Erst mal sehen, was Quelle hatte – ein Nachruf

22.10.2009

Obwohl ich schon lange keinen mehr in Händen hielt, werde ich ihn doch vermissen. Den Quelle-Katalog.
In meiner Jugend war er für mich mehr, als nur das Fenster in die schöne, große Konsumwelt, die sich nicht wie heute schnöde durch lieblos gezimmerte Internetseiten oder nervtötendes Teleshopping präsentierte. Allein der Produktname der Hausmarke ließ erahnen, womit man es zu tun hatte. Nicht mit einer Weltmarke, nein die Kühlschränke, Waschmaschinen, Elektroherde und HiFi-Anlagen schienen der Quelle des Universums darselbst entsprungen zu sein, um sich in Millionen und Abermillionen Küchen, Wohnzimmern und Waschkellern zu materialisieren.

Mir war vollkommen klar, warum Karl-Theodor Von und Zu 50 Mille in die Hand genommen hat, um ein letztes Mal die Druckmaschinen anwerfen zu lassen, wusste er doch genau, dass es bei diesem Meisterwerk marktwirtschaftlicher Weltliteratur nicht einfach nur ums Kaufen ging. Die Lektüre eines Quelle-Katalogs war durchaus mit der Lektüre eines Magazins, eines Bilderromans, eines fundiert recherchierten Sachbuchs vergleichbar und hielt einen, auch wenn man nichts bestellte, noch Wochen und Monate nach der heiß ersehnten Sonderzustellung in Atem.

Allein der aufklärerische Aspekt in der Rubrik Mieder- und Damenunterwäsche kann für meine und nachfolgende Generationen gar nicht hoch genug eingeschätzt werden. Hübsche Frauen mit echten Brüsten und nicht von jedem Körperhaar befreiten Bikinizonen lieferten herrliches Anschauungsmaterial, über das auch einmal ganz unverfänglich hinweggeblättert werden konnte, wenn die Mutter das Jugendzimmer betrat und mit gestrengem Blick musterte, welchen Studien sich der Herr Sohn da schon wieder hingab. Ja, auch wenn es nicht das Englischbuch oder die Formelsammlung war, der Quelle-Katalog war immer akzeptiert.
Selbst Ausflüge ins Reich der Mystik, die im Lebensalter aufkeimender Sexualität mindestens ebenso wertvoll sind, wie Closeups einschlägiger Körperregionen, waren da mit Wort und Bild geboten. Ein ewiges Mysterium wird in dem Zusammenhang wohl bleiben, warum ein Massagegerät, das seine Arbeit in Gesicht und an den Oberarmen verrichten sollte, die Form eines Stabes haben muss.

Dann die atemberaubende Phono- und HiFi-Technik, die sich anfänglich in rechteckigen Kompaktanlagen mit passendem, dunkelbraunem Möbel präsentierte, um sich schließlich mehr und mehr zur Komponentenbauweise zu entwickeln. Oh ja, man kam sich vor, wie der versierteste Tontechniker der Welt, wenn man Plattenspieler, Kassettendeck und Receiver erfolgreich miteinander verkabelt hatte und die ersten Takte von Bohemian Rhapsody aus den High-Fidelity-Lautsprechern ertönten.
Ja oder der Duft von Freiheit und Abenteuer, den man atmen durfte, wenn man sich im Geiste in die Auspuffwolke eines zweitaktgetriebenen Mopeds von Mars stellte und dabei die technischen Leistungsdaten mit denen des eigenen Klapprads verglich.

Ach ja, begehrt haben wir alle. Bestellt manchmal. Gelesen, geschaut und gestaunt aber haben wir immer.
Und bevor ich den Quelle-Katalog in Frieden ruhen lasse, darf ich meinen Kolumnisten-Kollegen Franz Josef Wagner von der Bildzeitung zitieren, der ebenso traurig ist wie ich und der sich standesgemäß von der Bibel des deutschen Wirtschaftswunders mit folgenden Worten verabschiedet:

Der Tod von Quelle ist wie ein wirklicher Tod. Es ist der Tod eines Verwandten, Onkel, Tante, Bruder. Man weint, als wäre der Quelle-Katalog ein Mensch. Ein Mensch, der gestorben ist.

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Dieser Artikel erschien am 27. Oktober 2009 auch bei kolumnen.de


Mauer weg, Zaun hoch: Willkommen in Franchisien

18.10.2009

Wenn man durch deutsche Vor- oder Kleinstädte fährt, fallen einem zunehmend bunte Luftballons auf, die dazu einladen, sich in einem soeben eröffneten oder schon seit längerer Zeit bestehenden Matratzenmarkt eine oder am besten gleich mehrere Matratzen zu kaufen, denn hier und nur hier gibt es die bequemsten Federkerne, die prächtigsten Lattenroste, die natürlichsten Naturlatexe und die höchsten Preisnachlässe darauf.

Ein seit längerer Zeit bestehender Matratzenmarkt ist in dem Zusammenhang einer ganz eigenen Matratzenmarktzeitrechnung geschuldet, denn länger als ein Jahr existieren derartige Märkte kaum. Dann künden Luftballons anderer Farbe und Größe vom Aus- und Räumungsverkauf und der Laden verschwindet so schnell wieder, wie er einst – also vor ein paar Monaten – eröffnet worden war.
Gleiches gilt für Selbstbedienungsbäckereien, Wasserbettengroßmärkte, Kosmetik- und Nagelstudios, Druckerpatronenaufladezentralen, Brötchenlieferservice, Kleintransporterkurier- und Verkehrsgefährdungsdienste, sowie Abfüllstationen für Schnaps, Wein, Öl und Essig aus echten Eichenfässern, die mindestens dreizehn Mal über den Äquator …

Hinter solchen Geschäftsmodellen steckt nicht selten ein Franchise-System, bei dem jemand, der sich Franchisegeber nennt, eine Geschäftsidee und entsprechendes Equipment an jemanden verkauft, der sich Franchisenehmer nennt und oft genug keine Ahnung vom Geschäftsleben im Allgemeinen und von der jeweiligen Branche im Besonderen hat.

Vor Jahren habe ich mich auch einmal für Franchise-Systeme interessiert und mich an eine Agentur gewandt, die Franchisegeber und potenzielle Franchisenehmer zusammenbringt. Seither erreichen mich in unregelmäßigen Abständen Newsletter mit zum Teil großartigen Geschäftsmodellen.

Pünktlich zum 20jährigen Jubiläum des Mauerfalls dann endlich die Geschäftsidee des Jahres:

Zäune - schnell fallen einem Wiesen und Bauernhöfe ein. Aber auch aus Städten sind sie nicht wegzudenken. Zäune und Tore werden durch steigende Sicherheitsbedürfnisse immer wichtiger. Dies betrifft zum Beispiel Flughäfen, Firmen für sensible Technologien oder politische Großereignisse. Allein der Zaun beim G-8-Gipfel in Heiligendamm hatte eine Länge von zwölf Kilometern.

Flux begann ich zu rechnen: Hätte man mir als Zaunaufsteller die Aufstellung nur weniger hundert Meter dieser Kilometer langen Umzäunung gegönnt, ich hätte wahrscheinlich allein mit diesem Auftrag im ersten Jahr bereits ausgesorgt gehabt.

Der Markt für Zäune und Zaunsysteme ist ein lukratives Tätigkeitsfeld. Seit über zehn Jahren steigt die Nachfrage. Erstens wächst der Bedarf bei Privatleuten und Firmen. Zweitens braucht die ökologische Tierhaltung heute mehr Zaunmaterial als früher.

Oh ja, sämtliche Zwerghasen und Katzen der Nachbarn bedürfen schon längst einer Einzäunung, von versprengten Schafen einmal ganz abgesehen.

Michael C., ein Zaunbauer der jünsten Stunde kam in dem Newsletter ebenfalls zu Wort und beruhigte unter anderem mit dem Satz:

„In intensiven Recherchen zeigte sich, dass die Konkurrenz im Zaunmarkt nicht so groß ist wie in vielen anderen Zweigen!“

Als dann noch davon berichtet wurde, dass dieses System hoch hinaus will und im August in der Schweiz 15 mutige Zaunbauer den höchsten Zaun der Welt gebaut haben, war ich vollends überzeugt.
Vorgeschoben haben besagte Zaunbauer übrigens den Eintrag ins Guiness-Buch der Rekorde. In Wahrheit jedoch setzten sie damit eine EU-Richtlinie um, nach der ehemalige Steuerparadiese so abzusichern sind, dass niemand mehr ohne größere Anstrengung hinein, geschweige denn heraus kommt.

Morgen jedenfalls kaufe ich mich in das System ein. Die Einzäunung Liechtensteins wird mein erstes Projekt.


Zapping kills Laptoping

14.10.2009

Ja ja, der Titel dieser Kolumne treibt Gegnern von Anglizismen höchstwahrscheinlich die Zornesröte ins Gesicht, aber halbwegs sinnvoll ins Deutsche übertragen, müsste die Überschrift in etwa lauten:
Häufiges Umschalten des Fernsehprogramms tötet die Arbeit mit dem Klapprechner.
Bei aller Liebe …

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Also, seit wir unseren Klapprechner haben, surfe ich im weltweiten Netz nicht, wie früher im Arbeits-, sondern im Wohnzimmer und verfolge das Fernsehprogramm meistens nur noch aus den Augenwinkeln heraus. Dabei fällt mir in letzter Zeit verstärkt auf, wie oft die Liebste geruht zu zappen, wenn ihr das Fernsehprogramm nicht gefällt. Ich gestehe, ich werde dabei immer etwas wahnsinnig, weil ich mich, auch wenn ich mich noch so anstrenge, nicht auf meinen Text oder was ich sonst so am Computer anstelle, konzentrieren kann.

Weil die Liebste die Reihenfolge der Sender sozusagen thematisch geordnet und die ersten Programmplätze den Öffentlichrechtlichen und sämtlichen Dritten zugeteilt hat, ist der Störfaktor anfänglich nicht ganz so gravierend. Danach allerdings wird es problematisch für mich. Es folgen nämlich die Unterschichtensender Privatsender. Aber selbst die sind noch halbwegs erträglich, zumal die Liebste spätestens dann weiterzappt, wenn es besonders unterschubladig wird.

So richtig dick kommt es, wenn die Verkaufssender, die eine immer größer werdende Staffel einnehmen, marktschreierisch Damenoberbekleidung, Schmuck, Küchen- und Heimwerkergerätschaften oder Nippes und Tand feilbieten. Die Liebste kringelt sich dann immer vor Freude über die zunehmend obskurer werdenden Scheußlichkeiten und fordert mich nachhaltig auf, ihre Freude und Verwunderung mit ihr zu teilen.

Man fragt sich bei so manchen Angeboten tatsächlich, wie geschmacksverirrt und verzweifelt jemand sein muss, wenn er beispielsweise eine in den schrillsten Farben gehaltene Bluse kauft, die an der Seite mit goldenen und silbernen Pailletten besetzt ist, die zusammengenommen die Silhouette eines springenden Delfins darstellen und in der eine vollschlanke Dame mit praktischer Kurzhaarfrisur aussieht, wie die schlechtest bezahlte Nebendarstellerin aus der ersten Staffel von Raumschiff Enterprise. Ja oder wie es in so manch deutschem Wohnzimmer aussehen mag, wo Heerscharen bastelwütiger Hausfrauen Hand an Serviette, Tisch- und Fensterdekoration legen, nachdem sie sich vorher umfänglich mit Bastelbedarf und Zierrat aus einschlägigen Verkaufssendern eingedeckt haben.

Nach den Teleshop-Programmen folgen die ausländischen Sender. Seifenopern und Trashquizsendungen aus Berlusconien nerven dabei ebenso, wie Folklore aus Fernost, Kitsch aus Bollywood und Nachrichten von Al Jazeera.

Schließlich die letzte Rubrik in Sachen Fernsehprogramme, die Axel von seinem Laptop ablenken. Sie läuft unter der Überschrift Sonstige. Hier hat die Liebste, was die Senderreihenfolge betrifft, ihre ganz eigene Auffassung von Political Correctness verwirklicht, indem sie den Schwulensender Timm zwischen Bibel- und God-TV gepackt hat.
Doch, es hat etwas, wenn auf einen völlig vergeistigten Wanderprediger, der gerade zu einer spirituellen Massenhysterie in einer amerikanischen Turnhalle aufstachelt, ein nackter Mann folgt, der ein Schlafzimmer betritt, in dem ein anderer nackter Mann bereits sehnsüchtig auf den ersten nackten Mann wartet und schließlich alles in einem Alphakurs endet, der die Frage beantworten soll: Wie werde ich vom heiligen Geist erfüllt.

Aber ich darf mich nicht beschweren. Oft schaut die Liebste auch nur einen Tatort und die dort verwendeten Textpassagen lenken mich schon lange nicht mehr ab, beschränken sie sich doch im Wesentlichen auf folgenden Dialog:

Kommissar: Ihr Mann wurde erschossen!
Ehefrau des Opfers:
Erschossen?
Kommissar:
Erschossen!

Dieser Artikel erschien am 24. Oktober 2009 auch bei
kolumnen.de


Always look on the bright side of life

07.08.2009

Es ist nicht der Liebsten und meine Lieblingsbeschäftigung und selbst die Katze bekommt im Zuge der vorbereitenden Arbeiten immer diesen unsteten, fast verhetzten Blick und stellt die Ohren auf, meistens dann, wenn sie mitbekommt, dass ich in der Besenkammer herumkrame, um den Staubsauger zu holen. Die Rede ist vom gemeinen Hausputz, der ebenso lästig ist, wie ab und zu eben einfach notwendig.

Schon wenn die Liebste verkündet – meistens an einem Freitag – Morgen ist es mal wieder so weit, gehe ich in der Nacht zum Samstag in Gedanken alle Schritte durch, die zur Durchführung dieser gewaltigen Aufgabe notwendig sind, als da wären: Füllgrad des Staubbeutels prüfen, Inventur bei den Putzmitteln durchführen, im Weg herumstehende Möbel beiseite räumen und einen Zeitplan erstellen, denn pro Raum sollte eine genau festgelegte Putzzeit keinesfalls  überschritten werden. Außerdem muss die Heizung programmiert werden, denn ebenso wie bei einer guten Geburt, braucht man bei einem guten Hausputz ausreichend heißes Wasser. Und ganz wichtig: Batterien des mp3-Players laden.

Letzteres entstammt dem ursprünglich von mir müde belächelten Tipp aus einem hausfraulichen Psychologiebüchlein, das mir meine Mutter einmal geschenkt hat und in dem sinngemäß steht, dass eine unangenehme Aufgabe, wie zum Beispiel Geschirrspülen, dann am leichtesten von der Hand geht, wenn man dazu ein fröhlich Liedlein pfeift.
Seither gebe ich mir bei Volume-Max die Red Hot Chili Peppers, wenn ich Wannenspray auftrage oder der unwürdigen Aufgabe einer Klobürste die Hand führe oder den Spiegel poliere oder mit dem Staubsauger durchs Haus trotte.
Tatsächlich erledigt sich mit Kopfhörern und entsprechender Musik die Hausreinigung wesentlich angenehmer, allerdings gibt es einen entscheidenden Nachteil, der aber eher damit zu tun hat, dass ich noch nicht der Vollprofi unter den Putzteufeln und demzufolge immer noch auf An-, Hin- und Zurechtweisungen der Liebsten angewiesen bin.
Oft genug schleicht sich diese nämlich von hinten an mich heran, wohl wissend, dass ich gerade verzückt einem Gitarrensolo von John Frusciante lausche und mir dabei vorstelle, der Staubsauger wäre eine Fender Stratocaster, tippt mir auf die Schulter, so dass ich fürchterlich erschrecke, macht daraufhin das unschuldigste Gesicht der Welt, mich mit meinen neuen Aufgaben vertraut und verschwindet so schnell wieder, wie sie hinter mir aufgetaucht war. Mir rast das Herz, der Staubsauger dröhnt und Anthony Kiedis brüllt mir Californication ins linke Ohr.

Immerhin gibt es, was die Arbeitsteilung zwischen der Liebsten und mir betrifft,  ziemlich konkrete Regelungen: Küche, Schuhschrank, Abstauben und Wischen macht die Liebste. Bäder, Gitarren und Staubsaugen mache ich.
Neulich allerdings gab es einen Spezialfall. In der Küche über der Tür hängt ein von Palmzweigen eingerahmtes Kruzifix mit einem Jesus aus weißem Porzellan. Über die Jahre ist Jesus, wie man sich denken kann,  nicht mehr weiß, sondern leicht gelblich geworden. Also dachte sich die Liebste, wäre es doch eine feine Idee, ihn von seinem Kreuz abzunehmen, zu Messern, Gabeln und Löffeln in den Besteckkasten des Geschirrspülers zu stecken, ordentlich durchzuspülen – immerhin ist er ja aus böhmischen Porzellan – und ihn danach …

… tja, ihn danach wieder anzunageln.

Nein, dieser Aufgabe fühlte sich niemand von uns gewachsen. Die Liebste hat Jesus daraufhin nur abgestaubt und die Palmzweige erneuert. Seinen Gilb durfte er behalten.

Dieser Artikel erschien am 21. August 2009 auch bei
kolumnen.de


Schluss mit Hacke, Spitze

09.06.2009

Die Recording Academy, die alljährlich die Grammy-Preisverleihung organisiert, hat beschlossen, die Kategorie Bestes Polka-Album ersatzlos zu streichen. Die Begründung dafür lautet, es müsse sichergestellt sein, dass die Preisvergabe die aktuelle musikalische Landschaft reflektiere.
So ein Quatsch. Gibt es etwas aktuelleres als Polka? Highspeed Polka, Russendisko, Wirtshausmusikanten beim Hirzinger, das sind doch hochaktuelle Musikthemen, die gerade in den letzten Monaten und Jahren erst wieder neu und äußerst erfolgreich besetzt wurden.
Ja und hat man denn völlig vergessen, dass die Polka das Highlight in jedem Tanzkurs, bei jedem Abschlussball und jeder Hochzeitsgesellschaftsbelustigung ist. Der Tanz, bei dem selbst die unbegabtesten, schüchternsten und grobmotorischst veranlagten Tänzer über sich hinauswachsen. Der Rundtanz, das Hopsvergnügen, Hacke, Spitze, Zwo, Drei, Vier – seit heute ohne Grammy. Unbegreiflich.

Und wie soll ich es der Liebsten beibringen, stammt sie doch aus Tschechien, dem Mutterland des Hüpftanzes. Sie hat noch keine Ahnung von dieser unsäglichen Entscheidung. Heute morgen stand die Meldung zwar in der örtlichen Presse, weil die Liebste aber zur Arbeit musste und spät dran war, hatte sie keine Zeit, den Bericht zu lesen. Ich werde es ihr heute abend schonend beibringen müssen. Ganz schonend. Hoffentlich bin ich vor ihr zu Hause. Ich möchte nicht, dass sie es einfach so unvorbereitet aus der Zeitung erfährt, ist es doch in unserem Haushalt seit Jahren zur liebgewonnenen Tradition geworden, immer dann, wenn Depression und Alltagsfrust an uns nagen, die Möbel beiseite zu rücken und Polka zu tanzen, so lange, bis die Katze kopfschüttelnd das Haus verlässt.

Ja und was wird aus dem berühmten Bardentreffen in Nürnberg, Europas größtem Umsonst und Draußen Festival. Gefühlte achtzig Prozent aller dort auftretenden Bands und Kapellen spielen Polka, beziehungsweise neuzeitliche Varianten jener Musikrichtung. Welche Enttäuschung muss es für diese Künstler sein, eine Musik spielen zu müssen, ohne die geringste Chance auf die höchste internationale Musiker-Auszeichnung, deren Bedeutung dem Oscar in der Filmindustrie mindestens ebenbürtig ist. Über Nacht soll einfach so Schluss sein mit I love Polka, Born to Polka oder Polka in Paradise?

Aber was bedeutet all der Schmerz über den Verlust akademischer Anerkennung eines volksmusikalischen Kulturguts bei uns Freizeittänzern und bei sämtlichen zweit- und drittklassigen Polka-Interpreten gegenüber dem Schmerz, den derzeit Jimmy Sturr empfinden muss. In den letzten 24 Jahren hat er 18 mal die begehrte Trophäe erhalten und ich bin mir sicher, bis zum Jahre 2033 wäre sie ihm bestimmt noch 18 mal überreicht worden. Mindestens!

I feel bad but I’m grateful stand heute auf seiner Homepage zu lesen und ich stelle mir vor, wie er Akkordeon spielend inmitten seiner Grammys hockt und Tränen der Trauer über seine Wangen auf die Tasten seines Instruments kullern. Hätten die Damen und Herren der Recording Academy nicht wenigstens so lange warten können, bis der gute Mr. Sturr gestor … äh, bis er, aus welchen Gründen auch immer, das Musizieren aufgegeben hat?
Auf die 18 güldenen Plastikgrammophone wär’s doch nun wirklich nicht mehr angekommen.
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Ich esse gerne Sauerkraut und tanze gerne Polka
und meine Braut heißt Edeltraut, sie denkt genau wie ich.
Sie kocht am besten Sauerkraut und tanzt am besten Polka,
deshalb ist auch die Edeltraut die beste Braut für mich.
Sauerkraut Polka

Dieser Artikel erschien am 9. Juni 2009 auch bei
kolumnen.de


Join the Flight

15.04.2009

Golf ist ja eigentlich kein Sport – hört man immer wieder. Man geht ein wenig spazieren – wenn überhaupt, denn manche fahren ja mit einem Elektrokarren, oder noch schlimmer mit einem benzinbetriebenen Zweitakter über den Golfplatz – und drischt mit ein paar Schlägern, die man in einer Art Einkaufswagen, wie sie ältere Damen bisweilen benutzen, hinter sich herzieht, auf einen meist weißen Ball ein, bis dieser in insgesamt 18 verschiedenen Löchern versenkt worden ist.
Das alles kann man alleine tun, aber weil das ganz schnell langweilig wird, schließt man sich zu maximal vierköpfigen Grüppchen zusammen und weil es beim Golfsport keine Schläger, sondern Clubs, keine Abschläge, sondern Drives und keine Wiesen, sondern Fairways gibt, nennt man derartige Golferzusammenrottungen auch nicht Grüppchen, sondern Flight.
Womit man bei einem Aspekt dieser Sportart angelangt ist, der dem fehlenden bzw. geringen sportlichen Aspekt durchaus ebenbürtig sein dürfte: dem sozialen, ja, ich gehe soweit zu sagen, dem gesellschaftlichen Aspekt nämlich.

So ein Flight kann während einer Golfrunde, die ja bekanntermaßen bis zu fünf Stunden dauern kann, alles sein: Staat, Familie, Wohngemeinschaft, Vertriebsbüro, Urlaubsort, Vorhölle, Hölle, natürlich auch Himmel – letzteres aber eher selten.
Immer gilt allerdings die oberste, niemals zu vernachlässigende, in jedem Fall aber goldene Regel: Beim Golfspiel gibt keine Gegner, sondern ausschließlich Mitspieler. Zugegeben, das fällt in so manchem Flight richtig schwer und in Gedanken hat man das Eisen 3, das im Spiel eigentlich kaum zum Einsatz kommt, schon der einen oder anderen zweckentfremdeten Verwendung zugeführt, indem man es einem seiner Mitspieler über den Schädel gezogen oder quer in den A… – Nein, solche Gedanken gehören nicht auf den Golfplatz und tragen der genannten goldenen Regel in keiner Weise Rechnung.

Was den gesellschaftlich-sozialen Aspekt betrifft, gibt es bei der Gruppenbildung zwecks gemeinsamer Golfplatzumrundung einerseits den kommunikativen- und andererseits den eher unkommunikativen Flight, auch Taubstummenflight genannt. Über den kommunikativen Flight verliere ich jetzt gar nicht viele Worte. Man kann sich vorstellen, was da abläuft: jeder Schlag wird gründlich diskutiert und kommentiert. Kein Thema ist zu abwegig, um es nicht ausführlich auf dem Weg zum Ball zu besprechen und wenn sich Frauen zu einem Flight formieren, wird in 99 von 100 Fällen dieser Art des Golfzusammenspiels gefrönt und gerne unter dem Terminus Erzählflight zusammengefasst – man hat schon Damenflights gesehen, die sich so vollständig im Geschnatter verloren, dass sie vergessen haben, weiterhin Golf zu spielen, was nachrückende Flights zu Unmutsäußerungen und bösartige Gedanken über die bereits erwähnte Zweckentfremdungen diverser Schläger hinreißen ließ.

Wesentlich interessanter und wie man sich vorstellen kann, auch wesentlich anstrengender, ist der Taubstummenflight.
Eine derart illustre Golferrunde darf man sich allerdings nicht so vorstellen, als würde von vorneherein Konsens darüber bestehen, in den kommenden vier Stunden kein Wort miteinander zu wechseln. Nein, einer der vier Mitspieler fühlt sich vor dem ersten Abschlag bemüßigt zu bemerken, sein Golfspiel verlange absolute Konzentration und jedes Wort zu viel, zu laut, oder gar beides würde diese, seine Konzentration aufs Empfindlichste stören.
Derartige Golfrunden enden allerdings gerne damit, dass derjenige, der die anderen, in der Regel kommunikativ veranlagten Menschen seines Flights zum Schweigen verurteilt hat, grottenschlechtes Golf spielt und es am Ende damit erklärt, die Vögel hätten ständig gezwitschert und das Gras sei zu laut gewachsen.

Schlimm ist es, einen sogenannten Regelvergesser im Flight zu haben. Zugegeben, es gibt hunderte von Golfregeln, aber selbst die einfachsten Regeln werden von solchen Menschen vergessen, sobald sie einen Golfplatz betreten oder werden nach eigenem Gutdünken ausgelegt und fehlinterpretiert. Überhaupt scheint partielle Amnesie ein häufig anzutreffendes Phänomen unter Golfern zu sein, denn auch das Vergessen von Schlägen ist sehr weit verbreitet. Erst wenn man den Vergesslichen mit dem Regelbuch kommt oder ihnen genau vorrechnet, wieviele Schläge sie benötigt haben, bekommen sie den offensichtlich von zu viel Düngemittel oder allzu intensivem Grün verursachten Gedächtnisschwund wieder in den Griff. Die meisten allerdings nur bis zum nächsten Loch.

Die wichtigste Erkenntnis im Zusammenhang mit dem Faktor Mensch und der damit einhergehenden Grüppchenbildung im Golfsport scheint mir allerdings zu sein, dass niemand in der Lage ist, sich über den Zeitraum einer Golfrunde zu verstellen. Du bleibst doch immer was Du bist, wusste schon Johann Wolfgang und hat dabei sicher gerade Golf gespielt. Golf bringt alles an den Tag. Alles!
Der Bescheißer wird ebenso entlarvt, wie der Choleriker und der Besserwisser, der Pedant ebenso, wie der Phlegmatiker, der Nervenstarke ebenso, wie der Flattermann, denn es gibt eine zweite goldene Regel, die da lautet:
Viele behaupten, beim Golf gehe es um Leben und Tod, aber das stimmt nicht – es geht um viel mehr!

Dieser Artikel erschien am 24. April 2009 auch bei der Blogbibliothek und am 20. Mai 2009 bei kolumnen.de


Totengräber der Marktwirtschaft

30.03.2009

Vor vielen Jahren, also in einem ganz, ganz anderen Leben, habe ich einmal Betriebswirtschaft studiert und dieses Studium auch tatsächlich mit Diplom abgeschlossen. Eines der Fächer, mit denen ich so überhaupt nichts anfangen konnte, war – neben Betriebswirtschaft – Volkswirtschaft. Für mich bestanden diese Fächer im mehr als bemühten Versuch, komplexe Zusammenhänge in der Mikro- und Makro-Ökonomie mit Formeln und kruden Modellen zu erklären, die sich beim besten Willen nicht durch Formeln oder Modelle herleiten, geschweige denn erklären lassen.

Um die Studierenden noch zusätzlich zu ärgern, wurden ihnen als Prüfungsvoraussetzung Referate zu einem bestimmten Thema abverlangt und um die Kommunikation innerhalb eines Semesters zu fördern, ein Thema auf jeweils zwei Studenten aufgeteilt.
Ich erinnere mich, dass das Thema „Preisfindung in der Marktwirtschaft“ weiland von Klaus, unserem Primus mit Udo einem Zweimeter-Riesen, der nebenbei Grabreden hielt und später ein Bestattungsinstitut eröffnete, gemeinsam erarbeitet wurde.

Klaus hielt seinen Teil des Referats erwartungsgemäß sachlich und sprachlich einwandfrei, ohne große Showeinlagen, sprich die Hälfte der Anwesenden im Hörsaal ist eingeschlafen. Der zweite Teil, also der des Grabredners Udo, wurde ob der angeschlagenen Gesundheit unseres in die Jahre gekommenen Professors mehrmals verschoben und als Udo nach dreimaliger Terminverschiebung endlich seinen Teil zum Thema „Preisfindung in der Marktwirtschaft“ beitragen durfte, hatte er nichts besseres zu tun, als diesen mit den Worten einzuleiten:
„Was lange währt, wird endlich gut.“
Darüber hinaus hatte er sich, im Gegensatz zu allen anderen, die bisher ihr Referat, so, wie es sich gehörte, im Stehen gehalten hatten, auf einem Stuhl hinter dem heiligen Professorentisch niedergelassen und seine sagenumwobenen, einleitenden Worte mit äußerst süffisantem Lächeln und selbstgefälligem Gestus vorgetragen.
Als er dann auch noch anhand einer grafischen Darstellung sinngemäß von sich gab, die Preisvorstellung der Anbieter und diejenige der Konsumenten nähert sich immer mehr an und das alles geht dann so lange im Kreis herum, bis der Marktpreis gefunden worden sei, war das Maß voll.

Der sonst eher zurückhaltende und ruhige Professor wurde puterrot im Gesicht, schrie, wie wir es vorher und nachher nicht mehr von ihm gehört hatten, dass es ja wohl eine Unverschämtheit sei, was sich dieser Herr da vorne erlauben würde, forderte ihn auf, sich unverzüglich von seinem Sitzplatz, der ihm in keiner Weise zustünde, zu erheben und sein Referat in der nächsten Stunde besser vorbereitet und gefälligst im Stehen, so wie alle anderen vor und nach ihm, zu halten. Daraufhin verließ Herr Professor Tür schlagend den Hörsaal und begab sich erneut drei Wochen in den Krankenstand.

Das Thema meines Referats lautete „Das Haavelmo Theorem“. Ich hatte es zusammen mit einer Kommilitonin vorzubereiten, in die ich mich schwerst verliebt hatte, die aber leider schon vergeben war. Weil mir dieser Umstand schmerzlich bewusst wurde, habe ich mich intensiv in die Arbeit gestürzt und dem Autitorium in einem Referat, wie ich selten eins in meinem Leben gehalten habe, mitgeteilt, dass von einer Erhöhung der Staatsausgaben, die voll über zusätzliche Steuern finanziert wird, eine Erhöhung des Gleichgewichtseinkommens ausgeht, die mindestens so groß ist, wie die Erhöhung der Staatsausgaben bzw. der zu ihrer Finanzierung notwendigen Steuererhöhung. Mit anderen Worten, der Staat kann das gesamtwirtschaftliche Einkommen erhöhen, indem er mehr Steuern erhebt und diese Einnahmen sofort wieder vollständig ausgibt.
So sehr unser alter Herr Professor Udo damals abgekanzelt hat, so sehr hat er mich nach meinem Referat gelobt.
Man habe gemerkt, sagte er, dass das Thema nicht nur er- sondern verarbeitet wurde. Diese Worte klingen heute noch äußerst wohltuend in meinen Ohren.

Wer allerdings jetzt glaubt, mit besagtem Theorem die Probleme der derzeit vorherrschenden Finanzkrise erklären, gar bewältigen zu können, dem sei mitgeteilt, dass sich das Theorem auf den Gütermarkt einer stark vereinfachten Volkswirtschaft bezieht und der Geldmarkt im Modell überhaupt nicht berücksichtigt wird.

Udo hat seinen Teil des Referats übrigens nie mehr gehalten. Er hat sich von jenem Tage an seinem bereits damals im Aufbau befindlichen Bestattungsinstitut gewidmet und das Studium irgendwann abgebrochen.

Den Marktpreis für seine Dienstleistung hat Udo mit dem Totschlagsargument gestorben wird immer auch ohne theoretische Herleitung gefunden und die Familie des Herrn Professors hat nach dessen Ableben die Organisation des Begräbnisses in die Hände von Udos Bestattungsinstitut gelegt. Udo hat natürlich kein Wort über die Schmach des verpatzten Referats verloren. Dafür war er zu pietätvoll und zu sehr Profi.
Marktwirtschaftsprofi, versteht sich.

Dieser Artikel erschien am 1. April 2009 auch bei
kolumnen.de


Ein typischer Sonntag – mit Schafen

16.03.2009

Wie beginnt ein typischer Sonntag?
Genau: mit der Sendung mit der Maus. Vorher natürlich Brötchen holen beim Müllersbäck, der an Sonntagen bis abends um 18:00 Uhr geöffnet hat, weil er nebenbei noch ein Café betreibt und man es sich deshalb erlauben kann, etwas später aufzustehen, um dann mit frischem Backwerk pünktlich um 11:30 Uhr vor dem Fernseher zu hocken und zu frühstücken.
Zwar hat mich an der Sendung mit der Maus bisher immer dieser unsägliche Käpt’n Blaubär gestört, mit seinen hanebüchenen Lügengeschichten, aber zum Glück haben ihn die Mausmacher ja inzwischen aus der Sendung genommen und durch ein nicht besonders braves Schaf ersetzt.
Shaun, das Schaf. Für mich gibt es kaum eine witzigere Sendung. Ich liebe es, wenn Shaun ohne viel Federlesens Herr der Lage wird und bleibt, entweder mit Unterstützung des allzu menschlichen Hütehundes, auch oder gerade, wenn dieser ab und zu in sein typisches Hundeverhalten zurückfällt, aber stets mit den Widrigkeiten des Schaf- und Herdenlebens kämpfend. Sei es, weil das dicke Schaf wieder einmal alles frisst, was ihm über den Weg läuft, oder die benachbarte Schweinehorde ihrem Namen alle Ehre macht, oder der Bauer ein neues Spielzeug gekauft hat, das den Bauernhof im Allgemeinen und die Schafherde im Besonderen bedroht, oder weil Außerirdische, Touristen, Postboten, Busfahrer oder Hündinnen, in die sich besagter Hütehund verliebt, das beschauliche Leben einer englischen Stop-Motion-Schafherde aufs empfindlichste stören.

Wie geht ein typischer Sonntag weiter?
Genau: mit einem Spaziergang nach dem Frühstück. Vor allem jetzt, da der Frühling erwacht, das erste zarte Grün sprießt, der Wind Blütenstaubschwaden aus den Hecken bläst und scheue Rehe auf den Wiesen vor dem Waldrand herumlungern.
In dem Zusammenhang fiel der Liebsten und mir beim gestrigen Sonntagsspaziergang auf, dass ein paar versprengte Schafe auf einer Wiese grasten, was zunächst gar nicht weiter erwähnenswert wäre, hätte sich nicht auf unserem Nachhauseweg herausgestellt, dass besagte Kleinstherde nicht eingezäunt und der in den Ort führenden Straße bedenklich nahe gekommen war, was wiederum ob der zahlreich mit Knödel und Braten abgefütterten Gastwirtschaftsbesucher, die mit ihren soeben erworbenen Kleinwagen nach Hause drängten, um sich dem Mittagsschlaf hinzugeben, erhebliches Kollisionspotenzial barg.

Innenminister Wolfgang Schäuble drängte sich in unser Bewusstsein, verlangt er doch aus gegebenem Anlass eine Kultur des Hinsehens und des Handelns, sollten sich in unmittelbarer, sprich nachbarlicher Umgebung Missstände auftun und Ungemach, gar Unglück anbahnen.
Da weder die Liebste noch ich wussten, wem die acht Schafe nebst Lamm gehören, riefen wir die Polizei. EinsEinsNull – kurze Schilderung des Sachverhalts und die Zusicherung, am Tatort zu verharren, bis die Streife eintrifft.
Natürlich begann es kurz nach dem Telefonat zu regnen, aber im beruhigenden Wissen, seiner Bürgerpflicht nachgekommen zu sein, steht man ja gerne mal wie ein begossener Pudel da.
Nach zehn Minuten traf das Spezialeinsatzkommando Schaf ein. Ob wir denn wüssten, wem die Schafe gehören, wollte die Polizisten wissen. Wir verneinten und verkniffen uns dumme Bemerkungen. Dann versicherten uns die Beamtin und ihr Kollege, sich um die Sache zu kümmern und wir durften nach Hause ins Warme und Trockene.

Wie endet ein typischer Sonntag?
Genau: mit einem Nickerchen auf der Couch – Schäfchen zählen.

Als ich heute morgen zur Arbeit fuhr, grasten Shaun und seine Freunde an der gleichen Stelle wie gestern. Eingezäunt waren sie nicht. Auch ein Hund oder gar ein Schäfer waren nirgends zu sehen.
Nein, nochmal ruf’ ich die Bullen nicht an. In einem Dorf ist man ganz schnell als Petze verschrieen. Ganz schnell!

Dieser Artikel erschien am 22. März 2009 auch bei
kolumnen.de


Pubertät

14.02.2009

Schon das Wort ist doch eigentlich für jeden Jugendlichen ein Schlag ins Gesicht.
Der ist in der Pubertät, übersetzt heißt das doch, der hat sie nicht mehr alle, der hat Pickel, vorsicht, das ist ansteckend, der stinkt nach Schweiß und Masturbation.
Das Schlimme daran ist, es stimmt ja alles, aber muss man dafür einen solch furchtbaren Begriff erfinden? Wie wäre es denn mit Die ersten Wechseljahre oder Übergang, ja oder ganz was anderes, aber Pubertät. Irgendwie klingt das doch, als würde sich jemand übergeben.

Gestern Mittag habe ich am Bahnhof eine Zeitschrift gekauft und dabei festgestellt, dass kein Ort der Welt besseren Anschauungsunterricht dafür bietet, Jugendliche in den ersten Wechseljahren zu beobachten, als Bahnhofsvorplätze unter der Woche in der Mittagszeit. Meistens stehen sie im Kreise beieinander. Mädchen und Jungs streng getrennt, bis auf ein oder zwei Pärchen, die Händchen haltend, schnäbelnd und turtelnd den Rest der Gruppe in den Wahnsinn treiben und dazu, Dinge zu tun, die Menschen in den zweiten Wechseljahren, also beispielsweise mich, zum Kopfschütteln und anderen Unmutsbekundungen veranlassen.

Es ist ja nicht so, dass man nicht wüsste, was in der Pubertät so alles abläuft. Die Hormone und der Platz im Leben und der Stimmbruch und die vorwitzigen Titten und die Menstruation und die Dauererektion und das Balzgebaren und das Zickengekicher und überhaupt alles – man kennt ja die Ursachen und die Zusammenhänge und die Wirkungen, aber es nervt doch unsäglich! Und das Schlimme ist, es hat sich offenbar nichts geändert. In jedem Jahr immer wieder aufs Neue stehen die Selbstfindungsgruppen der dreizehn- bis sechzehnjährigen lärmend, spuckend, rauchend und balzend beieinander und gehen sich und ihrer mittel- und unmittelbaren Umgebung furchtbar auf den Senkel.
Und wenn ich sage, in jedem Jahr immer wieder aufs Neue, dann meine ich damit auch meine Pubertät, denn dieses irrlichternde Stadium menschlichen Daseins scheint sich in dreißig Jahren nicht im Geringsten geändert zu haben und es ist zu befürchten, dass es dreißig Jahre vor meiner Pubertät schon so gewesen ist und die kommenden dreißig, sechzig, neunzig, hunderttausend Jahre auch noch so sein wird.

Mit Grauen denke ich an meine Pubertät zurück. In jener Zeit hatte ich drei Kumpel: Jörg, Michael und Alexander. Wir hingen ständig zusammen. Unsere Lieblingsband hieß The Sweet.
Are you ready, Steve? Aha. Andy? Yeah! Mick? OK. Alright, fellas, let’s go!
Tennisschläger waren unsere Gitarren, Kochlöffel die Drumsticks und ein Deostift das Mikrofon. Wenn uns langweilig war, rockten wir zu Ballroom Blitz. Ansonsten haben wir auf dem Bolzplatz vor dem Haus herumgekickt, in den Hecken der angrenzenden Hochschule geklaute Zigaretten gepafft, Pornohefte von Michaels Mutter studiert und das eine ums andere Wochenende im entlegenen Wochenendhaus von Alexanders Eltern hauptsächlich im Vollrausch verbracht. So ging das eineinhalb oder zwei Jahre. Wir waren dämlich, aber froh, bis eines Tages Michael plötzlich eine Freundin hatte. Und wenn ich sage plötzlich, dann deshalb, weil sich in meiner Erinnerung das Bild eingeprägt hat, als wäre sie neben ihm aus dem Boden gewachsen.
Ab diesem Tag war mit Michael nichts mehr anzufangen. Im Schlepptau von Marion, so hieß das hübsche Kind, befanden sich zahlreiche Freundinnen und Nebenbuhler. Unser gemütliches Axel-Michael-Jörg-Alexander-Leben fand in jenen Tagen ein jähes Ende. Nicht, dass wir dieses Leben besonders geliebt oder genossen hätten, aber was dann folgte, war einfach nur noch öde und insgesamt absolut stressig.

Wir sind das nächste halbe Jahr im Kreis herum gestanden. Alexander, Jörg, die Nebenbuhler und ich auf der einen Seite, die Anstandsdamen von Marion auf der anderen Seite. Mittendrin Michael und Marion, die sich geküsst, befummelt und fast aufgefressen haben. Wir haben geraucht, gelärmt, gespuckt und gebalzt.

Der Todestag von Mick Tucker, dem Drummer von The Sweet, dessen Part ich damals mit den Kochlöffeln übernommen hatte, jährt sich heute zum siebten Mal. Mick ist ziemlich kläglich an Leukämie gestorben. Er war ein guter Schlagzeuger, der virtuos die Drumsticks in den Fingern drehen und herumwirbeln lassen konnte. Ich habe mir dieses Kunststück damals auch beigebracht und ich kann es heute noch. Was man in der Pubertät lernt, verlernt man offenbar nicht mehr. Der Rest ist Schweigen.

Dieser Artikel erschien am 18. Februar 2009 auch bei
kolumnen.de


Schall und Rauch

12.02.2009

Ja, ich gebe zu, es ist blöd, mit dem Namen anderer Schabernack zu treiben. Noch blöder ist es, den Schabernack, den andere mit dem Namen anderer treiben, noch einmal zu verschabernacken. Am blödesten wird es, wenn es nicht nur um den Namen einer Person, sondern auch noch um deren Aussehen geht. Zurecht muss man sich in einem solchen Fall die Frage gefallen lassen: Was bitteschön kann eine Person dafür, wie sie heißt und wie sie aussieht?
Egal, ich mach’ das jetzt. Selber schuld, wenn der Herr zehn Vornamen hat und dann noch aussieht wie …

Also zunächst einmal, ich kann sie alle auswendig – heute noch:
Hadschi Halef Omar Ben Hadschi Abul Abbas Ibn Hadschi Dawuhd al Gossarah.
Blöderweise stellte sich kurzfristig heraus, es sind gar nicht zehn, sondern elf. Einen hat sich allerdings irgend so ein Witzbold einfach nur eben mal so ausgedacht und auf die internationale Hausaufgabenhilfe WIKIPEDIA gestellt. Dann allerdings kommt ans Licht, es geht gar nicht um Hadschi Halef Omar, sondern um Karl-Theodor Maria Nikolaus Johann Jacob Philipp Franz Joseph Sylvester Freiherr von und zu Guttenberg, unseren neuen Wirtschaftsminister. Und zwischen den Philipp und den Franz hat besagter Schelm noch einen Wilhelm gebastelt. Das ist ungefähr so, als würde man zwischen den Abul und den Abbas noch einen Iphraim zwängen. Undenkbar!

Egal, die WIKI-Ulknudel hatte ihren Spaß und bot Anlass für Hohn und Spott in der Journaille, weil nämlich ein paar Praktikanten aus der Recherche-Abteilung von Spiegel-Online, oder Bild oder der Rheinischen Post oder dem RTL Nachtjournal oder der Süddeutschen (ich wage nicht, hier festzulegen, welcher der Genannten zuerst) den falschen Vornamen gedruckt und geonlined hatten und weil in dieser Branche, wie allgemein bekannt, einer vom anderen abschreibt, machte der Wilhelm schließlich die ganz große Runde. Welch ein Skandal!

Hand aufs Herz. Bei 10 Vornamen (in Worten zehn) ist es doch nun wirklich egal, ob da mal einer hinzu kommt, oder einer weggelassen wird. Bei einem Von und Zu fällt so ein lächerlicher Wilhelm doch überhaupt nicht ins Gewicht, im Gegenteil, ich finde, er macht sich ganz prächtig und mein dringender Rat an K.-T. M. N. J. J. P. F. J. S. Freiherr von und zu Guttenberg wäre, sich den W. einfach noch dazu zu kaufen – dürfte doch heutzutage kein Problem darstellen.

Ich finde, ein viel schlimmerer Skandal ist, dass Herr von und zu Guttenberg, wie ihm inzwischen nicht nur seine politischen Gegner bescheinigen, sehr wenig bis keine Ahnung von seinem neuen Aufgabengebiet zu haben scheint und es nur dem System Seehofer geschuldet ist, dass Ihre Blaublütigkeit jetzt dies ehrwürdige Amt bekleidet. Na gut, als Franke bin ich natürlich der Maxime verpflichtet Man muss Gott für alles danken, selbst für einen Oberfranken und im Vergleich zu seinem Vorgänger schneidet der Freiherr natürlich glänzend ab. Aber reicht das? In der heutigen Zeit?

Ja und dann hege ich noch einen ganz fürchterlichen Verdacht, der nach meinem Empfinden dringend einer wesentlich eingehenderen Recherche bedarf, als die, ob Herr von und zu Guttenberg neun, zehn oder elf Vornamen hat:
Ist denn noch niemandem aufgefallen, dass der neue Wirtschaftsminister dem Chef der Bild-Zeitung zum Verwechseln ähnlich sieht. Das wäre doch mal eine investigative Meisterleistung, käme heraus, dass Karl-Theodor Maria Nikolaus Johann Jacob Philipp Franz Joseph Sylvester Freiherr von und zu Guttenberg in Wahrheit Kai Diekmann ist. Für die Aufdeckung eine solchen Skandals lass’ ich doch jeden Wilhelm links liegen.