Schreibtisch aufräumen

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21.05.2009 von axeage

Weil sich hoher Besuch aus Berlin angesagt hatte – meine Cousine hat uns mit Mann und Söhnen auf dem Lande besucht – habe ich heute morgen meinen Schreibtisch aufgeräumt. Dabei ist ein seit längerem vermisstes Zeit-Magazin mit Begleitfilm aufgetaucht, das ich 2007 am Bahnhofskiosk gekauft habe. Es trägt den Titel 1967 – Das Jahr der Revolte.
Auf dem Cover ist der vom Polizisten Karl-Heinz Kurras angeschossene und später an diesen Schussverletzungen verstorbene Student Benno Ohnesorg abgebildet.

Stasi-Opfer Benno Ohnesorg?

Stasi-Opfer Ohnesorg?

Wie es der Zufall will, hat sich heute herausgestellt, dass der Todesschütze Karl-Heinz Kurras Stasi-Mitarbeiter und SED-Mitglied war. Nein, nein, ein Auftragsmord der Stasi soll es auf keinen Fall gewesen sein. Waffennarr und Superspitzel Kurras hat höchstwahrscheinlich nur überreagiert, oder etwas falsch verstanden. Ja, und bedrängt hat er sich natürlich gefühlt, im schlecht beleuchteten Berliner Hinterhof, vom unbewaffneten Ohnesorg.

Ich gebe zu, es hat mich schon immer ordentlich gewürgt, wenn ich das Bild von diesem armen Würstchen Ohnesorg gesehen habe, wie er so daliegt, in seinem eigenen Blut, nur weil er zum berühmten falschen Zeitpunkt am falschen Ort war. Seit heute würgt es mich nicht mehr nur. Seit heute könnte ich kotzen.

4 thoughts on “Schreibtisch aufräumen

  1. Westrup sagt:

    Seltsame Befindlichkeit. Was willst Du uns mit dieser befremdlichen Wortwahl sagen? „Armes Würstchen“. Ich finde es viel schrecklicher als das unangemessene Betrauern eines Menschen, den man nicht gekannt hat, ihn als „armes Würstchen“ zu titulieren und somit nochmals nachzutreten. Ist Kurras nicht eher das arme Würstchen. Ich denke ferner, ob er nun von einem Stasi-Spitzel oder Springer-Spiesser (die beiden sind sich eh nicht fern, nicht fern) ermordert wurde, ist Ohnesorg sicherlich vollkommen sans souci.

  2. axeage sagt:

    @Westrup
    Weder trauere ich, noch trete ich nach. Wut ist der Ausdruck, der meiner Empfindung wohl am ehesten entspricht.
    Das „Arme Würstchen“ bezieht sich nicht auf die Person Ohnesorg, sondern ausschließlich auf den beschriebenen Umstand, zum falschen Zeitpunkt am falschen Ort gewesen zu sein.
    Außerdem finde ich, ist es überhaupt nicht egal, ob Ohnesorg von einem Stasi-Spitzel, der ein solcher Waffennarr war, dass er im Monat bis zu 400 Mark für Munition ausgegeben hat, oder einem [ACHTUNG ÄNDERUNG] von der Springer-Presse aufgewiegelten bundesdeutschen Polizisten [ACHTUNG ÄNDERUNG BEENDET] erschossen wurde.

  3. Westrup sagt:

    Ihm ist es egal. Dir ist es nicht egal, weil Du Dir Dein Süppchen daraus kochen willst.

  4. axeage sagt:

    Süppchen kochen mit einem armen Würstchen.
    Mein Süppchen war/ist das sicher nicht!

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