Rock am Rothenberg

1

28.07.2008 von axeage

Hoch droben am Berg, unterhalb der Festung Rothenberg, dort wo das gute Bier gebraut wird und es die am liebevollsten belegten Lachsbrötchen der Welt gibt, zu den Streuobstwiesen der Familie Kreß, dort wollte ich am Samstag Nachmittag hin. Bei brütender Hitze, mit dem Fahrrad, denn das eine ums andere Landbier, wollte ich mir schon gönnen bei Rock am Rothenberg, dem alljährlich stattfindenden Festival der Musikinitiative Nürnberger Land.
Doch wie so oft, wenn der Berg und ich aufeinandertreffen, geht das nicht unbedingt zu meinen Gunsten aus. Der Berg rang mir literweise Schweiß, Atemnot, Seitenstechen und äußerst schwere Beine ab und obwohl schon lange die Musik vom Festivalgelände zu mir herüber in den Wald drang, in dem ich einsam mein Rad über Stock und Stein schob, hatte ich doch den Eindruck, nie mehr in diesem Leben an meinem Ziel anzukommen.
Irgendwann stand ich dann aber doch auf dem Enzenstein, einem in dieser Gegend recht begehrten Wanderziel, von dem aus man wunderbar die Bühne sehen konnte, wo sich aber weder ein Bier-, noch ein Lachssemmelverkaufsstand befand. Also musste ich noch über zwei mit Elektrozäunen gesicherte Pferdeweiden tapsen, bis ich endlich wohlverdient, glücklich und einen Steinkrug voll Landbier in der Hand der Drei-Personen-Kombo Konstinger lauschen durfte.
Zwei Bands hatte ich an diesem Nachmittag schon verpasst. Die Hausband, die Enzenstones und die Slow City Company, deren Klänge mich durch den dunklen Wald geleitet und sich sehr gut angehört hatten.
Jetzt also Konstinger. Nun, wie soll ich mich ausdrücken. Der Mann hat eine klasse Stimme. Er beherrscht seine Gitarre. Seine Sidelady am Bass zupfte brav die tiefen Töne und unterstützte mit zweiter Stimme und auch der Drummer verstand was von seinem Handwerk, aber:
lieber Herr Live-Musiker. Bitte keine MIDI-Files. Orgel, Orgel, Schwurbel, Schwurbel, Tröt, Tröt. Warum macht er das, hab‘ ich mich gefragt. Der Kerl singt so gut, seine Gitarre, die er nicht über einen Amp, sondern via Multieffekt direkt in die PA einschleust, klingt (nahezu) perfekt und den Teppich legen Frau (und Kind hätte ich fast gesagt). Aber nein, da muss noch Gewaber und Gesülz ran, bis die Soße überkocht. Ja gut, einem Laptop muss man keine Gage zahlen, aber ehrlicher wäre ein lebendiger Keyboarder oder ein zweiter Gitarrist allemal – finde ich.

Dann die Prokuristen. Das ist eine Band, die ordentlich was losmacht. Denen ist nichts heilig. Egal, ob ABBA, Boney M., Michael Jackson oder Elton John. Bei denen wird aus jedem Schlager, aus jeder Schnulze und aus jedem Liedchen eine Rocknummer, die a) in die Beine geht und über die man b) schmunzeln muss.
Nicht nur geschmunzelt, sondern Tränen gelacht hat offensichtlich der Himmel während der Prokuristen-Performance. Ein Platzregen ging genau über dem Festivalgelände nieder. Doch die Veranstalter, die im letzten Jahr ordentlich abgesoffen waren, hatten vorgesorgt und verteilten kostenlos Plastik-Ponchos an die Zuschauer, die dafür sehr dankbar waren. Note Eins Plus für Veranstalter und Prokuristen.

Die vorletzte Band an diesem Abend war eigentlich gar nicht vorgesehen, weil sich aber der Drummer der ursprünglich angekündigten, österreichischen Band Monofuse das Bein gebrochen hatte, sprangen die Metaller Savage Crow ein.
Meine Herren, in der heutigen Tagespresse stand zwar, die Jungs und das (singende) Mädel hätten keine Starallüren, doch ich hatte genau den entgegengesetzten Eindruck. Mit eigenem Mischer, T-Shirt- und CD-Verkaufsstand, eigenen Plastikumhängekärtchen (wie kindisch) und reichlich übertriebenem Posing schon im Vorfeld ihres Auftritts, haben die wilden Krähen versucht, die Schwalben zu vertreiben, die hinter der Bühne ihre Nistplätze hatten. Es ist ihnen (zum Glück) nicht gelungen und auch die Zuschauer skandierten nach dem Gig (der erfreulich kurz ausfiel) auf Wiedersehen, statt Zugabe.
Ja, ich gebe zu, ich bin ungerecht. Ich bin überhaupt kein Freund von derart organisiertem Lärm solcher Musik, aber was diese Vögel da abgeliefert haben, war ziemlich unsäglich.

Blieben zum Schluss die International Allstars:
Ja gut, der einzige Inter(nationale) war Mel Gaynor von den Simple Minds am Schlagzeug. Die anderen durchaus illuster, wenngleich deutsch: Thomas Blug an der Gitarre Fender, Roland Peil (Fanta 4) an den Percussions, Martin Engelien (Klaus Lage Band) am Bass und dann noch zwei Sänger, von denen einer (drei Mal darf geraten werden, welcher) ziemlich überflüssig war: Rolf Stahlhofen (Söhne Mannheims) und Mr. Kölle Alaaf – Purple Schulz.
Ja, doch, es war schon schön, den Jungs dabei zuzusehen und zuzuhören, wie sie nach dem Motto ohne proben nach oben ihre Routine und natürlich auch ihr Können gegen den Enzenstein und ihr Publikum geschleudert haben, die Ausstrahlung von Rolf Stahlhofen, dem dicken Glatzkopf ist enorm, aber eigentlich hat mir Verliebte Jungs noch nie gefallen und die Schmonzetten der Söhne Mannheims muss man schon auch mögen.
Als dann noch Purple Schulz begann, mit Pappnase und Augusthütchen ein echtes Kölner Jeckenlied zu intonieren, hat auch das x-te Landbier nicht bewirkt, dem Ganzen (irgend)etwas abzugewinnen.

Also habe ich mich auf mein Fahrrad geschwungen und bin mit gefühlten 190 Sachen ins Tal gerauscht. Unten angekommen, ist noch ein schönes Percussion-Solo von Roland Peil aus dem Rothenberg gesickert und auch die alte Fender von Herrn Blug hat noch einmal aufgejault. Ich habe das als Signal mit nach Hause genommen: Nächstes Jahr gibt es wieder eine neues Festival, mit neuen Bands und neuem Landbier.
Ich freu‘ mich schon drauf!

Advertisements

Ein Kommentar zu “Rock am Rothenberg

  1. Olli sagt:

    Nicht vergessen am 25.07.09 ab 14:00 Uhr ist wieder Rock am Rothenberg, und diesmal nicht die ENZENSTONES verpassen. Viele Grüße, ein Enzenstoner.

Kommentar verfassen ...

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s

Kategorien

Juli 2008
M D M D F S S
« Jun   Aug »
 123456
78910111213
14151617181920
21222324252627
28293031