Taubencontent

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29.04.2008 von axeage

Erste (wahrnehmbare) Sonnenstrahlen in diesem Jahr. Bürofenster aufgerissen – der Frühling soll gefälligst reinkommen.
Kaum zehn Minuten offen, fliegt eine an beiden Beinen beringte Brieftaube herein und setzt sich auf den erstbesten Bildschirm. Schönes Vieh. Grau, mit bunt schimmernden Federn an der Seite.
Charly, unser Systemadministrator scheint sich auszukennen mit Brieftauben.
„Die ist auf der Reise, müde und hungrig“, ist er überzeugt und bricht von seiner Frühstückssemmel ein paar Krumen ab, um sie ihr hinzulegen. Dann füllt er etwas Wasser in einen Behälter, der normalerweise Büromaterial beinhaltet. Doch die Taube schaut nur verwirrt und will von alldem nichts wissen. Unser Auszubildender, der mich immerzu siezt, obwohl ich ihm schon mehr als ein Mal das „Du“ angeboten habe und den ich seither auch sieze, meint:
„Ratten der Lüfte. Die Viecher tragen mehr Viren und Bakterien mit sich herum, als Ratten. Pfui Deibel“.
Er klatscht in die Hände, was die Taube dazu veranlasst, hinter den Lamellen zu verschwinden, die unsere Fenster seit neuestem zieren und das Büro aussehen lassen, wie Zahnarztpraxis oder Anwaltskanzlei.
„Was machen Sie denn da“, herrsche ich den „Du-Verweigerer“ an, der mich daraufhin unverwandt ansieht. Die Taube hockt auf dem Fensterbrett hinter den Lamellen und ist noch verwirrter als vorher. Als ich mich ihr nähere, versucht sie durchs geschlossene Fenster zu fliehen. Klappt natürlich nicht. Also fasse ich mir ein Herz und nehme das völlig viren- und bakterienverseuchte Tier in beide Hände. Mein Griff ist so gelungen, dass ich die Enden ihrer Flügel sanft einklemme und sie nicht flattern kann. Charlie und Lehrling sind schwer beeindruckt. Das Herz der Taube schlägt schnell. Sie macht unwillige Geräusche. Ich gehe zum offenen Fenster und lass‘ sie fliegen. Schönes Gefühl. Sie segelt zum gegenüberliegenden Bankgebäude und will auf dem Balkon landen, doch der ist mit einem Netz geschützt. Tauben sind hier offensichtlich noch weniger willkommen, als bei uns im Büro. Stattdessen hockt sie sich mitten auf die Straße und weicht den ganzen Tag den vorbeifahrenden Autos aus. Immer wieder gehe ich ans Fenster und beobachte, wie sie vom einen Ende der Straße zum anderen läuft, oder sich unter einem Auto ausruht. Als ich am Abend nach Hause gehe, ist sie weg. Ob sie ihr Ziel erreicht hat? Irgendwie hätte ich das schon gerne gewusst.

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