Bardentreffen 2008

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04.08.2008 von axeage

Naja, sieht man einmal davon ab, dass wir in diesem Jahr Opfer der Ein-Euro-Park- und Stadtwächter wurden, einem Menschenschlag, bei dem man eigentlich tunlichst vermeiden sollte, ihm ein Amt, geschweige denn eine Uniform zu geben, war das heuer wieder ein klasse Bardentreffen.

Doch von vorne:
Am Freitag Abend wollten wir, diesmal erstmalig mit Sängerin Dana und Bassist Martin vollständig angetreten, mit unserem Batterieverstärker, der uns in den letzten beiden Jahren schon gute Dienste erwiesen hat, an unserem angestammten Platz einen Straßengig veranstalten. Die Stimmung war gut, das Wetter hatte sich beruhigt, doch kaum hatten wir die ersten Songs gespielt, kamen auch schon die neongrün Bejackten um die Ecke und forderten ultimativ einen Leistungsnachweis für unseren Verstärker, den wir natürlich nicht beibringen konnten, weil das gute Stück aus Einzelteilen von Stefan selbst zusammengelötet und gebaut worden war.
Große Diskussion. Wir haben daraufhin etwas leiser gedreht und einfach weiter gespielt, was den Oberneongrünen dazu veranlasste, die Polizei zu holen. Die hat uns dann aufgefordert, den Verstärker abzuschalten.
Nach zwanzig Minuten war unser Bardentreffen-Gig 2008 zu Ende. Ärgerlich!

Stadtwacht Nürnberg
Ein-Euro-Jobber bei der Arbeit

Aber weil alles Schlechte auch sein Gutes hat, war ich somit in der Lage auf der Hauptmarkt-Bühne den Buena Vista Social Club der Bluesbarden zu sehen, der derzeit unter dem Namen Music Maker Blues Foundation um die Welt tingelt. Also, ich muss sagen, es war wirklich ein Genuss, den alten, bis uralten, in Ehren ergrauten Damen und Herren beim Spielen zuzusehen. Eindrücklich wurde hier vorgeführt, dass Blues eben nicht nur Musik, sondern eine Lebenseinstellung ist, die nichts, aber auch schon gar nichts mit dem Alter zu tun hat.

Adolphus Bell
Adolphus Bell, der König der One-Man-Bands

Am Samstag Vormittag gab das Wetter erst zu einigen Befürchtungen Anlass, doch kaum starteten die ersten Konzerte, verzogen sich die Wolken und die Sonne leuchtete wie ein riesiger Scheinwerfer die Innenstadt und die dort auftretenden Künstler aus. Eine befreundete Band (Hot Skills) konnte immerhin zweieinhalb Sets unbehelligt spielen, bis auch sie von den Stadtwächtern vertrieben wurden.

Hot Skills beim Bardentreffen 2008
Hot Skills – almost unplugged 😉

Höhepunkt des Samstags war für mich das Konzert von Joan Armatrading.
Die verstand es, mit ausgezeichneter Begleitband ihre ursprünglich in der Folk-Ecke angesiedelten Songs durch überarbeitete Arrangements teils jazzig, teils rockig völlig neu zu präsentieren. Trotzdem überwog der Wiedererkennungswert vieler alter Stücke und versetzte mich und die Liebste zurück in die Zeit unseres gemeinsamen Studiums und die außergewöhnliche Soulstimme der unheimlich sympathischen Sängerin (und nebenbei bemerkt, hervorragenden Gitarristin) sorgte ein ums andere Mal für Gänsehaut.
Das anschließende Tschingderassabumm der Lenigrad Cowboys mussten wir uns wegen Überfüllung des Hauptmarktes schenken. Kurios in dem Zusammenhang: Vom äußersten Rand des Hauptmarktes konnte man ab und zu lediglich die Frisuren der Cowboys erkennen, die über den bunt beleuchteten Bühnenrand hinausragten.

Am Sonntag ging es schon zeitig los mit einem Gig, auf den ich mich richtig gefreut habe und der mich nachhaltig begeistert hat: Sandy Dillon, der weibliche Tom Waits, gab sich um 15:00 Uhr am Hauptmarkt die Ehre. Zusammen mit ihrem Ehemann Ray Majors an der Gitarre und einem Schlagzeuger mischte die Frau mit Ihrer gewaltigen Stimme den Hauptmarkt ordentlich auf und ich könnte mir vorstellen, dem einen oder anderen Nachmittagsgast, der sich in einem der Bühne gegenüberliegenden Cafes niedergelassen hatte und der um diese Uhrzeit am ehesten Folklore, bestenfalls Weltmusik erwarten durfte, hat sich der Erdbeerkuchen oder die Sahneschnitte ordentlich im Hals verkeilt. Was diese Frau an Gestik, Gesang, Körper- und Gesichtsausdruck aufzubieten hatte, ist sinnvoll nicht mit Worten zu beschreiben. Das muss man gesehen, oder noch besser gefühlt haben. Seelenmusik von der anderen, eher gepeinigten Sorte.
Das einzige, was man Frau Dillon vorwerfen kann, ist, dass ihr außergewöhnliches Kleid die gleiche Farbe hatte, wie die Westen der verhassten Stadtwächter.

Sandy Dillon
Das Ehepaar Dillon/Majors macht Sonntagsmusik

Der Rest des Tages verging wie im Flug bei Country und Western mit Valerie Smith auf der Insel Schütt, internationalen Speisen und (ein Prosit auf die Entscheidung, das Tucher-Plörre-Monopol endlich zu kippen) mit echtem, fränkischen Bier.
Am Ende noch einmal Hauptmarkt: eine energiegeladene Performance mit reichlich Percussion und Rhythmusinstrumenten zeigte Garifuna Collective in einem Konzert zum Gedenken an den im Januar dieses Jahres verstorbenen Andy Palacio.

Bleibt zum Schluss das erhebende Gefühl, bei einem der größten Open-Air-Ereignisse Europas dabeigewesen zu sein, mit zum Teil richtig guten Acts, aber (leider) auch mit der Verärgerung im Bauch über den kleingeistigen, insgesamt typisch deutschen Reglementierungswahn für einen Umstand, der eigentlich nicht reglementiert werden müsste, weil er sich über dreißig Jahre lang von selbst geregelt hat und sich bestimmt noch weiterhin von selbst regeln würde.
Doch wie sang Chefbarde Hannes Wader einst:
So vergeht Jahr um Jahr und es ist mir längst klar, dass nichts bleibt, dass nichts bleibt, wie es war.

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