Rabbit

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28.06.2007 von axeage

Vor vielen Jahren habe ich zum ersten Mal die Rabbit-Tetralogie von John Updike gelesen.
Vor kurzem habe ich die schon stark vergilbten und abgegriffenen Bücher wieder hervorgezerrt und lese sie gerade noch einmal. Um es vorweg zu nehmen: sie sind (auch beim zweiten Lesen) einfach wunderbar. Updike versteht es, die Gefühlswelt seiner Romanfiguren, eingebettet in die jeweilige amerikanische Zeitgeschichte auf seine ganz eigene Art und Weise darzustellen. Das hat viel mit Liebe zu tun. Liebe zu seinen Protagonisten, die mitnichten immer sympathisch sind, Liebe zu seinem Land, in dem beileibe nicht alles zum Besten steht, und letztendlich mit Liebe zu den Menschen insgesamt, die man einfach so hinnehmen muss, in ihrer Vielfalt und Unzulänglichkeit.
Wer übrigens eine kurze, durchaus gelungene Inhaltsangabe der vier Bücher (plus einem später erschienenen Zusatzbuch) lesen will, dem sei diese Seite empfohlen.

Warum ich diese Bücher so sehr mag und es bestimmt nicht das letzte Mal gewesen sein wird, dass ich sie lese, liegt unter anderem an Sätzen und Formulierungen, wie im Folgenden, in denen Harry Angstrom, genannt Rabbit, seinen Sohn Nelson mit Familie am Flughafen abholt und sich dabei mit seiner Enkeltochter verläuft.

„Haben wir uns verlaufen, Grandpa?“
„Können wir gar nicht“, antwortet er.
In der kleinen Notlage, in der sie sich plötzlich befinden, wird ihm aufs neue ihre Kostbarkeit bewusst: der erlesene Schnitt ihrer Augen und die langen Wimpern, der flaumige Schimmer vor ihren Ohren und der Glanz ihres üppigen Haars, das straff zu einem dicken Zopf geflochten und mit einer unwirklichen steifen weißen Schleife geschmückt ist. Zum ersten Mal bemerkt er, dass sie außerdem zwei symmetrische weiße, wie Schmetterlinge geformte Spangen trägt. Sie sieht zu seinem Gesicht hinauf und kämpft mit den Tränen angesichts der Leere, die sie dort vorfindet.
„Dieser Mantel ist zu warm“, beschwert sie sich.
„Ich nehme ihn dir ab“, sagt er. Er faltet das Stückchen Stoff und legt es sich über den Arm, und sie ist jetzt selber wie ein Schmetterling in ihrem rosa Kleid. Ihre grünen Augen haben sich weit geöffnet im grauen Flughafen, diesem geschäftigen Zwischenreich, und die eine ihrer rötlichbraunen Brauen hat nahe der flachen Erhebung der sommersprossigen Nase einen kleinen Wirbel, so dass sich die Härchen dort zur falschen Seite auffächern. Nelson hat auch diesen kleinen Wirbel, er hat ihn von Harry, der immer vorm Spiegel der Jungentoilette in der High-School mit spuckefeuchtem Finger seine Braue glattzustreichen versucht hat. Unglaublich, dass so eine Winzigkeit sich weitervererbt. Vielleicht die einzige Unsterblichkeit, die es für uns gibt: eine kleine genetische Schrulle, die immer wiederkehrt, wie eine im Computer gespeicherte Nummer auf dem monatlichen Kontoauszug.

John Updike – Rabbit in Ruhe – Rowohlt Verlag

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