Tante Barbara und ihr Frisör

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27.06.2009 von axeage

Nein, den Eisvogel habe ich nicht gelesen und nachdem, was ich über dieses Buch so alles gehört habe, werde ich es höchstwahrscheinlich auch nicht tun. Mein erster Tellkamp ist der Quelle-Katalog Der Turm.

Ein dickes, aber feines Buch, das die Verhältnisse in der DDR aus Sicht der Upper Class beschreibt, unter anderem mit einem Stilmittel, auf das Tellkamp bisher weitgehend verzichtet haben soll: mit Humor.
Julia Encke von der FAZ schreibt:
Aus dem völlig überladenen Anfang schält sich allmählich der eigentliche Roman heraus. Gegen alle Widerstände gerät man in den Sog einer anderen Zeit, folgt gebannt den wie abgelauscht wirkenden Gesellschaftsdialogen, die an manchen Stellen sogar komisch sind, was man von Tellkamp bisher nicht gerade kannte.

Außerdem ist Frau Encke, wie ich meine, zurecht der Ansicht: Die wörtliche Rede ist Tellkamps Stärke.

Zur Veranschaulichung beider Thesen hier ein kleiner Auszug aus dem Roman:
Tante Barbara beschreibt dem im Krankenbett liegenden Neffen Christian ihren Frisör Lajos Wiener und dessen Eigenheiten:

„Wiener ist ein alter Scharmör und auch ein bißchen eukalyptisch, ich meine: Dieses Toupet sollte er sich doch nicht antun, noch dazu, wo es so schwarz ist wie Lakritze – und er doch bestimmt gut seine fünfzig auf dem Buckel hat. Dazu das Haarnetz. Ich meine: ein Mann. Und dazu Friseur. Mit Haarnetz und Heiduckenschnurrbart! Bei seinen Preisen … Und dann geht er ja auch so beträufelt“, Barbara war aufgestanden und ahmte den Gang des Coiffeurs Lajos Wiener nach, „die Hände erhoben, als ob er drauf watscheln müsste, und dann wiegt er sich in den Hüften wie ein Sportsfreund und säuselt: Meine Gnädige, beehren Sie uns bald wieder! Bei der Warteliste, mein Gott! So ein Lumich! Dann zwinkert er einem so blümerant mit der Backe zu, man hat das Gefühl, dass eine Zigeuenerkapelle im Hintergrund lauert und gleich diese Dinger auf das Dings klöppeln lässt … Na diese Hämmerchen, die aussehen wie Löffel aus der Milchbar, und diese … Zither. Ja. Diese mit Draht bespannten Bretter, mit denen sie dich … hungarisieren!“

Uwe Tellkamp – Der Turm

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