Im Zauberwald

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09.06.2008 von axeage

Es ist Sommer und es ist heiß.
Unsere Clique hat eine Hütte gemietet – mitten im Zauberwald. Der letzte Kilometer will gewandert werden. Nur ein Trampelpfad und eine gesperrte Straße führen hin. Leiterwagen und Rucksäcke einen Kilometer bergauf verlangen stramme Waden und strapazierfähige Rückenmuskulatur. Das Fassbier wird Schaum geben.
Auf halbem Weg gibt’s schon dicke Knöchel. Wandern auf eigene Gefahr. Verstauchen auf eigene Rechnung. Kurz vor der Hütte noch ein letzter, äußerst steiler Anstieg. Aber die Aussicht auf das Ziel beflügelt allgemein und ungemein. So schnell war ein Zapfhahn selten in ein Fass getrieben. Viel Schaum, viel Ehr. Aber einen solchen Durst hat man auch nicht jeden Tag.

Die Hütte und die Lage der Hütte sind traumhaft. Eine kleine Lichtung, Felsen, wie aus dem großen Buch der Felsen, ein Kinderspielplatz mit einer Monsterwippe, Terrasse, Bänke, Sonnenschirme. Draußen nur Kännchen.
Vor mehr als zehn Jahren waren wir zum letzten Mal hier. Einige der Kids, die heute dabei sind, waren damals noch gar nicht geplant, geschweige denn, geboren. Wir öffnen die Fensterläden, besetzen die Bänke, denken an Luis Trenker und an Willy Michl.
Die einen machen schon wieder, was sie wollen. Die anderen erfüllen Pflicht. Arbeitsteilung – ein heikles Thema, bei so vielen Leuten. Aber irgendwann findet jeder seine Aufgabe. Auch Nervtöten will gelernt sein.

Bier wirkt. Fleisch grillt. Federball fliegt.
Die Kinder entdecken die Wippe und stoßen sich die Köpfe oder fallen herunter. Kartenspielen mit lautem Getöse; eine Beschäftigung, der Mann viel zu selten nachgeht. Nachkarten macht noch viel mehr Spaß und ist noch viel lauter. Die Frauen schütteln die Köpfe und die Kinder kichern.
Die Todeswippe fordert erste Opfer. Die Kids analysieren die Qualität ihrer Unfälle und vergleichen Wunden. Richtig verunfallt ist man erst, wenn man einige Sekunden ohnmächtig war oder keine Luft bekommen hat!
Als es dunkel wird, wollen Gitarre und Lagerfeuer etwas zusammen machen. The answer my friend is blowing in the wind. Wenn Funken sprühen, singt sich so etwas fast ohne Peinlichkeit. Die Musikalischen singen mit. Die Unmusikalischen unterhalten sich laut. Die Unmusikalischen überwiegen. Man hat sich lange schon nicht mehr gesehen. Man muss sich viel erzählen und singen muss man sich trauen.

Nächte im Matratzenlager sind anstrengend. Irgend einer schnarcht immer. In Hütten gibt es ausschließlich ächzende Betten und knarzende Fußböden. Herumwälzen und auf den Schlaf warten bringt nichts. Wenn der erste Tiefschlaf vorbei ist, Gerüche und Geräusche der Mitschläfer unerträglich werden, muss ich raus.
Aus dem Klo kommt mir einer entgegen mit dicken Augen und Furchen im Gesicht. Wir halten uns die Köpfe. Das viele Bier drückt nicht nur auf die Blase.
Draußen, vor der Haustüre gibt’s was fürs Auge und was fürs Herz. Morgenkühle, Morgenluft, Nebelschwaden über der Lichtung und einen Sonnenaufgang. Wann bitteschön erlebt man schon mal einen Sonnenaufgang?

Wandern nach dem Frühstück. Sieben Männer und eine Frau wandern durch den Zauberwald. Nach einigen Kilometern präsentieren sich zwei Ski-Sprungschanzen. Gewaltige Bauten, die nur einen Sinn haben: sich hinunter zu stürzen. Fünf Sekunden freier Fall. Das Aufregendste ist die Landung. Wer macht so etwas?
Uns befällt Ehrfurcht und noch lange starren wir die Abfahrt der Schanzen von oben hinab und von unten hinauf. Dann geht’s weiter durch den Wald. In einem Baum hängen die Überreste eines Ballons mit einer Botschaftskarte aus Frankreich. Die Töchter eines Mitwanderers werden später auf diese Karte antworten und es wird eine Jugendfreundschaft entstehen. Vielleicht heiraten sie einen Franzosen. Damals, im Zauberwald hing die Botschaft an einem Baum.

In einem Dorfgasthof kehren wir ein. Dort bedient uns eine Elfe. Ganz zart und zerbrechlich, mit Elfenstimme und Elfengesten nimmt sie die Bestellung auf und fliegt davon.
In einem gläsernen Schaukasten im Innenhof der Gaststätte ist eine Märchenszene dargestellt. Sieben Männer und eine Frau verwandeln sich in Zwerge und Schneewittchen. Heiho, heiho, wir singen und sind froh …
So kehren wir zurück zur Hütte. Das Gelächter der dort Verbliebenen ist groß.

2 thoughts on “Im Zauberwald

  1. Herbert sagt:

    Ich war dabei und beim lesen hab ich Gänsehaut bekommen. Glaube Hütte ist mal wieder fällig!
    Herbert

  2. axeage sagt:

    Lieber Herbert,
    schön, dass Du hier kommentierst, ist es doch hauptsächlich auch Dein Verdienst, dass wir so herrliche Zeiten in diversen Hütten verlebt haben.
    Du hast absolut recht: Hütte ist mehr als wieder mal fällig!

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