Der Missverstand

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11.05.2010 von axeage

Ich glaube, der Missverstand ist an vielem schuld. Häufig schleicht er sich völlig unbemerkt ins Zwischenmenschliche, macht sich unbeliebt und Menschen wie mich ratlos. Zumindest war das früher so.
Inzwischen weiß ich ja, dass es ihn gibt, wenngleich ich ihn nicht akzeptieren mag. Er ist und bleibt ein Störenfried, ein Garant für Unbill und schlechte Schwingungen. Der Missverstand ist konservativ, er bezieht seine Energie aus der Ignoranz, aus der Schwerhörigkeit, aus gigantisch hohen Tellerrändern.

Also zum Beispiel: Die Liebste und ich erzählen von drei Ölbildern, die klein, aber fein und gekonnt gemalt  in unserem Wohnzimmer hängen und uns zum Schwärmen bringen darüber, welch magisches Auge dafür nötig ist und welch handwerkliche Kunst dahinter steckt. Derjenige, dem wir es erzählen, meinetwegen ein Nachbar, schaut sich die  Bilder an und weiß wie aus der Pistole geschossen davon zu berichten, wie er weiland auf Mallorca – er sagt Mallorca mit zwei „L“ – bei einem Straßenmaler für insgesamt zwölf Euro drei Stilleben mit Obst, Weinkaraffe und Sonnenuntergang gekauft hat, die seither in seinem Wohnzimmer hängen. Zwölf Euro, mit Rahmen betont er, der Herr Nachbar.
Die Liebste und ich verschweigen, dass unsere drei Bilder fünfhundert Euro und die Rahmen fast noch einmal soviel gekostet haben. Deswegen haben wir nicht davon geschwärmt. Deswegen nicht.

Ja oder Blues. Wenn ich jemandem vom Blues erzähle, fällt dem natürlich sofort Gary Moore ein. Der hätte den Blues – I still got the Blues – ja, ja, ist schon recht – I still got the Blues for you –  natürlich. Der wüsste, wie depressive Baumwollpflückermentalität in Musik umgesetzt wird, der verstünde was vom Blues. Der Mann sei Blues.
Aber ich meine nicht Gary Moore, diesen Florian Silbereisen unter den Bluesmusikanten. Ich meine Seasick Steve und Henrik Freischlader, ich spreche von Patti Smith und Jason Ricci, von Joe Bonamassa und Popa Chubby. Die haben den Blues. Die leben den Blues. Die sind Blues.

Noch ein Beispiel?
Ich berichte einem Arbeitskollegen von einem gelungenen Abend in einem japanischen Restaurant. Teppanyaki heißt die Zubereitungsart, bei der vor den Augen des Gastes auf einer heißen Stahlplatte mit einer Gabel, einem Messer und einer Kelle ein Essen zubereitet wird, das nicht nur wegen hervorragender Fleisch- und Fischzutaten ganz vorzüglich schmeckt, sondern eben auch wegen der Kochkunst, die man geboten bekommt und die man natürlich auch mit bezahlen muss.
Der Arbeitskollege kennt einen Chinesen, der jeden Donnerstag Buffet anbietet. Für zehn Euro. Man kann dem Koch ein Schälchen mit Shrimps, Fisch oder Fleisch mitgeben. Mit einer Art Wäscheklammer würde man einen Zettel, auf der die Tischnummer steht, am Schälchen fest machen und der Koch würde dann frisch den Inhalt des Schälchens braten. In seiner Küche. Einen Riesenhaufen Shrimps und Fisch, beteuert der Arbeitskollege gäbe er jedes Mal dem Koch in seinem Schälchen mit dem Zettel, auf dem seine Tischnummer steht mit in seine Küche. Einen Riesenhaufen.

Nein, nein, nein, Freunde, Arbeitskollegen, Nachbarn: das meine ich nicht! Die Kosten interessieren mich nicht. Das ist kein Blues. Das sind nicht Bilder, die ich mir an die Wand hänge, ein solches Essen habe ich nicht bestellt. Ich rede nicht vom Fließband, von der Wiederholung, vom Einheitsbrei, vom Schnäppchen, vom unanständig aufgehäuften Mallorcateller, von Riesenhaufen Fleisch und Fisch und Shrimps. Ich meine das Besondere, das Einzigartige, das Erlebnis, das Erst- und Einmalige, das Nonkonformistische, das Unwiederbringliche, das Nichtreproduzierbare, die Kunst, die Leistung, die Motivation, das Dahinter. Versteht Ihr?

Natürlich nicht. Der Missverstand hat Euch am Wickel. Schrecklich!

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3 thoughts on “Der Missverstand

  1. Muriel sagt:

    Erinnert mich an einen vielfältig denkwürdigen Mallorcaurlaub nach dem 1. Semester meines Studiums. Ein Freund hatte irgendwelche Gutscheine über und bot mir und zwei anderen Freunden deshalb an, mit ihm hinzufliegen. In die Zeit dort fiel auch sein Geburtstag, zu dem er uns in das einzige brauchbare Restaurant in der Gegend einlud. Wir orderten jeder das Degustationsmenü, und es war eine Offenbarung. Ich weiß, klingt komisch im Zusammenhang mit Mallorca, aber den Vergleich mit manchem deutschen Sternekoch hätte dieses Menü nicht fürchten müssen.
    Wir waren begeistert. Also, das Geburtstagskind und ich. Die anderen beiden nölten über die kleinen Portionen und wiesen vor und nach jedem Gang darauf hin, dass man nicht so richtig satt werde.
    Sie kauften auf dem Rückweg dann jeder noch eine Currywurst an einem übelriechenden Imbissstand.
    Na gut. Über Geschmack, und so…

  2. CW sagt:

    Und was ist mit den Nazis, darf es so Leute geben?
    Das ist doch, na wie hieß das früher, unwertes Leben.
    Da fällt mir wirklich nichts mehr ein, der Brechreiz wächst ernorm,
    Und wenn er wieder nachlässt, kommt die Rechtschreibreform.
    Sind das denn echt Probleme, was soll der Streit, mein Gott?
    Die meisten schreiben sowieso Mallorca schon mit J.

    Funny van Dannen: Schon Wahnsinn

    Wieso fehlen unter:

    das Besondere, das Einzigartige, das Erlebnis, das Erst- und Einmalige, das Nonkonformistische, das Unwiederbringliche, das Nichtreproduzierbare, die Kunst, die Leistung, die Motivation, das Dahinter

    unsere Abende in Odessa? Ich sag nur: A5-Teller und Stuntbaby.

  3. axeage sagt:

    @CW:
    Also gut, Beispiel 4:
    Als ich im Golfclub erzählte, dass ich nach Odessa reisen würde, haben meine Mitspieler wie aus einem Munde gefragt: Zu den Weibern?

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