Lange Bluesnacht – Oli Brown und Henrik Freischlader bei den Rother Bluestagen

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27.03.2010 von axeage

Ich habe mich schon Monate auf diesen Abend gefreut und ich wurde nicht enttäuscht. Mit Oli Brown aus England und Henrik Freischlader aus Wuppertal waren gestern zwei Bluesmusiker in Roth am Start, die zur jungen und nachwachsenden Generation dieser Musikrichtung gehören und die genau die Art von Musik machen, wie ich sie am liebsten habe: geradliniger, elektrischer Bluesrock.

Pünktlich um 20:00 Uhr betrat ein junger Mann mit Nadelstreifenhose und Weste die Bühne, von dem man, wäre man ihm in der Fußgängerzone in Roth begegnet, oder hätte er die Tochter des Hauses zum abendlichen Ausgehen abgeholt, wirklich alles erwarten würde, nur nicht, dass er inzwischen in der Oberliga der internationalen Bluesrock-Szene mitspielt – und zwar ganz oben.
Schon mit den ersten Worten und Gesten, die Oli an das Publikum richtete, hatte er die gut besuchte Kulturfabrik im Griff. Der Kerl ist sowas von charmant, dass man gar nicht mehr wegschauen kann, selbst wenn man möchte.
Seine Begleitband setzte sich zusammen aus dem vom Mittwoch schon bekannten Blues-Caravan-Bassisten Roger Inniss und dem Schlagzeuger Simon Dring. Ein Power Trio also, das seinem Namen alle Ehre machte.

Nicht eine, sondern gleich zwei neue CDs hatte Brown mitgebracht und aus den beiden „Albums“, wie er in putzigem Angelsachsen-Deutsch dem Publikum erklärte, spielte er abwechselnd Songs, die durch die Bank hervorragend arrangiert und der Beweis dafür sind, wie abwechslungsreich und überzeugend moderner Blues heutzutage gespielt werden kann. Dazu kommt natürlich Oli Browns wunderbare Stimme, die, obwohl noch jung an Jahren klingt, wie die eines alten – fast hätte ich gesagt versoffenen – Bluesers.

Und eben weil Mr. Brown ein junger Mann und deshalb moderner Technik nicht abgeneigt ist, spielt er nicht eine abgeschrabbelte Fender Stratocaster, sondern eine exquisite Vanquish Gitarre aus allerfeinsten Materialien und hat diese auch nicht mit einem vorsintflutlichen Kabel am Verstärker hängen, sondern ist mit Funk verbunden. Das erlaubte ihm schließlich, ein Bad in der Menge zu nehmen, mehrminütig solierend und immer schön vom Suchscheinwerfer eingefangen, durch’s Publikum zu spazieren und uns, die begeisterten Zuschauer und -hörer dazu zu bringen,  uns eine Zeit lang von der Bühne abzuwenden, auf der Mr. Inniss und Mr. Dring weiterhin brav ihre Rhythmusarbeit verrichteten.

Nach einer Zugabe, in der der gute, alte Ram Jam Klassiger Black Betty bemüht wurde, den ich die gesamte Pause nicht mehr aus dem Kopf bekam, endete nach gut achtzig Minuten eine erstklassige Performance, mit einem super sympathischen und hoch talentierten Musiker, von dem man sicher noch sehr viel hören wird. Ich wünsche es ihm!

Dann, nach einer kurzen Pause, mein absoluter Favorit in Sachen Bluesrock: Henrik Freischlader und Band.
Freischlader hat seine neueste CD ganz alleine produziert, sprich sämtliche Instrumente (Schlagzeug, Bass, Gitarre und Percussion) höchstpersönlich eingespielt und sich vor Zeiten schon von seinen Mitmusikern Dirk Sengotta (Schlagzeug) und Oliver Schmellenkamp (Bass) getrennt. Umso gespannter war ich, welche Combo er diesmal mit auf Tournee nehmen würde, zumal er mit Moritz Fuhrhop zusätzlich noch einen Organisten verpflichtet hatte.
Doch, es hat sich gelohnt, die alte Hammondorgel und „Mr. Mo“ einzupacken, der Sound ist dadurch insgesamt voller geworden und Freischladers unnachahmlichem Gitarrenspiel äußerst zuträglich.
Auch die beiden anderen Bandmitglieder,  Theofilos Fotiadis am Bass und Hardy Fischötter am Schlagzeug lieferten eine gut geschmierte Groovemaschine, so dass Henrik, der Boss sich immer wieder auf’s Neue in atemberaubend Soli versteigen konnte und so mancher Song an der zeitlichen Unendlichkeitsmarke kratzte.
Ich hatte manchmal tatsächlich den Eindruck, Freischlader hatte sich in Trance gespielt und war nach mehreren Minuten erst wieder daraus erwacht.

Jedenfalls ist sein Gitarrenspiel atemberaubend gut und ich meine, es wird von Mal zu Mal besser. Abwechselnd ließ er sich von einem Gitarrenzureicher (hat auch nicht jeder) eine Gibson Les Paul, eine Fender Telecaster und seine verschrabbelte Stratocaster umhängen – immerhin gehört er mit Ende Zwanzig ja schon zu den betagteren Bluesmusikern und darf deshalb derart antiquiertes Material spielen (höhö), doch die alte Strat gab zum Schluss tatsächlich ihren Geist auf und Freischlader musste die Hendrix-Zugabe Foxy Lady auf der Gibson spielen. Welch ein Sakraleg.

Henrik Freischlader und Band

Nach geschlagenen zweieinhalb Stunden (!) erklang in der altehrwürdigen Kulturfabrik zu Roth der Schlussakkord und der Mann, der über die Wupper ging, um uns in der fränkischen Provinz die Bluestöne nahe zu bringen, verbeugte sich vor einem Publikum, das aufgrund der Länge des Konzerts schon reichlich ausgedünnt war.

Natürlich habe ich mir seine neueste CD gekauft und natürlich habe ich sie auf der Heimfahrt bei voller Lautstärke im Auto angehört und natürlich gefällt sie mir ganz hervorragend. Egal, wann und wie oft dieser Mann in unsere Gegend kommt, ich werde ihn mir anschauen. Weiter so, Herr Freischlader und vielen Dank für diese großartige, lange Bluesnacht!

8 thoughts on “Lange Bluesnacht – Oli Brown und Henrik Freischlader bei den Rother Bluestagen

  1. Muriel sagt:

    Ob das wohl was für mich wäre… Ich habe einfach eine zu flüchtige Beziehung zur Musik.
    Und nebenbei zu lesen oder zu schreiben, würde wahrscheinlich als unhöflich empfunden.

  2. axeage sagt:

    @Muriel
    Na vielleicht immer noch besser, als sich während der leisen Parts laut zu unterhalten, so wie das bei vielen Konzertbesuchern leider immer häufiger üblich wird. Ich könnte solche Idioten umbrin….
    Nein, ich sag’s nicht!

  3. wils sagt:

    Henrik Freischlader und Oli Brown. Die Kombi hätte ich auch gerne gesehen. Bei uns in Konstanz war Freischlader am Donnerstag allerdings ohne Oli Brown, hat aber das gleiche fantastische Bild wie bei euch in Roth abgegeben. Unglaublich was der Mann mit 28 auf der Gitarre drauf hat. Und das bringt er wohl Tag für Tag auf seiner Tour mit einem entspannten Lächeln im Gesicht.
    In Konstanz ist mit Blues übrigens nicht viel los. Wir mutieren hier immer mehr zur Partymeile und sind froh wenn abundzu mal was in diese Richtung stattfindet. Deshalb blicke ich mit etwas Neid nach Roth 😉
    Viele Grüße nach Franken und im speziellen nach Nürnberg, wo ich in den 80ern mal 2 Jahre gewohnt habe.

  4. axeage sagt:

    @wils
    Vielen Dank für Deinen Kommentar. Dein Bericht über den Gig in Konstanz hat mir auch sehr gut gefallen.
    Viele Grüße zurück an den Bodensee.

  5. wildgans sagt:

    wow- da hätt ich supergern mitgeschwoft oder gegroovt oder wie man das nennt:-)

  6. axeage sagt:

    @wildgans
    Doch, ich bin sicher, die Gigs hätten Dir sehr gut gefallen.

  7. Sehr schöner Bericht!
    Ich hatte das große Vergnügen, sowohl Hendrik Freischlader als auch Oli Brown schon einige Male live bewundern zu können, allerdings noch nicht zusammen in einem Konzert.
    Besonders gern erinnere ich mich an einen einige Jahre zurückliegenden Gig, bei dem Hendrik mitten im Wuppertal in einem engen Keller, der früher mal ein zwielichtiges Etablissement war, das Publikum dermaßen zum grooven und rocken brachte, so dass es fast kein Halten mehr gab.
    Keep on Bluesin`- keep on Rockin`!!
    Gruß von Rosie, die öfter hier hereinschauen wird

  8. axeage sagt:

    @wholelottarosie
    So einen „Engenkellerclubgig“ habe ich mit Henrik auch schon erlebt. Hier nachzulesen.

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