Alles ist Golf, Teil 5: Burn! Your! Books!

27.04.2012

Als ich vor mehr als zwanzig Jahren mit dem Golfsport begann, hatte ich meine erste Trainerstunde bei einem kanadischen Professional. Dieser war von unserem damaligen Clubmeister und Clubmitbegründer nach Deutschland geholt worden, um uns, den Bloody Germans, die wir in Sachen Golf noch gänzlich unbeleckt waren, beizubringen, wie man den Schläger richtig schwingt.

Wochen und Monate vor dieser ersten Lehrstunde hatte ich bereits die Wiesen und Äcker der Umgebung mit einem Eisen 3 umgepflügt und mir im Selbststudium aus Büchern eine Art Golfschwung beigebracht, der den kanadischen Trainer zu einem mitleidigen Lächeln und zu der Bemerkung veranlasste: „Burn! Your! Books!“.
Sein mitleidiges Lächeln quittierte ich daraufhin mit einem gequälten Lächeln und ließ in den nachfolgenden zehn Trainerstunden all das über mich ergehen, was mittelmäßig begabte und in viel zu hohem Alter mit dem Golfsport beginnende Unprofessionals so über sich ergehen lassen müssen, wenn sie die sogenannte Platzreife erlangen wollen, nur um am Ende wieder genauso zu schwingen, wie vor der ersten Trainerstunde, vielleicht ein wenig kontrollierter und zielgerichteter.

Nach diesen zehn Stunden, die damals für die Platzreifeprüfung ebenso verpflichtend waren, wie heutzutage die Nacht- und Autobahnfahrten für die Führerscheinprüfung, habe ich nie mehr einen Trainer aufgesucht. Seither drehe ich als ungeschliffener Diamant meine Golfrunden und beantworte das kleine Manko, den Ball nicht allzu weit zu schlagen spielerisch damit, dies relativ präzise zu tun und verbal mit dem Satz: Golf ist ein Zielsport, kein Weitensport.

Wasser auf meine Mühlen in Sachen fortgeschrittener und fortschreitender Trainerignoranz war der Umstand, dass heuer ein gewisser Bubba Watson das berühmteste Golfturnier der Welt, die US-Masters in Augusta, gewonnen hat. Watson hat nämlich, wie lautbar wurde, in seinem Leben nie eine Trainerstunde gehabt. Angeblich lernte er das Golfen, indem er abgenutzte Bälle einer nahe gelegenen Übungswiese mit einem gekürzten Schläger seines Vaters über das Haus seiner Eltern gedroschen hat und sich daraus sein eigenwilliger Golfschwung entwickelte.

Dass der Golfsport nicht unbedingt etwas mit Talent zu tun haben muss, versucht übrigens dieser Tage der Amerikaner Dan McLaughlin zu beweisen. Mit seinem Experiment The Dan Plan will er, der bis vor kurzem noch nie eine Golfrunde absolviert hat, nach 10.000 Trainingsstunden, jeweils sechs Stunden pro Tag, sechs Tage die Woche, sechs Jahre lang, im Jahr 2016 auf der amerikanischen Profi-Tour spielen und sogar ein Turnier gewinnen.
Die Theorie, dass dies zu schaffen ist, stammt von einem schwedischen Professor, der diese, seine Erkenntnisse nicht nur auf den Golfsport beschränkt wissen möchte, sondern auch auf andere Lebensbereiche wie beispielsweise den Aktienhandel oder das Erlernen von Musikinstrumenten. Die beiden Bücher, in denen solch ketzerisches Gedankengut steht, hat Dan natürlich gelesen und daraufhin sofort The Dan Plan ins Leben gerufen.

Gerne würde ich Dan einmal treffen, der jetzt in dem Alter ist, in dem ich damals war, als ich mit dieser merkwürdigen Freizeitbeschäftigung begann. Natürlich müsste er die beiden Bücher mitbringen. Wir würden uns an einem lauschigen Sommerabend ans Lagerfeuer in meinem Garten setzen, ein Lagerfeuer übrigens, das sich seit Beginn meiner Golfkarriere immer noch aus den einst zahlreich angeschafften Golfbüchern speist und Dan würde nachdem er sich eine Nacht lang die Geschichte meiner Golfkarriere angehört hat, freiwillig seine beiden Bücher ins Feuer werfen, auf dass es uns bis zum Morgengrauen wohlige Wärme spende. Er würde sich mit seiner Freundin versöhnen, die ihn aufgrund seiner Spinnereien verlassen hat, er würde wieder in seinem alten Beruf arbeiten, den er für The Dan Plan aufgegeben hat und er würde am Wochenende eine gepflegte Runde Golf mit seinen Kumpeln spielen. So wie es sich gehört!

Dieser Artikel erschien am 10. Mai 2012 auch bei kolumnen.de

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Mehr Kolumnen aus der losen Reihe Alles ist Golf:

Teil 1 – Die kleine weiße Sau
Teil 2 – Swingerclub
Teil 3 – Join the Flight
Teil 4 – Shit happens


Auf der Suche nach der geheimen Bonusgeschichte – Reloaded

29.03.2012

Weil’s gestern in Bayreuth so schön war und sich die gestrige Lesung kaum von der Lesung vor zwei Jahren in Nürnberg unterschied und ich ein fauler Hund bin, hier noch einmal Harry Rowohlt, wie er leibt und lebt und raunzt und kauzt.

Einfach Nürnberger Hubertussaal durch Das Zentrum in Bayreuth ersetzen und Gostenhofener Buchhandlung durch Hugendubel, schon stimmt (fast) alles wieder.

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Harry Rowohlt - Bleistiftzeichnung von Edward B. Gordon

Diese Bleistiftzeichnung von Edward B. Gordon hängt bei uns im Wohnzimmer und zeigt Harry Rowohlt, der sich im Sommer letzten Jahres von dem Berliner Maler hat in Öl malen lassen.
Eine der zahlreichen Skizzen, die Gordon dafür angefertigt hat, konnte ich käuflich erwerben und habe sie der Liebsten – größter Harry Rowohlt Fan unter der Sonne – zum Geburtstag geschenkt. Dazu eine Eintrittskarte zu einer Lesung, die gestern im Nürnberger Hubertussaal stattgefunden hat.

Von wegen Lesung. Wenn Harry Rowohlt eine Bühne betritt, ist das mindestens eine Performance, wenn nicht sogar etwas ganz anderes, wofür noch ein eigener Begriff zu finden wäre.

Nach einer Anschleimphase, wie Rowohlt den jeweils einführenden Teil seiner Auftritte nennt und die er deshalb macht, weil am Anfang ständig mit Fotoapparaten herumgeblitzt wird und er dann, würde er schon lesen, nichts mehr sehen könne und fürchterlich ins Rudern komme, nach dieser Anschleimphase, die darin bestand, dass er die Anschleimphasen der letzten Veranstaltungsorte Mülheim und Bielefeld Revue passieren ließ, wir hier in Nürnberg also um eine eigenständige Anschleimphase sozusagen betrogen wurden, begann es klassisch mit der Neuübersetzung eines Kinderbuches, das demnächst erscheinen wird.
Darin geht es um einen griesgrämigen, verlotterten, alten Mann, in dessen Haus sich Müll und Dreck stapeln, dessen Garten aber zu den schönsten der Stadt zählt, allerdings nicht deshalb, weil er gerne gärtnern würde, sondern weil eine lästige Fee dem Alten droht, ihn mit einer Bratpfanne zu verprügeln, wenn er nicht seinen Garten in Ordnung hält. Schön skurril und in der rowohltschen Übersetzungssprache, die, da kann man behaupten, was man will, eine Sprache mit eigener Musik, eigenen Schwingungen und eigenständigen Nuancen allerfeinster Fabulierkunst ist. Rowohlt las aus dieser Geschichte den Anfang und …

… den Schluss – drei Pünktchen, ein Stilmittel zur Steigerung eines Spannungsbogens, inbegriffen.

Dieser Schluss hatte es dann allerdings auch in sich, bestand er doch hauptsächlich aus leeren Seiten und dem Hinweis darauf, dass auf gar keinen Fall eine geheime Bonusgeschichte folgen würde, niemals, unter keinen Umständen, man bräuchte gar nicht darauf zu hoffen oder zu warten und was der Leser denn immer noch hier wolle, jetzt sei definitiv Ende und Schluss, das hier sei die absolut letzte Seite des Buches … (leere Seite, drei Pünktchen) bis nach allen Beteuerungen !natürlich! eine geheime Bonusgeschichte folgte.

Das alles darf man sich nicht vorstellen, wie wenn ein alter, in Ehren ergrauter Mann mit Nikolausbart aus einem Buch vorliest, sondern als ein Schauspiel, bei dem jedes Blinzeln, jedes Heben der Augenbraue, jedes Scharren mit den Füßen und jede vermeintlich ungelenke Bewegung choreographiert zu sein scheint und damit Text, Gestik und Stimmlage zu einer wahrhaftigen Rowohltinee verschmelzen – hach, es findet sich doch für alles ein passendes Wort.

Signierstunde mit Harry Rowohlt

Nach der Kindergeschichte las Rowohlt noch einige Texte aus seiner Zeit-Kolumne Pooh’s Corner und pünktlich um 21.12 Uhr, wie von ihm gleich am Anfang angekündigt, gab es eine Pause zum Wohlgefallen der Gastronomie und der mit einem Bücherstand vertretenen Gostenhofer Buchhandlung, die als Veranstalter aufgetreten war und die Rowohlt mehrfach, brav erwähnte, um daraufhin bienenfleißig Bücher zu signieren.

Das Highlight im zweiten Teil der Veranstaltung war zweifelsohne die Kolumne über den Staatsempfang für den irischen Präsidenten im Schloss Bellevue, bei dem Harry Rowohlt zusammen mit der Schauspielerin des Jahres 2007 Judith Rosmair zugegen war.
Ja, die rororo Reihe gebe es noch, versicherte er auf dieser Party dem DGB Bundesvor- und an jenem Abend an Rowohlts Tisch sitzenden Sommer und ja, die Krimireihe auch. Nach einer etwas despektierlichen Äußerung zur Innenausstattung des Schlosses wurde er von einer Tischnachbarin gefragt, ob er wohl der Quotenmann von der Straße sei, während sich zwei Tische weiter Frau Rosmair rosa Getränken hingab und sich darin versuchte, seine Exzellenz, den Apostolischen Nuntius, unter den Tisch zu saufen, obwohl dieser wie angeblich die meisten hohen katholischen Würdenträger eine Prostata von der Größe eines Baguette-Brötchens haben soll.

Die Verabschiedungsszene, bei der die irische Präsidentengattin angestrengt freundlich immer und immer wieder die gleiche Gesichtsmotorik abspulte, bei Herrn Rowohlt allerdings eine Ausnahme machte indem sie einem kurzen, hysterischen Lachen anheim fiel, weil Herrn Rowohlt es gefallen hatte, etwas anzügliches oder anderweitig gesellschaftsunfähiges von sich zu geben (woran er sich aber beim besten Willen nicht mehr erinnern kann) ist angeblich sogar in einem Film über deutsche Schlösser verewigt, der ab und zu auf Phoenix oder dem ZDF-infokanal zu sehen ist. Herrlich auch hier Rowohlts Gabe, Stimmen zu imitieren, Szenen nicht einfach nur abzulesen, sondern mimisch und mit vielen geheimen Bonusgeschichten, die nicht auf dem Papier standen, anzureichern.

Nach einer großartigen Gesangseinlage irischer – und deutscher A- und B-Hymnen, deren Übersetzungen ins Deutsche Rowohlts Kumpel Bill Ramsey einst zu der Äußerung veranlassten: Die klingen im Deutschen ja noch beschissener, als im Englischen, folgten zum Schluss noch Verstrickungen, Verknickungen und Verzwickungen in Sachen lost in translation, einer ganz speziellen Übersetzer-Kolumnenreihe aus dem Literaturmagazin der Zeit. Als Zugabe, bei der Harry es uns ersparte, uns die Hände wund zu klatschten, indem er statt, wie auf den Bühnen dieser Welt üblich, hinaus ging und wieder herein kam, sondern einfach sitzen blieb, trug er noch einige wunderbare Kindergedichte vor, zuerst im englischen Original, dann in der äußerst gelungenen, manchmal aberwitzigen, aber immer treffenden, deutschen Übersetzung.

Und dann war es auch schon 23:30 Uhr. Geschlagene drei Stunden hatten wir gebannt einem Mann gelauscht, der am Anfang damit kokettiert hatte, sein Zahnprovisorium, das er seit ein paar Tagen im Mund trägt, würde nicht halten und man hätte für das Gezischel, das er abliefern würde, eigentlich keinen Eintritt verlangen dürfen.
Keine Sorge, Herr Rowohlt, dieser Abend war jeden Euro wert und wenn wir beim nächsten Mal auch noch unsere eigene Anschleimphase bekommen, sind wir rundum zufrieden.


Wege aus der Globalisierungsfalle am Beispiel der wurstverarbeitenden Industrie

10.02.2012

Wenn im Iran etwas explodiert, denkt man natürlich zuerst und unwillkürlich an die Atombombe, die dort im Schurkenstaat mit Nachdruck gebaut und getestet werden soll. Allerdings gibt es für einen bekennenden und praktizierenden Franken wie mich eine Explosion, die noch viel schlimmer wirkt, als alle Bomben dieser Welt zusammengenommen, nämlich die neulich in der örtlichen Presse thematisierte Preisexplosion auf dem Markt für iranische Schafsdärme.

Dazu muss man wissen, dass der Schafsdarm, der in Fachkreisen der fleisch- und wurstverarbeitenden Industrie auch Saitling genannt wird, ein wesentlicher Bestandteil, um nicht zu sagen unverzichtbares Verpackungsmaterial für das äußerst raffiniert gewürzte, mit internationalen Patentrechten geschützte und vom Präsidenten des 1. FC Bayern München Uli Hoeneß höchstpersönlich in besagten Saitling verpresste Bratwurstgehäck ist, das nach erfolgreicher Befüllung die Original Nürnberger Rostbratwurst ergibt.

Merkwürdig mutet in diesem Zusammenhang an, dass neulich ein Streit darüber entbrannte, ob man eine Original Nürnberger Rostbratwurst auch dann noch als solche bezeichnen darf, wenn das Fleisch nicht aus Nürnberg oder seiner zauberhaft fränkischen Umgebung stammt. Übrigens sehr zum Leidwesen der Nürnberger Bratwurstgastronomie, denn für die enorme Anzahl von Schweinen, die notwendig wäre, um die Heerscharen japanischer-, amerikanischer- und sächsischer Touristen tagtäglich mit Original Nürnberger Rostbratwürsten abzufüttern, müsste ein dichtes Netz hocheffizienter Schweinzuchtanlagen um Nürnberg angelegt werden, was wiederum zur Folge hätte, nahezu sämtliche Neubaugebiete und die halbe Fränkische Schweiz zwangsumzusiedeln.
Zu Ende gedacht, würde das aber natürlich auch bedeuten, die notwendigen Därme ebenfalls einheimischen-, sprich fränkischen-, sprich Nürnberger Schafen zu entnehmen, wollte man nicht in eine eurokratisch abgesegnete Original Nürnberg-Teheran-Mischbratwurst beißen.

Tatsache aber ist, dass der Saitling iranischer Schafe seit Jahrtausenden zu den zartesten und bestgeeigneten Därmen zählt. Übrigens nicht nur bei der Wurstverarbeitung, sondern einseitig verknotet und auf die passende Länge zugeschnitten bis ins 18. Jahrhundert auch zur Empfängnisverhütung.

Nun kann ich mir in diesen globalisierten Zeiten allerdings durchaus vorstellen, die künstliche Verteuerung iranischer Schafsdärme könnte eine Trotzreaktion Teherans auf die internationalen Finanzsanktionen sein, die aufgrund des eingangs erwähnten iranischen Atomprogramms verhängt wurden, frei nach der Devise: kein Geld, kein Darm.

Aber wer weiß, wofür es gut ist. Sollen sich die ollen Perser ihre Saitlinge doch sonst wo hin schieben. Die Pläne für den Schweinegürtel um Nürnberg inklusive begrünter Schweinestalldächer, auf denen dann persische Heidschnucken weiden, liegen doch wahrscheinlich schon längst in den Schubladen der obersten Baubehörden. Und spätestens dann, wenn die EU-Verordnung 13468-II umgesetzt werden muss, nach der Original Nürnberger Rostbratwürste nur noch aus Ingredienzien bestehen dürfen, die in oder um Nürnberg herum erzeugt wurden, werden wir Mahmud Ahmadinedschad dankbar für seine Darm-Reizungen sein.

Im Übrigen könnte ich mir vorstellen, dass die Produktion von Naturdarm-Präservativen im Iran zum Boom-Industriezweig wird. Im Gegensatz zu den Katholiken dürfen die Muslime doch verhüten – oder?

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Leben in Zeiten des Imperativismus

23.07.2011

Die Älteren werden sich noch an den guten alten Imperialismus erinnern, an Zeiten, in denen Staaten systematisch den Ausbau ihres wirtschaftlichen, militärischen, politischen und kulturellen Macht- und Einflussbereiches betrieben und in der Folge Heerscharen von Linken, 68ern und bewaffneten Rotarmisten aus ihren Kommunen trieben, um langhaarig, mit verquasten Manifesten oder Sprengstoff gegen diese verhasste Praxis der Landnahme und Kolonisation vorzugehen. 1961 wurde deshalb sogar ein antiimperialistischer Schutzwall gebaut, der 1989 allerdings wieder eingerissen wurde, weil die Imperialisten fast dreißig Jahre lang kaum Anstalten machten, ihrer imperialistischen Pflicht nachzukommen. Außerdem waren es die vom Schutzwall Geschützten leid, ständig in kleinen, stinkenden Plastikautos herumzufahren, während die Limousinen und Bulliden auf der anderen Seite des Walls schon immer aus Stahl, zum Schluss aus Aluminium waren und mehr Raum boten, als so manches Wohnungsexperiment in antiimperialistischen Plattenbauten.

Mit der Einführung der Globalisierung sind diese Zeiten endgültig vorbei. Heutzutage braucht es keine aufwändige Kriegs- und Besetzungsstrategien mehr. Man befriedigt seine imperialistischen Grundbedürfnisse mit dem Geldbeutel, kauft sich in andere Länder und Kontinente ein, wartet, bis diese pleite gehen, um sie dann ebenso unblutig wie unspektakulär zu übernehmen. Die Chinesen praktizieren derartiges gerade mit den Amis. Die Griechen wird in nächster Zeit ein ähnliches Schicksal ereilen. Säulenstätten formerly known as Akropolis und diverse schnuckelige Badeinseln werden dann wohl unter der Flagge anderer Staaten oder Konzerne firmieren. Wir werden dann am Strand von Nestle liegen, Jägermeister featuring Aphroditefelsen wird allwochenendlich ein Jäger-On-Ice-Party schmeißen und Naxos wird unter der Führung von Toyota in Zukunft Lexus heißen.

Die Grundlage eines solchen, nennen wir ihn Neo-Imperialismus, wird nach meinem Dafürhalten übrigens zunehmend in sozialen Netzwerken gelegt werden, wie sie derzeit zuhauf im weltweiten Netzdingsbums entstehen. Der dort praktizierte Imperativ kommt der imperialistischen Grundidee nicht nur begrifflich am nächsten. Hier wird nicht zögerlich gefragt: Wollen Sie nicht der Erste sein, dem das gefällt, sondern dreist duzend sofort in Befehlsform gefordert: Sei der Erste, dem das gefällt. Durchsuche deine E-Mail-Adresse nach Freunden. Aktiviere dein Handy. Finde Personen, die du kennst.
Tja, wo sonst hätte nach der Abschaffung der Wehrpflicht der Imperativ eine neue und bessere Heimat gefunden, als bei derartigen Cyber-Pfadfindergruppen.

Übrigens, eine Meldung aus der örtlichen Presse hat mir neulich wieder einmal deutlich vor Augen geführt, warum Länder wie Griechenland am Rande der Pleite stehen. Die Stadt Nürnberg, las ich in dem Bericht, verlangt von Gastronomen, die Stühle und Tische auf den Gehsteig stellen eine nicht unerhebliche Gebühr. Nürnberg stehe, was die Höhe der Gebühr betrifft, sogar an der Spitze in Bayern. Die Begründung dafür: Wer Tische und Stühle auf öffentliche Flächen stellt, die eigentlich für Autofahrer, Radler und Fußgänger gedacht sind, hat als Gastronom einen Nutzen davon und verdient auch mehr.

In Griechenland, wo es sicher wesentlich mehr Straßencafes und –restaurants als in Deutschland gibt, zahlt bestimmt niemand eine Gebühr an den Staat. Imperialismus leicht gemacht: vielleicht sollte man ganz klein, mit der Landnahme und Kolonisation der Bürgersteige beginnen.
Sei der Erste, dem das gefällt!

Dieser Artikel erschien am 26. Juli 2011 auch bei kolumnen.de


… Eilmeldung … Eilmeldung … Eilmeldung …

12.07.2011

Durchsage an alle Honoratioren, Würden- und Amtsträger der Stadt Odessa: Herr Wesemann ist wieder in der Stadt. Die Stadtverwaltung verfügt deshalb hiermit, alle neu angeschafften Busse sofort durch die alten, kaputten zu ersetzen, alle gestopften Löcher in den Straßen wieder aufzureißen, die Preise für Kaviar zu verdoppeln, in der Einwanderungsbehörde die langsamsten und mürrischsten Beamten einzusetzen und die Taxifahrer größtmögliche Unfreundlichkeit an den Tag legen zu lassen. Herr Wesemann will eine Kolumne über uns schreiben. Wir sollten ihn in diesem Vorhaben bestmöglich unterstützen.

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Allerhand aus Schland

01.07.2011

Heißt es jetzt Krakenorakelin oder Krakinnenorakel und gibt’s überhaupt eine solche? Eine Pauline, eine Paulinette, eine Pauleuse? Irgendwie habe ich den Eindruck, fügt sich nicht alles so, wie es sein sollte, bei dieser Frauenfußball-WM. Ja gut, ich gebe zu, das sieht schon meistens wie Fußball aus und es fallen auch schöne Tore. Außerdem spucken die Mädels nicht so oft auf den Boden und wie manche Fußballerina aussieht, sollte ja wirklich keine Rolle spielen; bei den Männern tragen ja auch die wenigsten ihr Haar so schön, wie Mario Gomez. Trotzdem, schon das Wort Frauenfußball. Wenn Männer spielen, heißt es doch auch einfach nur Fußball. Und dann diese nervtötenden Innen-Anhängsel: SchiedsrichterInnen, FußballerInnen, TrainerInnen. Zum Glück spielen die FinnInnen nicht mit.

Dann gestern, das Spiel gegen die – dank Voodoo-Zauber – garantiert lesbenfreie Knochenbrecher-Truppe aus Nigeria. Ich mach’ mir jetzt bestimmt ein paar FeindInnen, aber warum musste ich nach fast jedem deutschen Ballkontakt an einen versprengten Hühnerhaufen denken? Könnte natürlich daran liegen, dass Hähnchenhaufen in der Natur kaum vorkommen? Und als Krönung dann noch diese moppelige Schiedsrichter-Asiatin, die selbst die härtesten Attacken nichtahndend und nichtsahnend unter den Rasen grinste. Bei den Männern wäre die mindestens mit ein paar Feuerzeugen oder Bierbechern beworfen worden und das halbe Stadion hätte gewusst und verkündet, wo ihr Auto wohnt.

Ich kann mir nicht helfen, aber ich werde nicht so recht warm mit jenen ursprünglich auf ein gewisses Maß an Robustheit und – ja, auch – Primitivität ausgelegten Sportarten, die dann plötzlich auch von Frauen ausgeübt werden (sollen/müssen). Diese Ambivalenz, wenn eine Spielerin ordentlich einsteigt, als Flintenweib abgestempelt zu werden, um sie dann, wenn sie es nicht tut, sofort der Nonnenhockeyfraktion zuzurechnen, führt doch bei den meisten Beobachtern und Zuschauern nur zur gänzlichen Gefühlsverwirrung. Wenn dann auch noch, ganz im Zeichen von Bild Dir Deine Meinung Großmaulwerbung für das „größte, deutsche Presseorgan“ hinzu kommt, ist doch endgültig jeglicher Wohlwollensbonus verspielt – oder? Also bei mir schon!

Bis vor kurzem dachte ich ja, man könnte den Deal machen, Männer lassen die Finger von rhythmischer Sportgymnastik und Synchronschwimmen, dafür lassen die Frauen das Fußballspielen und Boxen wieder bleiben. Dann aber sah ich neulich beim Themenabend „Nordlichter“ in 3Sat einen Filmbericht über schwedische Männer in der Midlife Crisis, die eine Synchronschwimmgruppe gegründet haben und zu unverhofftem Erfolg gelangten.

Auf nichts mehr ist Verlass. Schlimm!
Und was noch schlimmer ist: so wie ich die Nordlichter einschätze, sind bei der nächsten Frauen-Fußball-WM auch die Finninnen dabei.

Dieser Artikel erschien am 2. Juli 2011 auch bei kolumnen.de


Zurück ins alte Leben

13.05.2011

Kennen Sie Sarah Engels? Ich gestehe, ich kannte sie nicht, obwohl sie doch dieser Tage Berühmtheit – wenn auch traurige – erlangte, konnte sie im Finale der berüchtigsten aller Castingshows Deutschland sucht den Superstar lediglich den undankbaren zweiten Platz für sich entscheiden.
“Ich habe Angst vor meinem alten Leben”, denn “es wäre der größte Horror wieder zur Schule zu müssen. Ich müsste die 12. Stufe komplett wiederholen”, hat sie mädchengleich der Bild-Zeitung gestanden und führte sternchengleich weiter aus, sie wolle unbedingt Musik machen und nicht als Verkäuferin enden.

Ach ja, das alte Leben. Ich stelle mir in dem Zusammenhang immer den fränkischen Freiherrn vor, wie er Doktortitel aberkannt, Ehre abgeschnitten und Arme verschränkt durchs heimatliche Guttenberg trottet, seiner Gutmenschengattin auf den Senkel geht, weil er ihr einen Beratervertrag in Sachen Medienkompetenz aufzuschwatzen versucht und ansonsten nicht so recht weiß, wohin mit seinem Lichtgestaltdasein. Sandale hochhalten fiele mir ein, nachdem dieser Tage Das Leben des Brian bei arte wiederholt worden war und ich mich zum ich weiß nicht wievielten Male ordentlich darüber beömmelt habe.

Was aber machen weniger er- und beleuchtete Persönlichkeiten, die jetzt auch zurück müssen ins alte Leben? Frau Koch-Mehrin zum Beispiel. Die war ja nur Vorzeigefrau, das ist weit weniger als Lichtgestalt. Oder Frau Veronica Saß, die ist lediglich Tochter. Ja gut, immerhin Tochter einer ehemaligen Lichtgestalt, aber trotzdem, wie sieht es in deren Innerstem aus?  Haben die jetzt auch Angst, als Verkäuferin zu enden? Naja, um die Koch-Mehrin mache ich mir keine großen Sorgen. Die soll ja sowieso den Großteil der Euro-Parlamentssitzungen geschwänzt haben. Die macht, was sie schon immer gemacht hat: sie geht Kaffee trinken. Oder ab und zu ein Gläschen Silvaner – verzeihen Sie mir diesen plumpen Wortwitz.

Aber dann gibt es ja noch Menschen, wie diesen armen René Pfister. Kennen Sie den? Der ist nur ein kleiner Spiegel-Journalist. So einer, der zwar richtig gut schreiben kann, den aber sonst keine alte Sau kennt. Nur ganz kurz durfte der am neuen Leben schnuppern. Dem haben sie vor kurzem für die beste Reportage den renommierten Henri Nannen Preis verliehen und danach sofort wieder weggenommen. Er hat nämlich bei der Preisverleihung gesagt,  er habe die im Keller des bayerischen Ministerpräsidenten Seehofer beschriebene Szene am Stellpult der ministerpräsidentlichen Modelleisenbahn gar nicht selbst miterlebt, sondern sich diese aus Presse- und sonstigen Meldungen lediglich zusammengereimt. Aber genau wegen eben jener Szene hatte man ihm den Preis ja gegeben, immerhin hieß der Artikel “Am Stellpult”.

Aber es scheint egal zu sein, auf welche Weise die Wahrheit ans Licht drängt. Sei es durch Gutten- oder VroniPlag. Sei es dadurch, dass der Mensch sich einfach nicht dauerhaft verstellen kann und sich entweder bei Preisverleihungen verquatscht oder trotz christlicher Parteizugehörigkeit freudigst Stellung nimmt zu Auftragstötungen von Top-Terroristen. Sei es, dass aus der billigsten und saubersten Energie der Welt plötzlich und unerwartet die teuerste und gefährlichste wird. Ins alte Leben müssen wir offensichtlich alle irgendwann zurück.

Ich finde, das tröstet ungemein und redet wieder einmal mehr der teuflischsten aller Erkenntnisse das Wort:
Du bist am Ende – was du bist. Setz’ dir Perücken auf von Millionen Locken, setz’ deinen Fuß auf ellenhohe Socken, Du bleibst doch immer, was du bist.*)
Denjenigen, die sich bei diesem berühmten Zitat, das ich hiermit ausdrücklich als solches kennzeichnen möchte, einen hämisch grinsenden Autor vorstellen, darf ich hiermit sagen: sie haben recht, ich grinse und tatsächlich hämisch!

*) Zitat aus Johann Wolfgang von Goethes Faust, Erster Teil, Studierzimmer

Dieser Artikel erschien am 14. Mai 2011 auch bei kolumnen.de


Ich habe mich vorübergehend, ich betone vorübergehend, als Auftragsschreiber verdingt

25.02.2011

Facharbeit, nicht Doktorarbeit. Und auch nicht abgeschrieben, sondern in mühevollster Kleinarbeit selbst verfasst. Und nicht nur meine, sondern auch noch die von zwei Mitschülern. Ja gut, ich habe fünfzig Mark für jede Arbeit verlangt und weil der eine, der Peter nur dreißig Mark zu geben bereit war, hat dessen Arbeit auch einen Malus wegen schwerwiegender, äußerer Mängel erhalten. Wegen äußerer Mängel wohlgemerkt, nicht wegen inhaltlicher!
Die Arbeit für den Heinz – der hatte den geforderten Fuffziger ohne Murren auf den Tisch gelegt – diese Arbeit bekam die Note 2. Der Peter bekam gerade noch so die 4. Durchgefallen ist also keiner. Der Preis war o.k. und die Leistung entsprach dem Salär.

Für mich war es eigentlich keine Arbeit. Ich habe schon immer gerne geschrieben und heutzutage bekäme wahrscheinlich auch die Arbeit vom Peter mindestens eine 3, denn Rechtschreibfehler würde das Rechtschreibprogramm erkennen und Tipp-Ex-Patzer oder gar Durchgestrichenes gäbe es auch nicht. Aber damals, in den 70ern gab’s halt nur die gute alte Traveller de Luxe von Olympia und ein vergessenes Wort oder eine vergessene Fußnote hätte bedeutet, die ganze Seite, wenn’s ganz dumm kam, mehrere Seiten neu tippen zu müssen. Bei aller Liebe, für dreißig Mark.

Hätte der Peter die 5 bekommen, hätte ich ihm die dreißig Mark selbstverständlich wieder zurückerstattet. Keine Frage. Hätte ich natürlich nicht müssen, denn einklagen hätte der Peter das Geld ja schlecht können. Ja gut, er hätte es seinen Eltern sagen und die hätten mich zur Rede stellen und an meine Ehre appellieren können. Aber so weit hätte ich es nicht kommen lassen. Der Deal war, dass der Peter besteht und für läppische dreißig Mark ist nun einmal kein summa cum laude drin.

Aber auf die Idee, die Einleitung oder auch nur Teile davon aus der Zeitung abzuschreiben, auf diese Idee wäre ich niemals gekommen. Bei meiner Arbeit nicht und bei der vom Heinz und vom Peter schon gar nicht.

Der Peter ist jetzt übrigens Prokurist einer mittelständischen Firma und der Heinz ein hohes Tier bei einer Krankenkasse. Wer weiß, ob sie das ohne mich wären. Ich bereue nichts.

Dieser Artikel erschien am 25. Februar 2011 auch bei kolumnen.de


AxeView

04.11.2010

Ich komme gerade aus dem neu eröffneten Pixelstudio, gleich um die Ecke. War ganz schön was los. Viele hatten ihre Reihenhäuser, Gartenzäune und Vorgärten dabei. Einige wollten ihre Frau pixeln lassen.
Ich hab’s selber mal probiert. Gelungen, nicht wahr?

Frogpraxpix Noxixel dexilp Pix

Eine schöne Kolumne zu diesem Thema darf ich von Kolumnistenkollegen Raymund Krauleidis empfehlen.
Hier der LINK.


Paralleluniversen

05.10.2010

Die einen stehen auf Bierbänken, in Lederhosen und Dirndl, völlig außerhalb der Zeit, schunkeln und grölen zu typisch bayerischem Liedgut wie Sweet Home Alabama oder Country Road, eine Maß Bier für 8,75 € in der Faust, mit der angestoßen und aus der auch manchmal getrunken wird. In Ausnahmefällen zerschlägt man den Krug auf dem Kopf eines anderen, aber solche Fälle gehen zurück, verrät die Statistik. Nicht jeder Wiesn-Besucher ist ein potenzieller Raufbold, ebenso, wie nicht jeder Bartträger ein Islamist.

Die anderen kämpfen sich mit jeweils vierzehn Golfschlägern auf einer Länge von rund sieben Kilometern im walisischen Newport durch Regen, Sturm und Kälte. Erst liegen die Amis vorne, dann holen die Europäer spektakulär auf. Und weil es regnet und regnet, immer wieder stark regnet und die Hälfte der monatlichen Regenmenge in dieser Gegend an zwei Tagen über dem Traum-Golfplatz The Celtic Manor Resort herniedergeht, muss die Entscheidung auf Montag verschoben werden.

Dann gibt’s noch welche, die kassieren Monatsgehälter, so hoch, wie sie unsereins im Jahr nicht annähernd verdienen wird, dafür, dass sie eineinhalb Stunden am Wochenende und in englischen Wochen auch mal am Dienstag oder Mittwoch hinter einem Ball herrennen, um dann doch das Spiel zu verlieren und sich die Brandreden des Herrn   Wurstfabrikanten und einer holländischen Muppetfigur anhören müssen.

Oktoberfest, Ryder Cup, Bayern München – Wiesn, Kampf der Kontinente, FC Hollywood - Volksfest, Golfsport, Bundesliga.

Als ich nach der zweiten Maß das Festzelt verlasse, um über die Wiesn zu spazieren – zum ersten Mal in meinem Leben übrigens, auch, um einmal eine Trinkpause einzulegen, denn würde man beim permanenten Prosit der Gemütlichkeit immerzu mithalten, wäre man nach zwei Stunden fertig, in der Ecke, Aus, Tilt, Filmriss – als ich also so vor mich hingehe und die Partygelaunten, Halb- und Volltrunkenen so bei ihrer Freizeitgestaltung beobachte, erkenne ich plötzlich, wie ernst es denen ist, mit ihrer Gaudi, mit ihrer Folklore, mit ihren auf den rot karrierten Hemden aufgenähten Hosenträgern, mit ihren Filzhüten und aufblasbaren Partyfässern auf dem Kopf.

Wiesn-Hit 2010, der Sarrazin-Song: Ich hab’ ne Zwiebel auf dem Kopf, ich bin ein Döner. Integration muslimischer Migranten in Deutschland gescheitert – dass ich nicht lache.
Und alle singen Olé, Olé, Olé, Olé. Die Banktänzer im Bierzelt, die Zuschauer beim Ryder Cup in Wales und die Dortmunder, die anderntags den Bayern die Lederhosen ausziehen.

Und die Europäischen Golfer? Die verspielen fast noch ihren komfortablen Vorsprung vom Sonntag. Martin Kaymer, der neue Bernhard Langer verliert sein Spiel, doch dann, am 17. Loch der letzten Paarung, versagen dem jungen Amerikaner Hunter Mahan die Nerven. Ein Chip von ca. zehn Metern missrät vollständig. Der Ball hoppelt nur einen guten Meter. Mir, als Hobbygolfer passiert so etwas ständig. Ein kleiner Trost für mich. Eine Katastrophe für den Profi.
Für Hunter Mahan und Louis van Gaal bleibt eigentlich nur die Todesstrafe. Zum Glück ist die Wiesn ab heute vorbei.


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