Bundeshauptberlin

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03.07.2010 von axeage

Ist natürlich immer eine Reise wert.  Immer. Vor allem, wenn ein so einschneidendes Ereigniss wie eine Bundespräsidentenwahl ins Haus steht und man Freunde hat, die einen Backstage in die Zentrale der Macht lassen und man sich gerade dann, wenn Bundestagspräsi Lammert eine geschliffene Rede hält und keine Möglichkeit auslässt, Spitzen gegen Vorgänger Köhler zu verteilen, im Parteibüro einer Bundestagsabgeordneten befindet, wo die Luft brennt und alle hoffen, dass es nur einen Wahlgang geben wird. Hoffentlich nur einen Wahlgang. Bitte nicht zwei, oder gar drei.
Tja, es waren dann doch drei und alles hat sich bis in den Abend hingezogen. Und die doooooofen Linken haben sich blamiert und Wulf hat eine braaaaaave Rede gehalten, braver Wulff, Platz. Und die dicken Kabelstränge der Fernsehsender rund um den Bundestag wurden wieder eingerollt und die Wagen mit den Antennen und Satellitenschüsseln auf’m Dach sind weggefahren und die dicken Limousinen, mit den Blaulichtern drauf und den Chauffeuren vorne und den Politikern hinten drin, auch.

Jürgen T. kommentiert die Wulffwahl(en)

Erschöpft trifft man sich am Abend in der Wohnung in Charlottenburg und trinkt ein Bier und wartet auf das Wahlergebnis. Na also, diesmal doch absolute Mehrheit. Welch ein spinnertes Spektakel wegen eines Amts, das kein Mensch braucht.

Egal, es gab noch andere Dinge. Zum Beispiel eine herrliche Kunstaustellung von Olafur Eliasson im Martin-Gropius-Bau. Kunst für Entdecker, mit viel Lichtinstallationen, einem irritierenden Video von einem Lieferwagen, der mit einer verspiegelten Seitenfront durch Berlin fährt und dabei von einem Kamerateam begleitet wird, einem Nebelraum, der unterschiedlich illuminiert, wie von Geisterhand Menschen auftauchen, die sich auch im Raum befinden und sofort wieder verschwinden lässt, oder einem schwarzen, völlig verdunkelten Raum, in dem an der Decke ein silberner Gartenschlauch hängt, aus dem Wasser tropft und zusammen mit einem weißen Stroposkoplicht den Anschein erweckt, es würden permanent Blitze aus der Decke herniedergeh’n.
Digitale Kunst mit analogen Mitteln. Sehr empfehlenswert!

Lichtkunst selbstgemacht mit Lampen von Olafur Eliasson

Ein Haus weiter die Topographie des Terrors auf dem ehemaligen Gelände der Gestapo. Eine wichtige, eine gute Ausstellung, die von vielen Jugendgruppen besucht und das Gezeigte (Fotos, Originaldokumente, Texte) kompentent von diversen Fremdenführern in unterschiedlichen Sprachen vermittelt und erläutert wird.
Zugegeben, eine solche Ausstellung zieht einen im ersten Moment schon etwas herunter und die Vorstellung, dass diese Ereignisse noch keine achtzig Jahre zurückliegen, stimmt mich immer besonders nachdenklich, trotz- oder gerade deshalb darf man sich nach einer solchen Ausstellung über ein sonnenbeschienes, weltoffenes Berlin freuen, ohne Mauer mittendurch, ohne schwarze Ledermäntel, ohne Militärstiefel, ohne Hakenkreuzfahnen und ohne Männer mit albernen Schurrbärten.
Übrigens, das Stelenfeld, Denk- und Mahnmal für die ermordeten Juden Europas, habe ich zusammen mit der Liebsten zum ersten Mal bewusst durchschritten. Beeindruckend! Außerdem hatte die Liebste zu dieser kontrovers diskutierten Installation im Zusammenhang mit Deutung und Sinn folgende, wie ich finde, gute Interpretation: Die Stelen am Rand sind niedrig und laden ein ums andere Mal dazu ein, sich darauf niederzulassen, sich darauf auszuruhen. Dann, je weiter man ins Innere des Mahnmals vordringt, werden sie immer höher und wachsen einem schließlich über den Kopf. Kalkül der Nazis, das zum Entsetzen aller mehr als zehn Jahre lang aufgegangen ist.

Im Tierpark am nächsten Tag Hitze, Hitze, Hitze. Die Elefanten bewerfen sich mit Staub, die Geier liegen mit ausgestreckten Flügeln im Schatten am Boden, ein Jaguar nimmt ein Bad und fängt derwischgleich seine Schwanzspitze, die Hyänen gähnen, die Liebste probiert Fassbrause und findet sie scheußlich.

Schwitzende Geier - am Boden zerstört

Am Abend Besuch bei der Cousine. Die hat ein neues, wunderschönes Fotostudio am Prenzlauer Berg. Ihre beiden Jungs, drei und fünf Jahre alt, sind außer Rand und Band. Erst, als ich mir einzeln jedes der gefühlten sechstausend Spielzeugautos bringen lasse und zu jedem erkläre, um welches Modell es sich handelt und wie hoch die Höchstgeschwindigkeit ist, kehrt so etwas ähnliches wie Ruhe ein und die beiden Wildfänge spielen Einparken und Autoschlage, sortenrein getrennt nach Feuerwehr, Krankenwagen, Traktor, Rennwagen, Bus, Hubschrauber.

Am letzten Tag: Wulffwahl und Neue Nationalgalerie: Moderne Zeiten. Die Sammlung. 1900 – 1945.
Eine wunderbare Ausstellung mit Werken unter anderem von Kirchner, Beckmann, Grosz und Dix und der Möglichkeit, sich über die zum Teil berühmten Bilder den Kontext zu Geschichte und Politik aus jener Zeit zu erschließen. Außerdem konnte man an diesem heißen Hochsommertag wirklich nichts besseres tun, als ein klimatisiertes Museum zu besuchen.
Dann ist es auch schon Abend. Herrliche Berliner Luft, nachdem die Sonne untergegangen ist. Die Stimmen vom dritten Präsidentenwahlgang sind noch nicht ausgezählt. Wir essen bei einem Asiaten in Kreuzberg. Leider waren die Vorspeisen korianderverseucht. Ich kann dieses Kraut einfach nicht essen! Die Liebste hat deshalb zwei Vorspeisen und ein Hauptgericht verspeist und war danach ordentlich gesättigt.

Hauptstadtgesättigt sind wir tags drauf wieder in die fränkische Provinz zurückgefahren. Schön war’s – wie immer. Wir kommen wieder!

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2 Kommentare zu “Bundeshauptberlin

  1. iris sagt:

    Ich kann die Bilder nicht sehen 😦
    Und mein Liebster kann Koriander auch nicht ab. Hier in Moskau gibts das einzig bezahlbare gute Fleisch im Restaurant beim Aserbaidschaner und wenn man
    da einen Dip dazubestellt – rate mal, was da mit Bestimmtheit drin ist… ;( Naja, geteilte Leid ist halbes Leid! Dafür liebe ich Faßbrause 😉

    UND 4:0 gegen Argentinien – bis jetzt 🙂 🙂 🙂

  2. axeage sagt:

    @iris
    Also ich seh‘ die Bilder. Noch irgend jemand, der keine Bilder sieht?
    Ach ja – 4:0 – Waaaaaaaahnsinnnnnnnn!!!

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