Making Woodstock

24.07.2009

Wer hier ab und zu liest, wird (hoffentlich) Going Home kennen, mein Fortsetzungs-Schreibprojekt über einen jungen Mann, der 1969 während des Woodstock-Festivals geboren wird, in Deutschland aufwächst und sich nach dem Abitur zusammen mit einem Freund (also mit mir) aufmacht, in Woodstock nach seinen Wurzeln und seinem Vater zu suchen.
Schon lange nehme ich mir vor, ein neues Kapitel zu schreiben, aber es kommen immer tausend andere Dinge dazwischen.

Making Woodstock

Making Woodstock

Dieser Tage ist pünktlich zum 40. Jahrestag des Woodstock Festivals ein Buch ins Deutsche übersetzt und herausgebracht worden, das bereits 1975, also fünf Jahre nach dem Festival in Amerika erschien. Es heißt Making Woodstock – Ein legendäres Festival und seine Geschichte (erzählt von denen, die es bezahlt haben).

Erzählt wird die Woodstock-Story aus Sicht derjenigen, die zusammen mit den Veranstaltern Michael Lang und Artie Kornfeld das Projekt finanziert haben und sich damit beinahe ruiniert hätten: Joel Rosenman und John Roberts, zwei Mitzwanziger aus New York, die durch Erbschaft zu einigem Vermögen gekommen waren und gute Kontakte in die damalige Musikszene hatten.

Tolles Buch. Besser als mancher Krimi. Wer hätte gedacht, dass havarierte G’schäftles-Hasardeure so witzig sein können. Und den beiden Übersetzerinnen kann man nur um den Hals fallen: Das ist erstklassige Arbeit.

Carl Weissner

Drei Mal darf geraten werden, welcher Axel sich dieses Büchlein heute gekauft hat.


Going Home – Teil 7

05.02.2009

Going Home„Help me“, winselt John Sebastian, der eine halbe Stunde später auf der Bühne steht und seinen Text vergessen hat.
„Mein Gott, welch ein Freak“, schimpft Harry, der überhaupt nicht auf Sebastian und dessen Musik steht.
„Der ist völlig weggetreten. Der gehört nicht auf die Bühne.“
John schüttelt den Kopf und versteht nicht, warum Harry sich so aufregt.
„Hab’ Dich nicht so. Ich finde ihn klasse. Schau Dir seine Klamotten an. Die hat er bestimmt alle selbst gebatikt.“
„Genau, das meine ich“, entgegnet ihm Harry und steigert sich hinein:
„das ist alles nur Understatement und seine Musik ist richtig Scheiße. Sein Name steht überhaupt nicht auf dem Programm.“
Harry kramt ein mehrfach zusammengelegtes Plakat aus seiner Hosentasche hervor und entfaltet es.
„Siehst Du hier einen John Sebastian? Nein, Du siehst hier keinen John Sebastian. Ich habe nicht Eintritt bezahlt, um diesem bekifften Schnulli dabei zuzusehen, wie er sich vom Publikum den Text soufflieren lässt, Himmel Herrgott!“
Harry ist außer sich. Daggy schmunzelt und streichelt ihm über den Kopf. Sie mag es, wenn er sich so aufregt.
„Mir gefällt’s“, sagt sie und legt sich wieder hin.

John war Daggys liebevolle Geste Harry gegenüber nicht verborgen geblieben. Er beobachtet die beiden eine Zeit lang aus den Augenwinkeln heraus und kämpft gegen eine leichte Eifersucht an. Er schmiegt sich an Daggy und sagt:
„Mir gefällt es auch. Lass’ den Blödmann brummen. Der braucht das, sonst ist er nicht glücklich“.
„Harry ist kein Blödmann“, sagt sie und während Applaus aufkommt, weil Mr. Sebastian fertig ist mit seinem improvisierten Gig, dröhnt dieser Satz in Johns Kopf wie von einem Endlosband: Harry ist kein Blödmann, Harry ist kein Blödmann …

Die Wolken hängen jetzt fett und rabenschwarz über dem Gelände. Der Wind hatte etwas nachgelassen, setzt aber jetzt umso stärker ein. Das Endlosband in Johns Kopf will nicht aufhören.
Wie war das in den letzten Wochen und Monaten? John hatte viel zu tun. Er musste zahlreiche Klausuren schreiben und nachts immer noch diese nervigen Jobs am Hafen oder in der Tankstelle. Harry hat merkwürdigerweise nie besonders viel zu tun. Er hängt eigentlich immer nur herum. Das Geld kommt von seinen Eltern und büffeln hat John Harry auch noch nie gesehen, höchstens mal in der Bibliothek. Ansonsten war Harry in den Kneipen oder in den Cafes anzutreffen, in der Mensa oder auf Partys, die immer irgendwo stattfinden.
Und Daggy hatte sich eigentlich nie beschwert, dass John in den letzten Wochen und Monaten wenig bis keine Zeit für sie hatte. Harry ist kein Blödmann …
Harry und Daggy unterhalten sich. Sie tuscheln. John will sie nicht belauschen. Er rückt absichtlich ein Stück zur Seite. Harry ist kein Blödmann, nein, bestimmt nicht!

„Sweetwater“, schreit Harry plötzlich und deutet auf die Bühne. Er ist ein echter Fan dieser Band und überzeugt davon, dass sie eine große, eine richtig große Karriere vor sich hat.
„Meine Fresse, ich habe schon gedacht, die fallen aus und es gibt stattdessen diesen selbstgebatikten Wandergitarristen. Sweetwater!!!“ brüllt Harry und kann damit zahlreiche Festivalbesucher um ihn herum zu einem Fan-Chor animieren.
Sweet Wa Ter – Sweet Wa Ter –Sweet Wa Ter
.
Nancy Nevins, die Sängerin winkt in Richtung des Chors. Harry ist außer sich.
„Habt Ihr das gesehen. Habt Ihr das gesehen. Sie hat uns zugewunken. N A N C Y !!!“. Harry schreit sich die Seele aus dem Leib.
Harry ist doch ein Blödmann
.

… to be continued


Going Home – Teil 6

02.10.2008

Going Home

Während der Umbaupause wird der Wind stärker. Die Lautsprechertürme ächzen bedenklich. Harry steht auf und ist von der Geräuschkulisse beeindruckt, die eine halbe Millionen Menschen nur dadurch erzeugt, dass sie sich unterhalten.
Daggy muss auf’s Klo. John soll mit. Er verdreht die Augen, rafft sich aber sofort auf und geht mit ihr.

Auf der Bühne passiert nicht viel. Eigentlich sollten dort Amps und Mikrofone oder wenigstens ein Schlagzeug aufgebaut werden. Stattdessen stehen eine ganze Menge Jungs herum und diskutieren oder rauchen. Ab und zu tritt einer ans Mikrofon und macht eine Durchsage, von Leuten, die getrennt wurden und sich suchen. Einige sollen ihre Eltern anrufen. Einer sagt, die Toiletten rechts neben der Bühne seien alle bis zum Anschlag gefüllt und könnten nicht mehr benutzt werden; der Reinigungswagen sei schon lange auf dem Weg, stecke aber im Stau. Sorry for the inconvenience.
„Lauter logistischer Scheiß, die sollen mal durchsagen, wie’s weitergeht“, beschwert sich Max. John und Daggy, die auf dem Weg waren zu den Toiletten rechts neben der Bühne, sind frustriert zurückgekehrt und versuchen es jetzt bei den Toiletten links neben der Bühne. Daggy schaut gequält und Harry wartet schon die ganze Zeit darauf, dass sie zum Aufbruch drängt. Das kann sie aber vergessen – nicht nach all den Strapazen. Es wird auf keinen Fall frühzeitig abgebrochen. Auf keinen Fall.
Er steigert sich ein wenig in seinen Hass. Seine Verliebtheit ist weg, so, als hätte sie der aufkommende Wind verblasen.

Inzwischen richtet sich die Aufmerksamkeit der Zuschauer mehr auf das Wetter, denn auf die Bühne und so kommt es, dass ein schlecht ausgesteuerter Musiker mit Gitarre ein paar Lieder singt, ohne dass dies groß bemerkt würde. Country Joe McDonald steht da unten und müht sich, gegen den Wind und die Unaufmerksamkeit der Zuschauer anzusingen, bis es ihm zu dumm wird und er die tranige Gemeinde vor der Bühne und ringsum auf den Hügeln mit Wut in der Stimme aufweckt und auffordert:
„Give me a F
Und wie vom Donner gerührt, unterbrechen sofort alle, die diese Aufforderung hören, ihr Gespräch und geben dem Herren da unten ein „F“. Doch damit gibt er sich nicht zufrieden. Er möchte auch noch ein „U“ und ein „C“ und ein „K“.
„Der will es genau wissen“, sagt Harry und McDonald fragt:
„What’s that spell?“ und alle wissen es. Sie wissen es und sie rufen es. Und als der Mann auf der Bühne sie nicht versteht und wiederholt nachfragt, schreien sie es. Wieder und wieder.
F U C K !!!

Country Joe ist zufrieden und stimmt einen neuen Song an. Einen, auf den plötzlich alle hören. Einen, den die Jungs am Mischpult extra laut drehen, so dass es am Anfang ein wenig quietscht. Einen, den alle mitsingen, weil sie ihn schon seit einigen Jahren kennen:

And it’s one, two, three, what are we fighting for?
Don’t ask me, I don’t give a damn, next stop is Vietnam;
And it’s five, six, seven, open up the pearly gates,
Well there ain’t no time to wonder why,
Whoopee! we’re all gonna die.

… to be continued


Going Home – Teil 5

18.07.2008

Going Home

Ein Schwarzer schleicht auf die Bühne. Er hat äußerst schlechte Zähne. Bekleidet ist er mit einer orangefarbenen Kutte und in der Hand hält er eine völlig verschrabbelte Gitarre. Er setzt sich auf einen Barhocker und beginnt zu spielen. Allgemeine Verwunderung. Eigentlich war Sweetwater angekündigt, aber bei dem Verkehrschaos und all den Unzulänglichkeiten hier, war es kein Wunder, dass es zu Umbesetzungen und neuen Dispositionen gekommen war und wahrscheinlich auch weiterhin kommen würde.
Der Mann auf dem Barhocker heißt Richie Havens. Er wird von einem weiteren Gitarristen und einem Percussionisten begleitet und spielt Folk. Die Stimmung im Publikum ist wegen des miserablen Sounds und des drohenden Regens ziemlich schlecht. Vor allem hier oben auf dem Berg, wo sich die fünf auf einer Decke niedergelassen haben, trägt der aufkommende Wind nur ab und zu ein paar Soundfetzen herauf, um sie im nächsten Augenblick wieder in eine andere Himmelsrichtung zu blasen und es sich anhört, als würde Mr. Havens abwechselnd mit vorgehaltener Hand und dann wieder mit einem Megaphon singen.
Harry schimpft, John pflichtet bei. Max und Stan haben sich hingelegt und wissen nicht, worum es geht. Daggy hat Schmerzen.
„Was ist – geht’s los?“ will John wissen, doch sie weist ihn zurück und legt sich auch auf die Seite.
„Verdammte Scheiße, ich glaube, es geht los …“, John wird panisch und versucht Harry für die Situation zu sensibilisieren.
„Meinst Du nicht“, quengelt er weinerlich, „meinst Du nicht, wir sollten uns langsam darum kümmern, wo wir uns hinwenden können, wenn es tatsächlich losgeht?“
Harry zieht die Schultern hoch und winkt ab.
„Das geht jetzt nicht los. Sie hat noch ein paar Wochen“.
„Na Du musst es ja wissen. Wie oft warst Du denn schon schwanger?“
Harry und John blicken sich an und weil beide nicht mehr ganz nüchtern sind und weil beide in diesem Augenblick beschließen, dass dies wohl der beste Konfliktlöser sein dürfte und weil beide gute Freunde sind und weil beide finden, dass die Gesamtsituation ein wenig Entspannung vertragen könnte, fangen sie an zu kichern und wälzen sich auf der Decke, bis Max und Stan auch mitmachen und Daggy genervt versucht, die Kinderei zu beenden.
Auf der Bühne sind Mr. Havens inzwischen die Lieder ausgegangen. Er hat sich nach Kräften bemüht, Sweetwater zu ersetzen und das Publikum dankt es ihm und fordert weitere Zugaben. Also flüchtet sich Mr. Havens in ein Traditional. Sometimes I feel like a motherless child.
Bei diesem Lied werden die Jungs wieder zahm. John nimmt Daggy in den Arm. Max und Stan qualmen wie die Schlöte und Harry versinkt ganz in der Musik. Seine Eifersucht stellt er hinten an. Hat keinen Zweck, denkt er. Hat überhaupt keinen Zweck. Daggy und John küssen sich.
Freedom, Freedom, Freedom …
Irgendwann steht Mr. Havens auf. Er ist völlig durchgeschwitzt und verlässt ganz langsam, aber immer noch mit seinem eigenwilligen Stil Gitarre spielend, die Bühne. Er wiegt sich im Takt. Seine Begleitmusiker halten den Rhythmus noch eine Weile durch. Freedom, Freedom … Das Publikum erhebt sich und ist von dieser außergewöhnlich improvisierten Zugabe ganz angetan. Auch Daggy John und Harry stehen auf und haben das erhebende Gefühl, gerade etwas Besonderes erlebt zu haben.

… to be continued


Going Home – Teil 4

18.04.2008

Going Home

Bis der Joint zu wirken beginnt, sind einige tausend Menschen an den dreien vorbeigezogen. Harry drängt zum Aufbruch. Das Wetter weiß nicht, was es will. Es sind nur noch ein paar hundert Meter bis zum Zaun, der inzwischen fast vollständig niedergetreten ist.
Als die drei endlich auf dem offiziellen Festivalgelände sind, treffen sie tatsächlich auf Max und Stan.
„Wo bleibt ihr Freaks?“, fragt Stan, der kaum noch stehen kann, so benebelt ist er.
„… und Du, Prinzessin. Wie geht’s dem Kleinen“. Er deutet auf Daggys Bauch und kichert.
Daggy ist jetzt, nachdem sie quasi am Ziel sind und der Dope seine Wirkung tut, etwas besser drauf. Sie streichelt zärtlich ihren Bauch und lächelt Stan verträumt an.
„Schläft selig. Wird Zeit, dass er ordentliche Musik zu hören bekommt.“
„… oder Sie. Vielleicht ist wird es ja auch ein Mädchen“, mischt sich John ein und zieht Daggy mit sich. Er mag nicht, wenn sie stoned ist und zu flirten beginnt.

Max, der am Boden hockt und die ganze Zeit von einem zum anderen geblickt hat, fordert Stan und Harry auf, sich zu ihm zu setzen.
„Wir haben schon gar nicht mehr mit Euch gerechnet“, gesteht er und klopft Harry auf die Schultern.
„Das sind bestimmt mehr als eine halbe Millionen Leute hier. Wetten!“
Harry nickt zustimmend und blickt John und Daggy hinterher, die den Weg zum letzten Hügel nehmen. Nach diesem Hügel muss die Bühne bereits zu sehen sein. Die Festivaldurchsagen sind jetzt laut und deutlich zu hören. Immer wieder steuern Hubschrauber das Gelände hinter diesem Hügel an.
Als Harry, Stan und Max sich aufmachen, diesen letzten Hügel zu erklimmen, hat die Pilgermenge Daggy und John bereits verschluckt.
Oben angekommen, sind dann aber doch alle fünf wieder zusammen. Was sie sehen, können sie kaum glauben. Am Fuße des Hügels die Bühne. Davor Menschenmassen. Es sieht aus wie eine halbe Millionen Menschen. Es ist eine Bühne für eine halbe Millionen Menschen. Es sind Lautsprecher- und Beleuchtungstürme für eine halbe Millionen Menschen.
„Mindestens eine halbe Millionen“ schwärmt Max noch einmal. Daggy setzt sich und hat Tränen in den Augen.
„Das haut mich um“, sagt sie und all diejenigen, die in diesem Augenblick die Kuppe des Hügels erreichen, die Bühne, das Gelände und die vielen Menschen zum ersten Mal sehen, haben die gleichen Gedanken: einerseits dieser überwältigende visuelle Eindruck, andererseits Panik, keinen geeigneten Platz zu finden, nicht ordentlich die Bühne zu sehen, nichts oder nur wenig zu hören, oder wenn es regnet, völlig abzusaufen. Das Wetter gibt allen Anlass zu dieser Vermutung. Dunkle Wolken ziehen auf.

… to be continued


Going Home – Teil 3

22.01.2008

Going Home

Es dauert eine halbe Ewigkeit, bis Daggy und John endlich eintreffen. Harry hat inzwischen drei Zigaretten geraucht und dabei die vorbeiziehende Menschenmenge beobachtet. Gelöste Stimmung; man liegt oder hockt auf Autodächern, im Gras, auf Kühlerhauben, auf der Straße. Überall Musik – handmade mit Westergitarre, Mundharmonika, Banjo. Gruppen haben sich gebildet. Es wird beratschlagt, wie es weitergehen soll. Zu Fuß, das Auto einfach stehen lassen? Offensichtlich ist jeder froh, bis hier her gekommen zu sein. Keine Spur von Aggressivität oder Missgunst, nur Daggy ist mit ihren Nerven am Ende. John musste übermenschliche Überzeugungsarbeit geleistet haben, sie bis hierher zu lotsen.
Aus der Ferne hört man bereits die ersten Festivaldurchsagen. Hubschrauber umkreisen das Gelände – auch Militärhubschrauber.
Als einer von Ihnen besonders tief über ihre Köpfe kreist, beginnt ein gellendes Pfeifkonzert. Fäuste werden geballt und Mittelfinger in den Himmel gereckt. „Fuck you“!
Dann eine Durchsage der Festivalleitung, die sich wie ein Lauffeuer verbreitet: „This is a free festival from now on“. Jubel und ungläubiges Staunen. Viele waren ohne Eintrittskarten hierher gekommen und dürfen jetzt Zäune niedertreten und Aufseher ignorieren. John nimmt Daggy in den Arm und jauchzt. Die kann irgendwie gar nicht nachvollziehen, warum er sich so freut, schließlich hatten sie doch beide bereits Eintrittskarten.
„Ich freue mich für die anderen …“ lügt John, denn eigentlich wollte er nur Daggy irgendwie aufmuntern – nein eigentlich wäre es ihm viel lieber, allein mit Harry, Stan und Max zu sein, vollgemützt bis oben, ohne diesen schwangeren Showstopper.
„A free festival – das wird in die Geschichte eingehen – Ihr werdet sehen, das geht in die Geschichte ein …“ unterstreicht John aber dann noch einmal nachdrücklich seinen Enthusiasmus. Harry zieht ruhig an seiner Zigarette und sagt ernüchtert:
„Das zieht nur noch mehr Freaks aufs Gelände und wir bekommen wahrscheinlich überhaupt nichts zu sehen. Also, weiter jetzt!“
Harry ist genervt und gibt John zu verstehen, dass dieser sich langsam mal entscheiden solle, ob Daggy jetzt mitkommt, oder hier bleibt, oder Gott weiß was …
„Sie will was rauchen,“ sagt John. Harry herrscht die beiden an: „Sie ist schwanger. Das ist Scheiße, wenn sie jetzt kifft“.
„Das lasst mal schön meine Sorge sein …“, quengelt Daggy und kramt in Johns Rucksack.
„Du bastelst uns jetzt einen schönen Joint, dann seh’n wir weiter. Ich habe keine Lust, mich ständig von Euch Blödmännern herumkommandieren zu lassen. John wollte, dass ich mitkomme. Jetzt bin ich hier, aber auf einen Gewaltmarsch war ich beim besten Willen nicht eingestellt.“
Ihr Englisch ist putzig, wenn sie wütend ist. Harry ist schon wieder ganz verliebt in sie und auch John bekommt diesen einfühlsamen Blick. Sie setzen sich ins Gras, John hantiert mit den Zigarettenpapierchen und lässt sich von Harry die Zutaten geben. Ein Hubschrauber macht ordentlich Lärm.

… to be continued


Going Home – Teil 2

12.12.2007

Going Home

Nach langem Hin und Her, bei dem Daggy mehr als einmal dazu überredet werden muss mitzugehen, brechen die drei mit ein paar Decken und einem Rucksack auf. Im Rucksack ein paar Pullover, einige Sandwiches, Bierdosen und jede Menge Rauchwaren.
Die sechs Jungs aus dem Oldsmobil haben ebenfalls ihre Bündel geschnürt und folgen ihnen, zunächst in einigem Abstand. Dann holen sie die drei ein und gemeinsam stolpern sie mehr oder weniger stoned in Richtung Festivalgelände das immerhin noch fast drei Kilometer entfernt ist.
Das große Thema: Jimi Hendrix.
„Morgen kommt er, wetten?“ freut sich sein Double.
„Am Sonntag kommt er“, antwortet der andere Schwarze, der einen Kopf kleiner ist als Hendrix II.
„Wenn er überhaupt kommt. Der zickt ordentlich, habe ich gehört. Der will Gage sehen. So richtig, wisst ihr. Jimi lässt sich von Kornfeld und Lang nämlich nicht verarschen. Der hat sich schon zu oft verarschen lassen. Viel zu oft“.
Der so spricht heißt Danny. Kein Mensch weiß, wie Danny wirklich aussieht, denn Danny ist im Gesicht und auf dem Kopf vollständig mit Haaren zugewachsen. Danny ist der Insider in der Gruppe. Er kennt nicht nur die Bands und ihre Mitglieder. Er kennt auch die Typen dahinter. Chas Chandler zum Beispiel, Hendrix’ Manager.
„Chandler hat Jimi ausgepresst, wie eine Zitrone. Diesmal ist Jimi auf eigene Rechnung unterwegs. Wenn der kein Geld sieht, tritt er nicht auf – so einfach ist das“.
„Ich glaube aber trotzdem, dass Chandler die Finger mit im Spiel hat“, gibt Hendrix II zu bedenken, „Jimi ist nicht so, der macht sich nicht viel aus Geld. Dem reicht es, wenn ihm abends ein paar Drinks spendiert werden und ein paar Tussen um ihn herum sind“.
„Ihr Nigger seid doch alle gleich“, spottet Danny und nimmt Hendrix II in den Arm. Gemeinsam stolpern sie ein paar Meter gegenseitig über ihre Füße und kichern wie junge Mädchen.
Die Autos, neben denen sie herlaufen kommen nicht voran. Der Stau wird wohl auf mehr als hundert Kilometer anwachsen. Harry hat sich zu den Jungs gesellt. John und Daggy hängen zurück. Sie kann mit ihrem Bauch nicht gut laufen. Harry sieht ab und zu zurück. Der Abstand wird immer größer.

Inzwischen hatten hunderte, tausende die gleiche Idee, wie Harry und seine Truppe. Sie lassen ihre Autos einfach stehen und gehen zu Fuß. Sie parken am Straßenrand oder fahren auf angrenzende Wiesen, nehmen das nötigste mit und machen sich auf den Weg. Aufforderungen der zahlreichen Polizisten oder Anwohner, die Wagen doch bitte nicht einfach stehen zu lassen, werden ignoriert. Je näher sie dem Festivalgelände kommen, desto mehr Leute drängen sich zwischen den Autos.
John und Daggy sind inzwischen außer Sichtweite. Harry beschließt zu warten.
„Sollen wir bei Dir bleiben?“, fragt Danny, doch Hendrix II drängt zum Aufbruch. Er will sein Idol, den echten Hendrix unbedingt Backstage sehen und er könnte es sich niemals verzeihen, wenn er diese einmalige Gelegenheit verpassen würde.
Harry verabschiedet sich von den Jungs, hofft aber insgeheim, sie irgendwo auf dem Gelände noch einmal wiederzusehen. Peace!

… to be continued


Going Home – Teil 1

12.11.2007

Going Home

„Was will der Scheißbulle?“
„Er sagt, die Straße ist gesperrt“.
„Was? Das ist doch Irrsinn! Fahr’ einfach weiter, hör’ nicht auf ihn“.
John lässt sich auf eine weitere Diskussion mit dem Polizisten ein. Harry schlägt wütend die Hände aufs Lenkrad und hupt.
Sofort unterbricht der Bulle seine Diskussion mit John, legt die rechte Hand auf das Halfter seines Dienstrevolvers und kommt wie der König der Cowboys auf den Wagen von Harry zu. Harrys Hupen hat eine ganze Huporgie ausgelöst. Vor ihm, der rostige VW-Bus von John mit seiner schwangeren Freundin Dagmar – einer Deutschen, genannt Daggy. Hinter ihm ein Oldsmobil, mit sechs Mann Besatzung und hinter dem noch weitere zwanzigtausend Autos, von denen jetzt wahrscheinlich zehntausend hupen.
Harry wirft den Kopf in den Nacken und malt sich aus, was der Cowboy wohl als erstes zu ihm sagen wird.
„Junger Mann…“ – kein schlechter Anfang – dann aber das Übliche und Unvermeidliche: Er, der Cowboy mit der Lizenz zum Straßensperren und Hippietöten, hätte vorhin den „Scheißbullen“ überhört. Er hätte auch überhört, dass er, Harry, seinen Kumpel mit der schwangeren Schlampe zu einer Ordnungswidrigkeit, um nicht zu sagen, zu einer Straftat aufgefordert hat, indem er ihnen riet, einfach weiter zu fahren. Dass er aber jetzt mit seiner Huperei diesen Haufen langhaariger Zeckenzüchter hinter ihm dazu aufstachele, ebenfalls zu hupen, das sei ein Aufruf zum Widerstand gegen die Staatsgewalt und stelle somit eines der schlimmsten Vergehen dar, dessen sich ein junger Amerikaner …
„Jetzt mach’ aber mal halblang“, unterbricht ihn Harry und merkt, wie ihm die Situation zu entgleiten droht.
„Du, mein Kleiner, wirst jetzt einmal halblang machen“, unterbricht ihn wiederum der Ordnungshüter und seine rechte Hand am Revolverhalter wird immer nervöser.
Harry soll aussteigen. Harry soll seine Papiere herzeigen. Harry soll gefälligst nicht so grinsen. Ob Harry Drogen genommen habe, was Harry beruflich mache, wo genau Harry gerade herkomme will der Polizist wissen und Harry ist klar, wenn er jetzt nicht ernsthaft und ordnungsgemäß antwortet, wird das Festival für ihn zu Ende sein, noch bevor es richtig begonnen hat.
„Nein, keine Drogen“ – das war allerdings eine Lüge.
„Ich studiere noch. Ich komme aus New York – genauer gesagt aus Long Island. Dürfen wir jetzt weiter fahren?“
„Nein, die Straße ist gesperrt“.
Der Polizist ist unerbittlich, wirft Harry noch einmal einen Blick zu, der besagt „überleg’ Dir, was Du in den nächsten Minuten sagst und tust“ und verschwindet zu seinen Polizistenkollegen, die ein paar Meter vor Johns VW-Bus armeverschränkt zusammenstehen und sich unterhalten.
„Was jetzt?“, fragt Harry in das Oldsmobil, in dem vier Weiße und zwei Schwarze sitzen. Die sechs sind ordentlich zugedröhnt. Harry kennt die Jungs nicht, aber sie machen einen coolen Eindruck. Einer von Ihnen sieht aus wie Jimi Hendrix persönlich. Der antwortet sofort mit quäkender Stimme:
„Zu Fuß, Mann. Was bleibt uns übrig“.
Alle stimmen zu, bleiben aber trotzdem im Wagen sitzen und starren mit seligem Marihuana Blick vor sich hin.

Harrys Kumpel Max und Stan waren schon vor einer Stunde aufgebrochen, die Lage zu checken und sind seither nicht wieder aufgetaucht. Wahrscheinlich liegen sie bereits irgendwo auf einer Wiese und lassen den x-ten Joint kreisen.
Scheißkerle, denkt Harry und sieht John fragend an, der ziemlich angefressen ist, weil ihm seine Freundin Daggy die Hölle heißt macht, wegen ihrer Schwangerschaft und weil nichts vorwärts geht und weil sie was rauchen möchte, was John ihr nicht erlaubt und überhaupt, weil sie doch hätten lieber zu Hause bleiben sollen.
„Was jetzt?“, fragt Harry diesmal John, „die Jungs hier meinen, wir sollten zu Fuß weiter. Max und Stan tauchen wohl nicht mehr auf. Wer weiß, wem die sich angeschlossen haben. Ich denke, wir müssen uns alleine durchschlagen“.
John nickt und geht zurück zu Daggy, die breitbeinig auf der Fußschwelle zwischen den Klapptüren des VW-Busses sitzt und ihren riesigen Bauch mit den Händen stützt. Sie sieht traurig aus und Harry wird schwer ums Herz, weil er eigentlich immer noch in sie verliebt ist und diese eine Nacht nicht vergessen kann. Weder Harry noch Daggy wissen, ob sie von ihm, oder von John schwanger ist und das blödeste ist, John weiß überhaupt nichts von dieser unsäglichen Bettgeschichte. Die Blicke von Harry und Daggy treffen sich. Er zieht entschuldigend die Schultern hoch und legt den Kopf zur Seite. Dann ist John wieder bei ihr und Harry wird aus seinen Gedanken gerissen, weil ihm das Jimi-Hendrix-Double seine Hand auf die Schulter schlägt und losposaunt:
„Steile Braut, Mann. Hast Du ihr den Braten in die Röhre geschoben?“
„Nicht witzig“, lässt Harry den Schwarzen stehen und geht zum VW-Bus.

… to be continued