Liebes Tagebuch

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06.05.2009 von axeage

In diesem Jahr schreibe ich mein zehntes Tagebuch. Es gibt seit dem 1. Januar 2000 keinen einzigen Tag, den ich nicht mehr oder weniger ausgiebig beschrieben hätte. Viele Banalitäten stehen da drin, was es zu essen gab, wie das Wetter war, wann ich aufgestanden bin, was ich gelesen habe, aber auch, wohin ich unterwegs war, wen ich getroffen habe, was ich von der einen oder anderen Person halte und natürlich auch einiges aus der privatesten Privatsphäre, will heißen, absolut Unveröffentlichungswürdiges.

Tagebücher seit 2000

Tagebücher seit 2000

Wenn man so will, ist das Weblog hier auch eine Art Tagebuch, aber erstens gibt es nicht jeden Tag einen Eintrag und zweitens sind hier eher herausgehobene Ereignisse dokumentiert, die einen irgendwie öffentlichen Unterhaltungswert haben, wenn ich das mal so ausdrücken darf.

Neulich habe ich mir überlegt, wem ich meine Tagebücher einmal anvertraue, bevor ich endgültig von dieser Welt abtrete, oder, noch spannender, wem sie einmal in die Hände fallen werden, weil ich plötzlich und unerwartet aus dem Leben geschieden bin, oder, noch spannender, was wohl geschehen würde, würde ich eines Tages in den Besitz solcher Aufzeichnungen einer mir fremden, oder noch spannender, einer mir bekannten Person gelangen.

Um die erste Frage zu beantworten: Ich habe keine Ahnung. Eigentlich sind diese Tagebücher nur für mich bestimmt und tatsächlich kommt es vor, dass ich an manchem Sonntag auf dem Bettrand sitze, mir eins der Bücher schnappe, die allesamt neben meinem Bett stehen und darin lese. Und dieses Lesen hat nichts zu tun mit dem Lesen, wie ich es normalerweise tue. Es ist gewissermaßen ein Eintauchen in die eigene Vergangenheit, aber eben nicht wie in ein Buch, das ich schon einmal gelesen habe, sondern wie ins Leben, das ich schon einmal gelebt habe und dazu gehört nicht nur der Inhalt, sondern beispielsweise auch die Entwicklung der eigenen Handschrift oder des Schreibstils oder die jährlich wechselnde Farbe des Bucheinbands oder der Vergilbtheitsgrad der Blätter.

Andererseits wäre es natürlich schon interessant zu wissen, was ein anderer von solchen Aufzeichnungen hält.
Würde ich Tagebücher einer anderen Person zu lesen bekommen, ich würde höchstwahrscheinlich Urlaub nehmen, weil ich immerzu darin lesen würde, rund um die Uhr, tagelang, wochenlang, bis ich alle Bücher durch hätte. Und nach der Lektüre hätte ich die Gewissheit, von Dingen zu wissen, die außer mir nur noch dem Tagebuchschreiber bekannt sind – eine Vorstellung, die mich total elektrisiert.

Warum ich gerade jetzt auf dieses Thema komme, liegt an einem Weblog, das ich seit ein paar Monaten verfolge und in dem es seit Anfang Mai eine Art Tagebuch gibt, das sich ganz hervorragend liest.
Melancholie Modeste – bitteschön, hier entlang.

3 thoughts on “Liebes Tagebuch

  1. ich sagt:

    Ja ja, und da heißt es immer Männer sind nicht neugierig! Und hier würde sich gleich einer Urlaub nehmen um die Geheimnisse eines anderen zu erfahren. Tztztztztz

  2. axeage sagt:

    @ich
    Um mal mit einem der hartnäckigsten Vorurteile dieser Zeit aufzuräumen: es gibt nichts Neugierigeres als Männer!

  3. […] Frage stellte sich auch Axe Age in seiem Blog Neulich habe ich mir überlegt, wem ich meine Tagebücher einmal anvertraue, bevor […]

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