Jump! You Fuckers!

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22.01.2009 von axeage

Eigentlich hätte ich springen müssen, aber unser Haus ist nicht sehr hoch. Aus dem ersten Stock hätte ich mir allerhöchstens das Bein gebrochen. Ein Sprung vom Dachboden hätte zwar meinem Leben ein Ende bereitet, weil ich aber aufgrund meiner Leibesfülle nicht durch die Dachluke passe, war dies keine wirkliche Option.
Auch vor den Zug werfen kam für mich nie in Frage, zerstört man doch damit nicht nur das eigene, sondern unter Umständen auch noch das Leben des Zugführers. Nein, meine Schuld, mich in der Zeit, als die New-Economy-Blase kurz vorm Platzen war, verspekuliert zu haben, diese Schuld muss ungesühnt bleiben. Der allenthalben zu vernehmenden Forderung Jump! You Fuckers! konnte und wollte ich nicht nachkommen, zumal sogar die Liebste davon Abstand genommen hatte, derartiges von mir zu vorlangen, obwohl ein Teil des verspekulierten Geldes das ihre war.
Außerdem handelte es sich damals ja sowieso nur um Spielgeld, also um Geld, das man mal eben so übrig hatte. In dieser Zeit verfügte man als Angehöriger der IT-Branche wirklich über genug Knete. Dazu Geschäftswagen, Handy (war damals noch ein Statussymbol), Firmenkreditkarte, vier Mal in der Woche essen gehen, Afterwork-Parties. Ehrlich, ich wäre niemals auf die Idee gekommen, auf Pump Aktien zu kaufen. Niemals, ich schwöre.

Und wie wunderbar hatte alles begonnen. Manfred Krug machte im Fernsehen Werbung für die Telekom-Volksaktie und suggerierte, dass jeder, dessen Depot nicht zumindest teilweise pink eingefärbt war, entweder finanztechnisch keinerlei Durchblick schob, oder geistig minderbemittelt war. Der Ur-Urenkel des Firmengründers meiner Hausbank (man muss dazu wissen, dass ich als gebürtiger Franke mein Girokonto damals bei der inzwischen pleite gegangenen Schmidtbank hatte, das war ein Naturgesetz), dieser Ur-Urenkel, ein gewisser Karl Matthäus Schmidt, baute gerade Consors, den größten Online-Broker auf und versetzte uns Börsenlaien damit in die Lage, weltweit Handel mit Aktien, Options- und Genussscheinen zu betreiben, rund um die Uhr und überall, sogar beim Kochen oder beim Scheißen. Internet sei dank.

Und neben all den Finanzexperten, auf deren Rat man damals gehört hat, von denen man in jener Zeit aber noch nicht wusste, dass man Dümmeres selbst in einem Zoo nicht finden würde, gab es einen, der den Niedergang des Neuen Marktes quasi minutiös voraussagte und eine Internetseite betrieb, deren Adress-Schriftzug sogar das T-Shirt meines damaligen Chefs zierte: http://www.dotcomtod.com.

Ja und jetzt, da kein Hahn mehr nach Aktien, geschweige denn nach dem Neuen Markt kräht, jetzt ist dieser Mensch einer der sogenannten Alphablogger: Don Alphonso mit seinem Blog Rebellen ohne Markt – denn sie wissen nicht, was sie tun sollen.
Zugegeben, er ist in der Blogger-Szene umstritten, in gewissen Kreisen sogar verhasst. Er ist so etwas wie eine bloggende Bulldogge, ein Wüterich an der Tastatur. Ein fürchterlicher Kerl, ein Arsch, hinterfotzig, ekelhaft, sagen die, über die er einmal oder mehrfach seinen Kübel verbaler Boshaftigkeiten ausgekippt hat und das sind nicht wenige. Gaudischreiber schimpft er sie und damit er, der große Don Alphonso sich überhaupt mit ihnen befasst, müssen sie schon einen gewissen Bekanntheitsgrad haben. Also nicht so, wie unsereins – Gamma-, Deltablogger oder noch weiter unten in der Nahrungskette von Web 2.0.

So wurde ich als Ypsilon-Blogger bisher von Don Alphonso verschont, muss allerdings gestehen, mich im Kommentarbereich seines Bloggs ein wenig, nun, wie soll ich mich ausdrücken, ein wenig an ihn herangeschmissen zu haben. Das hat in Bloggerkreisen meiner Kategorie zu einem gewissen Unmut geführt, auch oder gerade weil Don seit neuestem für die FAZ bloggt, einer Zeitung, mit der er vor kurzem noch im Clinch lag und er darüber hinaus ein vermeintlicher Gegner davon ist, sich fürs Bloggen bezahlen zu lassen. Hinterbloggersdorf forderte meinen Kopf.
Aber was soll ich machen. Ich wohne immer noch im gleichen Haus. Ein neues konnte ich mir nach den genannten Fehlspekulationen einfach nicht leisten. Der erste Stock reicht noch immer nicht für den Freitod und die Dachluke ist nicht breiter geworden, wohl aber Axel Scherm. Ja und vor den Zug werfen sich nur die, die sich wirklich verspekuliert haben.

Ach, was gäbe ich drum, würde das Wort des Jahres 2008 nicht Finanzkrise, sondern notleidende Blogger lauten. Naja, 2009 vielleicht.

Dieser Artikel erschien am 24. Januar 2009 auch bei
kolumnen.de

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