Klassentreffen

8

02.12.2009 von axeage

Die Digitalkamera mit ausgestrecktem Arm von oben herab ausgelöst, bringt es an den Tag: Hubschrauberlandeplätze und Tonsuren, die von Jahr zu Jahr größer und tellerrunder werden auf den Hinterköpfen der Endvierziger und Mitfünfziger. Das Haupthaar der Endvierzigerinnen und Mitfünfzigerinnen ist gefärbt, die Figuren dem Alter angemessen, an einigen Stellen zu rund, an anderen zu wenig rund. War ja auch keine Modelschule oder ein Institut für Dressmen. Ganz langweilig, Fachoberschule, Wirtschaftszweig, Jahrgang 1979.
Die meisten haben danach Betriebswirtschaft studiert.

Im vorweihnachtlich geschmückten Gastraum eines Traditionsgasthauses fallen dreißig Jahre nicht besonders ins Gewicht. Dreißig Jahre – das Gebäude stammt aus dem vorvorigen Jahrhundert. An den Wänden hängen alte Musikinstrumente und Fotografien mit Menschen, die längst gestorben sind.

Gestorben ist aus unserem Jahrgang noch niemand. Eine Mitschülerin hatte ein paar Jahre nach der Schule einen schweren Unfall. Sie wollte auf einen bereits angefahrenen Zug aufspringen und ist abgerutscht. Beide Beine wurden abgetrennt. Als wir an diesem Abend über die Midlifecrisis reden, sagt sie lapidar, dass sie ihre Crisis schon sehr bald durchlebt und alle damit verbundenen Widrigkeiten abgelegt hat.

Lehrer sind auch da. Die üblichen Verdächtigen, diejenigen, denen schon zu Schulzeiten das Menschliche näher war, als die Schulnote. Behutsam führen sie das Wort, wohl wissend, dass es kaum schlimmeres gibt als Schweigen, wenn man sich nach so langer Zeit wieder einmal trifft. Auch Fotos aus alten Tagen, am Vorabend im obligatorischen Schuhkarton gefunden, halten die Kommunikation aufrecht. Vergleiche anstellen – damals, heute – und sich dankbar bestätigen, eine sorglose Jugend verlebt zu haben, im Gegensatz zu den meisten unserer Eltern.
Der Vater des Klassensprechers und mein Vater sind der gleiche Jahrgang. Wir tauschen uns über sie aus. Beide waren lange in Kriegsgefangenschaft. Burschen mit 17 Jahren, so alt wie wir, als wir vor dreißig Jahren die Schulbank drücken und gute Noten schreiben durften.

Ein altes Foto zeigt einen Lehrer, mich und zwei weitere Schüler. Der Lehrer hat seine Kalenderbüchlein dabei und stellt die Note sehr gut in Rechnungswesen bei mir und den beiden anderen fest. Er deutet auf das Foto und weiß plötzlich, warum es gemacht wurde. Ich, zwischen meinen Strebern, sagt er grinsend und schlägt mir auf den Rücken.

Um 15:00 Uhr hatte der Klassensprecher das Treffen angesetzt. Um 18:00 Uhr dachte ich, haben wir uns nichts mehr zu sagen. Aber selbst um Mitternacht gibt’s noch genügend Gesprächsstoff, gerne auch Krankheiten und Gebrechen: die schwindende Sehkraft, das generalüberholte Gebiss, das Ächzen der Gelenke. Und während alldem natürlich der Werdegang, die Kinder, die Karriere, zum Glück ohne propagandistische Brustschweller wie Mein Haus, Mein Auto, Meine Yacht.

Dann ist es doch irgendwann Mitternacht. Einer bricht auf und alle anderen schließen sich an. Es ist alles gesagt und das meiste erinnert.
Vor zwanzig Jahren wären alle zusammen noch um die Häuser gezogen, vor zehn Jahren zumindest die meisten, heute keiner mehr. Der fünfte Weltwirtschaftsgipfel in Tokyo, die Wahl von Margaret Thatcher zur ersten Premierministerin Großbritanniens, die Flucht zweier Familien in einem selbstgebastelten Heißluftballon aus der DDR, der bisher schwerste Störfall in der Geschichte der Kernenergie in Harrisburg/Pennsylvania, die Gründung der politischen Vereinigung Die Grünen und die Note Eins in Rechnungswesen kommen zurück in den Schuhkarton der Geschichte.

Als ich mein Auto aus der Tiefgarage eines Einkaufszentrums holen will, ist diese bereits abgesperrt. Ich fluche auf die Provinz und gehe zu Fuß zur Wohnung der Nichte, die hier studiert und bei der ich übernachte. Die Wohnung liegt am anderen Ende der Stadt.
Beim nächsten Klassentreffen in fünf Jahren werde ich im Parkverbot am Straßenrand parken. Der Strafzettel ist sicher günstiger, als die Parkhausgebühren, die bis morgen auflaufen.

Advertisements

8 Kommentare zu “Klassentreffen

  1. Westrup sagt:

    Entweder ist dieser Beitrag furchtbar deprimierend oder ich bin heute eh schon schlecht drauf. Denn irgendwie habe ich das Gefühl, Maggie Thatcher regiert immer noch.

  2. axeage sagt:

    Keine Angst, Maggie regiert nicht mehr.
    Angie ist jetzt dran. Aber das macht die Sache auch nicht einfacher.

  3. iris sagt:

    @Westrup,
    wieso deprimierend? Ich finde er war für Axels sonstige Schreibe vielleicht etwas weniger emotional. Irgendwie als wäre er nicht mittendrin, sondern nur dabei gewesen. Weiß auch nicht, warum mir das so scheint.Könnte nichts Konkretes nennen. Ist einfach ein Gefühl. Mal sehen, was Axel dazu meint.

  4. Westrup sagt:

    Ich weiß nicht, vielleicht war es die Aufzählung gegen Ende. Erst wächst man, meist, sorglos als Kind von den Malaisen der Welt auf. Dann möchte man alles verändern und verbessern, engagiert sich. Dann, middle-age, denkt man, es wird eh alles immer schlimmer. Und dann vielleicht überkommt einen der vage Verdacht, es bleibt sich alles gleich. Tausend dröhnende Nachrichten… na, wie schon bei Hamlet. Gut, das ist bestimmt auch eine Generationenfrage. Wer den Weltkrieg miterlebt hat wird es anders sehen. Und kommt am Ende die abgeklärte, buddhistisch-lächelnde Altersweisheit?

    Oder es ist einfach Anfang Dezember.

  5. Diez izt ein litterarizzer Texzt. Man darfff da keine Mazzzztääbe anlegen, wie bei einem gewöööhnlichen Tagembuch. Der Texzt wirkt zwizzen den Zseilen, wenn Zie verrrzteh’n, waz ich meine.

  6. axeage sagt:

    Ich schließe mich den Ausführungen meines Vorredners an!

  7. Westrup sagt:

    Ich glaub beim Herrn Ranicki ist ne Taste verklemmt.

  8. iris sagt:

    @Westrup, wär schön, wenn es nur ne Taste wäre 😉

Kommentar verfassen ...

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s

Kategorien

Archive

Dezember 2009
M D M D F S S
« Nov   Jan »
 123456
78910111213
14151617181920
21222324252627
28293031