Wenn die Volksseele Bahn fährt

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18.01.2008 von axeage

Nach langer Zeit, um ehrlich zu sein, nach sehr langer Zeit, bin ich gestern mal wieder mit der Bahn gefahren. Nürnberg – Hamburg, nonstop.
Was macht man während einer so langen Zugfahrt? Musik hören, lesen und – was leider oft unvermeidlich ist – den Menschen, die noch mit im Abteil hocken, bei ihrer Unterhaltung oder beim Telefonieren zuhören.
Ich hatte eine Platzreservierung an einem Vierertisch, der von zwei ziemlich halbschlau dreinblickenden Mittdreißigern besetzt war. Kurz habe ich überlegt, ob ich mich tatsächlich zu den beiden setzen sollte (ohne Reservierung wäre mir das niemals eingefallen), aber der Zug war gerammelt voll und wenn ich schon eine Platzreservierung hatte, dachte ich so bei mir, dann sollte ich diese auch nutzen.

Kaum saß ich, bestätigten sich meine schlimmsten Befürchtungen: die beiden Säufergesichter waren Berufssoldaten und hatten nichts besseres zu tun, als sich über Waffensysteme, Kampfflugzeuge, und Manövereinsätze zu unterhalten.
Das alles wäre ja nicht so schlimm gewesen, hätte der eine (der dickere von beiden), dem anderen (dem dooferen von beiden) sein geballtes Militärwissen nicht in einer Lautstärke mitgeteilt, die locker ausreichte, dem Gespräch auch noch im hintersten Winkel des Großraumwagons zu folgen – wahrscheinlich sogar noch auf dem Klo.

Krampfhaft vertiefte ich mich in mein Buch (Schluss mit cool – Kurzgeschichten vom guten alten T. C. Boyle) und wie es der Zufall wollte, wurde in der Story Guten Flug, die ich gerade las, von einem Inlandsflug in den USA berichtet, bei dem ein ausgerasteter Psychopath von der Heldin der Geschichte mit einer Gabel zur Strecke gebracht wird.
Psycho Als die beiden Landesverteidiger schließlich das Thema wechselten und Plattitüden über die internationale Geldwirtschaft, das Judentum, George DoubleU, den Islamismus, den Nationalsozialismus und das Lexikon des Unwissens austauschten, als wollten sie Gossen-Goethe Franz Josef Wagner eine Kolumne in die Feder diktieren, hatte ich gedanklich schon mein schweizer Militärmesser mit Spezial-Maniküre-Ausstattung in der Hand, um ein Massaker anzurichten.
Zum Glück stiegen die Jungs in Würzburg aus.

3 thoughts on “Wenn die Volksseele Bahn fährt

  1. Barbara sagt:

    Hi Axel, das ist ja wieder ein schöner Bericht – so richtig aus dem Leben gegriffen… Ich fahre auch viel zu selten Bahn, die Strecke habe ich aber auch schon hinter mir – zum Glück ohne solche Mitfahrer. 🙂

  2. bosch sagt:

    Bei diesen Kampferprobten Vaterlandsverteidigern dürfte man mit der schweizer Nagelfeile wohl kein Erfolg haben. In Momenten zweifle ich, ob es richtig war, den Dienst an der Waffe zu verweigern – so fehlt es an Übung. Andererseits: so sind einem auch viele Menschen dieses Typs erspart geblieben.

    Mein Tipp: für die nächste längere Zugfahrt gleich zwei Plätze in verschiedenen Abteilen reservieren. Dann das Beste aussuchen – und das zweite teuer weiterverkaufen. Am besten an jemanden, der derartige Gesellschaft verdient hat.

  3. colorcraze sagt:

    Vierertisch als Einzelperson. Mein Beileid. Ich hatte den auch mal in einem proppenvollen Zug, mir gegenüber eine mit ihrem Rucksack wegversperrende Strickrock-Studentin, die beim heftigen Niesanfall nichtmal die Hand vor den Mund bekam. Nein, ich hab mich nicht angesteckt, aber ein klein bißchen mehr Umsicht wär schon recht gewesen.

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