.

Am nächsten Tag stand Golf auf dem Plan. Weil ich keine eigene Ausrüstung dabei hatte und mir der Royal Jersey Golf Club mit über 60 Pfund Greenfee etwas zu teuer war, habe ich mich für den Les Mielles Golf and Country Club entschieden. Golfschläger habe ich mir für ein paar Pfund geliehen. Darauf, was ich mit diesen Schlägern dann allerdings an spielerischer Leistung abgeliefert habe, möchte ich lieber nicht näher eingehen. Grottengolf beschreibt es wohl am trefflichsten.

Golf in Les Mielles

Auf dem Weg zu unserem neuen Hotel haben wir zwei Zwischenstationen eingelegt. In einem alten Nazi-Bunker (ja, auch hier gibt es diese verfluchten Dinger), hat ein geschäftstüchtiger Fischer einen sogar in diversen Reiseführern erwähnten Krabben- und Lobsterverkauf etabliert. Der gute Mann war bereit, uns seine besten Stücke zu zeigen. Beeindruckend.

Ca. 40 Jahre alter Lobster

Station Nr. 2 war der Leuchtturm von Jersey. Als wir ankamen, war gerade Flut und der Fußweg noch nicht benutzbar. Nach einem Drink im nahegelegenen Restaurant aber legte die Ebbe einen imposanten Weg frei, der uns trockenen Fußes direkt zum Leuchtturm führte.

Der Leuchtturm von Jersey

Am Nachmittag sind wir dann ins erste Haus am Platz, ins Longueville Manor Hotel eingezogen. Eine junge Frau an der Rezeption begrüßte uns überschwänglich, machte uns im verständlichsten Englisch mit allen Einzelheiten eines Fünfsternehotels vertraut, um dann, als sie uns Zimmer, Park, Restaurant, Fernseher, Shortbread, Tea- und Roomservice ausführlichst gezeigt und erklärt hatte, damit herauszurücken, dass sie Deutsche ist und wir uns für den Rest unseres Aufenthalts deutsch mit ihr unterhalten konnten. Warum sie dies nicht gleich von Anfang an gemacht hatte, erschloss sich mir nicht auf Anhieb.

Die Liebste im Longueville Manor Hotel zu Jersey

Die Liebste steht auf solche sündhaft teuren Schuppen, die sie wegen der Frotteepantoffeln, die auf dem Zimmer zur Verfügung stehen, liebevoll Schläppchenhotels nennt. Ich hingegen kann mit solchen Hotels ehrlich gesagt nicht viel anfangen. Mir ist das alles eine Spur zu überkandidelt, von den Zimmerpreisen einmal ganz abgesehen. Aber einem geschenkten Hotel schaut man nicht auf’s Schläppchen und so verbrachten wir zwei gediegene, englische Landhaustage, ließen uns beim Frühstück vom Ober die Serviette auf den Schoß werfen und schnitzten am luftgetrockneten Schweinebein herum, bis uns ein aufgeregt gestikulierender Ober mit den Worten verscheuchte Please, let me help you.

Trophäen aus dem Fünfsternehotel

Das Wetter war übrigens während unseres gesamten Urlaubs relativ schön, was allerdings bewirkte, dass wir gar nicht rechtschaffen unser kostspieliges Hotelzimmer ausnutzen konnten. Stattdessen besuchten wir den von Gerald Malcolm Durrell im Jahre 1959 gegründeten Zoo, in dem hauptsächlich vom Aussterben bedrohte Tierarten leben. Vor allem die Erdmännchen und Katta Lemuren hatten es uns angetan. In beiden Fällen hatten wir den Eindruck, dass nicht sie die Insassen des Zoos waren, sondern wir, die Besucher.

Erdmännchen unter sich

Lemuren beim Lunch

Nach dem Auszug aus dem Schläppchenhotel haben wir Elizabeth Castle besucht. Bei Ebbe ist diese vorgelagerte Insel zu Fuß zu erreichen, weil an diesem Tag aber Flut herrschte, mussten wir mit Charming Betty, einem Amphibienfahrzeug fahren bzw. schwimmen. Wie das aussieht, hat ein gewisser Simon Reed festgehalten.
Hier sein Youtube-Video:

Die beiden letzten Tage verbrachten wir im Wheatlands Hotel mit angeschlossenem Par3-Golfplatz. Das ist ein lustiges, kleines Hotel, so recht nach meinem Geschmack. Es gab ein kleines Restaurant mit bezahlbaren und schmackhaften Speisen. Natürlich musste ich einmal Fish & Chips essen und das an der Bar ausgeschenkte John Smith Extra Smooth schmeckte nach 18 gespielten Par3-Löchern ganz fantastisch. Der Golfplatz ist übrigens, trotzdem es nur Par3-Bahnen gibt, gar nicht so ohne. Kein geringerer als der berühmte walisische Golfspieler und Whiskeytrinker Ian Woosnam soll am Bau dieses kleinen, aber feinen Platzes mitgewirkt haben.

Großes Golf und lange Schatten in Wheatlands

An unserem letzten Urlaubstag besuchten wir das Country Life Museum Hamptonne. Dort war gerade ein fröhliches Hoffest im Gange. Es wurde Brot gebacken, in einer historischen Küche Fleisch mit Zwiebeln gebraten, furchtbar sauerer Cider ausgeschenkt, ein Kürbisrisotto gekocht, die Vogelhochzeit auf englisch gesungen, es wurden Gedichte in der inseleigenen Sprache Jèrriais vorgetragen und Vorträge über Apfel- und Kartoffelanbau gehalten. Es herrschte eine ganz eigene, wunderbare Stimmung an diesem Nachmittag. Fröhliche, entspannte Sonntag-Nachmittag-Menschen.

Historische Küche in Hamptonne

Als wir schließlich zurück zum Hotel gefahren sind, um die Koffer zu packen, weil es tags drauf wieder nach Hause gehen sollte, erinnerte ich mich das eine ums andere Mal an diese federleichte Country Life Stimmung und dachte so bei mir: Doch, doch, Lummerland Jersey wird noch lange in unseren Herzen wohnen.
Um den Mietwagen allerdings, um den werde ich wohl noch lange trauern.

Mietwagen auf Jersey - Jaguar E-Type

9 thoughts on “Ah, jetzt ja …

  1. kuddels sagt:

    Moin moin Axel.
    Danke für diesen(wie von Dir gewohnt)klasse geschriebenen Bericht.Ich habe es genossen und war fast mit dabei.Zu beneiden seid ihr Beiden,das erlebt zu haben.Einfach nur wunderbar.Den Bericht habe ich gespeichert , um ihn noch einmal lesen zu können.
    Es grüßt Dich und Deine Angetraute Kuddel B.

  2. axeage sagt:

    N’abend Kuddel,
    vielen Dank. Es war wirklich eine schöne, kleine Reise, wenngleich nicht ganz billig.
    Was mir richtig gut gefallen hat, ist die köstliche Mischung aus very british und französisch lässig.
    Kein Stress. Das ist wichtig – im Urlaub und im Leben überhaupt.

  3. Oh ja…mit den Gegebenheiten des englischen Restaurantwesens muss man sich in jeder Hinsicht jeweils erst vertraut machen….
    Sehr schöner Bericht!
    LG von Rosie

  4. Herbert sagt:

    So ne federleichte Country Life Stimmung haben wir auch erlebt; beim Kommunbrauertag in Neuhaus/Windischeschenbach. Dieses Wochenende gibt es vielleicht was ähnliches in Steinmühle, hoffentlich finde ich einen Fahrer!
    Lieber Gruß Herbert

  5. axeage sagt:

    @wholelottarosie
    Vielen Dank. Manchmal drängte sich einem schon der gute, alte Obelix-Spruch auf: Die spinnen, die Engländer.

    @Herbert
    Mensch, Herbert. Das erinnert mich an das schönste Konzert, das ich mit MASH letztes Jahr einen Tag nach Rosis Geburtstag hatte.
    Guckst Du hier und hier.

  6. irgendlink sagt:

    Einfach traumhaft. Klasse Bilder, toller Text. Macht Lust auch dahin – gibts da auch Absteigen?

  7. axeage sagt:

    @irgendlink
    Vielen Dank.
    Absteigen?
    Hmmm … nicht, dass ich wüsste 😉

  8. kuddels sagt:

    @ irgendlink!
    Also……..Absteigen………auf welchem hohen Ross sitzt Du? oder hast Du Probleme mit der Deutung der Deutschen Sprache????????

  9. axeage sagt:

    @kuddels
    Ruhig bleiben, Kuddel.
    Irgendlink hat nur gefragt, ob es auf Jersey auch Absteigen, sprich billige Unterkünfte gibt.

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