Ah, jetzt ja …

20.10.2010

… eine Insel, eine Insel.
Doch, doch, es hat mich schon ein wenig an Lummerland erinnert, als unser fliegender Omnibus die Insel Jersey ansteuerte. Das sah von oben alles recht putzig und überschaubar aus, mit Leuchtturm und kleinen Hecken und Mäuerchen und vielen, vielen, kleinen Autos.

Tatsächlich entpuppten sich die kleinen Hecken und Mäuerchen und auch die vielen, vielen, kleinen Autos als nicht zu unterschätzendes Verkehrsabenteuer, wobei ich den Jerseyanern schon zugute halten darf, dass sie möglichst kleine Autos fahren und den Touristen noch kleinere Mietautos geben, weil es teilweise wirklich eng zugeht – also richtig eng und käme einem nicht ab und zu ein wahnwitziger Lastkraftwagen oder ein Traktor entgegen, würde der Verkehrsfluss auch halbwegs  funktionieren.
Was die Inselbewohner allerdings gar nicht haben, sind Wegweiser und Hinweisschilder, die diesen Namen wirklich verdienen. Ich halte die Liebste für eine sehr gute Landkartenleserin, die in 99 von 100 Fällen weiß, wo auf der Karte gerade sich der eigene Standpunkt befindet, auf Jersey allerdings kam es vor, dass wir uns wiederholt und rasant der Südküste näherten, obwohl uns die Liebste noch weit im Norden wähnte.
Ja gut, die Insel ist nur acht Kilometer breit und gute 15 Kilometer lang, da kann so etwas schon einmal passieren, trotzdem führte der manchmal urplötzlich vor uns auftauchende Strand zu diversen Aha-Erlebnissen und zur Notwendigkeit, sofort und auf der Stelle zu wenden.

Obwohl wir nur insgesamt eine Woche auf Jersey weilten, sind wir in insgesamt drei Hotels abgestiegen. Zwei aus der absoluten Luxuskategorie und eins aus dem eher unteren Preissegment. Das hatte damit zu tun, dass die Reise Teil eines Gemeinschaftsgeschenks unserer Freunde anlässlich eines nicht näher benannten, runden Geburtstags der Liebsten war und es den Schenkern gefallen hatte, uns bei den ersten Adressen dieser herrlichen Insel unterzubringen. Und weil fünf Tage für einen solchen Urlaub dann doch etwas kurz waren und der Flugpreis sich bei 7 Tagen rund um die Hälfte reduzierte, haben wir noch zwei Tage angehängt und übers Internet noch ein drittes Hotel gebucht, dem ein Par-3-Golfplatz angeschlossen war, der von Hotelbewohnern umsonst bespielt werden durfte.

Hotel Nr. 1, das Eulah Countryhouse, wirbt mit dem einfachen, aber trefflichen Slogan Quiet Luxury und hat uns im Nachhinein am besten gefallen. Es wird familiär geführt. Die Hotelbetreiber wohnen mit im Haus und die zahlreichen Aufenthalts- und Wohnräume können von den Gästen mitgenutzt werden.

Eulah Countryhouse

Ich will mich gar nicht in detailreichen Beschreibungen ergehen. Das Haus hatte einfach nur Stil, das Frühstück war reichhaltig, full english and very delicious, die Gastgeber unaufdringlich und sehr nett. Das einzige, was man den Betreibern dieses exklusiven Hauses ankreiden muss, ist, dass sie eine Deutschenfalle aufgebaut hatten, in die die Liebste natürlich sofort hineingetappt ist. Im Bad war nämlich ein uralter, goldgerahmter Spiegel schief aufgehängt, wohl wissend, dass nur Deutsche diesen wieder geraderücken würden.

Dinner wurde nicht angeboten, aber nachdem auf der Insel derzeit das sogenannte Tennerfest stattfand, sind wir, begleitet von einer frischen Meeresbrise, am Strand entlang in die Stadt gelaufen und haben The Goosen aufgesucht.
Dort wurde, wie in vielen anderen Restaurants für zehn Pfund (a tenner!!) ein dreigängiges Menü angeboten.
Bis wir allerdings in den Genuss dieses Menüs kamen, mussten noch zwei Schwierigkeiten überwunden werden.
Erstens, es gab erst ab 18:00 Uhr Dinner und es war erst 17:15 Uhr. Zweitens,  die in kombinierten Pub-Restaurants übliche Vorgehensweise beim Bestellen, war uns nicht, um nicht zu sagen überhaupt nicht bekannt. Zwar wussten wir von früheren Englandbesuchen, dass man im Barbereich sein Getränk an der Theke holt und auch gleich bar bezahlt, dann aber, wenn es ans Essen geht, in den Restaurantbereich zu wechseln und an einer völlig anderen Bar seine Menüwahl zu nennen und ebenfalls vorher zu bezahlen, ähnlich, wie beim unsäglichen Fastfoodkönig, das war uns nicht bekannt.
Als wir also reichlich betrunken beim x-ten Getränk sitzend – es musste wie erwähnt eine gute dreiviertel Stunde überbrückt werden – darauf warteten, endlich unser Essen bestellen zu dürfen, die Bedienung uns aber beflissentlich übersah, weil Bedienung in der Bar ein absolutes Novum ist und wir erst auf Nachfrage in den Restaurantbereich verwiesen wurden, wo wir dann wieder saßen, weil auch hier nur bedient wurde, wenn man vorher bezahlt hatte, als wir also erneut reichlich ratlos in der Gegend herum saßen, erbarmte sich endlich eine junge Bedienung, uns mit der ultimativen Bar- und Restaurantordnung auf der direkt der britischen Krone unterstellten Insel Jersey vertraut zu machen. Himmel, welch ein bürokratischer Akt.
Besagter Akt allerdings gereichte uns am nächsten Tag zum Vorteil, als wir in einer ähnlichen Kneipe ein zwar anderes, aber nach der gleichen Methode zu bestellendes Menü orderten und ohne große Umstände einfach so verspeisten.

Die Rundreise, die wir vor der Einnahme des unspektakulär bestellten Abendessens am nächsten Tag nach Vorschlägen aus einem einschlägigen Reiseführer unternahmen, führte uns tatsächlich um die gesamte Insel und beinhaltete so imposante Ziele, wie das “überdachte” Stonehenge von Jersey, La Hougue Bie und die prächtige, mit viel Liebe zum Detail restaurierte Festung Mont Orgueil Castle.

Das überdachte Stonehenge von Jersey: La Hugue Bie

Don Quichotte und sein Knappe auf Mont Orgueil Castle

Zwar wurden wir bei dieser Rundfahrt wieder Opfer der mehr als notdürftigen Beschilderung, doch Creamed Tea and Scones in einem Cafe am Strand, der wieder einmal urplötzlich vor uns aufgetaucht war, entschädigten für manche Irrungen im Inselinneren.

Am nächsten Tag stand Golf auf dem Plan. Weil ich keine eigene Ausrüstung dabei hatte und mir der Royal Jersey Golf Club mit über 60 Pfund Greenfee etwas zu teuer war, habe ich mich für den Les Mielles Golf and Country Club entschieden. Golfschläger habe ich mir für ein paar Pfund geliehen. Darauf, was ich mit diesen Schlägern dann allerdings an spielerischer Leistung abgeliefert habe, möchte ich lieber nicht näher eingehen. Grottengolf beschreibt es wohl am trefflichsten.

Golf in Les Mielles

Auf dem Weg zu unserem neuen Hotel haben wir zwei Zwischenstationen eingelegt. In einem alten Nazi-Bunker (ja, auch hier gibt es diese verfluchten Dinger), hat ein geschäftstüchtiger Fischer einen sogar in diversen Reiseführern erwähnten Krabben- und Lobsterverkauf etabliert. Der gute Mann war bereit, uns seine besten Stücke zu zeigen. Beeindruckend.

Ca. 40 Jahre alter Lobster

Station Nr. 2 war der Leuchtturm von Jersey. Als wir ankamen, war gerade Flut und der Fußweg noch nicht benutzbar. Nach einem Drink im nahegelegenen Restaurant aber legte die Ebbe einen imposanten Weg frei, der uns trockenen Fußes direkt zum Leuchtturm führte.

Der Leuchtturm von Jersey

Am Nachmittag sind wir dann ins erste Haus am Platz, ins Longueville Manor Hotel eingezogen. Eine junge Frau an der Rezeption begrüßte uns überschwänglich, machte uns im verständlichsten Englisch mit allen Einzelheiten eines Fünfsternehotels vertraut, um dann, als sie uns Zimmer, Park, Restaurant, Fernseher, Shortbread, Tea- und Roomservice ausführlichst gezeigt und erklärt hatte, damit herauszurücken, dass sie Deutsche ist und wir uns für den Rest unseres Aufenthalts deutsch mit ihr unterhalten konnten. Warum sie dies nicht gleich von Anfang an gemacht hatte, erschloss sich mir nicht auf Anhieb.

Die Liebste im Longueville Manor Hotel zu Jersey

Die Liebste steht auf solche sündhaft teuren Schuppen, die sie wegen der Frotteepantoffeln, die auf dem Zimmer zur Verfügung stehen, liebevoll Schläppchenhotels nennt. Ich hingegen kann mit solchen Hotels ehrlich gesagt nicht viel anfangen. Mir ist das alles eine Spur zu überkandidelt, von den Zimmerpreisen einmal ganz abgesehen. Aber einem geschenkten Hotel schaut man nicht auf’s Schläppchen und so verbrachten wir zwei gediegene, englische Landhaustage, ließen uns beim Frühstück vom Ober die Serviette auf den Schoß werfen und schnitzten am luftgetrockneten Schweinebein herum, bis uns ein aufgeregt gestikulierender Ober mit den Worten verscheuchte Please, let me help you.

Trophäen aus dem Fünfsternehotel

Das Wetter war übrigens während unseres gesamten Urlaubs relativ schön, was allerdings bewirkte, dass wir gar nicht rechtschaffen unser kostspieliges Hotelzimmer ausnutzen konnten. Stattdessen besuchten wir den von Gerald Malcolm Durrell im Jahre 1959 gegründeten Zoo, in dem hauptsächlich vom Aussterben bedrohte Tierarten leben. Vor allem die Erdmännchen und Katta Lemuren hatten es uns angetan. In beiden Fällen hatten wir den Eindruck, dass nicht sie die Insassen des Zoos waren, sondern wir, die Besucher.

Erdmännchen unter sich

Lemuren beim Lunch

Nach dem Auszug aus dem Schläppchenhotel haben wir Elizabeth Castle besucht. Bei Ebbe ist diese vorgelagerte Insel zu Fuß zu erreichen, weil an diesem Tag aber Flut herrschte, mussten wir mit Charming Betty, einem Amphibienfahrzeug fahren bzw. schwimmen. Wie das aussieht, hat ein gewisser Simon Reed festgehalten.
Hier sein Youtube-Video:

Die beiden letzten Tage verbrachten wir im Wheatlands Hotel mit angeschlossenem Par3-Golfplatz. Das ist ein lustiges, kleines Hotel, so recht nach meinem Geschmack. Es gab ein kleines Restaurant mit bezahlbaren und schmackhaften Speisen. Natürlich musste ich einmal Fish & Chips essen und das an der Bar ausgeschenkte John Smith Extra Smooth schmeckte nach 18 gespielten Par3-Löchern ganz fantastisch. Der Golfplatz ist übrigens, trotzdem es nur Par3-Bahnen gibt, gar nicht so ohne. Kein geringerer als der berühmte walisische Golfspieler und Whiskeytrinker Ian Woosnam soll am Bau dieses kleinen, aber feinen Platzes mitgewirkt haben.

Großes Golf und lange Schatten in Wheatlands

An unserem letzten Urlaubstag besuchten wir das Country Life Museum Hamptonne. Dort war gerade ein fröhliches Hoffest im Gange. Es wurde Brot gebacken, in einer historischen Küche Fleisch mit Zwiebeln gebraten, furchtbar sauerer Cider ausgeschenkt, ein Kürbisrisotto gekocht, die Vogelhochzeit auf englisch gesungen, es wurden Gedichte in der inseleigenen Sprache Jèrriais vorgetragen und Vorträge über Apfel- und Kartoffelanbau gehalten. Es herrschte eine ganz eigene, wunderbare Stimmung an diesem Nachmittag. Fröhliche, entspannte Sonntag-Nachmittag-Menschen.

Historische Küche in Hamptonne

Als wir schließlich zurück zum Hotel gefahren sind, um die Koffer zu packen, weil es tags drauf wieder nach Hause gehen sollte, erinnerte ich mich das eine ums andere Mal an diese federleichte Country Life Stimmung und dachte so bei mir: Doch, doch, Lummerland Jersey wird noch lange in unseren Herzen wohnen.
Um den Mietwagen allerdings, um den werde ich wohl noch lange trauern.

Mietwagen auf Jersey - Jaguar E-Type


Gelb

07.10.2010

Wenn man wie wir nicht die allerneuesten Autos fährt, empfiehlt es sich, Mitglied beim Allgemeinen Deutschen Automobilclub zu sein. Der hat so schöne, gelbe Servicemobile und kommt sofort, wenn die alte Möhre liegenbleibt, hilft dann mit Kurzdiagnose oder Kleinstreparatur und wenn nichts mehr geht, wird abgeschleppt. Außerdem gibt’s jeden Monat eine bunte Zeitschrift mit Autotests, Politikerbeschimpfungen (so sie sich für Geschwindigkeitsbeschränkungen stark machen), Anzeigen für obskure Weiterbildungsmaßnahmen, Wendeltreppenlifte und Saunas. Und wenn man mal verreisen will, kann man sich ein Reise-Infopaket schnüren lassen, mit grobschlächtigen Landkarten und Informationsmaterial, das Binsenweisheiten enthält.

Nächste Woche fliegen die Liebste und ich für einen Kurzurlaub auf die Kanalinsel Jersey. Nein, nicht um Geld zu verstecken, sonst würden wir ja keine alten Autos fahren, sondern weil die Liebste da schon immer einmal hin wollte und ihr dieser Wunsch anlässlich ihres runden Geburtstages, den sie Mitte August gefeiert hat, in Form diverser Reisegutscheine und Hotelreservierungen erfüllt wurde.

Besagtes Infopaket ist inzwischen angekommen, hat aber nicht viel gebracht, weil die Kanalinseln im Einzelnen und Jersey im Besonderen nur am Rande Erwähnung finden. Allerdings hat der ADAC in einem Anflug googleschen Größenwahns eine interaktive Landkarte per E-Mail geschickt. Klickt ruhig mal drauf, macht echt Laune, die putzige Insel zu erkunden.

ADAC Maps - Jersey

Wenn jetzt noch die in einem Anflug kachelmannschen Größenwahns mitgelieferten Wettervorhersagen  stimmen, die besagen, dass es die gesamte nächste Woche halbwegs schönes Wetter geben soll, bin ich rundum zufrieden.


Vier Bock, vier Ramsch

27.09.2010

Baustelle hinter dem Elbtunnel. Verengung auf eine Spur. Wir sitzen schon fünf Stunden im Auto. Die Navi-Else rät zu keiner Umleitung, aber wir verlieren die Nerven und quälen uns durch die Vororte von Hamburg. Das war keine gute Idee, überhaupt keine gute Idee. In Quickborn wollen wir wieder auf die Autobahn. Hier soll der Stau endlich vorbei sein. Vorher kaufen wir in einem Supermarkt noch sämtliche Fünfliterfässer Bier auf. Das Ziel, der Ringköbing-Fjord in Dänemark ist noch weit. Am Ende brauchen wir nicht sieben, sondern über elf Stunden für eine Strecke von etwa 750 Kilometern. Als wir ankommen, ist es schon dunkel und zu spät, das Meer zu begrüßen.

Herrenpartie mit Hans, Hardy und Micha. Das war früher einmal eine illustre Skatrunde. Weil aber der vierte Mann keine Lust mehr auf Herrenpartie hatte, ist er aus- und ich eingestiegen. Micha und Hardy kenne ich schon lange. Hans noch nicht. Na, wird schon klappen.
Nach der langen Fahrt schmeckt das lauwarme Bier so gut, dass uns am nächsten Tag ordentlich der Schädel brummt.

Leergut (anonymisiert)

Nach dem Frühstück rückt erst einmal der unvermeidliche Kloak-Service an, weil natürlich die Abwasserleitungen verstopft sind. Das ist so in Dänemark. Der Wagen kommt schnell, der Mann mit dem unappetitlichen Job öffnet die Sickergrube, schickt einen Raketenschlauch auf die Reise und im Nu senkt sich der Grundwasserspiegel in Klo und Spüle. Und weil Sonntag ist und die Aktion nicht länger als zehn Minuten dauert, bekommt Mr. Kloak von Micha eine Flasche Wein geschenkt.

Sonntagsdienst in Dänemark

Dann Köpfe auslüften am Strand. Die Gegend hier am Fjord ist ja wirklich herzallerliebst, mit den kleinen, in den Dünen versteckten Häusern, viele aus Holz, viele reetgedeckt. Aber was wirklich furchtbar, ganz furchtbar ist, sind die vielen Bunker, die hier immer noch herumstehen und die Landschaft verschandeln. Atlantikwall nannte sich dieser Nazi-Wahnwitz. Eine fast 2700 Kilometer lange Linie befestigter Stellungen entlang der Küsten des Atlantiks, des Ärmelkanals und der Nordsee. Allerfeinstes Adolf-Erbe.

Nazi-Erbe am Dänenstrand: Bunker

Am Nachmittag kommt die Sonne raus. Micha und ich spielen neun Loch auf dem neuen Kurs im Golfclub Holmsland Klit. Weil wenig Wind weht, spiele ich recht gut. Eine Regelfrage beschäftigt uns noch den ganzen Abend. Darf der Ball im seitlichen Wasser zwecks Identifizierung aufgehoben werden oder nicht?  Zu meiner Zeit (Gott, wie das klingt) durfte man das nicht. Im Jahre 2008 wurde die Regel allerdings geändert. Ach herrje, ich werde alt.
Als wir in die Hütte kommen, hat Hardy bereits gekocht. Das ist Leben!

Asiatisches Hühnerbein mit aufgelaufener Nudel

Der nächste Tag ist verregnet. Museums- und Aquariumsbesuch in Hvide Sande. Danach wird die Sauna mit Fichtennadel-Aufguss bedampft und nach dem Essen werde ich, der normalerweise nur schafkopfende Franke, in die Kunst des Skatspiels eingeweiht, nachdem ich am Abend vorher kläglichst beim Trivial Persuit versagt hatte.
Vier Bock, vier Ramsch sind die Spiele des Abends, weil schon mal das eine ums andere Kontra verloren wird.
Erst am Folgefolgetag, als ich auf Anraten von Hans etwas von meinem Anfänger-Hasardeurspiel abrücke, werde ich Zweiter hinter Michael. Wie übrigens auch beim Golf, bemerkt dieser hämisch grinsend. In den letzten Monaten ist er bedenklich nahe an mein Handicap gerückt und ich habe seither kaum noch eine Chance gegen ihn.
Erst zieht man sie groß, dann werden sie frech. Undank ist der Mühe Lohn.

Hans, der noch nie einen Golfschläger in der Hand hatte, muss natürlich auch mal ran. Es gibt einen Sechs Loch Kurzplatz. Micha und ich versuchen unser möglichstes, Hans vom Unterschichtensport Fußball hin zum Boomsport Golf zu bewegen, zumal er als eingefleischter Schalke-Fan derzeit sowieso kein leichtes Sportler- und Fanleben hat. Aber nach sechs Loch mit uns und weiteren sechs mit Hardy ist er weiterhin der Meinung, lieber sollten sich 22 Mann um einen Ball streiten, als jedem seinen eigenen zu geben.

Viele Trainer verderben den Golfer

Fast hätten wir unsere mitgebrachten Fahrräder vergessen, die achtlos in einem kleinen Nebengebäude stehen. Aber weil sich die Herren Raucher bei Regen in ebenjene Nebenhütte verdrücken, rufen sich die Räder ab und zu in Erinnerung. Eine kleine Tour zum nahe gelegenen Leuchtturm sorgt am nächsten Tag auf dem Hinweg ob des Gegenwinds und der geschlossenen Leichtturmkneipe für Unbill. Der Heimweg allerdings fährt sich mit Rückenwind in fast der Hälfte der Zeit.

Der Leuchtturm von Lyngvig (Jütland)

Am Abend befreien Hardy und Micha digital Afghanistan von den Taliban und im nahe gelegenen Sondervig haben Künstler beim Sandskulpturfestival vollkommen analog ihre Geschichte vom Bau der Pyramiden “verewigt”.

Sandskulptur: Karavane, Hieroglyphen und Windräder

Zehn klassische Fragen in der Sandskulpturenbranche

In einer weiteren, ebenfalls analogen Golfrunde verliere ich noch einmal gegen Micha. Wieder mit zwei Schlägen Unterschied. Wieder ist es der Wind, der uns im Allgemeinen und mir im Besonderen zu schaffen macht. Nach dieser Runde sitze ich reichlich verstockt in der Sauna und lasse niemanden in den Whirlpool.

Der letzte Abend gehört erneut dem Kartenspiel. Wegen zu vieler Böcke und zu vieler Rämsche diesmal nicht Skat, sondern ein lange nicht gespieltes, feines Spiel mit nur drei Karten. Einunddreißig oder Schwimmen heißt das alte Zockerspiel, das an alte Studententage erinnert und damals Schnauz hieß.

Und schon ist es wieder Samstag. Abschiedsspaziergang zum Meer in der Hoffnung, dass sich demnächst mal jemand erbarmt, diese verfluchten Bunker abzureißen, wegzusprengen oder auf den Mond zu schießen. Das Meer ist wild und grüßt heftig.
Die Heimfahrt verläuft ohne Stau. In der Gegenrichtung stehen sie bei Hamburg vor und hinter und im Elbtunnel.
Ach ja: Axel ist offiziell in den Herrenpartie-Kreis aufgenommen. In zwei Jahren geht’s entweder nach Schottland oder nach Irland. Bericht folgt!

Abendsonne vor Ferienhaus nach Golfrunde vor Saunagang


All my bags are packed …

17.09.2010

… I’m ready to go.

Reisebereit

Nächste Woche könnte hier bei AxeAge etwas Funkstille herrschen, ihr dürft mich nämlich zusammen mit drei Kumpeln bei den Dänen wähnen.
Das Alternativ- und Analogprogramm sieht vor: Golf -, Badminton -, Karten -, Gitarre spielen, Rad fahren, Bier trinken, Drachen steigen, im Sand wälzen, im Meer plantschen, datteln, lesen, grillen, kochen … was Jungs halt gerne so machen.

Für alle Daheimgebliebenen aus der Nürnberger Gegend gilt morgen das hier – gell!


Wochenend’ und Sonnenschein

26.07.2010

Da herrscht wochenlang Hitze bis zum Umfallen, aber wenn sich die Liebste und ich ein Mal auf’s Motorrad schwingen wollen, um zwei Tage durch’s Erzgebirge zu cruisen, dann regnet’s wie aus Eimern.
Freitag Stützpunktanreise zu unseren Freunden ins schöne Fichtelgebirge, aber vor dem Abendessen – eigentlich war Grillen im Garten geplant – hat der Herrgott erst einmal eine Regenwand aufgestellt, die sich – also uns – gewaschen hatte.

Durchnässt

Ehrlich, ich bin selten mit dem Auto durch einen solchen Regen gefahren, geschweige denn mit dem Moped. Teilweise ohne jede Sicht und um 18:00 Uhr (im Juli !!!!) bei stockfinsterer Nacht. Wir waren so durchnässt, wir hätten unsere Klamotten bis zum nächsten Tag gar nicht trocken bekommen.

Schuhtrocknung

Zum Glück schüttet es die ganze Nacht und so dürfen wir am nächsten Tag zu viert mit dem Auto ins Vogtland fahren, wo das Patenkind unserer Freunde nebst Freund wohnt. Der ist ein begnadeter Harfenspieler und studiert im malerischen Marktneukirchen an der dortigen Hochschule Instrumentenbau. Schöne Gelegenheit, mal das Gitarrenmuseum der Firma Framus zu besuchen. Wollte ich schon lange einmal tun, nachdem ich vor Jahren eine kleine Jazzgitarre dieser Firma gekauft hatte, die auf Monat und Jahr genau so alt ist, wie ich.

Hat Spaß gemacht, dem jungen Mann beim Harfe spielen zuzuhören, vor allem zuzusehen und die alten Gitarren im Museum zu bestaunen. Jahrzehnte lang hatte die Firma Framus gleich hier in unserer Nachbarschaft, im fränkischen Bubenreuth ihre Produktionsstätten und von dort aus die Welt mit Gitarren beliefert.

Stromgitarren aus alten Tagen

Im oberen Stockwerk des Museums darf man moderne Stromgitarren aus aktueller Produktion antesten. Weil an dem fetten Nussbaum-Amp allerdings nur eine Gitarre eingestöpselt werden kann und sich ein junger Nachwuchs-Hendrix die schönste Klampfe, ganz in weiß geschnappt hat, muss ich Bass spielen. So ergibt sich eine nette, kleine Museums-Session, während draußen der Regen langsam nachlässt.

Museums-Session bei Framus

Am Nachmittag besuchen wir ein ein historisches Sägewerk. Ursprünglich von einer Dampfmaschine betrieben, sind hier bis in die 90er Jahre des letzten Jahrhunderts über zahlreiche Rollen und Lederriemen, die von einer aufwändig konstruierten Transmission gesteuert wurden, diverse Sägen, Hobel- und Schleifmaschinen betrieben worden, von denen heute noch vier hintereinandergeschaltete Sägen aktiv sind, die den Produktionsgang veranschaulichen, wie aus einem meterdicken Baumstamm millimeterdünnes Instrumentenfurnier entsteht.

Historische Sägewerktransmission

Im Anschluss Kaffee und Kuchen im Restaurant Heiterer Blick auf dem Hausberg von Marktneukirchen, wo endlich eine sich mir seit langem gestellte Frage beantwortet wird: was ist eigentlich aus dem schnellen Raumkreuzer Orion geworden?

Die letzte Ruhestätte des schnellen Raumkreuzers Orion: eine Ausflugsgaststätte im Vogtland

Am Sonntag dann endlich Moped fahren. Der Regen ist vorbei, die Sonne kommt raus. Ab ins Kurvenreich. Freund Erwin hat eine schöne Route über Thüringen, die Saale-Stauseen, den Frankenwald, das Coburger Land, die fränkische Schweiz und Nordbayerns größtem Motorradtreff – Kathi Bräu – ausgearbeitet.
Dort hat die Firma Yamaha zum Antesten der neuesten Motorradmodelle eingeladen. Entsprechend voll ist’s. Mopeds, soweit das Auge reicht. Die Liebste meint, würden Außerirdische hier, also bei der Kathi an einem Wochenende landen, bekämen sie einen völlig falschen Eindruck von der Menschheit.

Wir quetschen uns an einen Tische zu zwei Bunten, Gebückten (das sind Mopedfahrer, deren Rennanzug in der Farbe ihrer Stummellenkermaschinen, meist in grellen Grün-, Rot- oder Gelbtönen gehalten sind). Wir bestellen Kaffee und Kniekiechla. Als die Bunten, Gebückten abrücken, nimmt ein Mann mit hübscher Asiatin und zwei Rottweilern an unserem Tisch Platz. Er ist offenbar der Witzbold unter den Hundezüchtern, denn er geruht zu bemerken, dass die Hunde keine Motorradfahrer leiden können. Wenn ich meines Lebens überdrüssig wäre, oder etwas Action erleben möchte, sagt er zu mir und lässt eine fiese Lache hören, dann solle ich ruhig mal den Helm aufsetzen, ich würde schon sehen, was dann passiert; er sei nur hier, um die Hunde zu konditionieren. Wir lachen gequält, zahlen und gehen, ohne in unmittelbarer Nähe der Köter die Helme aufzusetzen. Blödmann!

Schließlich noch ein Rundgang durch die vielen, vielen Mopeds. Ein paar Fachgespräche, ein paar Liebäugeleien, ein paar Fotos. Dann trennen sich die Wege. Unsere Freunde fahren zurück ins Fichtelgebirge, wir auf ein paar Umwegen nach Hause. Schön war’s, machen wir demnächst wieder. Hoffentlich dann ohne Einführungsdusche.

Yamaha - old fashioned and twin stroked


Bundeshauptberlin

03.07.2010

Ist natürlich immer eine Reise wert.  Immer. Vor allem, wenn ein so einschneidendes Ereigniss wie eine Bundespräsidentenwahl ins Haus steht und man Freunde hat, die einen Backstage in die Zentrale der Macht lassen und man sich gerade dann, wenn Bundestagspräsi Lammert eine geschliffene Rede hält und keine Möglichkeit auslässt, Spitzen gegen Vorgänger Köhler zu verteilen, im Parteibüro einer Bundestagsabgeordneten befindet, wo die Luft brennt und alle hoffen, dass es nur einen Wahlgang geben wird. Hoffentlich nur einen Wahlgang. Bitte nicht zwei, oder gar drei.
Tja, es waren dann doch drei und alles hat sich bis in den Abend hingezogen. Und die doooooofen Linken haben sich blamiert und Wulf hat eine braaaaaave Rede gehalten, braver Wulff, Platz. Und die dicken Kabelstränge der Fernsehsender rund um den Bundestag wurden wieder eingerollt und die Wagen mit den Antennen und Satellitenschüsseln auf’m Dach sind weggefahren und die dicken Limousinen, mit den Blaulichtern drauf und den Chauffeuren vorne und den Politikern hinten drin, auch.

Jürgen T. kommentiert die Wulffwahl(en)

Erschöpft trifft man sich am Abend in der Wohnung in Charlottenburg und trinkt ein Bier und wartet auf das Wahlergebnis. Na also, diesmal doch absolute Mehrheit. Welch ein spinnertes Spektakel wegen eines Amts, das kein Mensch braucht.

Egal, es gab noch andere Dinge. Zum Beispiel eine herrliche Kunstaustellung von Olafur Eliasson im Martin-Gropius-Bau. Kunst für Entdecker, mit viel Lichtinstallationen, einem irritierenden Video von einem Lieferwagen, der mit einer verspiegelten Seitenfront durch Berlin fährt und dabei von einem Kamerateam begleitet wird, einem Nebelraum, der unterschiedlich illuminiert, wie von Geisterhand Menschen auftauchen, die sich auch im Raum befinden und sofort wieder verschwinden lässt, oder einem schwarzen, völlig verdunkelten Raum, in dem an der Decke ein silberner Gartenschlauch hängt, aus dem Wasser tropft und zusammen mit einem weißen Stroposkoplicht den Anschein erweckt, es würden permanent Blitze aus der Decke herniedergeh’n.
Digitale Kunst mit analogen Mitteln. Sehr empfehlenswert!

Lichtkunst selbstgemacht mit Lampen von Olafur Eliasson

Ein Haus weiter die Topographie des Terrors auf dem ehemaligen Gelände der Gestapo. Eine wichtige, eine gute Ausstellung, die von vielen Jugendgruppen besucht und das Gezeigte (Fotos, Originaldokumente, Texte) kompentent von diversen Fremdenführern in unterschiedlichen Sprachen vermittelt und erläutert wird.
Zugegeben, eine solche Ausstellung zieht einen im ersten Moment schon etwas herunter und die Vorstellung, dass diese Ereignisse noch keine achtzig Jahre zurückliegen, stimmt mich immer besonders nachdenklich, trotz- oder gerade deshalb darf man sich nach einer solchen Ausstellung über ein sonnenbeschienes, weltoffenes Berlin freuen, ohne Mauer mittendurch, ohne schwarze Ledermäntel, ohne Militärstiefel, ohne Hakenkreuzfahnen und ohne Männer mit albernen Schurrbärten.
Übrigens, das Stelenfeld, Denk- und Mahnmal für die ermordeten Juden Europas, habe ich zusammen mit der Liebsten zum ersten Mal bewusst durchschritten. Beeindruckend! Außerdem hatte die Liebste zu dieser kontrovers diskutierten Installation im Zusammenhang mit Deutung und Sinn folgende, wie ich finde, gute Interpretation: Die Stelen am Rand sind niedrig und laden ein ums andere Mal dazu ein, sich darauf niederzulassen, sich darauf auszuruhen. Dann, je weiter man ins Innere des Mahnmals vordringt, werden sie immer höher und wachsen einem schließlich über den Kopf. Kalkül der Nazis, das zum Entsetzen aller mehr als zehn Jahre lang aufgegangen ist.

Im Tierpark am nächsten Tag Hitze, Hitze, Hitze. Die Elefanten bewerfen sich mit Staub, die Geier liegen mit ausgestreckten Flügeln im Schatten am Boden, ein Jaguar nimmt ein Bad und fängt derwischgleich seine Schwanzspitze, die Hyänen gähnen, die Liebste probiert Fassbrause und findet sie scheußlich.

Schwitzende Geier - am Boden zerstört

Am Abend Besuch bei der Cousine. Die hat ein neues, wunderschönes Fotostudio am Prenzlauer Berg. Ihre beiden Jungs, drei und fünf Jahre alt, sind außer Rand und Band. Erst, als ich mir einzeln jedes der gefühlten sechstausend Spielzeugautos bringen lasse und zu jedem erkläre, um welches Modell es sich handelt und wie hoch die Höchstgeschwindigkeit ist, kehrt so etwas ähnliches wie Ruhe ein und die beiden Wildfänge spielen Einparken und Autoschlage, sortenrein getrennt nach Feuerwehr, Krankenwagen, Traktor, Rennwagen, Bus, Hubschrauber.

Am letzten Tag: Wulffwahl und Neue Nationalgalerie: Moderne Zeiten. Die Sammlung. 1900 – 1945.
Eine wunderbare Ausstellung mit Werken unter anderem von Kirchner, Beckmann, Grosz und Dix und der Möglichkeit, sich über die zum Teil berühmten Bilder den Kontext zu Geschichte und Politik aus jener Zeit zu erschließen. Außerdem konnte man an diesem heißen Hochsommertag wirklich nichts besseres tun, als ein klimatisiertes Museum zu besuchen.
Dann ist es auch schon Abend. Herrliche Berliner Luft, nachdem die Sonne untergegangen ist. Die Stimmen vom dritten Präsidentenwahlgang sind noch nicht ausgezählt. Wir essen bei einem Asiaten in Kreuzberg. Leider waren die Vorspeisen korianderverseucht. Ich kann dieses Kraut einfach nicht essen! Die Liebste hat deshalb zwei Vorspeisen und ein Hauptgericht verspeist und war danach ordentlich gesättigt.

Hauptstadtgesättigt sind wir tags drauf wieder in die fränkische Provinz zurückgefahren. Schön war’s – wie immer. Wir kommen wieder!


Wenne Mittwochs überlebs, is Donnerstachs

08.06.2010

Ruhrpott über Fronleichnam. War mal angesagt, weil ja Ruhr 2010. Viereinhalb Stündchen, dann war’n wir auch schon vor Ort. Herten, Westfalen in dem Fall. Übernachtung bei Michael und Babs. Freund Günter pennt bei Hartmut in der neuen Wohnung. Hartmut zieht öfter mal um. Ist irgendwie ein Hobby von ihm.
Nach der Ankunft erstmal Käffchen und Kuchen und ein paar Golfschläge im neu angelegten Garten ins Trampolin der Kinder. Die beschweren sich und nehmen Michael und mir die Golfschläger weg. Die wollen springen, bei dem schönen Wetter. Golf ist doof.

Weil bis zum Abendessen und bis zum Spargel noch Zeit ist, kleiner Ausflug auf die Halde Hoheward. Die entstand aus den Abraumschüttungen der Zechen Recklinghausen II, Ewald und General Blumenthal/Haard und ist über die Jahre ganz schön hoch geworden. Obendrauf hab’n die da so ein Ding aus Stahl gebaut. Nennt sich Horizontobservatorium, hatte aber Schweißfehler und musste gestützt werden. Deutsche Wertarbeit. Hart, wie Kruppstahl. Das war früher mal, sieht aber trotzdem imposant aus. Ansonsten viel Schauinsland und Ruhrpott, soweit das Auge reicht.
Entspannter Abendspaziergang mit Grüppchenbildung und viel Fingerzeig in alle Himmelsrichtungen.

Horizontobservatorium auf der Halde Hoheward

Auf dem Heimweg halten wir noch einmal auf dem Gelände der ehemaligen Zeche Ewald.  Das ist jetzt Weltkulturerbe mit Travestieshow und Kochstudio. Zwei Busenwunder lassen sich in knapp sitzender Wäsche vor einem stählernen Stützpfeiler ablichten. Was der zottelige, alte Fotograf denen erzählt hat, wissen wir nicht, könnte aber stark in die Richtung geh’n: Ich bring Euch ganz groß raus, Mädels.

Industriekultur

Zum Abendessen Schnitzel, Kartoffeln und lecker Spargel mit Buttersoße. Bier dabei – ist klar.

Am nächsten Tag Industriekultur zweiter Teil: Zeche Zollverein mit Kokerei. Das Museum ist eine wilde Mischung aus Archäologie, Bergmannromantik, technischem Gigantismus und Zeitgeist. Kurz vor’m Ausgang sprechen aus kleinen Videoboxen Herbert Knebel, Helge Schneider, Alfred Tetzlaff und Adolf Tegtmeier. Ruhrpottoriginale, die ebenso dazu gehören, wie Förderturm und Glück auf.
Eigentlich wäre noch das Museum Folkwang vorgesehen gewesen, wird aber mangels Zeit auf morgen verschoben. Stattdessen noch die Kokerei. Führung is nich, weil schon ausgebucht. Aber das riesige Gelände mit all den verrosteten Röhren und Streben von außen zu sehen, ist auch äußerst eindrucksvoll.

Zeche Zollverein - Kokerei

Auf der Heimfahrt halten wir im Fleisch-Outlet bei Herta. Morgen soll gegrillt werden.

Am Abend dann noch Easy Listening Blues mit dem sympathischen Paul Millns und seiner Band. Glashaus nennt sich der Veranstaltungsort und besticht durch viel Grünzeug, Licht und gute Akustik. Wenn nicht musiziert wird, wird hier gelesen und verliehen. Ist nämlich die Stadtbibliothek.
Paul Millns ist ein großartiger Conferencier und Musiker. Zu jedem Song weiß er eine kleine Anekdote. Tony Blair scheint er nicht sehr zu mögen. Mehrfach verhöhnt er ihn in seinen Ansagen.
Dann, wenn Mr. Millns nicht Mr. Blair verspottet, singt und spielt er ganz hervorragend Klavier. Seine Mitmusiker bedienen Bass, Schlagzeug, Gitarre und Bluesharp. Es ist eine Freude, ihnen dabei zuzusehen. Alle zusammen krönen einen schönen Tag mit Freunden.

Paul Millns und Band

Das Museum Folkwang muss am nächsten Tag dann aber doch ohne mich auskommen. Das Wetter ist zu schön. Außerdem habe ich mit Michael noch eine alte Golfrechnung offen. Pfingsten hat er auf dem Golfplatz Fahrenbach im schönen Fichtelgebirge mit einem Punkt Unterschied gewonnen. Diesmal wird die Golfanlage Castrop-Rauxel unsere Arena. Neutraler Boden, wenn man so will, weil auch Michael noch nie hier gespielt hat. Eine 27-Loch-Anlage mit einem A-, einem B- und einem C-Kurs.  Wir entscheiden uns für A und C, weil das der imposanteste und schwerste sein soll. Stimmt auch. Die Runde endet spektakulär mit einem Birdie von mir an Loch C9. Sieg mit sechs Punkten Unterschied – das ist die Hauptsache.

Am Abend treffen wir uns alle wieder bei Michael und Babs auf der Terrasse. Hardy, Günter und die Liebste sind erfüllt von musealem Kunstgenuss. Babs und die Kids waren auf der Fußballbildertauschbörse in Oberhausen und kleben stolz ihre getauschten und/oder erkauften Schätze ins WM-Album. Der Rest muss noch mehrfach die Geschichte zum legendären Birdie an Loch C9 von mir erdulden. Es wird gegrillt.

Irgendwann will Hardy Fotos aus alten Tagen sehen. Am besten aus der Zeit, als wir uns kennengelernt haben. Das ist jetzt immerhin schon beinahe 25 Jahre her. Micha schleppt eine Kiste an und verbreitet zwei Stunden lang Nostalgie. Bier dabei – ist klar. Die Nacht wird lang. Nicht für Günter, der hat sich den Magen verdorben. Nudeldicke Dirn hieß vielsagend das Maultaschengericht, das er nach dem Museumsbesuch verspeist hatte und das ihn fast zum Platzen bringt. Und weil er seinen ermatten Körper auf meine Schlafstatt gebettet hat, schlafen die Liebste und ich auf der Couch im Wohnzimmer.

Am nächsten Morgen nach dem Frühstück, Terrassenrelax und Augenpflege und Taschen packen und jede Menge Kamillentee für Günter. Hardys Mama hat uns zum Mittagessen eingeladen. Wir kommen etwas spät, weil sich die Liebste und Babs auf dem Weg zum Spargelmuseum (Sachen gibt’s) verquatscht haben und weil das NAVI die Straße nicht findet, in der Hardys Mama wohnt. Akademische Viertelstunde – immerhin haben wir alle studiert.

Es gibt Krustenbraten mit Kartoffeln und Rotkohl mit Apfelmus und hinterher einen Mandelpudding mit Erdbeeren. Es schmeckt köstlich, doch Günter möchte nur ein Glas Wasser und ein paar Erdbeeren. Wir ziehen ihn ob seiner Unpässlichkeit ein wenig auf. Auch Hardys Mama startet einen kleinen Seitenhieb und fragt, ob Günter einen Kaffee möchte oder vielleicht doch etwas Pudding. Als er ablehnt, kichert sie verstohlen. In der Scheibe ihres Wohnzimmerschranks klemmt eine Karte mit einem Sinnspruch von den Missfits:
Wenne Mittwochs überlebs, is Donnerstachs.
Günter hat noch nicht so hoch gesteckte Ziele. Er hofft erstmal, den Sonntach halbwegs zu übersteh’n.

Dann Verabschiedung und Versprechen, sich baldigst wiederzusehen. Nach knapp fünf Stunden Autofahrt ohne besondere Vorkommnisse kommen wir via Sauerlandlinie gegen 19:30 Uhr zu Hause an.
Ruhrpott über Fronleichnam: schön war’s. Aber ich bin schon froh, die nächsten Tage kein Bier trinken zu müssen.

Stillleben nicht aus dem Museum Folkwang


Zwischen den Eiszeiten

06.10.2009

Irgendwie verschlägt es mich seit Neuestem ein mal im Jahr ins Chiemgau. Letztes Jahr anlässlich des Geburtstags eines guten Freundes, dieses Jahr, genauer gesagt am vergangenen Wochenende, Firmenausflug auf den Wendelstein und an den Chiemsee.
Auf dem Plan stand unter anderem eine Erlebnisbootsfahrt, von der ich zunächst dachte, wir würden uns nach langer Hüttennacht auf einem gediegenen Ausflugsdampfer auf ein Nickerchen in die Sonne fläzen und danach ein gepflegtes Bierchen schlürfen.
Als aber dann eine Barkasse anlegte, die mit einem Ausflugsdampfer so viel zu tun hatte, wie unser Wohnzimmer mit der Luxus-Suite des Hotels Adlon und ich darüber hinaus noch vernehmen musste, dass die Bootsfahrt auf dem schönen Chiemsee rund drei Stunden dauern würde und es außer Seewasser nichts zu trinken gäbe, wurde ich etwas skeptisch und habe kurz darüber nachgedacht, den Nachmittag stattdessen auf einem der am Ufer aufgestellten Liegestühle zu verbringen.

Ich bin aber dann doch mit auf’s Schiff und muss zugeben, ich habe es nicht bereut. Im Gegenteil, es war eine hochinformative und trotz dreistündiger Dauer eine äußerst kurzweilige Expedition, die mich vor allem deshalb beeindruckt hat, weil größere Zusammenhänge in der Natur am Beispiel des Ökosystems eines Sees deutlich wurden, die mir so noch nie jemand nahe gebracht hat.

Am augenscheinlichsten werden die Dimensionen, die Ökosysteme im allgemeinen und die eines Sees im besonderen bieten, wenn man ein paar Zahlen nennt. Um beispielsweise ein Kilogramm Fisch zu erzeugen, braucht man zehn Kilogramm tierisches Plankton, für gewöhnlich sind das Wasserflöhe und Konsorten und die wiederum benötigen einhundert Kilogramm pflanzliches Plankton, also Algen.
Nun werden im Chiemsee pro Jahr ca. 7.000 Kilogramm Fisch gefangen, was bedeutet, dass im See ca. 70 Tonnen Wasserflöhe und 700 Tonnen Algen herumtümpeln. Und damit der biologisch wenig gebildete Tourist, wie auch ich einer bin, sich in etwa vorstellen kann, welch wahnsinnige Dimensionen ein gemeiner Wasserfloh hat, haben wir mit speziellen Planktonnetzen ein paar hundert Tiere gefangen, die alle zusammen in einem Wassertropfen Platz fanden und sie unter dem Mikroskop betrachtet. Es reifte die Erkenntnis, dass da schon ein paar Milliarden Tierchen zusammenkommen müssen, um zum Schluss 70 Tonnen auf die Waage zu bringen.

Volkszählung bei den Wasserflöhen

Volkszählung bei den Wasserflöhen

Aus diesen Grundinformationen kann man sich dann auch sehr gut vorstellen, was geschieht, wenn zu wenig Algen oder, wie schon geschehen, zu viel Algen im See sind. Vor Jahrzehnten entstand aufgrund zu vieler Kläranlagen, die rund um den See von den verschiedenen Gemeinden gebaut worden waren, eine Algenpest. Es wurde zwar geklärtes, aber immer noch mit zu vielen Nährstoffen angereichertes Wasser in den Chiemsee geleitet, was zu ungebremstem Algenwachstum führte. Daraufhin hat man sich entschlossen, die erste Ringkläranlage der Welt zu bauen und noch heute bekommen die Betreiber dieser Anlage Besuch aus aller Herren Länder, wenn es darum geht, bedrohte Gewässer mit derartigen Klärsystemen zu erhalten, beziehungsweise zu schützen.

Außerdem haben wir aus verschiedenen Tiefen Wasserproben entnommen und deren unterschiedliche Temperaturen gefühlt und gemessen. Wir ließen eine kleine Baggerschaufel auf den Grund des Sees hinab, die Schlick und Sedimente aus fast vierzig Metern Tiefe nach oben beförderte, wir erforschten die Blicktiefe und die Farbe des Sees und bekamen historische Informationen darüber, wie der Chiemsee und andere Seen in der Gegend, die es teilweise gar nicht mehr gibt, entstanden sind.

Schlick und Sedimente vom Chiemseegrund

Schlick und Sedimente vom Chiemseegrund

Die eindrucksvollste Erkenntnis in diesem Zusammenhang war, dass der Chiemsee Überbleibsel eines riesigen Gletschers aus der letzten Eiszeit ist, die gerade einmal 12.000 Jahre zurückliegt und uns die nächste Eiszeit in knapp 10.000 Jahren schon wieder bevorsteht. Warum es diese Eiszeiten gibt, ist relativ unbekannt. Man vermutet, dass sie aufgrund einer Verschiebung oder Unwucht der Erdrotationsachse entstehen.
Jedenfalls kommt man sich sowohl bei den zeitlichen, als auch bei den geologischen Dimensionen, die in solchen Informationen stecken, nicht unbedingt wie die Krönung der Schöpfung vor, sondern eher wie ein Wasserfloh und auch die Diskussion um die drohende Erderwärmung bekommt bei dem Gedanken, dass sich Europa in ein paar tausend Jahren wieder in einen Kühlschrank verwandeln wird, eine andere Qualität.

Abschließend kann ich nur jedem raten, der einmal an den Chiemsee kommt, eine solche Tour mitzumachen. Sie sorgt für so manches Aha-Erlebnis und lässt ein paar Zusammenhänge erkennen, von denen man zwar vage Vorstellungen hatte, die aber durch den Praxisbezug, die hervorragenden Instruktionen des Expeditionsleiters und nicht zuletzt durch die herrliche Landschaft nachhaltig wirken.
Mehr Informationen dazu gibt es hier.


DIN-A-5 Tourismus

11.09.2009

Erst dachte ich ja, mindestens eine Woche, oder zehn Tage, vielleicht sogar vierzehn. Dann sagte mir die Liebste, Anfang September habe sie höchstens vier, fünf Tage Zeit. Mehr geht nicht – wirklich nicht: neues Projekt, neues Team, neue Aufgaben, neue Zeitpläne, da springen höchstens fünf Tage heraus.
Also gut, fünf Tage. Fünf Tage Ukraine. Fünf Tage Odessa. Fünf Tage DIN-A-Fünf Tourismus.
Letzteres muss ich erklären: Unsere Gastgeber, Familie Wesemann, stammt aus Deutschland, lebt aber aus beruflichen Gründen seit über einem Jahr in Odessa und im Vorfeld hatten wir besprochen, dass die Liebste an einem Tag unseres fünftägigen Besuchs einmal für uns alle kochen würde. Daraufhin gab Christoph Wesemann – Journalist, Kolumnist und Betreiber des berühmten Odessa-Blogs – zu bedenken, dass es im Wesemannschen Haushalt keine großen Teller gebe, also keine Essteller, sondern nur so kleine, so DIN-A-5-Teller eben. Kuchenteller meinte Herr Wesemann, aber das machte der Liebsten nichts aus. Sie zauberte an unserem ersten gemeinsamen Abend ein Abendessen mit zahlreichen Vorspeisen und diversen Hauptgerichten, nachdem wir den halben Tag auf dem Priwos-Markt die Zutaten dafür eingekauft hatten.
Und um die angeschnittene Quinten-Thematik gleich am Anfang abschließend zu behandeln: fünf Tage Odessa reichen vollkommen aus. Vollkommen!

Gold, das glänzt

Aber alles schön der Reihe nach.
Auf den Tag genau vor einem Jahr hatte mir Christoph Wesemann die erste E-Mail geschrieben, nachdem ich mich per Kommentar an ihn herangeschmissen hatte. Bei dieser einen E-Mail ist es schließlich nicht geblieben. Es sind im Laufe des Jahres mehrere hundert geworden. Und weil Christoph und ich es leid waren, uns ständig nur via E-Mail zu unterhalten und wir uns vor ein paar Monaten schon einmal persönlich kennengelernt und nicht unsympathisch gefunden hatten, reifte der Gedanke, ihn, nebst Familie in Odessa, der Weißen Perle am Schwarzen Meer zu besuchen.

Mit zehn Stunden Verspätung kamen wir am vergangenen Freitag nachts um 2:00 Uhr in Odessa an, weil wir aufgrund einer Flugplanänderung nicht, wie ursprünglich geplant via Budapest früh um 10:30 Uhr, sondern abends um 20:00 Uhr via Wien fliegen mussten.

Gold

Lufthansa Gold

Ein Tag am Flughafen Frankfurt muss sich allerdings nicht zwangsläufig langweilig gestalten, vor allem dann nicht, wenn der Tag damit beginnt, dass die Polizei aufgrund eines herrenlosen Koffers ein ganzes Restaurant-Stockwerk räumen lässt.

Außerdem haben wir die Zeit sinnvoll genutzt und der Liebsten einen neuen Sportwagen gekauft, nachdem die Lufthansa uns mit reichlich Goldmünzen versorgt hatte, um uns für die Verspätung zu entschädigen.

Der Liebsten neues Fahrzeug

Der Liebsten neues Fahrzeug

Nachts sind alle Katzen grau

Endlich in Odessa angekommen und die nervige Einreise-Prozedur eines Bananenstaates mit finster und halbschlau dreinblickenden Uniformträgern hinter uns gebracht, holte uns Christoph am Flughafen ab und kutschierte uns durchs nächtliche Odessa zu der Ferienwohnung mitten in der Stadt, die er im Vorfeld für uns gemietet hatte.
Nachts sind alle Katzen grau, doch ansatzweise war auch bei Dunkelheit zu erkennen, wie es um Bausubstanz und Straßenzustand hier bestellt sein würde und die zahlreich in den Hinterhöfen lebenden Katzen sind auch bei Dunkelheit wahrnehmbar, sie pissen nämlich überall hin, auch in die unverschlossenen Hausflure. Ein Geruchscocktail, der einem tagelang nicht mehr aus der Nase geht.
Half also nur, sich nach der missratenen Anreise und der Beleidigung der Nase, ein paar Bier auf die Lampe zu gießen und sich dem Schlaf des Gerechten hinzugeben.

Scherm der Maulwurf und Wese die Nase gießen sich einen auf die Lampe

Axel der Maulwurf und Wese die Nase gießen sich einen auf die Lampe

Land des Lächelns

Am nächsten Morgen, Odessa bei Tageslicht. Die sich nächtlich abzeichnenden Silhouetten, vor allem in den Hinterhöfen, von denen wir zwei durchqueren mussten, um zu unserer Wohnung zu kommen, entpuppten sich als das, was wir geahnt, um nicht zu sagen befürchtet hatten: kaputt, dreckig, marode, verschlissen. Ebenso die Bürgersteige, die Bordsteine, die Straßen, die Häuserfronten, die Abwasserkanäle, die Stromleitungen, die Dachrinnen, die Fenster, einfach alles. Hinzu kommt noch etwas, auf das uns Christoph gleich nachdem er uns früh abgeholt hatte, hingewiesen hatte: man grüßt sich hier nicht, weder im Hausflur, noch auf der Straße, noch sonst irgendwo und überhaupt ist man im Umgang miteinander, vor allem Fremden gegenüber äußerst reserviert, im Grunde genommen unfreundlich. Außerdem ist der gemeine Odessit nicht gerade zimperlich und es kann durchaus sein, dass es aufgrund einer strittigen Situation im Straßenverkehr zu Handgreiflichkeiten und Schlägereien kommen kann. Er, Christoph habe das schon das eine ums andere Mal erlebt.

Hubraum und Titten

Derart konditioniert, verließen wir unsere beiden Hinterhöfe und begaben uns auf unsere erste Sight-Seeing-Tour durch Odessa.
Zu den wirklich schönen Gebäuden dieser Stadt gehört die Oper. Meine und Christophs Liebste haben sich deshalb auch am letzten Abend einen Opernbesuch gegönnt und waren sowohl vom Inneren des Gebäudes, als auch von der Inszinierung der Oper ganz angetan.

Die Oper von Odessa

Die Oper von Odessa

Vor der Oper und im anschließenden Park lassen sich die Hochzeitspaare ablichten und filmen. Laut Christoph entstehen wahre Video-Spielfilme mit Drehbuch und Regieanweisungen und tatsächlich haben wir ein solches Paar beobachtet, als wir im Park-Cafe eine kleine Pause eingelegt haben. Mehrfach mussten die beiden aufeinander zuschreiten, sich herzen und küssen und wehe, den Anweisungen des Regisseurs wurde nicht peinlich genau Folge geleistet, dann wurde die Szene gnadenlos so lange wiederholt, bis Regisseur, Kameramann und Regieassistentin zufrieden waren.
Ja, und was das Selbstverständnis einer funktionierenden Mann-Frau-Beziehung in der Ukraine betrifft, zeigt sich am besten im folgenden Bild:

Hubraum und Titten

Hubraum und Titten

Panzerkreuzer Potemkin

Das Wahrzeichen der Stadt ist sicherlich die große Treppe, bekannt aus dem Stummfilm Panzerkreuzer Potemkin des berühmten Regisseurs Sergei Eisenstein.
Insgesamt drei Mal bin ich diese Treppe hinab und hinauf gestiegen. Drei Mal sind mir ein Mann mit einem dressierten Affen, ein Mann mit einem Chamäleon, das meistens eine grüne Farbe angenommen hatte, ein Husar, der ein Schwert und einen Schirm als Sonnenschutz trug und ein Postkartenverkäufer begegnet. Drei Mal habe ich mich darüber gewundert, dass am Ende der Treppe ein riesiges Autohaus gebaut wurde, was dem visuellen Eindruck, zumindest von oben betrachtet, ordentlich trübt und ein Mal hat mir Christoph erklärt, dass das Besondere an dieser Treppe sei, dass man von oben nur die großen Absätze und von unten nur die Stufen der Treppe sehen würde.

Die Treppe

Die Treppe

Die Unterbrechung der Kühlkette

Am Nachmittag haben wir einen riesigen Wochenmarkt besucht, den sogenannten Priwos-Markt. Hier gibt es alles, was in Haushalt und Küche benötigt wird und Christoph hatte die Anweisung von seiner Frau bekommen, alles, was die Liebste für ein mehrgängiges Menü benötigte, zu bezahlen, wenn notwendig, Übersetzungshilfe bei den Marktweibern zu leisten und ansonsten keine dummen Fragen zu stellen.
Das ließ sich die Liebste natürlich nicht zwei Mal sagen und hat Unmengen Gemüse, Salat, Gewürze und Fleisch eingekauft. Meine Bedenken bezüglich der Unterbrechung der Kühlkette wurden von ihr ebenso in den Wind geschlagen, wie Christophs Einwand, eine solche Menge Essen könne man doch unmöglich von DIN-A-5-Tellern verspeisen.

Hier gibts alles

Priwos-Markt - hier gibt's alles

Der Wochenmarkt als Messlatte der Demokratie

Interessant fand ich Christophs These, dass derart unkontrollierte Wochenmärkte, mit mehrfacher Kühlkettenunterbrechung, fehlender Auszeichnung von Mindesthaltbarkeitsdaten und ohne Ausgabe von Kassenbons mit zunehmender Demokratisierung eines Landes zurückgehen und schließlich ganz verschwinden würden. Als Beispiel nannte er die sogenannten Polenmärkte, die nach dem Beitritt Polens zur EU und der im Lande fortschreitenden Demokratisierung eines Tages völlig von der Bildfläche verschwunden waren.

Politische Diskussion am Rande eines Wochenmarktes

Der Internationale Frühschoppen mit einem Journalisten aus zwei Ländern

Mahlzeit

Mahlzeit

Abendmahl

Der Tag klang aus mit einem gemeinsamen Koch-Event.

Die Küche wurde verwüstet, die Kinder wurden gebadet.

Der Wein war trocken, das Bier süffig, ein Plastikhocker allzu nachgiebig und das neue Wese-Töchterchen noch nicht alleine sitzfähig.

Von den Kuchentellern zu essen, war übrigens kein Problem. Allen hat’s geschmeckt.

Matrosen und Hunde

Am nächsten Morgen wollten wir alle zusammen, sprich die Liebste und ich, sowie die inzwischen vierköpfige Familie Wesemann mit einem Schiff eine kleine Hafenrundfahrt machen. Das Wetter war nicht allzu schön und als wir bei einem der im Hafen liegenden Ausflugsboote anfragten, wann denn damit zu rechnen sei, dass es in See steche, bekamen wir als Antwort, vielleicht in einer Stunde, oder in zwei, es könnte aber auch sein, dass überhaupt nicht, weil das Wetter so schlecht sei und wenn keine weiteren Passagier kämen, würde es sich ja gar nicht lohnen. Mit anderen Worten man wisse nicht, ob und wann und überhaupt.

Hafenidyll

Wartende Kolumnisten am Hafen

Also machten wir uns auf, wieder zurück in die Stadt zu gehen, um dort eine Kleinigkeit zu essen. Die Kinder mussten ja auch bald zum Mittagsschlaf hingelegt werden und weil wir diesmal nicht wieder die mühsame Treppe hochgehen wollten, entschieden wir uns, durch einen etwas verhauten, nicht gerade vertrauenserweckenden Park zu laufen, was sich nach ein paar Metern als fatal herausstellen sollte, denn eine Meute bedrohlich bellender, zähnefletschender Hunde, wie sie in Odessa zahlreich anzutreffen sind, kam im strammen Galopp auf uns zugerannt. Ein Herr in Uniform, der offensichtlich die Oberaufsicht über die Bestien hatte, trottete langsam und ohne erkennbare Einsicht, die durchaus bedrohliche Situation zu entschärfen, hinterher.
Christoph nahm seinen Sohn auf den Arm, Frau Wesemann machte mit dem Kinderwagen auf dem Absatz kehrt, ich wusste nicht genau, was ich tun sollte und die Liebste trat vor und schrie so laut sie konnte die Hunde an.
Die blieben sofort stehen, zogen die Schwänze ein, tänzelten dann bellend und jaulend um uns herum und der Hundestaffelführer, der es sichtlich genoss, wie sehr wir uns fürchteten, eröffnete uns, dass das Betreten dieses Parks nicht gestattet sei.
Selten habe ich jemandem so viel Pest und Cholera an den Hals gewünscht, wie diesem uniformierten Blödmann, selten habe ich die Liebste so bewundert, wie an diesem Tag und selten hat die Liebste so gezittert, wie nach dieser Aktion.

Platzkonzert

Tanz ins Wochenende

Tanz ins Wochenende

Nach dem Mittagsschlaf, dem nicht nur die Kinder, sondern auch wir Erwachsenen frönten, gingen wir in den Stadtpark, wo am Wochenende immer Platzkonzerte stattfinden. Hier hatte ich zum ersten Mal in diesem Land den Eindruck, dass es auch Menschen gibt, die in der Lage sind, fröhlich und ausgelassen zu sein.
Wie weggeblasen war alles Mürrische und Verbiesterte. Man saß auf Parkbänken und lauschte dem ganz hervorragenden Orchester, das in einem Pavillon Walzer, Märsche und Swing spielte. Vor dem Pavillon tanzten meist ältere Herrschaften, dazwischen wuselten Kinder und die Stofffahnen des Pavillons wiegten sich malerisch im Wind. So stellt man sich einen gediegenen Samstag Nachmittag vor.

Platzkonzert

Platzkonzert

Den Abend verbrachten wir in einem ukrainischen Restaurant. Das Essen war gut, die Bedienung mürrisch. Christoph zeigte uns den ersten Tennisclub am Platz und ging mit uns zum Strand, wo wir wieder von Hunden umzingelt wurden. Die verstanden diesmal allerdings nur russisch, denn auf die Liebste hörten sie nicht, als Christoph aber “still” oder etwas ähnliches auf russisch schrie, waren sie ruhig und verschwanden.

Floh- und Tiermarkt

Am nächsten Tag besuchten wir den größten Flohmarkt der Stadt, der zusammen mit dem berühmten Tiermarkt immer Sonntags stattfindet. Vor letzterem hatte es mir, ehrlich gesagt, etwas gegraust, aber tatsächlich gab es nur jede Menge Welpen unterschiedlichster Hunderassen, ein paar Katzenkinder und Geflügel aller Art. Als ich dann Christoph und die Liebste damit verrückt gemacht hatte, meine Kamera wäre geklaut worden, ich sie aber dann doch zum Glück nur im Auto vergessen hatte und es noch zusätzlich zu regnen begann, haben wir die Flöhe links und die anderen Tiere rechts liegen lassen, sind in ein Cafe und haben den Rest des Tages damit verbracht, die Überland-Kanalisation der Stadt zu bewundern, bzw. zu verfluchen, weil sie bewirkt, dass man garantiert nassen Fußes durch ein verregnetes Odessa stapft.

Am Abend sind die Damen in die Oper. Christoph und ich haben die Kinder zu Bett gebracht, ein paar Bier getrunken und uns gegenseitig Kolumnenstoff zugeschustert.

Prome-was? Ah ja, Promenade

Den letzten Tag unserer Odessa-Reise leitete Christoph mit den Worten ein: Los, jetzt noch das Denkmal des unbekannten Matrosen, die Strandpromenade und die Schwiegermutterbrücke und dann habt ihr wirklich alles gesehen. Alles!

Das Denkmal des unbekannten Matrosen, vor allem die Bewachung desselben durch weibliche Kadetten aus der in unmittelbarer Nähe ansässigen Kadettenschule, muss man sich vorstellen, wie das Cover eines Pornofilms aus den siebziger Jahren: Mädchen mit blonden Zöpfen, blauen Uniformen und weißen Kniebundstrümpfen stehen links und rechts neben einem meterhohen Phallussymbol und warten darauf, von den hinter ihnen stehenden, mit Kalaschnikows bewaffneten Jungs, entjungfert zu werden. Meine Fantasie, die offensichtlich nachhaltig von einschlägigen Kulturbeiträgen aus jener Zeit geprägt ist, geht mit mir durch, aber das Bild passt, deshalb verkneife ich mir an dieser Stelle ein Foto.

Die an den Denkmalsplatz anschließende Strandpromenade verdient diesen Namen nicht wirklich. Man geht auf verwilderten Wegen, vorbei an diversen Verkaufsständen, die aufgrund der kühlen Witterung an diesem Tag alle verwaist waren, über Stufen, die für Kinderwagenfahrer äußerst schwer zu bewältigen sind und kommt dann am Strand an, der riecht, wie der Hinterhof unserer gemieteten Stadtwohnung und mindestens ebenso aussieht.
Nachhaltig beeindruckt hat mich auf dieser Promenade das verwilderte Areal eines ehemaligen Abenteuerspielplatzes, das bei entsprechender Pflege sicher ein Paradies für Kinder wäre, in dem Zustand aber eher lebensgefährlich sein dürfte.

We all live in a Yellow Submarine

We all live in a Yellow Submarine

Schloss und Riegel

Danach gingen die Liebste und ich noch über die sogenannte Schwiegermutterbrücke, die ihren Namen von einem Stadtoberhaupt aus grauer Vorzeit hat, der täglich bei seiner Schwiegermutter essen und sich den umständlichen Weg über die Potemkin-Treppe sparen wollte und deshalb kurzerhand diese Brücke erbauen ließ.
Über diese Brücke schreiten die Frischvermählten von Odessa und bringen als Symbol für ewige Treue, die in vielen Fällen nur ein paar Jahre währt, ein Vorhängeschloss am Geländer der Brücke an.

Ein Vorhängeschloss als Symbol für ewige Treue

Ein Vorhängeschloss als Symbol für ewige Treue

Gold, das glänzt – reloaded

Als wir am Montag Mittag am Flughafen Odessa eingecheckt haben und ich die Goldmünze der Lufthansa zusammen mit den Griwna-Münzen in eine Schale geworfen habe, damit der Metalldetektor nicht anschlägt, hat sich der zuständige Zollbeamte eingehend mit dieser Riesenmünze beschäftigt. Er hat die Brille abgenommen, sie wieder aufgesetzt. Er hat mich von oben bis unten gemustert und mich auf russisch etwas gefragt, das ich nicht verstanden habe.
Ich habe versucht, ihm zu erklären, dass ich mit dieser Münze den gesamten Flughafen Odessa nebst Landebahn kaufen könnte und kurz mit dem Gedanken gespielt, sie ihm zu schenken.
Dann sagte er das Wort Souvenir und ich nickte. Mit einem Augenzwinkern gab er mir die Münze zurück und wir konnten die Heimreise antreten. Diesmal ohne Verzögerung.

Lenin lebt

Graffiti in Odessa - Lenin lebt


Geduld

09.09.2009

Ich darf alle, die hier schon lange auf ein neues Posting warten, noch um etwas Geduld bitten. Ich schreibe gerade an einem längeren Bericht über eine zwar kurze, aber äußerst spannende Reise nach Odessa.
Heute abend, spätestens morgen ist es soweit.

Hier schon mal ein Bildchen:

Kolumnisten am Schwarzen Meer

Kolumnisten am Schwarzen Meer


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