Wenn alles schief läuft

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30.07.2010 von axeage

In Leben der Brüder Andy und Hank läuft alles schief. Wirklich alles. Nicht erst an dem Tag, als die beiden, weil in erheblichen Geldnöten, beschließen, den elterlichen Juwelierladen zu überfallen und deshalb, weil Hank sich selbst nicht dazu in der Lage sieht, diesen heiklen Job durchzuziehen, einen Kleinganoven anheuert, der nichts besseres zu tun hat, als mit einer Knarre in den Laden zu rennen und Hanks Mutter umzunieten, obwohl die eigentlich gar nicht da sein dürfte, weil an diesem Tag eine Angestellte den Laden schmeißen sollte. Nein, im Leben der Brüder Andy und Hank ist schon viel früher immer alles schief gelaufen. Alles.

Hank, ein echter Verliertyp, mit geschiedener Frau, Tochter und Alkoholproblemen an der Backe, kommt seinen Unterhaltszahlungen nicht nach und ist auch sonst einer, der im Leben wenig bis überhaupt nicht zurecht kommt. Trotzdem war er aber immer derjenige, der von Vater Charles mehr geliebt wurde, als der geschäftlich erfolgreiche Andy, der Geld unterschlägt, um seine kostspielige Drogensucht zu finanzieren und dessen hübsche Frau ihn ausgerechnet mit seinem Bruder, dem Loser betrügt.
Welche Lawine dramatischer Ereignisse aufgrund dieser Rahmenbedingungen und nach dem missglückten Überfall losgetreten wird, zeigt der Film Tödliche Entscheidung, der gestern im Ersten zu sehen war.

Ich habe den Film in zwei Teilen gesehen, weil er sehr spät gesendet wurde und ich nicht so lange aufbleiben wollte. Und wie wenn ich es geahnt hätte, habe ich den Break genau an der richtigen Stelle erwischt: dann, als Andy von seiner Frau verlassen wird und sie zugibt, mit seinem Bruder ein Verhältnis zu haben. Ich habe die halbe Nacht darüber sinniert, wie sich diese vertrackte Situation, in der sich sämtliche Protagonisten befinden, jetzt wohl „sinnvoll“ auflösen würde.

Bis zu diesem Zeitpunkt war der Film mehr oder weniger in drei Kapitel unterteilt: Vor dem Überfall. Der Tag des Überfalls. Nach dem Überfall. Allerdings wurden diese Kapitel nicht chronologisch gezeigt, was zu dem teilweise irrwitzigen Pulp-Fiction-Effekt führt, als Zuschauer bereits mehr zu wissen, als die Protagonisten im Film. Man ertappt sich ab und zu beim hämischen Grinsen und kostet so manchem Aha-Effekt aus.

In der letzten Viertelstunde allerdings, die ich mir heute morgen als Aufzeichnung angesehen habe, läuft dann alles fein säuberlich und chronologisch ab. Bei diesem Showdown fallen alle Schranken. Es gibt keine Skrupel mehr. Die Lawine rollt über alle und alles hinweg. Andy, für den man als Zuschauer bis zu diesem fulminanten Finale noch so etwas ähnliches wie Mitleid empfunden hatte, weil er wie ein vom Vater missverstandener, ungeliebter und verstoßener Sohn wirkte, tickt völlig aus, erschießt jeden, der ihm im Wege steht, bis sein Bruder ihn bittet, den letzten Mord nicht zu begehen, stattdessen ihn, seinen Bruder von all diesem Wahnsinn zu erlösen. Aber der Film schlägt an dieser Stelle noch einmal einen genialen Haken, genau genommen sogar zwei, um schließlich, nach „getaner Arbeit“ effektreich im überzeichnet grellen Licht eines Krankenhausflurs zu enden.

Freunde der Nacht, diesen Film muss man gesehen haben, wenn man das hauptsächlich auf den Pfeilern Geld und Gewalt ruhende System „USA“ verstehen will. Regisseur Sidney Lumet, der in den 70er Jahren mit Hundstage schon einmal so einen im wahrsten Sinne des Wortes hundsgemeinen Film abgeliefert hat, geht in Tödliche Entscheidung noch einen Schritt weiter und scheut nicht davor zurück, die heiligste aller amerikanischen Kühe zu schlachten, die Familie.

Ein böser, ein gnadenloser, ein gnadenlos guter und auch oder gerade wegen schauspielerischer Höchstleistungen aller Mitwirkenden, ein absolut sehenswerter Film!

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