Nowhere Man

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06.08.2007 von axeage

Der Nowhere Man heißt Ferdinand Kilian – genannt Ferdie. Das Nowhere Land heißt Marburg. Der Nowhere Plan sah vor, die weltberühmten Beatles ins Nowhere Land zu holen.
Doch die Beatles kamen nie nach Marburg …
… making all his Nowhere Plans for Nobody.

Ferdie ist Frisör. Er erfährt im Jahre 1966 von einem Herrn Öttringer, der sich in Ferdies Frisörsalon die Haare schneiden lässt und vorgibt, John Lennon persönlich zu kennen, dass es kein Problem sein sollte, die weltberühmten Beatles nach Marburg zu holen. Das begeistert den Beatles-Fan Ferdie so sehr, dass er die Aussicht auf ein solches Ereignis zum Projekt seines Lebens macht. Er bucht die Stadtsäle von Marburg, organisiert und verkauft Eintrittskarten, lässt Plakate drucken und rührt ordentlich die Werbetrommel. Zum Schluss stellt sich allerdings heraus, dass Ferdie einem Betrüger aufgesessen ist. Er bleibt auf einem Berg von Schulden sitzen und muss aufgrund zunehmender Anfeindungen schließlich Marburg verlassen. 48jährig stirbt er im Jahre 1985 an den Folgen einer Diabetes.

Diese Story hat der Filmemacher Michael Wulfes, der in Marburg aufgewachsen ist, in seinem mit Spielfilmsequenzen angereicherten Dokumentarfilm Der Tag, als die Beatles (beinahe) nach Marburg kamen umgesetzt. Am vergangenen Freitag wurde dieser köstliche Film im Fernsehen auf Phoenix gezeigt.
Was die Verfilmung der damaligen Ereignisse so einzigartig macht, sind die Menschen, die darin zu Wort kommen. In den Interviews kommt eine herrlich ambivalente Mischung zum Ausdruck von absolutem Spießbürgertum einerseits und der Hoffnung darauf, dieses öde Spießerleben zumindest für ein paar Stunden, hinter sich zu lassen.
Freunde, Verwandte und „Geschädigte“ von Ferdie sitzen auf Sofas, in kitschig eingerichteten Wohnzimmern, in ihren Küchen, in Frisörstühlen, im Cafe und erzählen von ihren Träumen, die mit einem Beatles-Konzert in ihrer Heimatstadt in Erfüllung gegangen wären. Auch hätten viele allzu gerne diese muffige Kleinstadt verlassen und sich auf Wanderschaft begeben, die große, weite Welt bereist, doch die zurückzulassenden Eltern, aber auch schon der angsteinflößende, ampelgeregelte Straßenverkehr im nahen Frankfurt musste als Grund herhalten, solch hochtrabende Pläne dann doch lieber nicht umzusetzen. Denn in Marburg war die Welt trotz allem noch in Ordnung – ein weiß gekleideter Verkehrspolizist regelte in jener Zeit an der einzigen vielbefahrenen Kreuzung in der Stadtmitte den Verkehr.
Was der Film grandios schafft, ist die Ehrlichkeit der Menschen, die einer liebenswerten Naivität entspringt, glaubhaft und ohne jegliche Überheblichkeit so darzustellen, dass man sämtliche Erwartungshaltungen, Träume und die daraus resultierenden Enttäuschungen absolut nachvollziehen kann.
Und Ferdie? Der wurde von seinem Vater mehr oder weniger in den Frisörberuf gezwungen, fühlte sich aber von jeher zu höherem berufen. Exemplarisch für seinen Charakter wird eine nachgespielte Szene gezeigt, in der er mit seinem weißen Ford 20 M über Land fährt, sich auf eine Wiese stellt und den Polizeifunk abhört, um mit Arztkoffer und Blaulicht bewaffnet bei gemeldeten Unfällen Leben zu retten, was ihm tatsächlich auch einmal gelingt.
In seinem tiefsten Innersten aber ist Ferdie ein Träumer, der zu gerne ein Mal im Leben seinen größten Traum wahr gemacht und im Mittelpunkt gestanden hätte.
Es war ihm nicht vergönnt.
Nowhere man please listen
You don’t know what you’re missing
Nowhere man, The world is at your command.

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