Eschede

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10.06.2008 von axeage

Heute vor einer Woche, am 3. Juni war ich mit dem Zug von Nürnberg nach Hamburg unterwegs. An diesem Tag, genau vor zehn Jahren geschah das ICE-Unglück von Eschede. Der Zug, in dem ich letzte Woche saß, bremste kurz vor der Unglückstelle sehr stark ab, weil dort gerade eine Gedenkfeier zu Ehren der Opfer stattfand. Alle Fahrgäste waren ziemlich aufgeregt und sahen aus dem Fenster, aber man konnte nicht wirklich erkennen, was dort draußen vorging. Trotzdem beschlich mich und die meisten Mitreisenden ein äußerst mulmiges Gefühl, das sich erst nach einiger Zeit wieder legen wollte.

Ich musste daran denken, wie und wann mich die Meldung vom Unglück damals 1998 erreicht hatte. Es war ein heißer Frühsommertag. Ich erwartete den Anruf eines Kunden, ob ich das nächste halbe bis dreiviertel Jahr bei ihm vor Ort als kommissarischer DV-Leiter tätig sein sollte. Sein Anruf ließ auf sich warten. Im Radio und im Internet wurden die ersten Nachrichten von dem Unglück bekannt gegeben. Erste Vermutungen: ein Auto wäre von einer Brücke auf den Zug gestürzt.
Der Kunde hat mir dann nachts noch auf den Anrufbeantworter gesprochen, ich möchte doch bitte demnächst bei ihm vorstellig werden. Für diese Reise habe ich damals das Flugzeug genommen.

Jahre später ist mir das Zugunglück noch einmal „über den Weg“ gelaufen. Ich hatte für eine Firmenbroschüre einige Interviews zu führen, unter anderem mit dem Werksleiter einer kleinen Fabrik, die Kindermöbel und Spielwaren aus Holz herstellt. Dieser Mann hatte bei dem Zugunglück seine Frau und beide Kinder verloren. Kurz bevor ich diese Firma besuchte, wurde ich von Arbeitskollegen über sein Schicksal informiert. Sie erzählten mir, dass er ursprünglich geplant hatte, seine Familie am Unglückstag mit dem Auto zu einer Mutter-Kind-Kur zu bringen, aber weil er beruflich sehr eingespannt war und ihm die Bahn sowieso viel sicherer erschien, habe man sich einvernehmlich für die Zugfahrt entschieden.

Ich gestehe, mir war ordentlich flau im Magen, an jenem Morgen, als mir dieser großgewachsene, schlanke Mann gegenüber stand, dessen Leben sich von einem Tag auf den anderen auf so unvorstellbare Weise verändert hatte. Doch dieser Mann war kein gebrochener, verzweifelter Mensch. Im Gegenteil. Freundlich und bestimmt beantwortete er meine Fragen zum Jahresumsatz, zur Firmenphilosophie, zum Geschäftsergebnis, zu den Zukunftsaussichten der Branche im allgemeinen und jenen seines Betriebes im besonderen, obwohl ich ihn eigentlich lieber gefragt hätte, wie er das alles hatte überstehen können, wie sein Leben „einfach so“ weitergehen konnte, nach dem 3. Juni 1998.

Doch diese Fragen musste ich ihm gar nicht stellen. Allein mit seinem Auftreten und seiner Erscheinung hat er mir alle diesbezüglichen Fragen ausreichend beantwortet. Aus Presse und Fernsehen weiß ich inzwischen, dass er eine Selbsthilfegruppe gegründet und Prozesse gegen die Bahn geführt hat, dass er sich in psychologische Behandlung begeben hat und dass die Zeit viele Wunden heilt.
Bestimmt nicht alle, aber viele.

Ich muss zugeben, ich habe aus der Begegnung mit diesem Mann sehr viel mitgenommen und manchmal, wenn ich mich in die Vorstellung versteige, das Schicksal meine es nicht gut mit mir, dann denke ich an ihn. Hilft ungemein!

Einen sehr persönlichen und äußerst lesenswerten Bericht über das Zugunglück von Eschede gibt es auch bei Anke Gröner.

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