Going Home – Teil 1

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12.11.2007 von axeage

„Was will der Scheißbulle?“
„Er sagt, die Straße ist gesperrt“.
„Was? Das ist doch Irrsinn! Fahr’ einfach weiter, hör’ nicht auf ihn“.
John lässt sich auf eine weitere Diskussion mit dem Polizisten ein. Harry schlägt wütend die Hände aufs Lenkrad und hupt.
Sofort unterbricht der Bulle seine Diskussion mit John, legt die rechte Hand auf das Halfter seines Dienstrevolvers und kommt wie der König der Cowboys auf den Wagen von Harry zu. Harrys Hupen hat eine ganze Huporgie ausgelöst. Vor ihm, der rostige VW-Bus von John mit seiner schwangeren Freundin Dagmar – einer Deutschen, genannt Daggy. Hinter ihm ein Oldsmobil, mit sechs Mann Besatzung und hinter dem noch weitere zwanzigtausend Autos, von denen jetzt wahrscheinlich zehntausend hupen.
Harry wirft den Kopf in den Nacken und malt sich aus, was der Cowboy wohl als erstes zu ihm sagen wird.
„Junger Mann…“ – kein schlechter Anfang – dann aber das Übliche und Unvermeidliche: Er, der Cowboy mit der Lizenz zum Straßensperren und Hippietöten, hätte vorhin den „Scheißbullen“ überhört. Er hätte auch überhört, dass er, Harry, seinen Kumpel mit der schwangeren Schlampe zu einer Ordnungswidrigkeit, um nicht zu sagen, zu einer Straftat aufgefordert hat, indem er ihnen riet, einfach weiter zu fahren. Dass er aber jetzt mit seiner Huperei diesen Haufen langhaariger Zeckenzüchter hinter ihm dazu aufstachele, ebenfalls zu hupen, das sei ein Aufruf zum Widerstand gegen die Staatsgewalt und stelle somit eines der schlimmsten Vergehen dar, dessen sich ein junger Amerikaner …
„Jetzt mach’ aber mal halblang“, unterbricht ihn Harry und merkt, wie ihm die Situation zu entgleiten droht.
„Du, mein Kleiner, wirst jetzt einmal halblang machen“, unterbricht ihn wiederum der Ordnungshüter und seine rechte Hand am Revolverhalter wird immer nervöser.
Harry soll aussteigen. Harry soll seine Papiere herzeigen. Harry soll gefälligst nicht so grinsen. Ob Harry Drogen genommen habe, was Harry beruflich mache, wo genau Harry gerade herkomme will der Polizist wissen und Harry ist klar, wenn er jetzt nicht ernsthaft und ordnungsgemäß antwortet, wird das Festival für ihn zu Ende sein, noch bevor es richtig begonnen hat.
„Nein, keine Drogen“ – das war allerdings eine Lüge.
„Ich studiere noch. Ich komme aus New York – genauer gesagt aus Long Island. Dürfen wir jetzt weiter fahren?“
„Nein, die Straße ist gesperrt“.
Der Polizist ist unerbittlich, wirft Harry noch einmal einen Blick zu, der besagt „überleg‘ Dir, was Du in den nächsten Minuten sagst und tust“ und verschwindet zu seinen Polizistenkollegen, die ein paar Meter vor Johns VW-Bus armeverschränkt zusammenstehen und sich unterhalten.
„Was jetzt?“, fragt Harry in das Oldsmobil, in dem vier Weiße und zwei Schwarze sitzen. Die sechs sind ordentlich zugedröhnt. Harry kennt die Jungs nicht, aber sie machen einen coolen Eindruck. Einer von Ihnen sieht aus wie Jimi Hendrix persönlich. Der antwortet sofort mit quäkender Stimme:
„Zu Fuß, Mann. Was bleibt uns übrig“.
Alle stimmen zu, bleiben aber trotzdem im Wagen sitzen und starren mit seligem Marihuana Blick vor sich hin.

Harrys Kumpel Max und Stan waren schon vor einer Stunde aufgebrochen, die Lage zu checken und sind seither nicht wieder aufgetaucht. Wahrscheinlich liegen sie bereits irgendwo auf einer Wiese und lassen den x-ten Joint kreisen.
Scheißkerle, denkt Harry und sieht John fragend an, der ziemlich angefressen ist, weil ihm seine Freundin Daggy die Hölle heißt macht, wegen ihrer Schwangerschaft und weil nichts vorwärts geht und weil sie was rauchen möchte, was John ihr nicht erlaubt und überhaupt, weil sie doch hätten lieber zu Hause bleiben sollen.
„Was jetzt?“, fragt Harry diesmal John, „die Jungs hier meinen, wir sollten zu Fuß weiter. Max und Stan tauchen wohl nicht mehr auf. Wer weiß, wem die sich angeschlossen haben. Ich denke, wir müssen uns alleine durchschlagen“.
John nickt und geht zurück zu Daggy, die breitbeinig auf der Fußschwelle zwischen den Klapptüren des VW-Busses sitzt und ihren riesigen Bauch mit den Händen stützt. Sie sieht traurig aus und Harry wird schwer ums Herz, weil er eigentlich immer noch in sie verliebt ist und diese eine Nacht nicht vergessen kann. Weder Harry noch Daggy wissen, ob sie von ihm, oder von John schwanger ist und das blödeste ist, John weiß überhaupt nichts von dieser unsäglichen Bettgeschichte. Die Blicke von Harry und Daggy treffen sich. Er zieht entschuldigend die Schultern hoch und legt den Kopf zur Seite. Dann ist John wieder bei ihr und Harry wird aus seinen Gedanken gerissen, weil ihm das Jimi-Hendrix-Double seine Hand auf die Schulter schlägt und losposaunt:
„Steile Braut, Mann. Hast Du ihr den Braten in die Röhre geschoben?“
„Nicht witzig“, lässt Harry den Schwarzen stehen und geht zum VW-Bus.

… to be continued

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