Treffen der Generationen

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26.05.2010 von axeage

Historisches Kellerhaus steht auf dem Schild an der Traditionskneipe und diese Inschrift stimmt schon deshalb, weil Hartmut, Michael und ich seit Jahren hier einkehren, wenn wir eine Seeumrundung machen. Andererseits klingt  „historisch“ schon reichlich überkantitelt und wird von der Edelstahlterrasse mit Tropenholzfußboden, die seit dem Umbau im letzten Jahr vor dem uralten Granitsteinhaus prangt, auch in gewisser Weise ad adsurdum geführt.

Egal, die alte Kneipe liegt strategisch günstig, ziemlich genau auf der Hälfte des Weges um den See, die Speisekarte ist seit dem Umbau zwar etwas zu üppig ausgefallen – früher gab’s hier Schnitzel, dreierlei Braten und den unvermeidlichen Schweinelendchentopf – aber das Bier ist seither genießbarer. Das Gebräu aus der ortsansässigen Brauerei, das es früher hier gab, kann man einfach nicht mehr trinken.
Heute ist Freund Günter mit von der Herrenpartie. Als wir die Terrasse erklimmen, Brotsuppe und Bier bestellen und die Wolken beim Ziehen beobachten, fährt eine Gruppe Motorradfahrer in den Hof. „V“ auf den Nummernschilder verrät Vogtland als Herkunft. Die Mopeds sind allesamt gefälschte Harleys, die Kleidung der Fahrer stilecht aus Leder und franzt affig unter den Armen. Die Bärte der Männer sind grau, die Haare der Frauen gefärbt.

Die Suppe schmeckt, auch das Bier. Vier Mann, vier Runden. Diesmal kein Schnaps. Aus dem Alter, uns beweisen zu müssen, dass wir zur Mittagszeit schon jeder mehrere Sechsämtertropfen vertragen, sind wir zum Glück raus. Als wir so sitzen und uns gewärtig wird, mit Ende vierzig, Anfang fünfzig jetzt doch schon zu den Älteren zu gehören, biegt der Neffe mit Fahrrad um die Ecke und setzt sich zu uns an den Tisch. Was er trinken möchte, fragt der Wirt. Nichts, antwortet der Neffe, weil er kein Geld dabei hat. Wozu er, der Herr Neffe denn einen Onkel mit prall gefüllter Geldbörse hätte, fragen Hartmut, Michael und Günter, deuten dabei auf mich und kichern. Also gut, winkt der Neffe den Wirt zurück und bestellt ein Colaweizen.

Nach dem zweiten Bier wird das Gekicher noch größer. Michaels Frau hat eine Freundin mitgebracht. Deren außergewöhnlicher Vorname Raingardis wird bierselig zu Reingarnix gewandelt und damit der Ausflug in Comicwelt unserer Jugend perfekt ist, stellen wir ihr noch den Ehemann Grautvorgarnix an die Seite. Als dann noch die Normannen Telegraf, Dompfaf, Maulaf und Ganzbaf fallen, liegen drei Endvierziger und ein Anfangfünfziger auf dem Tropenholzboden der edelstahlgestützten Kellerhausterrasse und halten sich vor Lachen die Bäuche. Der Neffe nippt am Colaweizen und versteht reingarnix, weil er Asterix nur als Zeichentrickfilm kennt. Die Motorradgruppe aus dem Vogtland schüttelt die pferdebeschwänzten Köpfe.

Dann kommt Hans die Straße vom See hoch. Bedächtig, mit Stockeinsatz schiebt er sich Meter für Meter Richtung historisches Kellerhaus. Hans ist der Lebensgefährte von Michaels Mutter und beide zusammen verbringen hier ein paar Tage in einer naheliegenden Pension, weil Michael den beiden von der herrlichen Gegend und den netten Leuten und davon erzählt hat, dass wir hier schon seit über dreißig Jahren immer zu Pfingsten am Weißenstädter See campieren. Hans ist 85 Jahre alt. Noch! Morgen hat er Geburtstag. Er will die Nacht mit uns am Campingplatz verbringen und in seinen 86. Geburtstag hineinfeiern. Bier geht auf seine Kosten hat er gesagt und uns im Vorfeld schon mal fünfzig Euro in die Hand gedrückt. Wenn ich 86 werde, hat er gesagt, soll keiner Durst leiden.

Wir winken ihn heran. Er ist ein wenig erstaunt darüber, uns hier zu treffen und setzt sich dann mit an den Tisch. Natürlich möchte er ein Bier. Es ist kurz vor Mittag und Hans war eigentlich auf dem Weg zur Pension, ein Nickerchen machen, um in der Nacht fit zu sein. Aber wenn er uns schon mal hier trifft, dann trinkt er natürlich gerne eins mit. Der Wirt grinst und liefert prompt.
Hans erzählt aus seiner Jugend. Eine fundierte und brauchbare militärische Ausbildung habe er hier in der Nähe gemacht. In Sulzbach Rosenberg. Vor gut siebzig Jahren. Über sechshundert Mann wären sie damals gewesen. Danach Abmarsch an die Front. Stalingrad. Über die Hälfte der ausgebildeten Jungspunde sei im Feld geblieben, sagt Hans, aber keinen einzigen habe man vergessen. Dabei hebt er den Zeigefinger und betont noch einmal nachdrücklich: keinen einzigen.

Dann trennen sich die Wege der Generationen. Neffe Philipp hat einen Kumpel getroffen, Hans haut sich in der Pension zwei Stündchen auf’s Ohr und wir gehen zurück zum Campingplatz.
Die Sonne sticht. Wir sitzen unter Baseballkappen und Sonnenschirmen und spielen Skat. Ich komme mit dem Westfalenspiel nicht zurecht. Zum Glück springt der Schwager öfter ein und rettet meinen Score. Das Bierfass ist schon wieder leer. Hartmut und der Neffe holen ein neues in der Kneipe des Campingplatzes. Wenn Hans 86 wird, soll keiner Durst leiden.

Die Mütter von Hartmut und Michael kommen von einem Ausflug aus Bayreuth zurück. Sie schwärmen von der Eremitage und der herrlichen Landschaft, dem wunderbaren Wetter und den günstigen Preisen. Im Ruhrgebiet sei alles viel teurer.
Auch Hans trifft ausgeruht ein, setzt sich auf einen bequemen Campingstuhl und bekommt vom frisch angestochenen Fass die erste Halbe. Diesmal stammt das Bier leider von der ortsansässigen Brauerei. Lieber schlechtes Bier, als gutes Wasser, sagt Hans und prostet uns zu. Er kennt für viele Situationen augenzwinkernde Lebensweisheiten.

Hunger macht sich breit. Die Liebste und ihr Bruder, beide begnadete Feldköche, werfen den Gastrobräter an. Am dritten Campingtag soll nicht mehr gegrillt, sondern alles übrige Grillfleisch zusammen mit Gemüse zu einem Ragout verkocht werden. Das ist Tradition und schmeckt immer ganz hervorragend. Auch in diesem Jahr.

Als die Dämmerung hereinbricht, wird die Wartezeit zu Hans‘ Geburtstag mit Musik verkürzt. Günter trommelt sich die Finger auf einem Cajon wund, ich singe und klampfe auf der Gitarre, später steigt Thomas mit einer Mundharmonika ein. Smoke on the Water, Cocaine, Proud Mary, Summertime. Hans intoniert ein Lied auf plattdeutsch. Er singt die Strophen, der gesamte Campingplatz den Refrain. Hartmuts Mama wünscht sich Country Road von John Denver.

Um Mitternacht, nach dem obligatorischen Happy Birthday, hält Hans eine kurze Dankesrede und benutzt dabei altmodische Worte. Kameradschaft zum Beispiel. Das, was er hier an Kameradschaft kennengelernt habe, sei heutzutage selten geworden, sagt er. Er habe die Kameradschaft auch kennengelernt. Vor dem Krieg, währenddessen und natürlich auch danach. Sie möge noch lange anhalten, wünscht er sich und uns. Dabei hebt er den Zeigefinger und betont noch einmal nachdrücklich: noch lange!

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7 Kommentare zu “Treffen der Generationen

  1. wildgans sagt:

    das habe ich gern gelesen jetzt. besonders den letzten abschnitt über die altmodischen worte. fallen dir noch ein paar ein, die er in der dankesrede benutzte?
    gruß von sonia

  2. axeage sagt:

    @wildgans
    Danke!
    Ehre kam auch in seiner Rede vor und ich meine auch, dass er das Wort Treue erwähnte.

  3. hardy sagt:

    …es gibt Momente die zu beschreiben sehr schwierig sind, der Sonntagabend gehört definitiv dazu. Würd es nicht so abgedroschen klingen, könnte man diesen Abend als „magisch“ bezeichnen…weil es etwas magisch schönes hatte, dass ein Mensch seinen 86. Geburtstag im Kreise von Leuten begeht, die ihm vor nicht einmal 2 Tagen noch vollkommen fremd waren; dass ein Teilmond an diesem Abend
    ein absolut warmes Licht auf die Szenerie warf; dass die Jahrzente alten Lieder eben nicht abgegriffen und verstaubt, sondern genau diesem Moment angemessen klangen…mag sein, dass auch das Wort „Gemeinschaft“ fiel. Ich für meinen Teil habe „Gemeinschaft“ empfunden, bin dankbar, dabei gewesen sein zu dürfen. Ich darf mich erst seit ca.20 Jahren als „Volksmitglied“ bezeichnen, aber es sind u.a. diese magischen Momente, warum ich immer wieder gern Pfingsten dabei bin…

  4. Neffeli sagt:

    @ Hardy
    Ich schließe mich deinen Worten an, besser hätte ich es nicht ausdrücken können auch wenn ich erst „16“ Jahre dabei bin xD
    Aber nach der Abreise am Pfingstmontag freut man sich schon immer wieder darauf, zurück zu kommen.

  5. Raingarnix sagt:

    Juhu,
    ich hatte dieses Jahr erstmalig die Gelegenheit in Weißenstadt dabei sein zu dürfen. Als Babsi (Michaels Frau) mir sagte „komm doch einfach mit“, hatte ich spontan zugesagt und so raingarnix eine Ahnung davon, was mich dort erwarten würde.
    Mit Michas tiefgelegtem Touran angesichts der Kinderschar und des Gepäcks – angefangen mit A wie Anorak bis Z wie Zelt – sind wir nach 530 km glücklich auf dem Zeltplatz eingetroffen. Die Landschaft hat mir auf Anhieb gut gefallen. Aber was mich wirklich beeindruckt hat, waren die warmherzigen und offenen Menschen, die mich sofort in ihre Gemeinschaft aufgenommen haben. Ja, es ist eine Gemeinschaft, die generationsübergreifend ist und von Respekt, Akzeptanz und Solidarität lebt.
    Nicht zuletzt hat das der 86. Geburtstag von Hans gezeigt.
    Ich habe mich sauwohl gefühlt. Dafür möchte ich euch an dieser Stelle danken. Kommendes Jahr werde ich wieder dabei sein.
    Aber Axel, mein Name hatte von Hanni noch eine weitere Variante erfahren: Kühlwalda. Bin ein bisschen enttäuscht, dass du ihn nicht in deiner schönen Geschichte erwähnt hast
    ;-).

    In diesem Sinne
    GLG
    Raingarnix
    P.S. Axel, Heidi, war schön, euch letztes WE wieder gesehen zu haben.

  6. Raingarnix sagt:

    …habe noch etwas vergessen: Den Ehemann verzeihe ich euch :-).

  7. axeage sagt:

    Liebste Raingardis,
    erstmal: schön, dass es Dir bei uns gefallen hast und schön, dass Du uns verzeihst. Unsere doofen Scherze und unser Gekicher war auch fast ausschließlich dem Seier geschuldet (so nennt man die erste Stufe des Bierrausches), den wir nach einigen Seidla (so nennt man bei uns einen halben Liter Bier) hatten.
    Übrigens die weiteren Stufen des Bierrausches sind der Zünderer, der Preller und schließlich die Granate.

    Sei’s drum, Du bist natürlich auch nächstes Jahr wieder herzlich willkommen, allerdings nur, wenn Du Deinen neuen Spitznamen „Kühlwalda“ akzeptierst. Ich fürchte, Hanni wird sich nicht davon abbringen lassen, diesen Namen fürderhin für Dich zu benutzen.

    In diesem Sinne
    GLG zurück
    P.S. Hat uns auch gefallen bei Euch. Hier ein kleiner Bericht von unserem Fronleichnamsausflug.

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