Erinnert sich noch jemand an jetzt, die Beilage der Süddeutschen Zeitung?
1994 wurde sie eingeführt und 2002 wieder eingestellt. Inzwischen gibt es dieses kleine, witzige Magazin nur noch online. Bei uns zu Hause auf dem Klo allerdings liegt seit vielen Jahren eine alte, gedruckte jetzt-Ausgabe: Nr. 41 – Das Tagebuchheft.
Vom 20. bis zum 26. September schrieben 17 Autoren bei jetzt auf, was sie in dieser Woche erlebt und gedacht haben. Zu Hause, bei der Arbeit, in der Schule, unterwegs auf Reisen. Manche der Autoren haben schon in den vergangenen Jahren für das jetzt-Tagebuch geschrieben, andere sind hinzugekommen, unter ihnen Smudo und Christian Ulmen. Auch wenn jeder der Autoren auf seine eigene Weise aufschrieb, was ihn beschäftigte, beantworten alle 17 Tagebücher doch die gleiche Frage: Wie geht es uns jetzt, im Herbst ‘99?
Es ist immer wieder äußerst erbaulich, wenn man der Notdurft gehorchend auf der Schüssel hockt und ein wenig in dieser, inzwischen reichlich zerlesenen und vergilbten Zeitschrift blättert. Allerliebst, die jungen Gesichter vom phantastischen Smudo, dem milchbärtigen Christian Ulmen, Benjamin von und zu Pop-Poet Stuckrad-Barre und dem Gott unter den Kolumnisten: Max Goldt.
Von ihm stammt der köstlichste Tagebucheintrag, den die Liebste und ich immer wieder einmal lesen. Er beginnt mit den Worten: Der Freund, der mich seit kurzem scherzhaft Bolko nennt, weil ich ihn seit kurzem spaßeshalber Bronko nenne … und endet mit dem Satz: Was für ein Bild: Die ganze Würzburger Innenstadt voll mit wurstessenden Feiheitsstatuen.
Zwischen diesen Sätzen hat Goldt eine schöne, schräge Story gebastelt über Feld- und Goldhamster, Rinderherden und Großtrappen, über Goldschmiede, Harfenisten und Lyriker, über den Würzburger Stadtteil Heuchelhof und den ordnungsgemäßen Gebrauch einer Grillfackel.
Wenn es aus unserem Klo herauskichert, dann liest garantiert jemand gerade diese Geschichte.
Ziemlich amüsant ist es auch, die inzwischen etwas angestaubten Werbanzeigen zu lesen, sei es, weil deren Inhalt sich über die Jahre ordentlich überholt hat (WEB.DE beispielsweise wirbt mit sagenhaften 8 MB Speicherplatz), oder weil die Art des Textens in den letzten zehn Jahren etwas, wie soll ich sagen, schmissiger geworden ist – sperrige Texte wie: Ein Füller von Sheaffer ist in den USA ein echtes Statussymbol. Der Schriftsteller Arthur Miller, zum Beispiel, hat zwar gerne auf seiner Schreibmaschine geschrieben – seine persönlichen Briefe hat er jedoch niemals ohne seinen Sheaffer verfasst … wird man heutzutage – noch dazu in einem Jugendmagazin – wohl kaum mehr finden.
Ja und dann – ungefähr in der Mitte des Heftchens – diese Anzeige:
VERMISST – SEIT 1994
Seit dem 21. Oktober 1994 werden die drei Studenten Heather Donahue, Joshua Leonard und Michael Williams vermisst. Sie planten, in dem Wald von Burkittsville einen Dokumentarfilm über die Hexe von Blair zu drehen. Man hörte nie wieder von ihnen.
Das Filmmaterial, das die 5-tägige Wanderung der drei Studenten dokumentiert und die entsetzlichen Ereignisse, die zu ihrem Verschwinden führten, festhält, wurde erst ein Jahr später gefunden.
Das Blair Witch Project. Heute noch läuft mir ein Schauer über den Rücken, wenn ich an diesen Film denke. Wunderbar eingefädelt und angezettelt von den beiden Filmstudenten Daniel Myrick und Eduardo Sanchez, die damals die Möglichkeiten des noch jungen Internet erkannten und voll ausgenutzt haben. 60.000 Dollar Produktionskosten standen am Ende fast 250 Millionen Dollar Gesamteinnahmen gegenüber. Welch ein Coup!
Tja, und wie ging es uns damals, im Herbst ‘99?
Wer das wissen will, der muss uns besuchen. jetzt Nr. 41 – Das Tagebuchheft liegt immer noch auf unserem Klo aus.
Nach der Lektüre, lüften nicht vergessen!