Beruf: Sänger

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21.06.2009 von axeage

Eine Kleinfamilie mit einem zweijährigen Sohn in Hildesheim, Ende der fünfziger Jahre des letzten Jahrhunderts. Die Frau ist mit dem zweiten Kind schwanger. Weil es ihr morgens immer ziemlich schlecht geht und sie auch nicht sehr gut schlafen kann, nimmt sie täglich ein Mittel ein, das ihr der Hausarzt empfohlen hat und das in jener Zeit zu den Standard-Beruhigungsmitteln für Schwangere gehört. Das Mittel wirkt, die Frau schläft durch, morgens ist ihr nicht mehr übel, sie kann ohne große Probleme ihrer Hausarbeit nachgehen und sich um den Zweijährigen kümmern. Sie und ihr Mann freuen sich auf die baldige Geburt.

Am 9. November 1959 ist es soweit. Ein zweiter Sohn kommt zur Welt. Er hat keine Arme. Aus dem Körper sprießen dort, wo normalerweise die Schultern sind, so etwas ähnliches wie Hände. Außerdem ist die Hüfte total verdreht. Das Mittel, das die Mutter genommen hatte, heißt Contergan. Das Kind, das keine Arme und verkrüppelte Beine hat, heißt Thomas.

Heute, fast fünfzig Jahre später, ist Thomas Quasthoff Professor für Musik an der Hochschule Hanns-Eisler in Berlin und einer der ungewöhnlichsten Sänger der Gegenwart. Die CD-Veröffentlichungen des Bariton werden regelmäßig von der internationalen Fachpresse ausgezeichnet, und er hat mehrere hoch angesehene Preise gewonnen.

Am Wochenende wurde im Fernsehen eine Dokumentation über Thomas Quasthoff in der Reihe Deutschland, deine Künstler ausgestrahlt. Ein großartiges Filmportrait, das hinter dem Künstler, der allenthalben Die Stimme genannt wird, den Mensch Thomas Quasthoff zeigt. Ein Mensch, der sich selbst mit den Worten beschreibt: „1,31 Meter groß, kurze Arme, sieben Finger – vier rechts, drei links –, großer, relativ wohlgeformter Kopf, braune Augen, ausgeprägte Lippen; Beruf: Sänger“ und damit seine hervorragendsten Charaktereigenschaften selbst benennt: seinen Humor, seine durchaus kritische Selbsteinschätzung, seine Bescheidenheit. Und all diejenigen, die in dem Filmbericht zu Wort kommen – seine Frau Claudia, sein Bruder Michael, sein Freund Sir Simon Rattle – bestätigen diese Eigenschaften auf’s Nachdrücklichste.

Und dabei ist Quasthoff alles andere, als ein handzahmer Mensch, der froh darüber ist, dass er trotz seiner Behinderung ein erfolgreicher und ernstzunehmender Künstler geworden ist. Seinen Gesangsschülern gegenüber tritt er als gestrenger Lehrer auf, weil er die Meinung vertritt, er wäre ein schlechter Lehrer, wenn er für seine Schüler eine Oase der Glückseligkeit schaffe und sie nicht ahnen, was nach der Hochschule auf sie zukommt. Dabei schneidet er die grimmigsten Grimassen, wenn der Liedtext Forsches und Gewaltiges zu singen verlangt und verjüngt den Mund zum lieblichsten Kussmund, wenn es um Liebe und Herzschmerz geht.

Eine meiner Lieblingsszenen, die zeigt, aus welchem Holz Quasthoff geschnitzt ist, ist ungefähr in der Mitte des Films zu sehen, als nach einem Konzert in Salzburg das fach- und ortskundige Publikum den Weg in Quasthoffs Garderobe findet, um sich dort Autogramme abzuholen.
Eine Dame geruht zu bemerken:
Sie haben mich zu Tränen gerührt.
Quasthoff antwortet, wie aus der Pistole geschossen:
Oh, das tut mir leid.

Zwei lesenswerte Rezensionen seiner Autobiografien Die Stimme bzw. Der Bariton gibt es hier und hier.

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