Alter Freund

3

22.07.2010 von axeage

Gestern abend rief die Vergangenheit an. Alter Freund aus alten Tagen, mit altem, lange nicht mehr gehörten Dialekt und altgewordener Stimme. Auch ein paar alte Ansichten dabei.
Pferde schälen, Äpfel stehlen – auch schon mal umgekehrt. Weißt Du noch? Weiß ich selbstverständlich noch! Wir wissen alles noch. Naja, das meiste.

Alter Freund hat einen abenteuerlichen Lebenslauf. Erst Beamter, dann Weltreisender, dann wieder Beamter. Jetzt krank. Seit Jahren schon. Bandscheibengeschichte, keine Ahnung, wie der lateinische Begriff dafür lautet. Jedenfalls austherapiert. Hilft nur noch Morphium, inzwischen nur noch mit Dosierungen, die unter’s Betäubungsmittelgesetz fallen.

Die alte Mutter vom Alten Freund ist in der geschlossenen Abteilung eines Altenheims, weil sie früher immer abgehauen ist. Jetzt aber hat sie sich ausgeknipst. Sie kennt niemanden mehr, starrt ins Leere, muss gefüttert werden. Als Alter Freund sie im Rollstuhl gestern durch den Anstaltsgarten geschoben hat, hat er ein Mandra gemurmelt, erzählt er mir. Das macht man so, wenn man wie er Buddhist ist. Er hat dabei Energie gespürt, mächtige Energie und erfuhr am Abend von seiner Liebsten, dass sich einige Buddhismus-Meister in der Schweiz zur gemeinsamen Meditation getroffen haben. Daher weht die Energie.

Alter Freund hat spät geheiratet. Sie, Buddhistin und Psychologin und Ex-Ex-Jugoslawin und nett. Eigentlich viel zu nett für ihn. Hat er gar nicht verdient, der Alte Freund. Nö, nur ein schlechter Alter-Freund-Scherz. Natürlich hat er sie verdient.
Jedenfalls kämpft er jetzt mit Behörden und Vertrauensärzten und Berufsgenossenschaften um die Anerkennung seiner Arbeitsunfähigkeit und gegen die Müdigkeit, weil die Medikamente immer stärker werden und gegen den Schmerz, weil die Medikamente immer schwächer wirken. Und Midlife-Crisis ist natürlich auch dabei. Alter Freund wird in zwei Wochen fünfzig.

Er lädt mich zum Geburtstag ein. Ich muss leider absagen, weil just an diesem Tag die Liebste ihren (ich verrate nicht den wievielten, aber auch runden) Geburtstag feiert. Tja, schade.

Dann noch ein paar gemeinsame Bekannte durchhecheln, deren Kinder jetzt so alt sind, wie wir damals, als wir uns fast täglich getroffen haben. Der eine ist computerspielsüchtig, der andere wird Vater, der Dritte ist seit zwei Jahren in Irland. Manchmal schnauft der alte Freund schwer.

Er kommt auf’s Elternhaus zu sprechen. Das will er jetzt auch endlich einmal klären. Das Haus seit Jahren leer. Verkauf steht an. Die Schwester zieht nicht so recht mit. Der Alte Freund plaudert ein wenig über Bankkonten, und Wertpapierdepots, die er alle verwalten muss. Vom verstorbenen Vater und von der Mutter und auch von der Schwester. Verluste sind auch dabei. Aktienzeugs halt, das sich längst abgestoßen gehört. Scheiß Banker, die wollen immer, dass man einen Schlussstrich zieht, verkauft und neu kauft, damit sie Provision kassieren können. Verbrecher, alle Verbrecher, schimpft der alte Freund. Ich grinse. Geldsorgen habe ich nicht, witzle ich. Wer kein Geld hat, hat auch keine Geldsorgen.

Irgendwann geht dem Alten Freund die Luft aus. Mir auch. Wir haben alles durch. Fast zwei Stunden sind vorbei. Die Verabschiedung dauert lang, weil dem Alten Freund und mir abwechselnd immer noch etwas einfällt. Dann sind zwei Stunden vorbei. In zwei Wochen nochmal telefonieren, wenn der Alte Freund fünfzig wird und im nächsten Frühjahr wieder, wenn ich fünfzig werde. Na dann – gute Nacht.

3 thoughts on “Alter Freund

  1. wildgans sagt:

    für diesen artikel von der anrufenden vergangenheit hab ich gar meinen andreas altmann beiseite gelegt. cool geschrieben. interessant zu lesen. ne, interessant ist ein zu seichtes wort. das leben des freundes hört sich wild und groovig an. drogengeschichten der anderen art. leben und sein, wie es viele probieren….
    gruß von sonja

  2. axeage sagt:

    @Sonia
    Interessant: Altmanns neuestes Buch heißt: „Triffst Du Buddha, töte ihn!“
    Mein Alter Freund war über vier Jahre in der Welt unterwegs. Auf diesen Reisen ist er zum Buddhisten geworden.

  3. hardy sagt:

    ..da wünsch ich mir, dass WIR uns NIE aus den Augen verlieren, alter Freund 😉
    Aber wenn ich die letzten, bald 25 Jahre Revue passieren lasse, wird uns das wohl auch nicht passieren..
    Gruß Hardy, back from the mountains

Kommentar verfassen ...

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s

Kategorien

Juli 2010
M D M D F S S
« Jun   Aug »
 1234
567891011
12131415161718
19202122232425
262728293031