Gemütlich hier

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06.09.2007 von axeage

Der Livemusikkeller Strohalm in Erlangen ist nicht sehr groß und weil es im Vorfeld hieß, es würde voll werden, war ich etwas früh dran. So konnte ich gestern Abend Henrik Freischlader und seiner Band beim Aufbauen zusehen. Dabei blieb mir nicht ganz verborgen, dass sich ob der Überschaubarkeit des Veranstaltungsortes bei Schlagzeuger Dirk Sengotta eine gewisse Skepsis breit machte. Nun, das mag durchaus damit zusammenhängen, dass Freischlader, Sengotta und Bassist Oliver Schmellenkamp sowohl beim Publikum, als auch besonders bei der Kritik als die deutsche Blues-Entdeckung der letzten Jahre gefeiert werden und die Band inzwischen Bühnen anderer Dimensionen gewöhnt sein dürfte.
Als aber Freischlader kurz nach 21:00 Uhr mit den Worten „Gemütlich hier“ das Konzert eröffnet, sich dabei umdreht, um auch die hinter und direkt neben ihm sitzenden Gäste zu begrüßen, ist von dieser anfänglichen Skepsis nichts mehr zu spüren. Im Gegenteil, was folgt, ist ein Blues-Abend der Spitzenklasse, den selbst das livemusikverwöhnte Strohalmpublikum wahrscheinlich nicht so oft geboten bekommt.
Mit „kleinem Besteck“ serviert die Henrik Freischlader Band Blues und Bluesrock mit Spielfreude, Professionalität und vor allem mit Virtuosität. Eine Bühne, wie die im Strohalm, bietet dafür einen nicht zu unterschätzenden Vorzug: es herrscht eine Art Wohnzimmeratmosphäre und man kann den Musikern mal so richtig bei der Arbeit zusehen.
Freischlader, der auf einem Barhocker sitzend, im ersten Set eine fette Gibson ES-335 und danach eine Fender Stratocaster auf dem Oberschenkel wippt, beherrscht ausnahmslos alles, was nötig ist, um Blues so zu spielen, wie Blues klingen muss. Dazu eine Stimme, der man auf Anhieb abnehmen würde, sie stammte aus den typischen Bluesgegenden der USA und nicht aus dem Ruhrgebiet, schon gar nicht aus Wuppertal. Henrik Freischlader ist ein unheimlich sympathischer Typ, der mit unaufdringlicher Interaktion stets den Kontakt zum Publikum und zu seinen Bandkollegen sucht. Da ist nichts von aufgesetzter Fröhlichkeit oder bluestriefender Traurigkeit und Starallüren findet man bei ihm schon mal gar nicht. Er strahlt die Souveränität und Freundlichkeit eines Menschen aus, der seine Sache beherrscht und diese Sache wirklich gerne macht. Blues ist bei ihm Herzenssache und nicht Business.
Ebenfalls eine Augenweide ist es, Dirk Sengotta zuzusehen, wenn er uhrwerkgleich sein Schlagzeug bedient. Der große SUA, wie er sich selbst nennt, bringt zusammen mit seinem Basskollegen Oliver Schmellenkamp den ultimativen Groove in die Musik und gilt mit seinem genauen und variantenreichen Spiel nicht umsonst als einer der besten Schlagzeuger Deutschlands. Die Band spielt abwechselnd Stücke ihrer beiden CDs und scheut sich auch nicht davor, dem einen oder anderen Bluesstandard eine ganz eigene HFB-Interpretation überzustülpen. Das tut so manchem angestaubten Bluesklassiker so richtig gut.
Beim letzten Song des Abends dient Voodoo Chile von Jimi Hendrix lediglich am Anfang und am Ende als Vorlage, dazwischen gibt es Bluesimprovisation aus der Oberklasse, bei der Freischlader noch einmal alle Register seines Könnens zieht.
Das Publikum dankt es den Musikern mit langanhaltendem Beifall und man sieht Freischlader und seinen Mannen an, dass sie sich zum Schluss recht wohl gefühlt haben im Strohalm. Ich fürchte allerdings, wenn der Bekanntheitsgrad dieser Band weiterhin so steigt, wird man sie nicht mehr oft auf so kleinen Bühnen sehen. Das ist einerseits schade, andererseits sei ihnen natürlich mehr als vergönnt, wenn sie demnächst die größeren und großen Hallen füllen.
Wir, die wir gestern dabei waren, können jedenfalls später unseren Enkeln erzählen, die Henrik Freischlader Band weiland 2007 im Strohalm erlebt zu haben.

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2 Kommentare zu “Gemütlich hier

  1. wils sagt:

    In der Konstellation hab ich Henrik Freischlader zum erstem Mal Live gesehen, 12 km von hier in der Schweiz. Das war auch ein kleiner Club, wo gerade so um die 100 Leute reinpassten. Ich stand direkt vor ihm und kam aus dem Staunen nicht raus.
    Leider hat sich Freischlader von dieser Besetzung irgendwann getrennt. Im speziellen Dirk Sengotta an den Drums hat an dem Abend einen Wahnsinns Groove erzeugt.

  2. […] ein junger Mann aus Wuppertal, den ich früher in diversen Vorprogrammen und später dann auch als Hauptakt erlebt habe. Ein unheimlich sympathischer Typ, der sein Handwerk absolut versteht und der in zwei […]

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