Totengräber der Marktwirtschaft

18

30.03.2009 von axeage

Vor vielen Jahren, also in einem ganz, ganz anderen Leben, habe ich einmal Betriebswirtschaft studiert und dieses Studium auch tatsächlich mit Diplom abgeschlossen. Eines der Fächer, mit denen ich so überhaupt nichts anfangen konnte, war – neben Betriebswirtschaft – Volkswirtschaft. Für mich bestanden diese Fächer im mehr als bemühten Versuch, komplexe Zusammenhänge in der Mikro- und Makro-Ökonomie mit Formeln und kruden Modellen zu erklären, die sich beim besten Willen nicht durch Formeln oder Modelle herleiten, geschweige denn erklären lassen.

Um die Studierenden noch zusätzlich zu ärgern, wurden ihnen als Prüfungsvoraussetzung Referate zu einem bestimmten Thema abverlangt und um die Kommunikation innerhalb eines Semesters zu fördern, ein Thema auf jeweils zwei Studenten aufgeteilt.
Ich erinnere mich, dass das Thema „Preisfindung in der Marktwirtschaft“ weiland von Klaus, unserem Primus mit Udo einem Zweimeter-Riesen, der nebenbei Grabreden hielt und später ein Bestattungsinstitut eröffnete, gemeinsam erarbeitet wurde.

Klaus hielt seinen Teil des Referats erwartungsgemäß sachlich und sprachlich einwandfrei, ohne große Showeinlagen, sprich die Hälfte der Anwesenden im Hörsaal ist eingeschlafen. Der zweite Teil, also der des Grabredners Udo, wurde ob der angeschlagenen Gesundheit unseres in die Jahre gekommenen Professors mehrmals verschoben und als Udo nach dreimaliger Terminverschiebung endlich seinen Teil zum Thema „Preisfindung in der Marktwirtschaft“ beitragen durfte, hatte er nichts besseres zu tun, als diesen mit den Worten einzuleiten:
„Was lange währt, wird endlich gut.“
Darüber hinaus hatte er sich, im Gegensatz zu allen anderen, die bisher ihr Referat, so, wie es sich gehörte, im Stehen gehalten hatten, auf einem Stuhl hinter dem heiligen Professorentisch niedergelassen und seine sagenumwobenen, einleitenden Worte mit äußerst süffisantem Lächeln und selbstgefälligem Gestus vorgetragen.
Als er dann auch noch anhand einer grafischen Darstellung sinngemäß von sich gab, die Preisvorstellung der Anbieter und diejenige der Konsumenten nähert sich immer mehr an und das alles geht dann so lange im Kreis herum, bis der Marktpreis gefunden worden sei, war das Maß voll.

Der sonst eher zurückhaltende und ruhige Professor wurde puterrot im Gesicht, schrie, wie wir es vorher und nachher nicht mehr von ihm gehört hatten, dass es ja wohl eine Unverschämtheit sei, was sich dieser Herr da vorne erlauben würde, forderte ihn auf, sich unverzüglich von seinem Sitzplatz, der ihm in keiner Weise zustünde, zu erheben und sein Referat in der nächsten Stunde besser vorbereitet und gefälligst im Stehen, so wie alle anderen vor und nach ihm, zu halten. Daraufhin verließ Herr Professor Tür schlagend den Hörsaal und begab sich erneut drei Wochen in den Krankenstand.

Das Thema meines Referats lautete „Das Haavelmo Theorem“. Ich hatte es zusammen mit einer Kommilitonin vorzubereiten, in die ich mich schwerst verliebt hatte, die aber leider schon vergeben war. Weil mir dieser Umstand schmerzlich bewusst wurde, habe ich mich intensiv in die Arbeit gestürzt und dem Autitorium in einem Referat, wie ich selten eins in meinem Leben gehalten habe, mitgeteilt, dass von einer Erhöhung der Staatsausgaben, die voll über zusätzliche Steuern finanziert wird, eine Erhöhung des Gleichgewichtseinkommens ausgeht, die mindestens so groß ist, wie die Erhöhung der Staatsausgaben bzw. der zu ihrer Finanzierung notwendigen Steuererhöhung. Mit anderen Worten, der Staat kann das gesamtwirtschaftliche Einkommen erhöhen, indem er mehr Steuern erhebt und diese Einnahmen sofort wieder vollständig ausgibt.
So sehr unser alter Herr Professor Udo damals abgekanzelt hat, so sehr hat er mich nach meinem Referat gelobt.
Man habe gemerkt, sagte er, dass das Thema nicht nur er- sondern verarbeitet wurde. Diese Worte klingen heute noch äußerst wohltuend in meinen Ohren.

Wer allerdings jetzt glaubt, mit besagtem Theorem die Probleme der derzeit vorherrschenden Finanzkrise erklären, gar bewältigen zu können, dem sei mitgeteilt, dass sich das Theorem auf den Gütermarkt einer stark vereinfachten Volkswirtschaft bezieht und der Geldmarkt im Modell überhaupt nicht berücksichtigt wird.

Udo hat seinen Teil des Referats übrigens nie mehr gehalten. Er hat sich von jenem Tage an seinem bereits damals im Aufbau befindlichen Bestattungsinstitut gewidmet und das Studium irgendwann abgebrochen.

Den Marktpreis für seine Dienstleistung hat Udo mit dem Totschlagsargument gestorben wird immer auch ohne theoretische Herleitung gefunden und die Familie des Herrn Professors hat nach dessen Ableben die Organisation des Begräbnisses in die Hände von Udos Bestattungsinstitut gelegt. Udo hat natürlich kein Wort über die Schmach des verpatzten Referats verloren. Dafür war er zu pietätvoll und zu sehr Profi.
Marktwirtschaftsprofi, versteht sich.

Dieser Artikel erschien am 1. April 2009 auch bei
kolumnen.de

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18 Kommentare zu “Totengräber der Marktwirtschaft

  1. Mir hat gestern ein junger Student aus Deutschland gesagt, so zehn Vorlesungsstunden Volkswirtschaft täten mir auch ganz gut, um die großen Zusammenhänge zu verstehen.

    Ist doch Quatsch, oder?

    Den Weg zum Reichtum hat er mir auch gewiesen: „Haben kommt von Halten.“

  2. axeage sagt:

    @Christoph
    Frag‘ ihn mal, ob er mit „Halten“ vielleicht „Maul halten“ gemeint hat. Wenn ja, soll er das in Zukunft tun.
    Volkswirtschaft ist nicht Quatsch, sondern großer Quatsch, wie wir seit einigen Monaten wissen.

  3. Ich schicke ihn hier gleich mal vorbei. Dann knöpfen wir ihn uns beide vor. Allein traue ich mich nicht.

  4. axeage sagt:

    @Christoph
    Warte noch kurz.
    Ich muss mir noch ein weißes Hemd und eine Krawatte anziehen. Business-Kasper erwarten so etwas und nehmen einen sonst nicht ernst.

  5. Eigentlich ist er ein feiner, sehr kluger Kerl. Wir drehen ihn also gleich um? Wenn er hier nicht als Marxist rausgeht, hör ich auf zu bloggen.

  6. iris sagt:

    Wahrscheinlich hat der Professor dazu beigetragen, dass er sein Studium abgebrochen hat und mit dem Bestattungsinstitut ernst gemacht hat. Warum soll er ihm also etwas nachtragen, wenn er ihm doch geholfen hat 😉
    Und was die VWL betrifft, seid doch mal ein bißchen gnädig – diese Theorien braucht man, damit tausende von „Wissenschaftlern“ eine Beschäftigung haben. Witzig ist doch nur, dass man sich auf keine wirklich einigen kann. Aber ich will jetzt darüber keine Diskussion auslösen-wirklich nicht! Knöpft euch den Business-Kasper vor und gebt ihm noch ne Kopfnuß von mir !

  7. axeage sagt:

    Oh, Iris,
    welch Glanz in meiner bescheidenen Bloghütte.
    Erstmal Herzlich willkommen!
    Ein Gläschen Sekt oder was alkoholfreies?
    Ich schließe gerade mal die Bürotür. Allerdings klappert die etwas. Moment, ich klemme ein Handtuch rein.

    So, jetzt.
    Nein, dem Business-Kasper krümmen wir kein Haar. Christoph sagt ja, dass er ganz in Ordnung ist.
    Mit „Totengräber der Marktwirtschaft“ meine ich übrigens mitnichten den guten Udo, sondern noch am ehesten so theoretische Heinis, wie diesen Haavelmo.
    Ein Norweger, das sagt ja eigentlich schon alles. Hätte nur noch gefehlt, dass er aus der Ukraine kommt.
    Nein, ich finde, das sind die wahren Totengräber. Spinnen sich da ein Modell zurecht, das hinten und vorne jeglicher Grundlage entbehrt und die armen Studenten müssen über diesen Mist auch noch referieren.

  8. @Axel: Hat Iris Dir wenigstens was mitgebracht aus der Ukraine: Zigaretten, Wodka, Kaviar?

  9. axeage sagt:

    @Christoph
    Nein. Meinst Du, ich sollte sie beim nächsten Besuch einmal darauf ansprechen?
    Ach lieber nicht. Ich rauche nicht mehr, trinke lieber Bier und esse am liebsten fränkische Bratwürste. Was will ich da mit Z-W-K?

  10. Doctor Robert sagt:

    Lieber Axel,

    sehr schöner Text. Eigentlich möchte ich nur ganz kurz meinen tiefen Respekt bekunden, dass du dein BWL-Studium abgeschlossen hast.
    Ich habe in jugendlicher Leichtsinnigkeit einmal BWL im Nebenfach studiert. Ja, ich wusste damals bereits, dass es unsinnig ist und mich nicht sonderlich interessierte, brauchte aber ein zweites Nebenfach für mein Magisterstudium. Nach vier Semestern mit mäßigem Erfolg in den Untiefen von Rechnungswesen („Buche Bank an Konto???“), Produktplanung, Marketing und dem ganzen Kram kam ich zur Erkenntnis, niemals diesem Bereich arbeiten zu wollen. Das war dann das Ende meines Magisterstudiums. Du siehst, ich hatte nicht deine Nervenstärke.

    Was mich noch interessieren würde: Waren die Wirtschaftsstudenten „damals“ auch schon so seltsam wie bei mir? Ich sage es offen: Proleten?

  11. iris sagt:

    Also, Nürnberger Bratwürstchen gibt es in Kiew auch, ob sie echt sind oder nicht, weiß ich nicht, jedenfalls schmecken sie ziemlich echt. Was das Bier betrifft, für „Kleingeld“ bekommt man auch original deutsches. Aber sowas biete ich eigentlich nur Ukrainern an, denn für sie ist das noch originell 😉
    Danke also für das herzliche Willkommen, auch wenn ich mit leeren Händen kam. Viel entscheidender ist doch, dass es der Kopf nicht auch ist, oder ?!
    Was das Handtuch betrifft, freu ich mich, dass du es wenigstens spaßig findest. Ich kann nicht mehr drüber lachen, es nervt nur noch.

  12. axeage sagt:

    @Doctor Robert
    Mensch, wer sich heute alles auf meinem Blog herumtreibt. Tach, Herr Doctor. Vielen Dank für die Frühlingsblümchen.
    Um gleich Deine Frage zu beantworten:
    Wirtschaftswissenschaften sind schon irgendwie ein Sammeltopf für Gestrandete und solche, die nicht so genau wissen, was sie eigentlich wollen. War bei mir nicht anders. Insofern kann es schon sein, dass es mehr seltsame Menschen, als in anderen Studienzweigen gibt.

  13. Sag mal, Axel, heute Kaffeeklatsch bei Dir? Haste ’nen neues Sofa? Was, tapeziert, die gute Stube, sach bloß? Oder wird heute Abend angegrillt?

    Was Z-W-K betrifft: Es gibt für so etwas immer Abnehmer. Und so ein Sonnabendmorgen mit Frühstücksei und rotem Kaviar – das ist Lebensfreude!

  14. axeage sagt:

    @Iris
    Wenn Du wieder mal in die Gegend kommst: ein Schächtelchen Edelfischostereier wäre nicht schlecht – Christoph hat mich überzeugt.

  15. Doctor Robert sagt:

    Axel, „Gestrandete und solche, die nicht so genau wissen, was sie eigentlich wollen“ beschreibt es schon ganz gut. Trifft bzw. traf auch auf mich zu.
    Und Udo hat sich schließlich auch umorientiert. Hat er zufällig auch noch eine eigene Schreinerei? Das mag jetzt makaber klingen, aber ich hab gehört, dass es diese Kombination durchaus gibt.

  16. iris sagt:

    @axeage,
    erst ist Christoph mit nem Kaffee dran – tut mir leid, mußt dich anstellen 😉

  17. axeage sagt:

    @Doctor Robert
    Ich habe leider nur noch wenig Kontakt zu meinen ehemaligen Kommilitonen. Udo ist schon lange aus meinem Blickfeld verschwunden, immerhin ist das Ganze schon über 25 Jahre her – mein Gott, so alt bin ich schon, stell‘ Dir vor!

    Bestattungsunternehmen ist ein ganz eigenwilliges Gewerbe, finde ich. In meiner Blogroll habe ich das Bestatterweblog. Schau Dir das mal an. Das ist äußerst spannend, manchmal traurig, immer aber auch faszinierend und manchmal auch wahnisinnig witzig. Ich lese sehr gerne dort.

  18. Doctor Robert sagt:

    Danke für den Tipp. Das Bestatterweblog ist sehr interessant. Der Text mit dem Pizzadienst (an den kann ich mich gerade erinnern) war auch sehr lustig. Allerdings werde ich dort wohl eher nicht zum regelmäßigen Besucher, da mir deren Output einfach zu hoch ist. So viele Texte/Hinweise pro Tag…puh, das erschöpft.

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