Ende einer Dienstfahrt

13

10.02.2010 von axeage

Carpe Diem, dachte ich bei mir, als ich abends nach einstündigem Regionalbahn-Geschaukel und zweistündiger ICE-Raserei endlich in der S-Bahn saß und mein Tagebuch auspackte, um die Ereignisse des Tages zu notieren. In der Sitzbank über dem Gang saß eine Frau, die etwas verstört um sich blickte und schließlich eine andere Frau daraufhin ansprach, dass sie den Kerl, der da andauernd durch den Zug hastete, ziemlich angsteinflößend finde.
Tatsächlich lief mehrmals hintereinander ein finster dreinblickender, junger Mann – Kapuze auf’m Kopf, Trenchcoat am Leib, Migration im Hintergrund – von Abteil zu Abteil und schien insgesamt reichlich nervös und hibbelig zu sein. Er setzte sich mal hier, mal da hin und sprang immer wieder auf, um dann wieder wie besessen durch die Abteile zu hasten.

Als der Zug anfuhr und der nervöse Araber sich genau hinter mich gesetzt hatte, standen die beiden Frauen auf und wechselten das Abteil. Ich schloss meinen Tagesbericht mit den Worten: Finstere Gestalt im Zug – Mädels hatten Angst und sind geflüchtet. Dann packte ich das Tagebuch ein und beobachtete den Kerl möglichst unauffällig mit Hilfe der Fensterspiegelung, während das Abteil von Station zu Station leerer wurde, bis ich schließlich allein mit ihm war.

Ich gebe zu, mich beschlich ein reichlich mulmiges Gefühl und ich malte mir bereits aus, wie dann, nachdem mir der Kerl mit einem Tapetenmesser die Kehle durchgeschnitten oder seinen mit zwanzig Kilogramm Sprengstoff gefüllten Gürtel gezündet hatte, den er unter seinem Mantel trug, die ermittelnden Bundeskriminalbeamten mein Tagebuch finden, in dem als letzter Eintrag steht: Finstere Gestalt im Zug – Mädels hatten Angst und sind geflüchtet.

Der Zug näherte sich seinem Ziel, die  mechanische Stimme der Ansagerin wies darauf hin, dass hier die Endstation sei und alle Fahrgäste gefälligst auszusteigen hätten. Ich stand auf. Der Typ blieb sitzen. Als ich zum P+R Parkplatz lief, drehte ich mich noch mehrmals um und als ich im Auto saß, verriegelte ich sämtliche Türen.

Zu Hause erzählte ich der Liebsten die Geschichte im Tenor Gerade noch mal davon gekommen, als sie lapidar antwortete:
Blähungen – der Kerl hatte wahrscheinlich Blähungen und da ist Herumlaufen oft das Beste, was man tun kann.
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Weiterführende LINKS zum Thema: Axel fährt mit der Deutschen Bundesbahn:

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13 Kommentare zu “Ende einer Dienstfahrt

  1. Sehr, sehr witzig, mein Lieber! Danke, danke, danke.

    Ich empfehle den beiden ängstlichen Mädels mal einen Abstecher nach Berlin. Momentan – also seit einem Jahr und noch bis 2011 oder 2013, so genau weiß das niemand, nicht mal der Berlinator Wowereit -, momentan ist es ungemein schwierig, den Platz in einer Hauptstadt-S-Bahn zu wechseln. Da nur die Hälfte der Züge im Einsatz ist, müssten die Damen mit dem Blähroristen wohl sogar kuscheln.

    Ich bin auf Bus umgestiegen. Hat auch den Vorteil, dass man dort weder angeschnorrt noch bestraßenmusikantet wird. Ich spare gerade eine Menge Geld.

  2. axeage sagt:

    Danke, danke, danke, mein Lieber!

    „Kuscheln mit dem Blähroristen“ – ein schöner Titel für einen Hauptstadtroman – was meinst Du?

  3. So einen Hauptstadtroman könnte ich mir auch gut vorstellen, allerdings würde ich mich dann ein bisschen aus Deinem Blog bedienen. Machen ja andere ooch, wa?

  4. axeage sagt:

    Ich bin aber nur damit einverstanden, wenn Du die Quelle nicht nennst, Guido Grigat Dir dann auf die Schliche kommt und sich das Ganze zu einem ordentlichen Skandal auswächst – ha!

  5. iris sagt:

    „Kapuze auf’m Kopf, Trenchcout am Leib, Migration im Hintergrund “ – geniale Beschreibung!!!

  6. axeage sagt:

    @iris
    Vielen Dank, daran habe ich auch lange gefeilt.

  7. Westrup sagt:

    Was zum Düwel ist ein „Trenchcout“? Bogarts Schultornister? Ich muß sagen, ich verstehe diesen Beitrag nicht. Ist er lustig gedacht? Ich empfinde ihn eher als leicht fremdenfeindlich. Oder weniger leicht? Der Mann war vielleicht wirklich krank. Diesmal keine gute Note.

  8. axeage sagt:

    @Westrup
    Ein Trenchcoat ist ein Mantel, tatsächlich so, wie ihn Humphrey Bogart einst getragen hat.

    Und nö, Westrup, verlang‘ nicht, dass ich Dir diesen Beitrag jetzt erkläre. Wenn Du nicht in der Lage bist, ein wenig zwischen den Zeilen zu lesen, dann tut’s mir leid.

  9. Westrup sagt:

    Entschuldigung, noch ein Flüchtigkeitsfehler: „sämtlich Türen“?

    Blogger müssen IMMER das letzte Wort haben. Schrecklich.

  10. axeage sagt:

    @Westrup
    Wie Blogger? Hast Du etwa auch ein Blog?
    Wenn Nein, bist Du bestenfalls Kommentator.

    Übrigens: Fehler behoben!

  11. iris sagt:

    @Westrup,
    wie können Sie etwas benoten, was Sie nicht verstehen?

  12. Westrup sagt:

    @iris

    Ich mach’s einfach wie die Lehrer.

    Es ging der dicke Trendscout
    in seinem neuen Trenchcoat
    und sachte sich: ‚It’s cold out.
    I better take a slow boat.‘

  13. Guido sagt:

    Ich würde Euch übrigens nie auf die Schliche kommen!

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