Lerneinheiten zum Wochenende

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17.09.2007 von axeage

Am vergangenen Wochenende hatte ich, unabhängig voneinander, zwei Begegnungen der anderen Art – nämlich mit behinderten Menschen. Die erste am Freitag – eher indirekt. In der Fußgängerzone von Hersbruck ertastete sich eine blinde Frau mit ihrem Blindenstock den Weg und war offensichtlich sehr unsicher. Dieser Umstand weckte die Aufmerksamkeit zweier kleiner Türken – ich schätze mal, sie waren fünf oder sechs Jahre alt. Neugierig, wie Kinder in diesem Alter und insbesondere kleine Türken in diesem Alter sind, fragte der eine kess:
„Siehst Du nix?“
Die Frau antwortete etwas, was ich nicht verstehen konnte. Jedenfalls ergab sich aus dem weiteren Dialog, dass sich die Frau verlaufen hatte. Die Kinder kannten das Ziel der Frau und boten ihr an, sie dorthin zu begleiten.
„Kommst Du, wir zeigen Dir“, sagte der eine entschlossen und nahm die Frau bei der Hand. Diese zögerte anfänglich etwas, ließ sich aber schließlich von den beiden in die Mitte nehmen und zu dritt durchquerten sie feixend die Fußgängerzone. Zugegeben, mir war die Situation nicht ganz geheuer, also folgte ich den Dreien mit etwas Abstand. Vor einem größeren Kaufhaus machten sie halt. Hier bot sich ein schönes Bild: Die Frau hielt ihren Blindenstock senkrecht vor sich, der eine der beiden Jungs hielt die Frau an der Hand und der andere sah zu ihr auf und sagte:
„Wir sind da“.
Schließlich stürmte eine junge Frau aus dem Kaufhaus auf die Blinde zu. Großes Palaver, Wiedersehensfreude, Vorwürfe, „wo warst Du denn … ich habe mir solche Sorgen gemacht … welche Kinder? …“
Die beiden kleinen Türken hatten sich heimlich aus dem Staub gemacht. Mission erledigt – Verwaltungskosten entstanden nicht.

Die zweite Begegnung ereignete sich am Samstag. Die Loew’schen Anstalten, die unter anderem ein Heim für geistig behinderte Menschen in meinem Heimatdorf betreiben, veranstalteten ein Open-Air Benefizkonzert mit insgesamt fünf Bands in Großbellhofen. Überschrieben war diese Veranstaltung mit dem super Titel Roll over Bellhofen.

Roll over Bellhofen

Als ich dort ankam, spielte bereits die erste Band: Aurion bot Gitarrenpop mit Synthesizer und Sängerin. Die Musik war nicht unbedingt mein Fall, aber vor der Bühne fand eine Freakshow im positivsten Sinn des Wortes statt. Nahezu alle Bewohner aus dem Behindertenheim tanzten und freuten sich über die Musik. Ich musste dutzende Hände schütteln und ständig meinen Namen sagen. Direkt vor der Bühne stand ein Mann, der unermüdlich die Band dirigierte, ein anderer schleuderte eine Jutetasche im Takt, ein dritter wippte von einem Bein aufs andere. Rollstühle wurden wie wild durch die Menge geschoben, Hände und Arme wackelten, Headbanging at it’s best. Es war ganz außergewöhnlich und je länger ich zusah, desto ansteckender wirkte diese ausgelassene, unbändigen Energie auf mich.
Die Stimmung wurde noch besser, als The Stickshifts aufspielten. Hot Rockin‘ Country ’n‘ Roll mit Contrabass, Gitarre, Klavier und Schlagzeug. Schön, dass derart handgemachte Musik wieder von jungen Leuten gespielt wird!
Danach hatten die (meisten) Tanzwütigen Pause, denn die angekündigte Indie-Rockband The Grand Paradiso war nur durch deren Sänger/Gitarristen Bernd Helmer vertreten, der einige Balladen spielte. Der Auftritt war gelungen, warf aber eine gewisse Schwermut auf den Nachmittag. Die war aber schnell wieder verflogen, als Bomb Texas die Bühne eroberte und die Wiese vor der Bühne wieder zur wilden Tanzfläche umfunktioniert wurde. Beeindruckendste Szene während dieses Auftritts war, als der „Herr Dirigent“ eine Schallplatte von der Band geschenkt bekam und er diese stolz allen Festivalbesuchern zeigte. Seine Freude war unbeschreiblich.
Ganz zum Schluss spielte noch eine Band, wegen der ich eigentlich zu der Veranstaltung gegangen bin: John Q Irritated. Hervorragender New Orleans Funkjazz von drei echten Profis. Gitarre, Tuba und Schlagzeug, mehr braucht man nicht, um erstklassigen Funk zu spielen. Leider hatten sich ob der aufziehenden Abendkälte die Zuschauerreihen reichlich gelichtet. Sei’s drum, die Musiker und die verbliebenen Zuschauer hatten ihren Spaß und die Heimbewohner erst recht.
Was bleibt, ist ein starker Eindruck von Menschen, die anders sind, weil sie eine Behinderung haben. Egal, ob geistig oder körperlich oder beides. Man muss sich auf die Behinderten einlassen und man muss das eine ums andere Mal über seinen Schatten springen. Veranstaltungen wie diese, bieten vielen Menschen dazu erstmalig Gelegenheit – auch mir, das gestehe ich gerne ein. Unter diesem Aspekt und natürlich auch wegen der hervorragenden Musik, war es wirklich schade, dass so wenig Nicht-Behinderte dabei waren.

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