Der Sohn meines Vaters

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30.01.2009 von axeage

Mein alter Herr. In letzter Zeit denke ich oft an ihn. Öfter als früher, viel öfter. Er ist inzwischen sehr alt und doch kommt er mir hellwach vor. Er weiß, es kann jetzt alles sehr schnell gehen und er will vorbereitet sein. Darauf, wenn es ihm plötzlich schlecht geht, oder meiner Mutter, die sich partout nicht mit ihrer neuen Hüfte anfreunden will und auf den Rollator und die Krücken und die Rückenschmerzen schimpft. Ja oder wenn sie vielleicht sogar vor ihm stirbt, obwohl sie sechs Jahre jünger ist. Alles kann geschehen in der nächsten Zeit. Mein Vater liegt auf der Lauer. Er ist gewappnet.

Seit dem ich mir solche Gedanken mache, bewundere ich ihn. Jetzt erst sehe ich, wie wohl er alles organisiert, wie er sich, sein Leben und die Zeit strukturiert, wie die Zeit, die eigentlich sein Feind sein müsste, zu seinem Freund geworden ist, wie gut er Bescheid weiß über das Leben, wie bescheiden er dabei ist und wieviel Respekt er vor allem hat.
Allerdings sind jene Bescheidenheit und jener Respekt wahrscheinlich auch der Grund dafür, dass mein Vater und ich nie richtig zueinander gefunden haben. Als ich gestern spazieren ging, ist mir dieser Umstand an einer ganz banalen Begebenheit, die ich gedanklich noch etwas weiter gesponnen habe, klar geworden:
Ich habe ein gebrauchtes Papiertaschentuch in eine Papiertonne geworfen, die noch am Bürgersteig stand, nachdem die Müllabfuhr gerade durch war. Ich malte mir aus, was geschehen würde, käme in diesem Augenblick der Besitzer der Tonne und würde lauthals fordern, das Papiertaschentuch sofort wieder aus dieser, seiner Tonne zu entfernen. Ich würde ihn einen verdammten Spießer rauf und runter heißen, mir heimlich einen Spaß daraus machen, mich ordentlich mit ihm zu zoffen, dann mit gestrecktem Mittelfinger einfach meiner Wege gehen, und ihn mit meinem Papiertaschentuch in seiner Tonne einfach stehen lassen.
Einmal abgesehen davon, dass es meinem Vater niemals in den Sinn käme, etwas in eine fremde Papiertonne zu werfen, hätte er sich, wenn er es doch getan hätte (sei es aus Unachtsamkeit oder aus einem plötzlichen subversiven Anfall heraus), höchstwahrscheinlich bei dem Mann entschuldigt und das Taschentuch selbstverständlich aus der Tonne genommen.
Wie gesagt, mein Vater hätte es gar nicht so weit kommen lassen. Aber wenn doch, würde er alles wieder gut gemacht haben. Sofort, auf der Stelle, bedingungslos und ohne zu zögern.

In diesem Kontext hat mein Vater sein Leben eingerichtet. Immer korrekt, immer unauffällig, immer darauf bedacht, sich dem Unausweichlichen, der Obrigkeit, dem vermeintlich Stärkeren, der Macht zu fügen. Die Macht kann dabei ein Amt sein, oder die Krankenkasse, oder ein Nachbar oder ein Papiertonnenbesitzer, der auf das Recht seiner Papiertonne auf Unversehrtheit vor Fremdbenutzung pocht.

Ich täte meinem Vater natürlich unrecht, würde ich seine Lebenseinstellung auf diesen Umstand reduzieren, aber wenn ich mir die Reibungs- und Streitpunkte der letzten Zeit ins Gedächtnis rufe, lief es fast immer auf solche Konflikte hinaus: Vater hatte schon längst aufgegeben, während ich gerade mal warmgelaufen war.

Ich liebe zum Beispiel Telefonate mit Behörden, bei denen ich den Satz sagen kann. Liebe Frau Müller, ich habe keine Lust mehr, mich mit Ihnen zu streiten. Sagen Sie mir, wie Ihr Vorgesetzter heißt und verbinden Sie mich mit ihm. Das wirkt fast immer. Die störrischsten Beamten, die widerlichsten Call-Center-Agents, die hartnäckigsten Versicherungsfritzen werden plötzlich handzahm. Forderungen die bis zu diesem Satz als absolut chancenlos abgetan wurden, werden plötzlich und unerwartet auf Kulanzbasis verhandel- und einlösbar.
Wenn ich meinem Vater stolz von solchen Erfolgen berichte, wiegelt er ab und sagt: Naja, so wichtig war die Sache nun auch wieder nicht.

Mein Vater hat andere Hobbies. Er spielt zum Beispiel gerne Schach. Ich nicht.

8 thoughts on “Der Sohn meines Vaters

  1. Ach Axel, ich warte darauf, dass sich der Mann meldet, dessen Mülltonne Du mit Deiner Rotzfahne vergiftet hast. Das wird bitter für Dich, ich sag nur: der angekündigte Mittelfinger (vgl. Beleidigung im Blog).

    Als Mülltonnenbesitzer hätte ich Dir übrigens auch die Ohren langgezogen. „Hör’Se mal, wo käm wa denn da hin, wenn das alle machen würd’n?“

    Wese (Ex-Schachspieler)

    Wollte eigentlich sagen: Gefällt mir, der Text. Zeigst Du ihn Deinem alten Herrn?

  2. axeage sagt:

    Ach Christoph, diesen Text zeige ich meinem alten Herrn schon über dreißig Jahre auf die eine oder andere Weise. Aufgeschrieben habe ich ihn erst jetzt.
    Jemandem etwas zu sagen und es dann schwarz auf weiß zu lesen, sind zwei verschiedene Paar Stiefel.
    Nein, ich glaube, lesen werde ich ihn den Text nicht lassen, außer er schafft sich morgen einen PC und DSL an – dann schicke ich ihm den LINK.

  3. Hardy sagt:

    Ein sehr schöner Text…erinnert mich an ein Gespräch mit meinem alten Herrn selig,ein paar Wochen vor seinem Tod im Jahr 1999..wir haben über alles und nichts gesprochen und als medizinisch Vorgebildeter wußte ich, dass er wußte, dass es nicht mehr lang angehen würde…egal…schick Deinem Vater nicht diesen Text sondern mach ein,zwei,fünf oder hundert Spaziergänge mit IHM und rede mit ihm über dies und das,über achtlos entsorgte Taschentücher in gerad geleerte Mülltonnen,über Schach,das Leben…was weiß ich-nur mach es einfach!!Der Satz klingt blöd aber irgendwann ist es nun mal zu spät-mag net irgendwann im blog über „leider nicht geführte Gespräche mit meinem alten Herrn“oder so lesen…denke Du verstehst mich!

    …leider ist uns der Satz mit dem Vorgesetzten nicht beim Kauf einer Kiste Bier „ab Werk“bei der von mir hochgeschätzten Wolfshöher Brauerei kurz vorm
    Jahreswechsel `99/2000 eingefallen…erinnerst Du Dich?? Das war ja einfach…

  4. axeage sagt:

    Lieber Hardy,
    natürlich erinnere ich mich. Die Rechnung dieser „letzten Kiste Bier des 20. Jahrhunderts“ hing bis vor kurzem noch an unserem Küchenschrank.

    Übrigens, danke für den Tipp. Ich werde versuchen, ihn zu beherzigen.

  5. irgendlink sagt:

    Ich habe kürzlich meinem Provider 20 Euro überwiesen, obwohl sie ihm nicht zustehen. Die Sache hätte man vielleicht gerichtlich klären lassen können. Es war eine Zwickmühle: hätte ich nicht überwiesen, hätte er den Server abgeschaltet und ich hätte ihn auf Schadenersatz verklagen können.
    Dann hätte ich aber die Geschichte für lange Zeit, vielleicht über ein Jahr in mir herum getragen.
    Mit dem Geld habe ich mir Ruhe erkauft.
    Vielleicht ist die Ruhe im Kopf ein Motiv für defensives Handeln?

  6. irgendlink sagt:

    Nachtrag: der Provider ist so klein, dass man es direkt mit dem Chef zu tun hat.

  7. axeage sagt:

    @irgendlink
    „Ruhe im Kopf“ ist sicher ein Motiv für devensives Handeln. Auch ein ehrenwertes und nachvollziehbares. Aber nicht meins. Versteh‘ mich nicht falsch. Ich bin bestimmt kein Streithansel und es kommt immer auf die Situation an. Im Falle des Providers, der so klein ist, dass man direkt mit dem Chef spricht, hätte ich den 20 EURO auch nicht nachgeweint, wahrscheinlich nicht einmal 50 EURO. Aber es gibt auch Situationen, vor allem gegenüber Behörden oder selbsternannten Obrigkeiten, da könnte ich nicht mehr schlafen, würde ich denen nachgegeben haben.
    Und gerade bei einer Generation, wie der meines Vaters muss die Frage erlaubt sein, ob sie nicht etwas zu leichtfertig gegenüber der Obrigkeit gehandelt (bzw. nicht gehandelt) hat.
    O.K. mein Vater war viel zu jung, um irgend etwas hätte ausrichten zu können und das Mülltonnenbeispiel ist in dem Zusammenhang bestimmt etwas weit hergeholt. Aber es zeigt im Kern, um was es mir geht.
    Ruhe im Kopf ist absolut notwendig, gesundheitsfördernd und in vielen Fällen richtig und gut. Aber einen Lebensentwurf würde ich daraus nicht ableiten wollen – ebenso wenig natürlich aus dem Gegenteil, nämlich alles und jedes in Frage zu stellen und um jeden Preis zu opponieren.

  8. Brenrhad sagt:

    Für mich gibts heute 2 Sichtweisen auf den(meinen) Vater: Vor seinem Tod und nach seinem Tod.

    Vorher: „Ich bin wichtig! Lass mich MEIN Leben leben!“

    Nachher: „Was ist nun eigentlich wirklich wichtig?“

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