Literaturtage Lauf 2009 – Jan Weiler

15.11.2009

Leider, leider hat die Zeit in diesem Jahr nur für eine einzige Lesung bei den Laufer Literaturtagen gereicht, aber die war wahrlich köstlich. Jan Weiler las am Freitag aus seinem neuen Roman Drachensaat und nach einer kurzen Rotweinpause Kolumnen aus seiner Reihe Mein Leben als Mensch.

Launig eröffnete er die Veranstaltung mit dem Hinweis, dass der erste Teil etwa eine dreiviertel Stunde und der zweite Teil ungefähr sieben Stunden dauern würde. Pinkel-, Rotwein- und sonstige Pausen seien in diesem zweiten Teil allerdings nicht vorgesehen.

Derart gebrieft machte er uns, das Publikum, mit Plot und Handlungsstrang seines Romans bekannt: Es gehe um Menschen, die einer neuen, weitgehend unbekannten Gesellschaftsschicht angehören und die aus dem bisher vorherrschenden Schema Ober-, Mittel und Unterschicht herausgefallen seien; Menschen, die zunehmend Orientierung und Bindung, aber auch Akzeptanz und Verständnis zur bestehenden Gesellschaftsordnung und deren Mechanismen verloren hätten.
So treffen in der Privatklinik des Psychologen Dr. Zens fünf Menschen aufeinander, die alle auf ordentlich schräge Lebensläufe verweisen können und deren Leben und Besonderheiten durch Massenmedien – sei es im Fernsehen oder im Internet – ausgebeutet wurden. Dr. Heiner Zens meint im Verhalten seiner Patienten ein neues Syndrom gefunden zu haben, benennt dieses ganz unbescheiden das Zens-Syndrom und hat auch gleich eine ebenso bizarr, wie hanebüchen anmutende Therapie dafür bzw. dagegen.

Da ist zunächst der Ich-Erzähler Bernhard Schade, der nach zahlreichen privaten und beruflichen Pleiten beschlossen hat, sich umzubringen und aus dem Zufall heraus, dass diese seine Entscheidung genau mit dem Zeitpunkt zusammentrifft, an dem die langjährig ersehnten Wagner-Opernkarten bei ihm eintreffen, seinen Freitod während eben jener Opernaufführung in aller Öffentlichkeit zelebrieren möchte, sein Vorhaben aber scheitert und er statt im Leichenschauhaus, im Krankenhaus und später bei Dr. Zens in dessen Privatklinik landet.
Ja oder Rita Bauernfeind, die ursprünglich stark übergewichtige Büroangestellte, die sich deshalb, weil sie Funk- und Radiofrequenzen wahrnimmt und feststellt, diese vermeintlich verspeisen zu können, sich seit geraumer Zeit nur von Wasser und Luft ernährt und deshalb mehr als 200 kg abgenommen hat. Schließlich Ünal Yilmaz, ein streitbarer, homosexueller Busfahrer, der von seinen moralischen Vorstellungen derart durchdrungen ist, dass er hunderte und aberhunderte Gerichtsprozesse angestrengt, die meisten allerdings verloren hat und eines Tages mit seinem Linienbus eine von Polizei und Massenmedien verfolgte Irrfahrt durch halb Deutschland unternimmt.
Der Postpote Arnold Merz hat ausgerechnet vor Briefschlitzen und anderen Unwägbarkeiten des Lebens Angst und stellt deshalb mehrere hunderttausend Briefe nicht zu, hortet sie stattdessen sauber geordnet in seiner Wohnung, bis das Gewicht all dieser Briefe dazu führt dass der Fußboden seiner Wohnung nachgibt und durchbricht.
Der fünfte und letzte im Bunde ist Benno Tiggelkamp, ein Altbekannter aus Weilers früherem Roman Maria, ihm schmeckt’s nicht, dessen Eigentümlichkeiten uns der Autor allerdings an diesem Abend mit einem verschmitzten Lächeln verschwieg.

Weiler versteht es, nicht nur fehlerfrei und mit angenehmer Stimme seine Texte vorzutragen, er ist auch in der Lage, unterschiedliche Charaktere mit jeweils unterschiedlichen Stimmen zu belegen, so dass der Eindruck entsteht, man würde nicht einer Lesung, sondern einem Theaterstück beiwohnen. Vor allem die sich leicht überschlagende Stimme von Dr. Zens war wunderbar getroffen und seinem süffisant-zynischen Charakter treffend angepasst. Ansonsten war die Vorstellung seines neuen Romans so gehalten, dass das Publikum nicht zu viel, aber auch nicht zu wenig erfuhr und der Autor uns mit genug Neugier auf die gesamte Lektüre des Buches in die Pause entließ.

Die Texte, die Jan Weiler im zweiten Teil aus seiner wöchentlich erscheinenden Kolumnenreihe las, erinnerten mich ein wenig an Axel Hackes Das Beste aus meinem Leben. Ehefrau Sara, Sohn Nick und Schwiegervater Antonio Marcipane sind die Hauptpersonen in diesen kurzen Geschichten, in denen es um Entscheidungskriterien beim Flachbildschirmkauf, Knecht Ruprechtsche Erziehungsmethoden im Kindergarten, die kosmetische Aufbereitung venezianischer Schwiegervätergesichter, Urzeitkrebse mit eigenwilligen Vornamen, Partys mit manipulierter Gruppendynamik, flammenwerferunterstützte Martinsumzüge und kindliches Humorverständnis bzw. Unverständnis ging. Alles herrlich skurril, wunderbar formuliert und in erster Linie natürlich treffend beobachtet.

Vor dem letzten Text wies Weiler darauf hin, dass es nach der Lesung nicht, wie sonst üblich eine Fragerunde gebe. Er begründete dies unter anderem damit, dass er viel zu viel Mitleid mit den von ihren belesenen und literaturbeflissenen Frauen mitgeschleppten Ehemännern hätte und er an deren Gesichtern schon von weitem ablesen könne, dass sie nach anstrengender Lesung sowieso nur zwei Fragen hätten, nämlich
1. Was denn jetzt bitteschön noch für Fragen?
2. Wie lange dauert das jetzt noch?

Stattdessen bot Weiler an, Bücher zu signieren und Autogramme zu geben. Gerne auch fremde Bücher und fremde Autogramme. Franz Schätzing zum Beispiel – kein Problem.
Viele Besucher der bis auf den letzten Platz besetzten Lesung kamen dieser Aufforderung gerne nach. Für den Rest blieb als schwacher Trost nur Marcel Reich Ranickis berühmte Abschiedsformel:
Die Zeit ist um, wir sehen betroffen – den Vorhang zu und alle Fragen offen.

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Weiterführende LINKS:

  • Podcast der Lesung(en) 2009: Hier
  • Literaturtage 2008 bei AxeAge: Hier.
  • Literaturtage 2007 bei AxeAge: Hier und hier.

Ich und mein Staubsauger

16.10.2009
Ich und mein Staubsauger

Ich und mein Staubsauger

Soeben entdeckt: eine alte Satirezeitschrift aus den 80er Jahren des letzten Jahrhunderts. Durch und durch analog. Nix Computer, nix Internet, nix Laserdrucker. Nur Schreibmaschine, Bleistift, Fotokopierer und handgedengelte Illustrationen.
Ich und mein Staubsauger
unter anderem mit köstlich hanebüchenen Texten von Max Goldt (Onkel Max).

Bevor Ihr hier oder auf das Bild klickt, staubsaugen nicht vergessen.
Ihr werdet Euch am Boden kugeln.


Herta Wer?

09.10.2009

Weil sich gestern Claus, der längste Arm des ZDF, Kleber geoutet und zugegeben hat, von Herta Müller noch nie etwas gehört zu haben, trau’ ich mich jetzt auch aus der Deckung und stelle mich, was den Kenntnisstand über die gestern mit dem Literatur Nobelpreis ausgezeichnete Schreiberin betrifft, mit Herrn Kleber auf eine Stufe.
Ich habe keine Ahnung, wer Herta Müller ist und aufgrund dessen, was ich gestern über sie und von ihr gehörte habe, wird das höchstwahrscheinlich auch so bleiben.

Nachdem allerdings die Zahl derjenigen steigt, die von Herta Müller noch nie etwas gehört haben, obwohl ich von den meisten angenommen hatte, sie wären in der Literaturszene halbwegs heimisch, gelange ich mehr und mehr zu der Erkenntnis, dass man das Literatur-Nobelpreiskomitee nicht mehr wirklich ernst nehmen kann.


Making Woodstock

24.07.2009

Wer hier ab und zu liest, wird (hoffentlich) Going Home kennen, mein Fortsetzungs-Schreibprojekt über einen jungen Mann, der 1969 während des Woodstock-Festivals geboren wird, in Deutschland aufwächst und sich nach dem Abitur zusammen mit einem Freund (also mit mir) aufmacht, in Woodstock nach seinen Wurzeln und seinem Vater zu suchen.
Schon lange nehme ich mir vor, ein neues Kapitel zu schreiben, aber es kommen immer tausend andere Dinge dazwischen.

Making Woodstock

Making Woodstock

Dieser Tage ist pünktlich zum 40. Jahrestag des Woodstock Festivals ein Buch ins Deutsche übersetzt und herausgebracht worden, das bereits 1975, also fünf Jahre nach dem Festival in Amerika erschien. Es heißt Making Woodstock – Ein legendäres Festival und seine Geschichte (erzählt von denen, die es bezahlt haben).

Erzählt wird die Woodstock-Story aus Sicht derjenigen, die zusammen mit den Veranstaltern Michael Lang und Artie Kornfeld das Projekt finanziert haben und sich damit beinahe ruiniert hätten: Joel Rosenman und John Roberts, zwei Mitzwanziger aus New York, die durch Erbschaft zu einigem Vermögen gekommen waren und gute Kontakte in die damalige Musikszene hatten.

Tolles Buch. Besser als mancher Krimi. Wer hätte gedacht, dass havarierte G’schäftles-Hasardeure so witzig sein können. Und den beiden Übersetzerinnen kann man nur um den Hals fallen: Das ist erstklassige Arbeit.

Carl Weissner

Drei Mal darf geraten werden, welcher Axel sich dieses Büchlein heute gekauft hat.


Tante Barbara und ihr Frisör

27.06.2009

Nein, den Eisvogel habe ich nicht gelesen und nachdem, was ich über dieses Buch so alles gehört habe, werde ich es höchstwahrscheinlich auch nicht tun. Mein erster Tellkamp ist der Quelle-Katalog Der Turm.

Ein dickes, aber feines Buch, das die Verhältnisse in der DDR aus Sicht der Upper Class beschreibt, unter anderem mit einem Stilmittel, auf das Tellkamp bisher weitgehend verzichtet haben soll: mit Humor.
Julia Encke von der FAZ schreibt:
Aus dem völlig überladenen Anfang schält sich allmählich der eigentliche Roman heraus. Gegen alle Widerstände gerät man in den Sog einer anderen Zeit, folgt gebannt den wie abgelauscht wirkenden Gesellschaftsdialogen, die an manchen Stellen sogar komisch sind, was man von Tellkamp bisher nicht gerade kannte.

Außerdem ist Frau Encke, wie ich meine, zurecht der Ansicht: Die wörtliche Rede ist Tellkamps Stärke.

Zur Veranschaulichung beider Thesen hier ein kleiner Auszug aus dem Roman:
Tante Barbara beschreibt dem im Krankenbett liegenden Neffen Christian ihren Frisör Lajos Wiener und dessen Eigenheiten:

„Wiener ist ein alter Scharmör und auch ein bißchen eukalyptisch, ich meine: Dieses Toupet sollte er sich doch nicht antun, noch dazu, wo es so schwarz ist wie Lakritze – und er doch bestimmt gut seine fünfzig auf dem Buckel hat. Dazu das Haarnetz. Ich meine: ein Mann. Und dazu Friseur. Mit Haarnetz und Heiduckenschnurrbart! Bei seinen Preisen … Und dann geht er ja auch so beträufelt“, Barbara war aufgestanden und ahmte den Gang des Coiffeurs Lajos Wiener nach, „die Hände erhoben, als ob er drauf watscheln müsste, und dann wiegt er sich in den Hüften wie ein Sportsfreund und säuselt: Meine Gnädige, beehren Sie uns bald wieder! Bei der Warteliste, mein Gott! So ein Lumich! Dann zwinkert er einem so blümerant mit der Backe zu, man hat das Gefühl, dass eine Zigeuenerkapelle im Hintergrund lauert und gleich diese Dinger auf das Dings klöppeln lässt … Na diese Hämmerchen, die aussehen wie Löffel aus der Milchbar, und diese … Zither. Ja. Diese mit Draht bespannten Bretter, mit denen sie dich … hungarisieren!“

Uwe Tellkamp – Der Turm


Smells Like Teen Spirit

04.06.2009

Es ist schon einige Jahre her, dass ich den Roman Das Parfum von Patrick Süskind gelesen habe. Ich war und bin ziemlich begeistert von diesem Buch, wegen des Plots, wegen Süskinds Schreibe und natürlich wegen des spektakulären Schlusses.

Am Pfingstmontag gab es Das Parfum im Fernsehen zu sehen, leider häufigst unterbrochen von Werbung, weil Sat1.
Trotzdem ein sehenswerter Film, bei dem die unlösbar scheinende Aufgabe, Düfte und Gerüche filmisch darstellen zu wollen bzw. zu müssen, halbwegs akzeptabel umgesetzt ist, wenngleich der ständig mit verklärtem Gesichtsausdruck durch den Film irrende und Witterung aufnehmende Grenouille auf die Dauer etwas lächerlich wirkt.

Ich versteige mich ja gerne in die These – sowohl bei den Fans des Buches, die meinen, das Wesen dieser Erzählung speise sich hauptsächlich aus den mit famoser Sprache beschriebenen Düften und Gerüchen, als auch bei den Gegnern, die abwinken, weil ein Buch, das bis ins Detail gehende Beschreibungen von Düften und Gerüchen beinhaltet, nichts weiter als langweilige Mitteilungsprosa sein kann – dass es in dieser Story ja um alles Mögliche gehen mag, aber bestimmt nicht um Düfte oder Gerüche.
Erstaunte Gesichter, mitleidiges Kopfschütteln, offene Entrüstung, Zweifel an meinem Verstand und meiner geistigen Gesundheit und die süffisante Frage, um was es denn bitteschön dann gehe, wenn nicht um Düfte und Gerüche, das alles durfte ich schon erleben, wenn ich diese, meine These zum Besten gab.

Um es kurz zu machen: Süskind erzählt mit Stilmitteln des Märchens und des Krimis die Messias-Geschichte neu. Nicht mehr, aber auch nicht weniger.
Zugegeben, der perfide Plot konterkariert natürlich sowohl den Heilsbringer als auch dessen Anhänger und Gläubige (inklusive Opfer) und ich kann mir gut vorstellen, wie lange Süskind darüber gegrübelt hat, welche Macht er seinem Messias geben soll, nachdem Hören und Sehen durch gesprochenes Wort und manipulative Gestik von den bisherigen Erleuchteten, Wanderpredigern und Gottessöhnen ja schon reichlichst strapaziert worden sind. Blieb ja eigentlich nur noch Riechen.
Wie jeder gute Messias wird Grenouille jedenfalls unter höchst unwirtlichen Umständen geboren und stirbt am Ende auf gar grausige Weise. Dazwischen begibt er sich auf einen zugegebenermaßen reichlich kruden Fischzug und sorgt auf dem Marktplatz von Grasse für ordentlich Gruppendynamik. Noch Fragen?

Zur Inspiration hier ein wenig Musik, von einem, der sein Messias-Dasein auch frühzeitig, allerdings ohne große Fremdeinwirkung beendet hat.


48

09.04.2009

Geburtstagslektüre. Heute morgen im Bett ausgelesen. Thomas Bernhard – Holzfällen.
Welch ein Buch.
Das interessante, gleichtzeitig schlimme an Bernhard ist, dass er Gedanken, die jeder zwangsläufig hat, auch diejenigen, die von sich behaupten, nie derartiges zu denken – wahrscheinlich haben gerade solche Personen öfter als alle anderen derartige Gedanken – dass er diese Gedanken ausspricht, breittritt, wiederkäut.
Und manchmal dreht er Spieße auch um. Unverhofft. Nicht oft.

In den Wald gehen, tief in den Wald hinein, sagte der Burgschauspieler, sich gänzlich dem Wald überlassen, das ist es immer gewesen, der Gedanke, nichts anderes, als selbst Natur zu sein. Wald, Hochwald, Holzfällen, das ist es immer gewesen, sagte er plötzlich aufgebracht und wollte endgültig gehen.

Thomas Bernhard – Holzfällen


Amen mit T. C. Boyle

25.03.2009

Letzte Woche hat T. C. Boyle in Erlangen aus seinem neuen Roman Die Frauen gelesen. Leider war ich nicht dabei, aber nachdem neulich ein recht launiger Bericht über ihn im Fernsehen zu sehen und ein ausgiebiges Interview mit ihm in der örtlichen Presse abgedruckt war und es noch nicht so lange her ist, dass ich seinen Roman Ein Freund der Erde mit viel Vergnügen gelesen habe, mir also der gute Thomas Coraghessan Boyle in letzter Zeit ständig über den Weg läuft, darf ich an dieser Stelle das Ende dieses Romans nebst köstlichem Schlusssatz erzählen und zitieren:

Die beiden Umweltaktivisten und Hauptpersonen des Romans, Andrea und Ty Tierwater, die sich in eine Hütte im Wald zurückgezogen haben und dort mit dem Fuchs Petunia leben, gehen spazieren und treffen ein Mädchen aus der Nachbarschaft.

„Ihr müsst die neuen Leute hier sein, richtig?“ fragt sie, und sie hat einen Trällerton in der Stimme, der mich siebenunddreißig Jahre in die Vergangenheit trägt.
Andrea schenkt ihr ein Weltklasselächeln. „Wir sind die Tierwaters“, sagt sie. „Ich bin Andrea, und da ist Ty.“
Das Mädchen nickt. Sie betrachtet jetzt Petunia, schürzt die Lippen ein klein wenig. „Ist das nicht ein, wie nennt man die noch, ein Afghane?“
„Genau“, sage ich, „ganz recht, das ist ein Hund.“ Und dann, aus keinem Grund, den ich benennen könnte, sage ich noch, ohne es zu wollen: „Und ich, ich bin ein Mensch.“

T. C. Boyle – Ein Freund der Erde


jetzt: Zeitgeist auf dem Klo

19.03.2009

Erinnert sich noch jemand an jetzt, die Beilage der Süddeutschen Zeitung?
1994 wurde sie eingeführt und 2002 wieder eingestellt. Inzwischen gibt es dieses kleine, witzige Magazin nur noch online. Bei uns zu Hause auf dem Klo allerdings liegt seit vielen Jahren eine alte, gedruckte jetzt-Ausgabe: Nr. 41 – Das Tagebuchheft.

Vom 20. bis zum 26. September schrieben 17 Autoren bei jetzt auf, was sie in dieser Woche erlebt und gedacht haben. Zu Hause, bei der Arbeit, in der Schule, unterwegs auf Reisen. Manche der Autoren haben schon in den vergangenen Jahren für das jetzt-Tagebuch geschrieben, andere sind hinzugekommen, unter ihnen Smudo und Christian Ulmen. Auch wenn jeder der Autoren auf seine eigene Weise aufschrieb, was ihn beschäftigte, beantworten alle 17 Tagebücher doch die gleiche Frage: Wie geht es uns jetzt, im Herbst ‘99?

Es ist immer wieder äußerst erbaulich, wenn man der Notdurft gehorchend auf der Schüssel hockt und ein wenig in dieser, inzwischen reichlich zerlesenen und vergilbten Zeitschrift blättert. Allerliebst, die jungen Gesichter vom phantastischen Smudo, dem milchbärtigen Christian Ulmen, Benjamin von und zu Pop-Poet Stuckrad-Barre und dem Gott unter den Kolumnisten: Max Goldt.

Von ihm stammt der köstlichste Tagebucheintrag, den die Liebste und ich immer wieder einmal lesen. Er beginnt mit den Worten: Der Freund, der mich seit kurzem scherzhaft Bolko nennt, weil ich ihn seit kurzem spaßeshalber Bronko nenne … und endet mit dem Satz: Was für ein Bild: Die ganze Würzburger Innenstadt voll mit wurstessenden Feiheitsstatuen.
Zwischen diesen Sätzen hat Goldt eine schöne, schräge Story gebastelt über Feld- und Goldhamster, Rinderherden und Großtrappen, über Goldschmiede, Harfenisten und Lyriker, über den Würzburger Stadtteil Heuchelhof und den ordnungsgemäßen Gebrauch einer Grillfackel.
Wenn es aus unserem Klo herauskichert, dann liest garantiert jemand gerade diese Geschichte.

Ziemlich amüsant ist es auch, die inzwischen etwas angestaubten Werbanzeigen zu lesen, sei es, weil deren Inhalt sich über die Jahre ordentlich überholt hat (WEB.DE beispielsweise wirbt mit sagenhaften 8 MB Speicherplatz), oder weil die Art des Textens in den letzten zehn Jahren etwas, wie soll ich sagen, schmissiger geworden ist – sperrige Texte wie: Ein Füller von Sheaffer ist in den USA ein echtes Statussymbol. Der Schriftsteller Arthur Miller, zum Beispiel, hat zwar gerne auf seiner Schreibmaschine geschrieben – seine persönlichen Briefe hat er jedoch niemals ohne seinen Sheaffer verfasst … wird man heutzutage – noch dazu in einem Jugendmagazin – wohl kaum mehr finden.

Ja und dann – ungefähr in der Mitte des Heftchens – diese Anzeige:

VERMISST – SEIT 1994

Seit dem 21. Oktober 1994 werden die drei Studenten Heather Donahue, Joshua Leonard und Michael Williams vermisst. Sie planten, in dem Wald von Burkittsville einen Dokumentarfilm über die Hexe von Blair zu drehen. Man hörte nie wieder von ihnen.
Das Filmmaterial, das die 5-tägige Wanderung der drei Studenten dokumentiert und die entsetzlichen Ereignisse, die zu ihrem Verschwinden führten, festhält, wurde erst ein Jahr später gefunden.

Das Blair Witch Project. Heute noch läuft mir ein Schauer über den Rücken, wenn ich an diesen Film denke. Wunderbar eingefädelt und angezettelt von den beiden Filmstudenten Daniel Myrick und Eduardo Sanchez, die damals die Möglichkeiten des noch jungen Internet erkannten und voll ausgenutzt haben. 60.000 Dollar Produktionskosten standen am Ende fast 250 Millionen Dollar Gesamteinnahmen gegenüber. Welch ein Coup!

Tja, und wie ging es uns damals, im Herbst ‘99?
Wer das wissen will, der muss uns besuchen. jetzt Nr. 41 – Das Tagebuchheft liegt immer noch auf unserem Klo aus.
Nach der Lektüre, lüften nicht vergessen!


John Gone

27.01.2009

Ich hätte ihm so gewünscht, den Literaturnobelpreis zu bekommen Er hätte ihn absolut verdient gehabt.
Ich habe seine Bücher sehr gerne gelesen und ich bin traurig, dass es keinen neuen Roman mehr von ihm geben wird.
John Updike ist heute im Alter von 76 Jahren an den Folgen einer Lungenkrebserkrankung gestorben.

Nachtrag – 29.01.2009
Ein sehr schöner Nachruf auf John Updike ist bei Ulf Brossmann zu lesen, dessen Weblog ich an dieser Stelle nachdrücklich empfehlen darf.