Zwischen den Eiszeiten

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06.10.2009 von axeage

Irgendwie verschlägt es mich seit Neuestem ein mal im Jahr ins Chiemgau. Letztes Jahr anlässlich des Geburtstags eines guten Freundes, dieses Jahr, genauer gesagt am vergangenen Wochenende, Firmenausflug auf den Wendelstein und an den Chiemsee.
Auf dem Plan stand unter anderem eine Erlebnisbootsfahrt, von der ich zunächst dachte, wir würden uns nach langer Hüttennacht auf einem gediegenen Ausflugsdampfer auf ein Nickerchen in die Sonne fläzen und danach ein gepflegtes Bierchen schlürfen.
Als aber dann eine Barkasse anlegte, die mit einem Ausflugsdampfer so viel zu tun hatte, wie unser Wohnzimmer mit der Luxus-Suite des Hotels Adlon und ich darüber hinaus noch vernehmen musste, dass die Bootsfahrt auf dem schönen Chiemsee rund drei Stunden dauern würde und es außer Seewasser nichts zu trinken gäbe, wurde ich etwas skeptisch und habe kurz darüber nachgedacht, den Nachmittag stattdessen auf einem der am Ufer aufgestellten Liegestühle zu verbringen.

Ich bin aber dann doch mit auf’s Schiff und muss zugeben, ich habe es nicht bereut. Im Gegenteil, es war eine hochinformative und trotz dreistündiger Dauer eine äußerst kurzweilige Expedition, die mich vor allem deshalb beeindruckt hat, weil größere Zusammenhänge in der Natur am Beispiel des Ökosystems eines Sees deutlich wurden, die mir so noch nie jemand nahe gebracht hat.

Am augenscheinlichsten werden die Dimensionen, die Ökosysteme im allgemeinen und die eines Sees im besonderen bieten, wenn man ein paar Zahlen nennt. Um beispielsweise ein Kilogramm Fisch zu erzeugen, braucht man zehn Kilogramm tierisches Plankton, für gewöhnlich sind das Wasserflöhe und Konsorten und die wiederum benötigen einhundert Kilogramm pflanzliches Plankton, also Algen.
Nun werden im Chiemsee pro Jahr ca. 7.000 Kilogramm Fisch gefangen, was bedeutet, dass im See ca. 70 Tonnen Wasserflöhe und 700 Tonnen Algen herumtümpeln. Und damit der biologisch wenig gebildete Tourist, wie auch ich einer bin, sich in etwa vorstellen kann, welch wahnsinnige Dimensionen ein gemeiner Wasserfloh hat, haben wir mit speziellen Planktonnetzen ein paar hundert Tiere gefangen, die alle zusammen in einem Wassertropfen Platz fanden und sie unter dem Mikroskop betrachtet. Es reifte die Erkenntnis, dass da schon ein paar Milliarden Tierchen zusammenkommen müssen, um zum Schluss 70 Tonnen auf die Waage zu bringen.

Volkszählung bei den Wasserflöhen

Volkszählung bei den Wasserflöhen

Aus diesen Grundinformationen kann man sich dann auch sehr gut vorstellen, was geschieht, wenn zu wenig Algen oder, wie schon geschehen, zu viel Algen im See sind. Vor Jahrzehnten entstand aufgrund zu vieler Kläranlagen, die rund um den See von den verschiedenen Gemeinden gebaut worden waren, eine Algenpest. Es wurde zwar geklärtes, aber immer noch mit zu vielen Nährstoffen angereichertes Wasser in den Chiemsee geleitet, was zu ungebremstem Algenwachstum führte. Daraufhin hat man sich entschlossen, die erste Ringkläranlage der Welt zu bauen und noch heute bekommen die Betreiber dieser Anlage Besuch aus aller Herren Länder, wenn es darum geht, bedrohte Gewässer mit derartigen Klärsystemen zu erhalten, beziehungsweise zu schützen.

Außerdem haben wir aus verschiedenen Tiefen Wasserproben entnommen und deren unterschiedliche Temperaturen gefühlt und gemessen. Wir ließen eine kleine Baggerschaufel auf den Grund des Sees hinab, die Schlick und Sedimente aus fast vierzig Metern Tiefe nach oben beförderte, wir erforschten die Blicktiefe und die Farbe des Sees und bekamen historische Informationen darüber, wie der Chiemsee und andere Seen in der Gegend, die es teilweise gar nicht mehr gibt, entstanden sind.

Schlick und Sedimente vom Chiemseegrund

Schlick und Sedimente vom Chiemseegrund

Die eindrucksvollste Erkenntnis in diesem Zusammenhang war, dass der Chiemsee Überbleibsel eines riesigen Gletschers aus der letzten Eiszeit ist, die gerade einmal 12.000 Jahre zurückliegt und uns die nächste Eiszeit in knapp 10.000 Jahren schon wieder bevorsteht. Warum es diese Eiszeiten gibt, ist relativ unbekannt. Man vermutet, dass sie aufgrund einer Verschiebung oder Unwucht der Erdrotationsachse entstehen.
Jedenfalls kommt man sich sowohl bei den zeitlichen, als auch bei den geologischen Dimensionen, die in solchen Informationen stecken, nicht unbedingt wie die Krönung der Schöpfung vor, sondern eher wie ein Wasserfloh und auch die Diskussion um die drohende Erderwärmung bekommt bei dem Gedanken, dass sich Europa in ein paar tausend Jahren wieder in einen Kühlschrank verwandeln wird, eine andere Qualität.

Abschließend kann ich nur jedem raten, der einmal an den Chiemsee kommt, eine solche Tour mitzumachen. Sie sorgt für so manches Aha-Erlebnis und lässt ein paar Zusammenhänge erkennen, von denen man zwar vage Vorstellungen hatte, die aber durch den Praxisbezug, die hervorragenden Instruktionen des Expeditionsleiters und nicht zuletzt durch die herrliche Landschaft nachhaltig wirken.
Mehr Informationen dazu gibt es hier.

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14 Kommentare zu “Zwischen den Eiszeiten

  1. iris sagt:

    Toll, dass es solche Touren gibt und schön, dass du dich nicht für den Liegestuhl entschieden hast! Wie seid ihr denn drauf gekommen, solch eine Tour zu buchen? Habt ihr vorher davon gehört oder machen die Werbung am See?

  2. axeage sagt:

    @iris
    Die ursprüngliche Absicht war, einen Jodeldiplomkurs zu buchen – ja, das gibt’s nicht nur bei Loriot.
    Über einen Portal-Link sind wir dann auf die Erlebnisbootsfahrt gestoßen.

  3. Westrup sagt:

    È la pulce d’acqua che l’ombra ti rubò
    E tu ora sei malato
    E la mosca d’autunno che hai schiacciato
    Non ti perdonerà

    Sull’acqua del ruscello forse tu troppo ti sei chinato
    Tu chiami la tua ombra, ma lei non ritornerà

    È la pulce d’acqua che l’ombra ti rubò
    E tu ora sei malato
    E la serpe verde che hai schiacciato
    Non ti perdonerà

    E allora devi a lungo cantare per farti perdonare
    E la pulce d’acqua che lo sa l’ombra ti renderà

    Es ist der Wasserfloh, der dir den Schatten geraubt hat
    Und nun bist du krank
    Und die Mücke des Herbstes, welche du zerquetscht hast,
    wird dir nicht verzeihen.

  4. Hallo an alle,
    vielen Dank Axel für die tolle Erzählung der Erlebnisbootfahrt.
    Für alle die es interessiert: http://www.chiemsee.de/de/der-natur-auf-der-spur-1

    Auf der Chiemsee.de Seite kann man diese Naturtouren ansehen und buchen. Es gibt auch noch mehr!
    Liebe Grüße
    Gaby vom Chiemsee

  5. axeage sagt:

    @Westrup
    Lange nicht gehört, den guten alten Angelo!

  6. axeage sagt:

    @Gaby Augsbach
    Ich habe den LINK meiner Nichte weitergeleitet. Die studiert Biologie in Bayreuth und ich bin relativ sicher, dass sie demnächst einmal bei Euch auftaucht.

  7. Im Artikel steht, daß „vermutet…wird, daß die Eiszeiten… aufgrund einer Verschiebung oder Unwucht der Erdrotationsachse entstehen“ könnten. Solche Unwuchten könnten z.B. auftreten, wenn sich alle beim Firmenausflug anwesenden Schwergewichte gleichzeitig am Äquator aufhalten würden. Die Forschung ist in dieser Sache allerdings noch nicht zu einem abschließenden Urteil gelangt.

  8. Jürgen sagt:

    Vielen Dank, für diese Artikel,
    auch in Namen aller Chiemsee – Naturführer und allen an der Tour (Ausarbeitung und Planung) beteiligten.
    Es war mir eine Freund sie führern zu dürfen.
    Es freut mich, dass (obwohl es kein Bier gab) die Tour soviel Spaß gemacht hat.

    Vielen Dank,
    H.-J.Pohl

    Ps. der Ringkanal war der zweite dieser Art… 🙂

  9. axeage sagt:

    @Eiszeitforscher
    Schließe ich daraus, dass der nächste Firmenausflug zum Äquator geht und ProkuWitz, Jakob und ich nicht mit dürfen?

  10. axeage sagt:

    @Jürgen
    Gerne geschehen.
    Bei Ihren Ausführungen zum Ringkanal habe ich wahrscheinlich zu sehr ans fehlende Bier gedacht.

  11. Hallo, AxeAge,
    vielen Dank für den ausführlichen Bericht! Noch eine kleinliche Anmerkung von mir als Gästeführer am Chiemsee: Der Chiemgau ist männlich – nicht das Chiemgau. Und es werden jährlich 70 Tonnen Fisch von den 17 Berufsfischern am Chiemsee gefangen, das sind 70.000kg. Für den nächsten Besuch am Chiemsee: nicht vergessen, einige dieser Fischlein zu verspeisen, z.B. Brachsenfilet auf Frühlingszwiebelsahnesauce mit Petersilienkartoffeln….

  12. axeage sagt:

    @Konrad Hollerieth
    Der Chiemgau (mitunter und entgegen der regionalen Diktion laut Duden auch das Chiemgau) ist eine historisch-kulturelle Landschaft in Südost-Oberbayern.

    Also: 70 Tonnen Fisch, 700 Tonnen Wasserflöhe, 7000 Tonnen Algen – stimmt’s?
    700 Tonnen Wasserflöhe kann ich mir noch weniger vor’s geistige Auge führen, als 70 Tonnen 😉

  13. iris sagt:

    @axeage,
    „700 Tonnen Wasserflöhe kann ich mir noch weniger vor’s geistige Auge führen, als 70 Tonnen “ tröste dich, die sind ja nicht alle zur selben Zeit da 😉

  14. axeage sagt:

    @iris
    Zur selben, oder zur gleichen Zeit?

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