Stage fright

4

01.04.2008 von axeage

… klingt irgendwie besser, als Lampenfieber. Finde ich.
Ich gebe zu, ich stehe gerne auf der Bühne. In einer durchzechten Nacht habe ich in kleinem Kreise zusammen mit einigen psychologisch halbwegs orientierten Menschen auch einmal herausgefunden, warum das so ist – aber davon (vielleicht) ein andermal.
Ich gebe allerdings auch zu, dass mich das Lampenfieber vor jedem Auftritt fast umbringt.
Am Wochenende hatten die Liebste und ich bei einem fünfzigsten Geburtstag einen Gig als Blues-Brothers. Ich habe mir dazu ein Lied mit zwei funkigen Gitarrenriffs und einem Basslauf ausgedacht, die just in time, will heißen vor Publikum, in einen Looper eingespielt werden. Dazu ein paar Textpassagen, die von Born To Be Wild bis Brick House und einigen verkauderwelschten DEnglisch-Ausdrücken die Hobbies, Errungenschaften und Eigenheiten des Jubilars beschreiben. Zur Abgrenzung zwischen den Versen das berühmte Now for something completely different und fertig war ein Auftritt, auf den selbst John Belushi stolz gewesen wäre.

Ich habe diesen Song im Vorfeld gefühlte 2834 Mal geprobt und als ich er mir sprichwörtlich aus den Ohren herausgewachsen ist und ich ihn schon nicht mehr hören konnte, hatte ich, was den Auftritt betraf, nur drei Befürchtungen:

  • Der zweite Gitarrenriff kommt nicht flüssig genug und hackt
  • Ich spiele den zweiten Gitarrenriff zu laut
  • Ich bekomme das Break, das zwischen den Strophen gemacht wird nicht hin, weil blöderweise der Looper zum Stoppen zwei Mal gedrückt werden muss.

Der Tag des Auftritts kam näher und jede Nacht, sowohl vor dem Einschlafen, als auch vor dem Aufstehen oder wenn ich nachts aufgewacht bin, habe ich mehrfach dieses Lied gesungen. Ich konnte es bis zur letzten Silbe auswendig und selbst den Sprechgesang zwischen den Versen hatte ich soweit perfektioniert, dass ich fast punktgenau wieder mit dem Gesang einsetzen konnte.

Am Tag des Auftritts erwachte ich mit Übelkeit. Obwohl ich hätte ausschlafen können, verließ ich um 6:30 Uhr das Bett. Ein letztes Mal zupfte ich auf der Telecaster, übte mit dem rechten Fuß während der Autofahrt das Einloopen, was zu ungewollten Fahrfehlern führte und hinter oder neben mir fahrende Verkehrsteilnehmer zu heftigen Unmutsbekundungen veranlasste.
Am Ort der Fete angekommen, konnte ich kaum ruhig sitzen. Die Liebste bereitete mit der Frau des Jubilars das Jubiläumsmenu vor und ich musste mir im Radion anhören, wie der Club nur ein Unentschieden gegen die verhassten Bayern zusammenbrachte und am Ende dieses Spieltages auf dem letzten Tabellenplatz landete.

Dann der Auftritt.
Bereits in voller Jake-Blues-Montur vermisste ich mein Plektrum. Das steckte in der Hosentasche der anderen Hose. Also nochmal zwei Stockwerke hoch. Mit Sonnenbrille in einem gedimmt beleucheten Haus nicht ganz einfach. Wieder auf der „Bühne“ die Drum-Machine angeworfen. Den ersten Riff eingespielt. Den zweiten natürlich viel zu laut und beim dritten Durchlauf völlig aus dem Rhythmus. Kurze Panik. Sollte ich ihn noch einmal löschen? Das hätte bedeutet, dass sich dass ganze „Vorspiel“ unendlich in die Länge zieht. Ach scheiß drauf, weiterspielen. Jetzt der Bass. Der hat ganz gut geklappt und weil ziemlich laut, auch den Rhythmusfehler halbwegs kaschiert. Dann die Sekunden vor dem Break. Im richtigen Augenblick den Looper zwei Mal drücken. Gleich kommt er. Jetzt !!
Verdrückt. Verdammte Scheiße. Wieder ein kurzer Moment der Panik. Aber jetzt musste es endlich losgehen:
Ladies and Gentlemen – this song is called Mr. Lindener.

Blues Brothers

… und was sag‘ ich: ab dem Zeitpunkt lief das Ding. Ich habe mich nicht ein Mal versungen. Den kleinen Gitarrenhacker hat keiner bemerkt. Der versaute Break war längst vergessen. Die Liebste stand als Elwood Blues – wie geplant – stoisch in ihrer Ecke und hat mit versteinerter Miene Textpassagen ins Publikum gehalten, die begeistert mitgeschmettert wurden und als der Song schließlich punktgenau endete und enthusiastischer Beifall aufbrandete, wusste ich, warum ich das alles mache: für genau eben diesen einen wunderbaren, unvergleichlichen und einzigartigen Augenblick.
Und glaubt mir, Ihr da draußen: diesen Augenblick kann man nicht für Geld kaufen!

Advertisements

4 Kommentare zu “Stage fright

  1. Casa sagt:

    Ganz großes Kino! 😉

    Lampenfieber: Habe ich zum Glück eigentlich nur sehr selten, dann aber nicht wenns wichtige, große Auftritte sind, sondern eher bei so kleinen, auch wirklich unwichtigen Gigs. Und du hast recht: Den Moment auf der Bühne, der Applaus. Das kann man nicht kaufen!

  2. herbert sagt:

    Obwohl ich sowas ja nicht selbst mache, kann ich es sehr gut nachvollziehen. Hat uns sehr gut gefallen (Gruß auch von Julia und Claudia)

  3. eine Bewunderin sagt:

    …echt cool – wow!!!! Sowas will ich zu meinem Geburtstag auch haben! Interessant auch der Artikel, was da so alles dahinter steckt. Dann der Auftritt – Spitzenklasse! Nur weiter so!!!

  4. Axel sagt:

    … jetzt wenn ich noch wüsste, wer „eine Bewunderin“ ist, könnte ich mir vielleicht auch was für Ihren Geburtstag einfallen lassen 😉

Kommentar verfassen ...

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s

Kategorien

Archive

April 2008
M D M D F S S
« Mrz   Mai »
 123456
78910111213
14151617181920
21222324252627
282930