Springen Sie über Ihren Schatten und schützen Sie Ihre Dame

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23.06.2009 von axeage

Mein Vater spielt sehr gerne Schach. Immer, wenn wir zusammenkommen, fragt er, ob wir spielen wollen. Meistens lehne ich ab, weil ich keine Zeit habe, weil ich die notwendige Geduld nicht aufbringe, weil ich sowieso immer verliere.
Am vergangenen Wochenende haben wir Mutter im Krankenhaus besucht. Es geht ihr nicht gut. Sie wurde zum x-ten Mal an der Hüfte operiert, verträgt Schmerzmittel schlecht und weil sie Diabetikerin ist, sind die Heilungsprozesse bei ihr wesentlich verlangsamt, die Blutzuckerwerte spielen verrückt, es ist ein Trauerspiel.

Als ich Vater zu Hause absetze, springe ich über meinen Schatten und frage, ob wir ein Schach spielen wollen. Er ist sichtlich verblüfft, fragt nach, ob ich das wirklich ernst meine. Ja, ich hätte durchaus mal wieder Lust, sage ich und gehe mit ihm die zwei Stockwerke hoch in die Vierzimmerwohnung, die meine Eltern seit über dreißig Jahren bewohnen.
Ich schlage vor, dass wir uns auf den Balkon setzen. Nach dem Regen am Mittag ist der Himmel aufgerissen und weil Vater oft friert, ist er gerne damit einverstanden und freut sich, als die Sonne seinen Rücken wärmt.

Die Balkone und Kleingärten ringsherum sind gut bevölkert. Die Geräuschkulisse ist geprägt von sonntäglichem Spätnachmittags-Gemurmel. Vater holt ein Bier, das wir uns teilen. Das Gesprächsthema auf der Terrasse im Erdgeschoss ist der drohende Zerfall der Formel 1.

Das Schachspiel, das mein Vater auf dem kleinen Balkontisch aufstellt, ist legendär. Es stammt aus der Zeit, als er noch als Pförtner in einem Krankenhaus gearbeitet und sich damit so manche Nachtschicht mit einem Arzt um die Ohren gehauen hat, der damals ein ziemlich bekannter Schachgroßmeister war.

Gardez

Ich eröffne die Partie reichlich schwungvoll, baue eine von Vater mehrfach gelobte Bauernblockade auf, vermeide Springer am Rand und presche, wie ich das gerne mache – was ich allerdings ein paar Spielzüge später meist bitter bereue – mit der Dame nach vorne. Vater baut kontinuierlich und hochkonzentriert seinen Angriff in der von mir aus gesehen linken unteren Ecke auf und gerade, als er zum entscheidenden Schlag ansetzen will, entdecke ich in der von mir aus gesehen rechten oberen Ecke eine Möglichkeit, meinen Vater mit Schachgebot und ziemlich intensiver Truppenverschiebung ordentlich zu ärgern.

Er gibt zu, die Gefahr dort oben rechts gar nicht rechtschaffen erkannt zu haben und ich gehe aus der ganzen Aktion stolz mit einem Bauern im Plus heraus. Doch mein Ende ist nicht aufgehoben, sondern lediglich aufgeschoben. Die viel zu weit und viel zu schnell vorgerückte Dame entpuppt sich mal wieder als mein Genickbruch. Vater zwingt mich, mit ihr hin- und herzuziehen, bis ich mich in eine gleichzeitige Schach-, Gardez-Situation manövriert habe.

Gardez bedeutet Schützen Sie ihre Dame„, sagt Vater mit einem verschmitzten Lächeln und nimmt die Dame vom Brett. Ein paar Züge später bin ich matt.

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